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Naturwissenschaft, Pädagogik, Zeitgeschichte - Dr. Georg Litsche im Web-Interview

29. Februar 2012, 20:45

Neulich hatte ich in einem Beitrag über die konstruktive Rolle von Bürgerwissenschaftlern geschrieben und dabei auch Lehrerinnen und Lehrer als Beispiele benannt. Viele haben nicht nur eine ordentliche, wissenschaftliche Ausbildung genossen, sondern sich darüber hinaus durch Lektüre, Besuche von Veranstaltungen und auch eigene Projekte nicht nur selbst immer weiter gebildet, sondern auch Forschungsbeiträge geleistet.

Dr. Georg Litsche schaut auf ein bewegtes Berufsleben zurück. Der studierte Biologielehrer war von 1961 bis 1963 Redakteur in der Abteilung Biologie beim Verlag Volk und Wissen (Ost-)Berlin. Danach wirkte er als Forschungslehrer an einer Forschungsschule des Deutschen Pädagogischen Zentralinstituts (DPZI) an der Entwicklung neuer Lehrpläne und promovierte als Externer zum Dr. paed. an der TU Dresden. Es folgten Stationen als Direktor einer POS (Polytechnischen Oberschule) in Berlin-Mitte, als Fachlehrer für Biologie in Berlin Marzahn und als freiberuflicher Biologe und Programmierer. Ab 1996 erarbeite Dr. Litsche die Kapitel "Evolution" und "Genetik" des Lehrbuchs Biologie für Gymnasien des Verlages Volk und Wissen Berlin. Heute ist er nicht nur Rentner - sondern mit "Wille versus Kausalität" auch als Blogger aktiv. Dort greift er auch gerne immer wieder Beiträge aus den Scilogs auf, zum Beispiel des geschätzten Blognachbarn und Quantenphysikers Josef Honerkamp. Höchste Zeit für ein Web-Interview!

1. Dr. Litsche, nach einem ziemlich bewegten Leben zwischen Naturwissenschaft und Pädagogik haben Sie als Rentner den Blog "Wille versus Kausalität" gestartet. Darf ich fragen, warum?

Ganz einfach: Weil es diese Möglichkeit jetzt gibt. Ansonsten mache ich dasselbe, was ich mein Leben lang als unverbesserlicher Lehrer immer gemacht habe: Lesen, Nachdenken, Nachschauen und die Resultate Anderen mitteilen.

Ein vorläufiges Resultat dieser Tätigkeit habe ich mit der „Theoretischen Anthropologie“ vorgelegt. In diesem Buch habe ich Grundzüge einer umfassenden Theorie des Menschen entwickelt.

Als Biologe bin ich Naturwissenschaftler und denke im Erklärungsprinzip des Kausalismus, als Pädagoge bin ich Geisteswissenschaftler und denke im Erklärungsprinzip des Willens. Nun treibt mich der Widerspruch zwischen Wille und Kausalität um. Das Blog ist eine Form, damit umzugehen.

2. Sie waren als Lehrer und Wissenschaftler im geteilten Berlin tätig, als sich je in westlichen und sozialistischen Kontexten völlig verschiedene Perspektiven auf die Biologie durchsetzten. So prägte sich in den westlichen Gesellschaften der Neodarwinismus aus, der die Evolution zunehmend reduktionistisch von Genen her betrachten wollte. Die sozialistischen Staaten propagierten dagegen bis in die 60er Jahre hinein den so genannten "Lyssenkoismus", der genetische Forschungen als Ausdruck bourgeoiser Ideologie bekämpfte. Wie haben Sie diese Jahre und Auseinandersetzungen erlebt?

Als sehr interessant. Wie jeder Anfänger habe ich von Fachleuten gelernt. Nun habe ich nie „ordentlich“ studiert, sondern mir Wissen im damals in der DDR verbreiteten Fernstudium als Autodidakt angeeignet. Dadurch war der Druck gering, sich die Meinung nur eines Lehrers anzueignen und wiederzugeben, um Prüfungen zu bestehen. Vielmehr war es nötig sich eigenständig umfassend zu informieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Da dem Lyssenkoismus die Genetik als zu widerlegende Theorie immanent war, habe ich mir natürlich auch die Grundlagen der Genetik angeeignet. Und da es in der DDR auch ein gut funktionierendes Bibliothekswesen gab, war die Beschaffung auch ausländischer Fachliteratur kein Problem, wenn man die Mühen der Beschaffung und des Lesens nicht scheute.

Inhaltlich bestritt der Lyssenkoismus ja Existenz und Wirkung von Genen nicht, er hielt den Einfluss der Umwelt nur für bedeutsamer. Das Problem kam nur daher, dass versucht wurde, diese Auffassung zu „ideologisieren“ und mit politischen Mitteln durchzusetzen.

Für mich war (und ist) das Problem ja doppelt interessant, weil seine Lösung von Bedeutung für die Möglichkeiten Erziehung und Bildung ist, und der Streit beider Richtungen findet ja bis heute statt, aktuell beispielsweise in der Sprachwissenschaft (Chomsky, Pinker) oder im Streit um den Behaviorismus.

3. Sie kritisieren, dass der Terminus "Emergenz" eine Kategorie der Erkenntnis, nicht aber der Realität bezeichne. Was wäre Ihre Alternative? Wie würden Sie die Übergänge zwischen Theoriebereichen etwa der Physik, Biologie, Psychologie und Religionswissenschaft bezeichnen?

