Denkanstöße - „Brauchen wir Gott?“ Atheistische Denkstrategien und Lebensstrategien
Oft denke ich an Pascal Boyers wichtigen Schlusssatz aus „Religion: Bound to believe?“ * :
Formen von religiösem Denken scheinen für unsere kognitiven Systeme den Weg des geringsten Widerstandes darzustellen. Im Gegensatz dazu ist Unglauben in der Regel das Ergebnis bewussten, mühevollen Ankämpfens gegen unsere natürlichen kognitiven Dispositionen – und damit wohl kaum eine leicht zu verbreitende Ideologie.Gleichzeitig denke ich auch an Leute, die es sich sehr einfach machen mit ihrem Atheismus: Atheistisch seien die Intelligenteren, zu denen gehörten selbstverständlich sie selber. Schöner Zirkel, nicht gerade circulus vitiosus, eher virtuosus: Die sich als Virtuosen verstehen, finden sich in ihm selbst.
Oder an den englischen Biologen, der kraft seines Fachwissens alles in sein Fach schiebt und mit dem als frei schwebende Entität charakterisierten „Zeitgeist“ frei über den Wassern der philosophischen Fragen schwebt. Denke ich dem gegenüber aber auch an Leute, die ihren Glauben an einen persönlichen Gott – natürlich Mann nach dem Bild der Europäer und selbstverständlich allwissend, allgütig und allmächtig – als billigste Selbstverständlichkeit hinausposaunen. Und den anderen unterstellen, sie wollten – moralisch sehr bedenklich – nur nicht auf Gott hören, oder sie seien – moralisch wenigstens entschuldbar – psychisch defekt.
Nun begegnete mir das vom Mitblogger Edgar Dahl herausgegebene Buch „Brauchen wir Gott? Moderne Texte zur Religionskritik.“ Das weckte mein Interesse. Ich hatte ja bereits schon einiges zum Thema gelesen. Doch nach allem Möglichen und Unmöglichen, das mir in den letzten Jahren im Netz dazu begegnete, war ich echt überrascht: Da sind Beiträge von Leuten gesammelt, die es – mit wenigen Ausnahmen – sich und anderen gewiss nicht leicht gemacht haben. Etwa gleich voran die Ausführungen von Gerhard Vollmer: „Bin ich ein Atheist?“ Wie präzise er durchdekliniert, was Glaube an die Existenz von Göttern bedeuten kann: Was heißt „Gott“ ? Was heißt „Glaube“? Beides hat ja eine gewisse Bandbreite. Natürlich konzentriert er sich letzten Endes auf den Gottesbegriff, wie er sich in unserem europäischen Kulturkreis herausgebildet hat und die Fragen, die in diesem kulturellen Zusammenhang aufgeworfen wurden. Darauf konzentrieren sich auch die meisten anderen Autoren. Ist ja für Leser hierzulande auch relevanter als etwa Gottesvorstellungen in Japan oder die der australischen Ureinwohner.
Doch dabei kommt er, und kommen die anderen weitgehend ebenso, auch auf die typischen Weichenstellungen für die Gottesbegründungen und Gottesbeweise, wie sie sich erst in der europäischen Tradition vollends ergeben haben – also dem längst vorher wirksamen Gottesglauben erst nachträglich denkerisch angeheftet wurden. Auch ob der Existenzbegriff der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gottesbeweise, durch die Brille des modernen Menschen gesehen, überhaupt passt – das wird damit ausgeblendet, wäre aber (z.B. mit Tillich, Rahner, Bonhoeffer...) doch immer wieder neu zu fragen, anstatt sie nur unwirsch auf die Seite zu wischen, wie es Adolf Grünbaum in seinem ansonsten wichtigen Essay „Das Elend der theistischen Moral“ tut.
In der Richtung könnte man wohl auch fragen bei so brillanten Statements – wahren Perlen in diesem Band ! – wie denen von Hans Albert („Formen des religiösen Pragmatismus“), der dem „ontologischen Gottesbeweis“ immerhin „eine wichtige Brückenfunktion für die gesamte Wirklichkeitserkenntnis“ zuschreiben kann, und bei Anthony Flew, der in „Theologie und Falsifikation“ ebenso glasklar deduziert, wo der mit philosophischen Argumenten untermauerte Theismus doch seine logischen Sollbruchstellen hat.

Pascals "Wette" und manche Grabenkämpfe
So wird natürlich der bei Albert, Vollmer und anderen immer wieder genannte Blaise Pascal unumgänglich, der die ganze Fragestellung zu einer „Wette“ verkommen ließ; und dazu, dass „Glaube“ heilsentscheidender „Glaube“ sei, wenn er nur fest mit der Existenz Gottes rechne.
