Basty zu Gott, Gene und Gehirn
Pfarrer haben in der Entwicklung des süddeutschen Raumes oft eine besondere Rolle als Tüftler, Dichter und Kommentatoren gespielt. Basty - den und dessen Kolleginnen und Kollegen ich auch bereits "offline" zu Vortrag & Diskussion kennenlernen durfte - gehört dazu und begleitet seit einiger Zeit hier in den Scilogs, bei den Brights usw. Diskussionen um Religiosität und Naturwissenschaft beobachtend, kommentierend, fragend. Nun hat er zum Buch "Gott, Gene und Gehirn" eine eigenständige, ausführliche Reflektion geschrieben, die ich Ihnen gerne vor- und zur Diskussion stelle.
Religionen bestehen nur, wenn und solange sie zumindest auch eine gewisse Nützlichkeit erweisen. Das ist einer der zentralen Gesichtspunkte in dem Buch „Gott, Gene und Gehirn“. Dessen Untertitel „Warum Glaube nützt“ kann ja nicht nur heißen, wie es dazu kommt, dass Glaube nützt und warum wir dies erkennen. Sondern in der Konsequenz heißt es auch: Religionen, die keinen zumindest gefühlten Nutzen haben, werden auf der Bühne der Weltgeschichte nicht in Erscheinung treten; und was nicht wenigstens in Teilaspekten auch einen langfristigen Nutzen zeitigt, wird sich nicht halten können. Das wird in dem Buch u.a. in den Ausführungen „Religion als Anpassung“ ausführlich verhandelt. Dieser Nützlichkeitsgesichtspunkt ist selbstverständlich kein Wahrheitserweis; er muss auch nicht der einzige Aspekt sein; und er schließt schädliche Wirkungen nicht aus. Sehr viele kulturelle Traditionen des Menschen haben verschiedene Seiten, nützliche und eben auch andere. Und das kann sich im Lauf der Geschichte verschieben. Es kommt immer darauf an, wie sie übernommen und wie an ihnen weiter geknüpft wird. Das ist bei Religionen nicht anders. Auch hier gilt: Survival of fittest.
Die Regeln der kulturellen Evolution sind vergleichbar mit denen der biologischen. Allerdings sind sie nicht identisch. Und sie sind im Grunde nicht so präzis fassbar wie die biologischen. Das istschon die Schwierigkeit in der Rede von „Memen“: durchaus brauchbar zur Verdeutlichung von Zusammenhängen, aber nur als analoge Metapher für die Gene, nicht als irgendwie messbare Größe. Ähnliche begriffliche Schwierigkeiten könnte es ergeben, wenn man vom adaptiven Vorteil der Religionen auf der Ebene kultureller Evolution redet. Reden wir also, auch um den Schwierigkeiten mit der Unterscheidung zwischen Hauptprodukt und Nebenprodukt auszuweichen, nicht mit dem wissenschaftlichen Begriff der Adaption sondern reden allgemeiner vom Nutzen, den Religionen aufweisen müssen. Dabei möchte ich mehr auf die Wirkzusammenhänge kultureller Nutzeffekte eingehen als auf noch so signifikante bzw. evolutionär relevante Konkretionen.
Der Mensch sieht sich vor HerausforderungenFür diese Wirkzusammenhänge halte ich innerhalb der Ebene der kulturellen Evolution noch eine Unterscheidung für notwendig: die einer allgemein-kulturellen Basis und die einer spezifisch religiösen Methode. Analog übrigens zu Dawkins Herleitung der Religion, der als Basis dafür das leichtgläubige Vertrauen von Kindern gegenüber ihren Eltern anführt. Nur, bei ihm merkt man in seiner Auswahl von Begründungszusammenhängen und Beispielen die Absicht und ist ... darauf eingestimmt.
Ich möchte es breiter anlegen und als Basis für Religion(en) das den Menschen grundsätzlich gemeinsame Verhalten anführen: Menschen können, in weit höherem Maße als verwandte Tierarten, ihr Leben bewusst planen und gestalten, Wirklichkeit deuten und entsprechend darauf reagieren. Menschen bringen es in der kulturellen Entwicklung weiter als jedes Tier. Das aber hat nicht nur positive Seiten sondern auch negative.