Natürlich kann man die tatsächlich stattfindenden Übergänge von einem Realitätsbereich zum anderen „Emergenz“ nennen, nur darf man damit nicht vorgeben, sie auch erklärt zu haben. Die Beschreibung und Erklärung unterschiedlicher Realitätsbereiche und der Übergänge von einem zum anderen erfordert unterschiedliche Erklärungen und folglich unterschiedliche Terminologien. Die tragenden Termini der Psychologie haben beispielsweise in der Physik keine Bedeutung und können nichts Physikalisches erklären.

Leider findet ein solcher Wechsel der Terminologie oft unreflektiert statt. Es werden beispielsweise psychologische Begriffe zur Erklärung biologischer Vorgänge benutzt. Hier fehlt oft die ausreichende Kenntnis des anderen Fachs und daraus folgend wissenschaftliche Redlichkeit.

Ich verstehe schon die Neigung, möglichst viele verschiedene Ereignisse auf die gleiche Weise zu erklären. Aber das geht meines Erachtens nicht. Man muss sich schon der „Mühe des Begriffs“ unterziehen. Die Entstehung des Lebens vollzieht sich nach anderen Gesetzen als die Entstehung der Psyche oder der Religion. Was ist gewonnen, wenn ich sie alle „Emergenz“ nenne? Man darf sich nicht scheuen, jeden Prozess auf seine eigenen Gesetze zu untersuchen. Schön, wenn man hinterher feststellt, dass es die gleichen Gesetze sind, aber man darf nicht davon ausgehen, indem man beispielsweise die Terminologie des einen Faches nimmt um Ereignisse eines anderen darzustellen. Da können nur Metaphern herauskommen, aber keine wissenschaftlichen Begriffe.

4.Sie haben Ihre Dissertation 1968 über das Thema "Die Gesetze des Lernens im naturwissenschaftlichen Unterricht" abgelegt. Welche Gesetze haben Sie gefunden? Und würden Sie diese auch heute, doch einige Jahrzehnte und viele Erkenntnisse wie Medien später, als gültig betrachten?

Ich will die Gesetze jetzt nicht alle aufführen, sie können nur einen Klick weit nachgelesen werden. Ich denke, sie gelten alle noch, sonst wären es keine Gesetze. In der Theorie wird das Lernen als spezifischer Erkenntnisprozess untersucht. Seine Spezifik besteht darin, dass das Lernen eine Komponente des gesamtgesellschaftlichen Erkenntnisprozesses ist, die darauf gerichtet ist, bestehende Erkenntnisse individuell zu reproduzieren und dadurch i.e.S. zu vergesellschaften. Dazu muss man in der Theorie die realen Tätigkeiten von dem befreien, was diesen Prozess verdeckt und modifiziert, wie beispielsweise das Streben nach Noten und der Erwerb von „Scheinen“.

Der Lernende will etwas wissen, das die Gesellschaft schon weiß. Diese Bedingung modifiziert den individuellen Erkenntnisprozess – das Lernen – in spezifischer Weise, z.B.:

- Sie verändert den Wirklichkeitsbezug der Erkenntnis. Die Gegenstände der Erkenntnis werden so zu Trägern der gesellschaftlichen Erkenntnis. Wenn ein Mensch ein Wort hört, das er noch nicht kennt, will er dessen Bedeutung erfahren.

- Wenn man ihm nun die Versteinerung eines Lebewesens zeigt und entsprechende Ausführungen dazu macht, ordnet er diese dem Gegenstand zu. Dieser ist in dieser Situation – der Lernsituation – der Träger der gesellschaftlichen Bedeutung „Versteinerung“, die nun individuell reproduziert werden.

- In dieser Situation verändert sich auch sie Wahrnehmung. Lernende nehmen wahr, was man Ihnen sagt und sie glauben, sie hätten es „selbst“ gesehen. In der Psychologie wird dieser Umstand auch als „Wahrnehmung der.5.  Dimension“ bezeichnet.

- Diese Bedingung ist bedeutsam für das Problem der Adäquatheit der Ergebnisse des Lernens. Durch Lernen gewonnene Erkenntnisse werden durch zwei Kriterien bewertet, durch ihre „Richtigkeit“, d.h. ihre (gewollte) Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Erkenntnis und ihre „Wahrheit“, d.h. ihre Adäquatheit mit der abgebildeten Realität (wenn man eine Korrespondenztheorie der Wahrheit zugrunde legt).

Daran hat sich meines Erachtens nichts geändert. Was sich geändert hat, ist der Inhalt der beiden betrachteten Variablen „individuelle –gesellschaftliche Erkenntnis“, d.h. die theoretisch abgebildete Realität. Heute gibt es beide in neuen Erscheinungsformen und Inhalten, aber ihre Beziehung ist die gleiche.

Besonders bedeutsam ist, dass die verschiedenen Inhalte der gesellschaftlichen Erkenntnis heute von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen vertreten werden und der Lernende theoretisch frei ist in der Wahl, die Erkenntnis welcher Gruppe er reproduzieren will. Sie hätten sich ja auch für den Kreationismus als Erklärungsprinzip für die Entwicklung des Religiösen entscheiden können.

Für die Heranwachsenden gilt weiter, dass ihnen in der Realität diese Wahl genommen ist, andere entscheiden, welche gesellschaftliche Erkenntnis sie erwerben sollen.