Was gelebter Glaube ist, das lässt sich doch nicht über den kognitiven Leisten schlagen! Und es ist doch pervers, wenn man immer noch und immer wieder das, was Gläubige traditioneller Weise „ewige Seligkeit“ nennen, davon abhängig macht, zu welchen kognitiven Schlussfolgerungen sich jemand kraft seiner geistigen Fähigkeiten durchzuringen weiß bzw. wie er sich den jeweils allgemeinen Denk-Vorstellungen anpasst. Aber so verschanzen sich die einen im Schützengraben des Atheismus und
die anderen in dem des Theismus. Die Aufgabe, die wir nicht so leicht
aufgeben sollten, wäre: sich und die Gegenseite aus den Schützengräben
zu befreien. Es gäbe um der Menschlichkeit des Menschen willen einige
Aufgaben, die – „jenseits von Lästerung und Gebet“ (A.Camus in „Die
Pest“) – über die ideologischen Gräben hinweg gemeinsam angepackt werden
müssten.
Klarheit der Argumente...
Ja, man kann doch auch voneinander lernen, einander wenigstens unverstellt kennen lernen: Ich hatte mit diesem Buch die Gelegenheit, wieder einmal zu bewundern, wie gut und solide die meisten der atheistischen Autoren ihre Argumentation ausgearbeitet haben; und man wünschte sich auf theistischer Seite mehr solcher Beispiele: dass sie ähnlich klar Auskunft geben und nicht mit geistreichen und tief gründelnden Wortspielen die anstehenden Probleme des Glaubens vernebeln, sondern ebenso klar wie Vollmer durchdeklinieren, was mit „Gott“ und „Glaube“ gesagt ist – damit man es nicht mit dem Teekessel Russels verwechselt und nicht mit den Feen von Dawkins.
Der Erklärungswert des Atheismus kann – gerade auch wie diese hier gesammelten Aufsätze zeigen – in sich sehr konsistent dargestellt werden.
Aber irgendwie klingt mir vieles doch wie Gebrauchsanleitungen für Computer und ihre Programme, in denen immer wieder, selbstverständlich logisch stringent, nur erklärt wird, „wie alles funktioniert“. Warum etwas dann immer wieder denn doch nicht so gut funktioniert wie programmiert – das sucht man bei diesen Programmen meist vergeblich. (Höchstens solche erhellenden Anweisungen wie „Haben Sie auch alle Steckverbindungen geprüft? das Papier richtig eingelegt…? )
Nun, die Menschen sind etwas komplizierter als Computerprogramme. Sie funktionieren noch weniger fehlerfrei. Wie alles auf dem atheistischen Reißbrett funktionieren kann, kann schon einleuchtend erscheinen. Aber die verschiedensten Menschen suchen im widersprüchlichen Leben auch die verschiedensten Antworten, bei denen Widerspruchslosigkeit vielleicht sogar unangemessen wäre. Vielleicht sollte man gerade Gerhard Vollmers „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ daraufhin noch einmal anschauen.
Oder lesen wir Pascal Boyer in zwei Richtungen: Möglicherweise ist religiöses Denken eine Form, die die letzte mögliche Konsequenz des Denkens vermeidet. Doch wenn dies „gegen unsere natürlichen kognitiven Dispositionen geht“ – müssen Atheisten denn den oft religiös ausgetragenen Kampf gegen die Natur auf ihre Weise fortsetzen?
... und Lebenskonzepte
Sicher kann ein Denker in Einsamkeit und Freiheit sich seine Konstruktion zurechtlegen und daraus sein Lebenskonzept machen (wie hier Isaak Newton, als einsamer Konstrukteur dargestellt von William Blake) . Er wird dabei entsprechend seinen persönlichen Erfahrungen das Lebenskonzept immer wieder neu nach möglichen Fehlern untersuchen und neu berechnen. Doch wenn zum Ich ein Du kommt und aus Ich und Du ein größeres Wir wird und schließlich das Wir nach einer gemeinsamen Lebensmelodie drängt, braucht es auch gemeinsame Wertvorstellungen, Mythen, Rituale… Auf dem Weg dieses Lebensvollzugs wäre die Frage nach Gott noch einmal neu und ganz anders zu stellen.
Jedenfalls sind bisher Religionen – zumeist, aber nicht durchweg und nicht mit zwingender Logik, theistisch – für dieses aus der evolutionär erklärbaren psychischen Natur des Gemeinschaftswesens „Mensch“ entstandene Bedürfnis in eigentlich allen Völkern zum Austragungsort geworden.
Denkbar wäre es schon – und ich kann wohl unterstellen, dass das auch ernsthaft und problembewusst versucht wird – , dies auch mit atheistischen Vorgaben zu machen. Denkbar schon, mal sehen.
* So zitiert aus „Zeit online“ „Das Hirn, dein Gott“.
Englisches Originalzitat:
„Some form of religious thinking seems to be the path of least resistance for our cognitive systems. By contrast, disbelief is generally the result of deliberate, effortful work against our natural cognitive dispositions — hardly the easiest ideology to propagate.”

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