Menschen produzieren eben nicht nur Kunst und Wissenschaft, sondern da gibt es beispielsweise auch Krankheiten, die erst dadurch entstehen können, dass durch den Gebrauch des Feuers und andere technische Errungenschaften, auch durch die Erschließung neuer Lebensregionen, die Menschen Dinge zur Nahrung zubereiten können, auf die ihr Verdauungssystem (noch) nicht richtig eingestellt ist. Oder dass sie (etwa dank künstlicher Beleuchtung) zu Zeiten arbeiten können und müssen, auf die ihr Biorhythmus nicht eingestellt ist. Und da gibt es in einem viel höheren Ausmaß als bei vergleichbaren Tieren Verhaltensweisen, die für Einzelne oder für ganze Populationen (selbst)zerstörerisch wirken können, schließlich ja auch die ganze Umwelt bedrohen.
Für die positiven wie für die negativen Seiten menschlicher Kulturleistungen die angemessene Strategie zu finden, bleibt eine ständige Herausforderung. Und wenn der Mensch von Natur aus noch so gut sein mag bzw. positives Sozialverhalten sicher schon evolutionär angelegt ist – dennoch: Die Interaktionen von Menschen bedürfen besonderer, bewusster Pflege, um beispielsweise negatives Sozialverhalten zu beschränken, etwa durch entsprechende Verhaltensregeln, Sitten und Gesetze. Aber nicht nur um moralische Vorschriften etwa geht es, sondern es gibt offensichtlich ein weitergehendes Bedürfnis bei Menschen, sehr viele Seiten des Lebens nach gemeinsamem Muster zu regeln – miteinander eine gemeinsame Lebensbewältigungsstrategie zu finden, mit anderen gemeinsam Lebenseinstellungen zu formen – das Leben auf eine gemeinsame Melodie zu singen.
Diese bewusste Lebensbewältigungsstrategie muss durch Erziehung und Ausbildung tradiert werden; zu deren Mitteln gehören Sinnsprüche, Lieder, gemeinsame Symbole, auch Riten und Feste. Man könnte versucht sein, sie deshalb schon „Religion“ zu nennen. Aber damit würden Atheisten sich falsch vereinnahmt fühlen. Denn selbstverständlich gibt es Lebensbewältigungsstrategien, die durchaus auch überindividuell in Gruppen wirksam sind, auch ohne Gottesvorstellung. Und zusätzlich wäre es noch schwieriger als es ohnehin schon ist, eindeutig religiöse von nicht-religiösen Verhaltensweisen abzugrenzen. Es wird deshalb besser sein, entsprechend dem üblichen Sprachgebrauch erst dann von Religion zu reden, wenn als Mittel dieser Lebensbewältigungsstrategie Vorstellungen von überpersönlichen, überweltlichen Mächten ins Spiel kommen.
Er bedient sich dabei seiner GottesvorstellungDen Herausforderungen des Lebens insgesamt, insbesondere den anderen Menschen, sich stellen – das müssen alle. Das ist die Basis. Zur Religion wird es, wenn das mithilfe der Vorstellung von übernatürlichen Akteuren geschieht. In der Menschheit hat es sich bis jetzt weitgehendst durchgesetzt, für die Lebensgestaltung, für die Lebensbewältigungsstrategie derartige Vorstellungen einzusetzen.
Dabei müssen sie keinen Zweck in sich selbst haben – die diversen Gottesvorstellungen und Gottesnamen sind oft auch austauschbar. Sie können deshalb durchaus verstanden werden als Hilfsmittel, Tools, zwecks Lebensbewältigung – so wie ein Ball ein Hilfsmittel ist zwecks Spaß am Spiel, zwecks körperlicher Fitness und anderem mehr. Es gab schon einen religiösen Entwurf, der ohne Gottes-Vorstellung auszukommen versuchte, den frühen Buddhismus. Doch dass sich auch dort die üblichen religiösen Vorstellungen wieder durchsetzten, zeigt schon ihre Mächtigkeit, ihre tiefe Verankerung in der Natur des Menschen.
Zwar mögen manche dieser Vorstellungen durch bewusste Setzung entstanden sein, die meisten jedoch durch unbewusste, vorbewusste Vorgänge, die weit in die Frühzeit der Menschwerdung zurückreichen, die uns womöglich sogar mit anderen höheren Säugern verbinden. Das Woher dieser Vorstellungen ist in der Forschung bereits hinreichend benannt: Außermenschliche Akteure wie Raubtiere, vor denen man sich in Acht nehmen muss – oder (siehe P. Boyer) innere Wiederholungen der Kommunikation mit Kommunikationspartnern der realen Umwelt, oder mit bereits Verstorbenen. Ich denke (im Denken an Freud) auch an Kommunikation mit den Eltern, mit dem Überich, dem Gewissen. Man könnte dies wohl auch daraus quasi-biologisch begründen: dass der Mensch ein extremer Nesthocker ist, auf den die jeweiligen Eltern (die primären Sozialisationsfiguren) einen im wörtlichsten Sinn enormen Eindruck manchen, ihr Bild ihm eindrücken.