Zum anderen wirkt die Institutionalisierung des Lernens beispielsweise als modifizierende und oft deformierende Bedingung des realen Lernens, die den Schüler daran hindert, lernen zu wollen. Beides mag dem Selbstverständnis mancher Lehrer widersprechen, der glaubt, er könne den Kindern etwas beibringen. Es ermöglicht auch der Didaktik nicht zu erforschen, wie man Kindern etwas beibringen kann, was die gar nicht wissen wollen.

Freiwilligkeit gilt auch in der Erziehung. Kein Mensch kann gegen seinen Willen erzogen werden. Alle derartigen Versuche laufen letztlich auf Manipulation hinaus, gegen die sich der denkende Mensch wehrt.

Erziehung und Bildung verlaufen freiwillig. Darin sehe ich das tatsächlich wirkende „Grundgesetz“ der Pädagogik. Es gilt auch heute und hier, unabhängig davon, was Menschen tun oder zu tun glauben.

Danke, dass Sie sich weiterhin für die Biologie und das interdisziplinäre Gespräch engagieren! Und dass Sie ggf. für Fragen oder Anregungen von Leserinnen und Lesern dieses Blogs zur Verfügung stehen. Ihnen und Ihrer ebenfalls aktiven Gattin alles Gute!



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Als Richard Dawkins Zuflucht bei Gott suchte

24. Februar 2012, 01:18

Das Internet entwickelt beunruhigende Ähnlichkeiten mit der BILD-Zeitung: Wer diese Aufzüge nach oben nimmt, läuft Gefahr, mit ihnen auch herunter zu fahren. So ging es gerade in letzter Zeit Richard Dawkins, der so lange auf der Klaviatur des Netzes gespielt hatte - und sich nun wiederholt in ihm verhedderte.

Bild: Matthias Asgeirsson / Wikicommons

Es ging wohl los mit #Elevatorgate, in dem Dawkins auf die Beschwerde einer Mit-Skeptikerin über Sexismus unter "neuen Atheisten" mit einem höhnischen Kommentar geantwortet hatte. Es folgten Debatte und ein erster Shitstorm, selbst Teile seiner Anhängerschaft reagierten verstört.

Weiter ging es mit einem New York-Times-Online-Interview, in dem Dawkins nicht nur Freund und Feind mit seinem Glaubensbekenntnis zu "evolutionärem Fortschritt" (an der Seite von Simon Cornwall Morris) verblüffte, sondern auch verkündete, er gehe davon aus, dass andernorts im All bereits "gottähnliche Kreaturen" (God-like creatures) evolviert seien. Kann man glauben...

Und nun auch noch dieses BBC-Radiointerview: Dawkins hatte darin behauptet, dass ein Großteil der Briten nicht mehr als Christen bezeichnet zu werden verdienten, vermochte doch weniger als ein Drittel der Befragten einer Studie Matthäus als ersten Evangelisten zu benennen. Doch sein Diskussionspartner, Reverend Giles Fraser, hakte nach (Transkript übersetzt):

Giles Fraser: Richard, wenn ich dich nach dem vollen Titel von der "Entstehung der Arten" fragen würde, könntest du mir diesen sicher nennen.

Richard Dawkins: Ja, könnte ich.

Giles Fraser: Na dann los.

Richard Dawkins: 'Die Entstehung der Arten' ... Uh. Mit, Oh Gott. 'Die Entstehung der Arten.' Dazu gibt es einen Untertitel der sich auf die Erhaltung bevorzugter Rassen im Ringen um das Leben bezieht.

Giles Fraser: Du bist der Hochpapst des Darwinismus... Wenn du Leute fragtest, ob sie an die Evolution glauben und kämest zurück und berichtetest, zwei Prozent bekämen es hin, dann würde es doch furchtbar einfach für mich sein zu sagen, 'die glauben es ja gar nicht'.

Aus Dawkins Sicht kein optimaler Diskussionsverlauf. Und dann, im Moment der Verzweiflung, auch noch eine Anrufung Gottes! Das schaffte es gleich bis in die Huffington Post...

Aber, wissen Sie was? Solche Irritationen mögen für diejenigen ein Problem sein, die Dawkins wahlweise für einen unfehlbaren Guru oder einen Reiter der Apokalypse halten. Aus meiner Sicht machen solche Lapsen Dawkins dagegen doch vor allem als Mensch von immerhin schon 70 Jahren erkennbar. Das ist m.E. nichts, was gegen Menschen sprechen sollte. Wer im Internet sezierend attackiert wird - wie derzeit z.B. auch Joachim Gauck -, wird mir persönlich eigentlich eher sympathischer. Auch da ist sie wieder - die Parallele zu den Opfern der BILD-Zeitung...



Geschrieben in Personen , Religionskritik - Kritik , Netzkultur(en) | 39 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Was bedeutet Evolution für Sie?

20. Februar 2012, 22:06

Wo Wissenschaft interdisziplinär und auch kontrovers diskutiert wird, zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich selbst die gleichen Begriffe verwendet werden. Dies gilt im besonderen und weitreichenden Maße schon für den Grundbegriff der "Evolution". Abgeleitet von lateinisch evolvere = ausrollen (einer Buchrolle) wurde es in Charles Darwins "Entstehung der Arten" (1859) nur kurz erwähnt, jedoch bald in all seinen Varianten zum dominierenden Begriff ganzer Forschungsrichtungen.

Mir begegnen Evolutionsbegriffe dabei immer wieder in ganz verschiedenen Reichweiten und weltanschaulichen Deutungen.

