26. November 2010, 08:16
Das wissenschaftliche Bloggen hat mir in den vergangenen Jahren unheimlich viel Freude gemacht - und ich möchte es auch nicht mehr missen. Das Interesse war und ist sehr erfreulich und aus vielen guten Diskussionen habe ich auch viel mitnehmen dürfen. Dass sich unter dem Schutz vermeintlicher Anonymität manchmal auch Spinner, Trolle und Stalker austob(t)en, war wohl kaum zu vermeiden und hat nach meiner Einschätzung mit der Ausweitung deutschsprachiger Blog-Angebote auch nachgelassen bzw. besser verteilt.
Zeitbudget & Ansprüche
Zeitlich zunehmend schwierig finde ich jedoch den Anspruch einiger Nutzen, dass Blogger selbstverständlich auf ganze Kaskaden von Fragen ausführlich antworten sollen, die Kommentatorinnen und Kommentatoren - gerne auch anonym - einstellen und die von ganz unterschiedlicher Qualität sind. Manchmal scheint dabei in Umfang und Ton aber völlig aus dem Blick zu geraten, dass Wissenschaftsblogger - auch hier auf den Scilogs - normalerweise ehrenamtlich wirken und knappe Freizeit opfern. Und auch ausführliche Antworten führen dann oft nur zu weiteren Kaskaden - und ein "Danke" für stundenlanges Arbeiten ist dabei sehr selten zu hören.
Zur Natur der Sache gehört auch, dass die jeweiligen fachlichen Kenntnisse von Blog-Nutzerinnen und Nutzern sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Das ist nicht schlimm, sondern Teil der Chance von Blogs - insofern der gegenseitige Respekt gewahrt bleibt und sich niemand zu schade ist, sich in neue Themen halt auch mal einzulesen. Aber ich sehe schon mit Sorge, dass einige Nutzer schon bloße Verweise auf Fachliteratur oder auch nur auf bereits veröffentlichte Downloads und Beiträge als unstatthaft empfinden - und stattdessen allen Ernstes erwarten, dass sich Blogger wieder und wieder auf erklärende Einzeldiskussionen im Kommentarteil einlassen. Bei vermeintlich "weichen" Themen wie Religion bzw. Religionswissenschaft ist dies wohl noch ausgeprägter als in anderen Wissenschaftsbereichen.
Und nun musste ich auch noch erfahren, dass wenige Nutzer meine wiederholten Bitten um Verständnis und Hinweise auf (m)ein knappes Zeitbudget untereinander geradezu als Ansporn nahmen, sich ein wenig "Spaß zu machen" und noch ein bißchen "zu provozieren", gerne auch mal auf der persönlichen Schiene. Ein seriöses Niveau war dabei dann oft nicht mehr zu erkennen. Und ich gebe gerne zu, dass mich diese Erfahrung nach dem Einsatz Hunderter Stunden in "Natur des Glaubens" schon etwas ernüchterte. Und so reifte der Entschluss: Nö, in diese Richtung fahre ich nicht mehr mit.
Blog-Kultur in der Entwicklung
Jede Medien- und Wissenschaftskultur ist ein lebendiger Prozess, der für Veränderungen offen sein muss. Ehrenamt trägt unsere Gesellschaft entscheidend mit, ist aber leider auch immer wieder zynisch ausgebeutet worden. Da gilt es dann halt auch mal, überzogene Freibier-Ansprüche nicht länger hinzunehmen, sondern "Nein" zu sagen. Mir scheint, dass sich Standards der wissenschaftlichen Blogdebatten im deutschen Sprachraum erst noch entwickeln müssen - und dazu sind verschiedene Wege auszuprobieren. Einige Wissenschaftskolleginnen und -kollegen bloggen inzwischen einfach immer weniger, andere moderieren jeden Beitrag und löschen rigoros, was ihnen nicht gefällt. Mir macht das Bloggen an sich jedoch weiterhin Spaß und wenn ich schon Leute um ihre Kommentare bitte, mag ich sie respektieren und nur sehr ungerne zensieren.
Ich habe mich daher dazu entschieden, etwas Neues auszutesten und zukünftig einfach von Fall zu Fall zu entscheiden, unter welchen Blogposts ich noch Diskussionen zulasse. Persönlich provozierende Kommentare werde ich zudem zukünftig einfach ignorieren oder tatsächlich löschen. Die so gesparte Zeit möchte ich stattdessen lieber in weitere, informierende Blogbeiträge investieren, wie sie ja von Hunderten von Leserinnen und Lesern hier im Chronolog "Natur des Glaubens" aufgesucht werden. Und möchte Wissenschaft lieber wieder stärker in Lehrveranstaltungen und Seminaren der echten Begegnung mit Menschen debattieren, in denen man einander mit Namen, Gesicht und bereits gewachsenen Regeln des gegenseitigen Respektes begegnet.
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