Wozu diese Vorstellungen dienen, worin sie sich als nützliche erweisen – das möchte ich extra benennen: In ihnen finden Menschen Projektionsflächen, um ihre Erfahrungen und ihre Träume, ihre Hoffnungen, Ängste, Wünsche, Befürchtungen..., auch ihre Lebens-Einsichten und Lebenseinstellungen, auszudrücken. Über all dies könnte man zwar auch in begrifflicher Weise reden und kann es, besonders seitdem es reflektiertes Wissen über den Menschen gibt. Doch normalerweise erzählen die wirklichen Menschen darüber viel lieber Geschichten, konkretisieren ihre Lebensbewältigungsstrategie in Ritualen, singen sie in Gebeten und Liedern... Und dazu brauchen sie personhaft vorgestellte Figuren, benennen ihre Erfahrungen personi-fizierend. Die Vorstellung von überweltlichen Akteuren bietet dafür das geeignete Ausdrucksmaterial.
Und darauf kommt es auch an: Um diese Vorstellungen herum lagert sich, wie an einem Korallenriff, auch einiges an Lebenserfahrung und Lebenseinsicht an. So wird Religion, die sich dann bewährt, wenn sie nicht nur irgendwelche Vorstellungen pflegt sondern die Lebensbewältigungsstrategie effektiv macht: wenn Menschen als Menschen etwas davon haben, wenn sie das Leben tiefer verstehen, den Lebensumständen sich geschickt anpassen – survival of fittest. Man kann beklagen, dass da total unglaubwürdige Vorstellungsfiguren agieren; doch wie denn sonst hätten Menschen ihre Lebenseinsichten und –einstellungen früher ausdrücken können? Und wenn sie dies bis heute immer noch gerne tun, zeigen sie, dass das Erbe der Vergangenheit nicht einfach abzustreifen ist. So bleiben die unsterblichen Götter am Leben.
Möglichen Nutzen nicht unterschätzen und nicht überreizen
Religionen erweisen ihre Nützlichkeit also nicht in den (dogmatischen) Vorstellungen – sondern darin wie, ausgelöst und gefördert durch diese, Lebenseinsichten tradiert und Lebenseinstellungen eingeübt werden, von denen Menschen etwas haben. Diesen Nützlichkeitseffekt, ohne den sie gar keinen (längeren) Bestand haben könnten, müsste man auch von atheistischer Seite nicht grundsätzlich bestreiten. Und es wäre nicht verkehrt, wenigstens die Augen dafür offen zu halten, an welchen Stellen man Religionen positiv beerben kann bzw. welche Einsichten eben als allgemein-menschliche weiter gepflegt werden sollten.
Bei Michael Schmidt-Salomon sehe ich, z.B. im Buch vom frechen Hund, dass es da eine gewisse Bewegung in dieser Richtung gibt. Aber auch für die religiöse Seite wäre es nicht verkehrt, die positiven Anliegen atheistischer Humanisten ernst zu nehmen. Insgesamt wäre es besser, unterschiedliche Leute würden sich dazu verbünden, sich miteinander für eine menschengerechtere Welt einzusetzen. Angesichts einiger Weltprobleme wäre das dringender als sich über die abergläubischen oder gottlosen Vorstellungen der jeweils anderen zu mokieren oder zu ereifern. Religionen müssen wohl irgendwie einen Nutzen aufweisen. Doch eines soll dabei auch nicht vergessen werden: Wie bei Kunst und Musik, auch beim Spielen des Menschen, für deren Entstehung und Tradition man auch Nützlichkeitserwägungen anstellen kann, ist vielleicht der größte Nutzen, dass man eben nicht alles nach dem Nutzen berechnen kann und nicht berechnen darf.
Das ist ja beispielsweise die Einsicht des biblischen Sabbat-Gebots mit Rückgriff auf den siebten Tag der Schöpfungs-Erzählung: Ein nutzungsfreier Raum nützt dem Menschen mit am meisten, der Mensch muss auch runter dürfen von der Waage der Nützlichkeitserwägungen. Auch deshalb gibt es noch immer und immer doch Religion.
Ähnliche Artikel:
- Warum gibt es noch Atheisten?
- Neuro-Enhancement: Erfahrungen der Religionen
- Fachbuch zu evolutionärer Religionsforschung: The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior
- Religion ohne Gott - Zen-Buddhismus
- Christian Wolf zu Neurotheologie - Hirnforscher erkunden den Glauben