Der universale Evolutionsbegriff umschreibt die Annahme einer einzigen, alles Beobachtbare umfassenden Entwicklungsgeschichte. Vom (erst in den 1960er Jahren allgemeiner anerkannten) Urknall aus hätte sich Materie zunächst in physikalischen, dann in chemischen, schließlich biologischen, kulturellen, psychologischen (etc.) Emergenzebenen entfaltet, die wiederum miteinander wechselwirken. Diese eine Evolutionsgeschichte könne im Grundsatz empirisch-historisch und interdisziplinär als eine stetige Annäherung an das reale Geschehen erforscht und beschrieben werden.

Die folgende Buchwerbung für das Buch "Thank God for Evolution" des evangelischen Pastors und evolutionären Theisten Michael Dowd stützt sich auf diese kosmisch-universale Evolutionserzählung.

Eine mittlere Reichweite weisen prozesshafte Evolutionsbegriffe auf, die von Evolution dann sprechen, wenn Sequenzen aus Vielfalt (Variation) und unterschiedlich erfolgreicher Tradition (Reproduktion) erfolgen. Neben der organischen Evolution können damit auch kulturelle Evolutionsprozesse sowie ihre Wechselwirkungen erforscht werden.

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Sogar ein wenig älter als die biologische Evolutionsforschung ist beispielsweise die Evolutionsforschung zu Sprachen und Wörtern. In ihr wurden und werden Sprach-Stammbäume erstellt und nach Entwicklungsregeln von Wörtern, Lauten, Redewendungen etc. geforscht. Hier ein kurzer Nature-Bericht aus 2009 zur Evolutionsforschung an Sprachen.

Auch die in diesem Blog im Mittelpunkt stehende Evolutionsforschung zu Religiosität (biologisch) und Religionen (kulturell) zum Homo religiosus steht in diesem Kontext.

Der engste, biologisch reduzierte Evolutionsbegriff versteht unter Evolution (nur) die Veränderung genetisch vererbbarer Merkmale. Dabei geht es also ausdrücklich weder um die Entstehung des ersten Lebens - die Abiogenesis bzw. chemische Evolution - noch um die Emergenz neuer Lebensbereiche wie die kulturelle Evolution. Selbstverständlich leugnen auch Vertreter dieses engen Evolutionsbegriffes meist nicht, dass der biologischen Evolution eine (Selbst-)Organisation von Materie vorausging und die spätere Entwicklung kultureller Fähigkeiten wie Werkzeuggebrauch, Kochen oder Sprache(n) wiederum erhebliche Rückwirkungen auf die biologische Evolution hatte.

Hier ein Einführungsvideo der Videoreihe "Evolution der Lebewesen" von Prof. Ulrich Kutschera:

Neben dieser unterschiedlichen Reichweite von Evolutionsbegriffen werden diese auch weltanschaulich eingefärbt. So lesen evolutionäre Theisten - wie Theodosius Dobzhansky, Teilhard de Chardin oder der oben erwähnte Michael Dowd - das gesamte Evolutionsgeschehen als Selbstoffenbarung Gottes. Andere - sowohl evolutionäre Atheisten wie kreationistische Religiöse - gehen dagegen davon aus, dass sich die Zustimmung zur Evolutionstheorie und der Glauben an eine wirkende Gottheit grundsätzlich ausschlössen. Evolutionäre Pessimisten glauben, dass der Evolutionsprozess letztlich sinn- und ziellos sei und sich am Ende mit dem Erlöschen des Universums unabwendbar wieder erledigen werde. Evolutionäre Optimisten meinen dagegen einen - wenn auch immer wieder gefährdeten und unterbrochenen - Fortschritt im Evolutionsprozess zu erkennen. Evolutionäre Agnostiker betonen schließlich, dass Evolutionsforschung immer nur empirisch und historisch sei - letztentscheidende Aussagen über die Zukunft, Gottes Existenz o.ä. seien daher überhaupt nicht möglich.

Das Angebot ist also groß - und mir dürfte es kaum gelungen sein, alle wesentlichen Varianten des einen Begriffes erfasst zu haben. Daher die offene Frage in die Runde: Was bedeutet Evolution für Sie?



Geschrieben in Philosophische Fragen , Grundlagen , Begriffe - Symbole | 70 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


St George - Kapelle und Gebetsraum am Flughafen Heathrow

15. Februar 2012, 20:16

Seit jener legendären Edmund-Stoiber-Rede zu 10 Minuten wissen wir alle, dass es mit Zeit und Flughäfen eine besondere Bewandnis hat. Als ich also am Flughafen Heathrow in London noch etwas Zeit zwischen dem Umsteigen hatte und dieses Schild sah, war es um mich geschehen. Ich musste ihm voller Entdeckerdrang folgen!

Das geheimnisvolle Schild führte mich zu der Flughafenkapelle St. George. Nahe bei Terminal 3, zwischen Busbahnhof und Betonwüsten gelegen, lud ein hohes Kreuz zu einem kleinen Steinpark und zwei Gebäuden des Gebetes.

Eingeweiht im bewegten Jahr 1968 beteilig(t)en sich viele Spender an der Ausgestaltung dieses Gebetsortes. Einigen Menschen, vor allem Flughafenpersonal und Piloten, waren Plaketten gewidmet, die aus der anonymen Wand einen Ort des Gedenkens machten.

Die Gedenkplakette eines Technikers berührte mich besonders. Sein Todestag wurde hier von seiner ihn "liebenden Familie" als "Gewährung des zweiten Flügels" interpretiert, so dass er nun "in Frieden ruhe in der Umgebung, die er so geliebt hat".

Nach einem kurzen Moment des Innehaltens wandte ich mich nach links, zum Eingang der Kapelle. Wie konnte inmitten dieses Lärms ein Ort des Gottesdienstes entstehen? Der Architekt Jack Forrest griff zur Lösung auf jene alte Form zurück, mit der schon frühe Christen Gemeinschaft und Schutz vor Verfolgung verbunden hatten: Die unterirdische Krypta.

So ging es eine Treppe hinab, in einen Vorraum mit Karten, Flugblättern und Broschüren christlichen Glaubens.

Der Heilige Georg war der Schutzheilige Englands und von Anfang an auch der ökumenischen Kapelle geworden, in der sich anglikanische, katholische und "freie" (v.a. evangelische) Gemeinschaften versammelten.

Erfrischend kühl, leise und verblüffend groß hatte sich der Gottesdienstraum von St. George unter der Betonwüste ausgebreitet - ein Ort der Ruhe unter einer brodelnden Verkehrsdrehscheibe.

Ursprünglich hatte jede der vier Flügel einen Altar einer bestimmten Kirchentradition beherbergt, doch im Laufe der Jahre waren die Altartische füreinander frei gegeben worden, so dass Betende sie je nach Bedarf und Aussage nutzen konnten. Hier der Altarbereich katholischer Tradition.

Auch farblich waren unterschiedliche Akzente gesetzt worden.

Besonders aber beeindruckte mich jener schlichte Altartisch, in dessen Decke - Flugzeuge eingestickt worden waren.

Nach einigen Momenten dankbaren Verweilens stieg ich wieder empor. Heathrow war wie London insgesamt einst ein überwiegend christlicher Ort gewesen, der jedoch zunehmend multireligiös geworden war. Und als ich die Krypta verließ, sah ich, dass die Kapelle mitgewachsen war. Dem Eingang der Krypta direkt gegenüber lud ein interkonfessioneller Gebetsraum ein.

Im Eingangsbereich waren auch die Gebetszeiten regelmäßiger Gottesdienste angegeben: Christen, Muslime und Sikhs beteten hier regelmäßig zu ihrem gemeinsamen Gott, dem Schöpfer des Universums. Für Betende jeden Glaubens stand der Raum zudem täglich offen.

Schlicht und doch würdig war der Raum gestaltet, der zum persönlichen wie auch gemeinschaftlichen Gebet einlud.

Am Fenster fand sich ein holzgefertigter Kompass mit Angabe der Qibla, der Gebetsrichtung nach Mekka für Muslime.

Ich fand Poster mit den Feiertagen der Weltreligionen - und eines, das eine gemeinsame Aussage aller gewachsenen Religionsgemeinschaften betonte: Das Gebot unbedingter Kooperation, die Goldene (in einigen Formulierungen Silberne) Regel.

Die Zeit drängte nun, ich musste zum Flieger. Als ich diesen interreligiösen Ort verließ war mir klar, dass er sich mir in seiner religiösen Tapferkeit inmitten hektischer Betriebsamkeit tiefer einprägen würde als so mancher großer, imposante Bau den ich bisher gesehen hatte. Wo abertausende von Meilen geflogen wurde, nahmen sich manche Menschen Zeit für kleine Reisen ins eigene Innere und vor Den, von Dem sie sich geschaffen erfuhren.

In Höhlen hatte sich schon der frühe Mensch Orte der Sammlung, Gemeinschaft und Anbetung geschaffen. Und auch jetzt, da er tonnenschwere Geräte mit Hunderten von Menschen darin in die Wolken und um den Globus jagen kann, vernehmen einige den Ruf der überempirischen Akteure - der Verstorbenen, der Heiligen, der Gottheit.

Wenn Sie einmal am Flughafen Heathrow, Terminal 3 sein sollten - nehmen Sie sich doch 10 Minuten Zeit.



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Ein erweiterter Fitnessbegriff für die Evolutionsforschung des Menschen? Eine Frage an Darwins Geburtstag

12. Februar 2012, 08:35

Heute würde Charles Darwin seinen 203. Geburtstag feiern. Und während fundamentalistische Kreationisten dies als Unglück oder Glaubensprüfung betrachten mögen, begehen besonders in den USA auch immer mehr christliche, jüdische und islamische Glaubensgemeinschaften Evolution Weekend mit speziellen Gottesdiensten und Angeboten rund um die Fragen von Wissenschaft und Glauben. Persönlich habe ich mich aber entschieden, am Darwin-Tag eine Frage aufzuwerfen, die der Bürgerwissenschaftler sich schon selbst stellte, auf die es aber noch immer keine befriedigende Antwort gibt. Genau genommen ist noch nicht einmal klar, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist...

Aber geht das denn überhaupt - in einem Wissenschaftsblog zuzugeben, dass da eine Frage klafft, an der man nicht weiterkommt? Sollten Wissenschaftler nicht immer so tun, als hätten sie alles im Griff, auf alles eine Antwort - oder wenigstens eine heiße Spur? Als könnten sie über Wasser laufen?

Fast hätte es diesen Blogpost gar nicht gegeben, hätte nicht eine Kollegin mir neulich schmunzelnd die aktuelle Ausgabe der Deutschen Universitätstzeitung (duz) vorbeigebracht, dessen vieldeutiger Cartoon des Monats von Sepp Buchegger mich schmunzeln ließ. Danke an die Duz-Redaktion für die Erlaubnis, diesen maliziösen Religionswissenschaftler-Sketch hier im Blog zu veröffentlichen! :-)

Nachdem Sie jetzt also ohnehin wissen, dass bei uns selbst Wunder nicht gut genug sind - kommen wir zur Frage.

Religiosität erhöht im Durchschnitt den Fortpflanzungserfolg. Aber reicht das?

Wie treue Leserinnen und Leser dieses Blogs, der entsprechenden Artikel oder Bücher wissen, forsche ich seit einigen Jahren an der Evolution von Religiosität und Religionen. Dabei hat sich eine zentrale Annahme bereits von Charles Darwin bestätigt: Der gemeinsame und einander durch nicht nur rationales Verhalten signalisierte Glaube an überempirische Akteure (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) ermöglicht es Glaubenden, untereinander durchschnittlich erfolgreicher zu kooperieren. Über Generationen hinweg setzen sich dann immer wieder jene religiösen Varianten durch, die diese Kooperation auch in höhere Kinderzahlen umsetzen - wie die kinderreichen Old Order Amish im Vergleich zu den kinderlosen Shakern. Religiöse Praxis geht daher in allen gewachsenen Weltreligionen evolutionär schlüssig mit durchschnittlich höherem Fortpflanzungserfolg einher.

Fachlich kann ich mich über die auch internationale Resonanz zu diesen Befunden wirklich nicht beklagen. Und als der komplexe Zusammenhang von Religion und Demografie nicht nur aus den USA, sondern zuletzt auch aus Israel in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt ist, berichtete auch der humanistische pressedienst (hpd).

Nun ist der vergleichende Reproduktionserfolg aber nicht nur für gesellschaftliche Prozesse relevant, sondern in der Evolutionsbiologie der gültige Maßstab für evolutionäre ("darwinsche") Fitness.

Nur frage ich mich (und weiß, dass sich auch viele Leserinnen und Leser längst diese Frage stellen): Reicht das als evolutionäre Perspektive aus? Immerhin ist der Mensch ja nicht nur ein biologisches, sondern darüber hinaus auch ein zu Kultur, Bewußtsein und Nachdenken fähiges Wesen. Charles Darwin selbst brachte die Sache in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 (deutsch 1875) auf den Punkt, als er schrieb:

Grosse Gesetzgeber, die Gründer segensreicher Religionen, grosse Philosophen und wissenschaftliche Entdecker unterstützen den Fortschritt der Menschheit in einem viel höheren Grade durch ihre Werke, als durch das Hinterlassen einer zahlreichen Nachkommenschaft.

Jesus und Buddha fallen hierzu beispielsweise ein - wobei letzterer zwar der Überlieferung nach einen Sohn hatte, diesen jedoch später ebenfalls zum zölibatären Mönch ordinierte. Oder denken wir an einen Wissenschaftler, der vielleicht selbst auf Kinder verzichtet, aber ein Medikament entwickelt, das Abertausende Leben rettet. Oder eine kinderlose Politikerin, die eine Politik "für unsere Kinder" gestaltet. Wäre in diesen und unzähligen weiteren Fällen mit biologische Fitness = 0 das Eigentliche gesagt? Und umgekehrt: Hätte sich eine Menschheit, die sich stets nur maximal vermehrt, nicht gerade dadurch längst unweigerlich in ihr Verderben gestürzt? Wurden wir nicht auch durch eine balancierte Demografie zum denkenden Menschen?

Bisherige Lösungsvorschläge

In Darwins "Abstammung" und in Arbeiten späterer Evolutionsforscherinnen und -forscher fand ich im wesentlichen drei Lösungsvorschläge für diese Frage:

1. Verwandten- und Gruppenselektion, "inklusive Fitness", globale Kooperation

Darwin betont, dass auch Menschen, die auf Überleben und Reproduktion zugunsten Anderer verzichten, dennoch (und gerade dadurch!) zum "Erfolg des Stammes" beitragen können - sie es als leuchtendes Beispiel für Kooperation ("Nächstenliebe") oder durch Leben ermöglichende Kulturprodukte. Menschengruppen, in denen sich viele solcher "selbstloser" Menschen fänden, könnten so sehr viel besser bestehen. Martin Nowak nennt Menschen entsprechend bereits "Superkooperatoren". Letztlich ginge es also immer weniger um den Wettbewerb, sondern zunehmend um den gemeinsamen Erfolg des (menschlichen) Lebens.

2. Steigerung des Glücks

Oder ist der Mensch vielleicht der natürlichen und sexuellen Selektion bereits so weit entwachsen, dass er sich eigene Ziele setzen kann - wie beispielsweise die Förderung des menschlichen Glücks bzw. Wohlbefindens? Dann wäre "oberhalb" der Biologie eben nicht mehr nur die "Quantität", sondern auch die "Qualität" menschlichen Lebens zu berücksichtigen. Aber wäre das noch empirische Wissenschaft oder Wunschdenken? Und ein Glücklichmacher im Trinkwasser wirklich ein Fitnessindikator?

3. Gene versus Meme

Von Richard Dawkins stammt die Mem-Metapher. Er empfiehlt seinen Anhängerinnen und Anhängern lieber viele "Meme" als "Gene" in die Welt zu setzen. Aber abgesehen davon, dass nie eine anwendbare Arbeitsdefinition von "Memen" gelang erkenne ich auch kein überzeugendes Gewichtungskriterium. So setzt die Mem-Metapher ja voraus, dass sich die Kinder Anderer bereit finden, die Meme Kinderloser durch die Zeiten zu tragen. Und Terroristen oder Serienmörder wie Jack the Ripper mögen sehr viel mehr "Meme" hervorgerufen haben als eine engagierte Nonne, die ihr Leben der Pflege anderer widmete. Aber könnte das ein Maßstab sein?

Freilich ist es 4. durchaus denkbar, dass schon die Frage falsch gestellt ist. Immerhin ist Evolutionsforschung immer empirische Forschung - also rekonstruierend-beschreibend auf bereits geschehene (historische) Befunde gestützt. Wenn auch Darwin aber über "den Fortschritt der Menschheit" sinniert, so greift er damit doch nicht nur in die Zukunft, sondern nimmt auch eine implizite Bewertung vor. Vielleicht müsste sich Evolutionsforschung einfach damit "begnügen", die Entwicklungsgeschichte des Menschen immer umfassender als biokulturellen Prozess zu rekonstruieren und diese Befunde dann den öffentlichen Debatten, Philosophien und Theologien zur Begutachtung und Bewertung zu überlassen?

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Ehrlich gesagt: Ich weiss es einfach (noch) nicht. Bislang habe ich zu "Antwort" 4 tendiert - sicher auch, weil mir dies erlaubte, von einem gesicherten Fundament aus zu forschen. Nun aber frage ich mich, ob es dabei auf Dauer bleiben sollte. Und bin hier einfach einmal so frei, zuzugeben, dass ich da noch rätsele. Darf Sie um Ihre Einschätzungen und Meinungen bitten? Reicht der klassische, biologische Fitnessbegriff des Reproduktionserfolgs für die Evolutionsforschung zum Menschen aus?



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Der Buddhismus als Glücksfall für die Evolutionsforschung zur Religion

08. Februar 2012, 21:46

Die Faszination für indische Religionen insgesamt und den Buddhismus im Besonderen hat in der deutschsprachigen Geistesgeschichte - einschließlich der Religionswissenschaft - eine lange Tradition. Vergleicht man zum Beispiel die Zahl der Abrufe von Hans Küngs siebenteiliger Spurensuche - Die Weltreligionen auf dem Weg auf YouTube, so fällt auf, dass die Teile über Hinduismus und Buddhismus mit Abstand am häufigsten abgerufen wurden.

Neben der menschlichen Neugier nach farbenfroher Exotik (die umgekehrt wiederum indische Bollywood-Filmproduzenten für Alpenkulissen begeistert) erschien und erscheint gerade auch vielen gebildeten, individualisierten Menschen das Versprechen persönlich überprüfbarer Einsichten statt eines beobachtend-richtenden Gottes als sehr viel attraktiver. Essentialistische Religionsdefinitionen, die beispielsweise Religion über den Glauben an Götter bestimmen wollen, treffen so stets schnell auf den Einwand, dass doch der Buddhismus eine "Religion ohne Gott" sei.

Der Buddhismus als Chance für die Evolutionsforschung

In der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen wird Religiosität seit Charles Darwin (in Varianten) als "Glauben an (bzw. Verhalten zu) überempirische(n) Akteure" gefasst - also an als anwesend und ggf. ansprechbar geglaubte Wesenheiten, die sich beispielsweise in Sternen, Leichnamen, heiligen Stätten, Statuen oder auch dem gesamten Weltall manifestieren können.

Aus dieser evolutionären Perspektive erscheint es als durchaus denk-, ja geradezu erwartbar, dass auch spirituelle und philosophische Systeme aufkommen, die zunächst völlig ohne überempirische Akteure auskommen. Zu erwarten wäre dann jedoch, dass solche Systeme bald überempirische Akteure aufnehmen und so zu überlebensfähigen Religionen "werden".

Und genau dies trifft auf den Buddhismus zu (wie übrigens auch auf weitere Systeme wie den Jainismus, Taoismus usw.). Ursprünglich ging die buddhistische Lehre vom völligen Erlöschen des Erleuchteten aus, was "Gebete" an ihn überflüssig machte: Er war ja nicht mehr da, konnte weder schauen noch antworten.

Doch in der gelebten Realität beschränkten sich diese Einsichten bald auf schmale Eliten, wogegen der Buddhismus in religiösen Traditionen die Verehrung und auch Bändigung zahlloser überempirischer Akteure wie der Ahnen, der Geister, zahlreicher Götter, geistiger Lehrer (wie tibetischer Lamas, die in Kindern wiedergeboren werden können) und Bodhisatvas aufnahm und entfaltete. Das Verbot, den Buddha bildlich darzustellen, wurde nach kaum zwei Jahrhunderten durchbrochen und heute erscheint der Buddha in unzähligen Plastiken von riesigen Statuen bis zu kleinen Hausfigurinen. Ebenso haben sich buddhistische Reliquienscheine - Stupas - zu einem festen Bestandteil buddhistischer Gebets(!)praxis entwickelt.

Bild: Tempelanlage von Borobudur, Indonesien. Gunkarta / Wikimedia

Der real existierende Buddhismus ist nicht a-theistisch, sondern quasi-theistisch - und dies lässt sich nicht aus seiner ursprünglichen Lehre erschließen, sondern allein aus den religiösen Veranlagungen des Menschen und dem höheren kooperativen und damit reproduktiven Potential religiöser Vergemeinschaftungen. Noch ist die Demografie des Buddhismus noch nicht im Detail erforscht - so profane Themen wie Kinder und Familien spielen in der gängigen, westlichen Buddhabegeisterung bis tief in die Wissenschaften bislang leider kaum eine Rolle. Aber die noch wenigen, vorliegenden Befunde deuten doch bereits stark darauf hin, dass auch innerhalb des Buddhismus gilt: Umso theistischer, umso kinderreicher. In seinem Herkunftsland Indien wurde der Buddhismus daher auch vom kinderreicheren, polytheistischen Hinduismus wieder überwachsen, der derzeit wiederum vom monotheistischen Islam demografisch herausgefordert wird.

Dafür haben Buddhisten gemeinhin weder mit der engen Verwandtschaft von Menschen und Tieren noch mit der Evolutionstheorie insgesamt ein Problem und wiesen 2009 in einer US-Befragung sogar eine höhere Zustimmung zu dieser auf als Konfessionslose.

Der Buddhismus - aber auch Hinduismus, Jainismus und andere - bietet also gerade aus evolutionärer Sicht ein hervorragendes Fallbeispiel. Zudem wirft er natürlich viele interessante Fragen auf - so plane ich als nächsten Beitrag in dieser (neuen) Kategorie die Rezension eines Religion-Wissenschafts-Buches des tibetischen Dalai Lama.



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Warum wir Bürgerwissenschaft - Citizen Science - mehr denn je brauchen

03. Februar 2012, 22:22

Im Focus 4/2012 findet sich auf S. 128 ein Interview mit dem als "Star-Ökonomen" vorgestellten Professor Hans-Werner Sinn (63), der das Münchner Ifo-Institut leitet und Direktor des Center for Economic Studies ist. Schon die Überschrift-Schlagzeile lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: "Schickt die Abgeordneten in einen Grundkurs!" Und falls noch Zweifel bestehen, wie das gemeint sei, antwortet Sinn auf die Frage: "Welchen Satz hassen Sie am meisten?" mit - "Es gilt das Primat der Politik."

Gerade weil ich auch selbst vor dem Studium eine Finanzausbildung mit Auszeichnung absolviert habe, erlaube ich mir - bei allem Respekt vor einzelnen Arbeiten Sinns - die Anmerkung, dass ich in keiner Gesellschaft leben möchte, in der die Ökonomie das Primat über die Politik hat. Ebensowenig wie die Biologie, die Soziologie, die Psychologie, die Religionswissenschaft, eine Theologie, Philosophie oder sonst eine wissenschaftliche Disziplin.

Was ich mir stattdessen wünsche ist eine Gesellschaft, die sich insgesamt und auch in der Politik ebenso konstruktiv wie selbstbewusst mit Wissenschaft(en) auseinandersetzt und zu ihnen beiträgt. Denn seit sich die empirischen Wissenschaften entwickelten, pendelten sie immer zwischen zwei Polen: Dem Konzept offen-transparenter Bürgerwissenschaften einerseits oder den autoritären Ansprüchen pseudo-prophetischer Szientisten (je ihre Wissenschaft verabsolutierender Stimmen) andererseits.

Die empirischen Wissenschaften begannen als Bürgerwissenschaften!

Praktisch die gesamten empirischen Wissenschaften haben ihre Wurzeln im bürgerschaftlichem Engagement von Menschen, die nicht hauptberuflich als Wissenschaftler arbeiteten. Meist waren sie Geistliche (wie z.B. der Mönch und spätere Abt Gregor Mendel), Staatsbeamte, Lehrer, Mediziner, Unternehmer oder auch einfach mehr oder weniger wohlhabende "Privatgelehrte", die ihr Zeit und Geld nicht dem Luxus, sondern Forschung und Lehre widmeten. Charles Darwin, der lebenslang nur einen Abschluss in anglikanischer Theologie erwarb und nie einen Beruf im Wissenschaftsbetrieb ausübte, zählt ebenso beispielhaft dazu wie sein Mitentdecker, der gelernte Landvermesser Alfred Russel Wallace. Oder wie Albert Einstein, der seine bahnbrechenden Entdeckungen als Patentbeamter machte - nachdem seine Bewerbungen um Institutsstellen abgelehnt worden waren. Auch die heute noch aktive Grande Dame der Primatologie Jane Goodall startete ihre Arbeit als gelernte Sekretärin, gefördert durch das an Ergebnissen orientierte Archäologenpaar Leakey.

In diesem bürgerschaftlichen Verständnis von Wissenschaft ist die Gewinnung (Forschung) und Verbreitung (Lehre) von Wissen grundsätzlich jedem Menschen möglich, wenn auch nicht geleugnet wird, dass dafür im Einzelnen jahrelange, anstrengende Arbeit mit unsicherem Ausgang notwendig sein kann. Jede und jeder - vom Kind bis zum Senior - werden ermutigt, sich aktiv mit dem verfügbaren Wissen auseinander zu setzen und gerne auch etwas Eigenes beizutragen. Nicht Rang, Titel oder berufliche Stellung, sondern alleine die Qualität der empirischen Befunde sind nach diesem Verständnis entscheidend.

Hier stellt Arfon Smith, Direktor für Bürgerwissenschaft (Citizen Science) am Adler-Planetarium Chicago auf der EuropeanaTech-Konferenz in Wien 2011 einige Projekte vor, mit denen Bürgerinnen und Bürger längst auch vom heimischen Computer aus zur Wissenschaft beitragen:



Und wer auch spezifisch deutsche Beispiele sehen möchte, wird beispielsweise im Blog von Beatrice Lugger mit einem Web-Interview mit dem Ökologen Klement Tockner fündig.

Gegenentwurf: Die empirischen Wissenschaften nur als Angelegenheit abgeschotteter Eliten

Vertreter eines elitären Wissenschaftsverständnisses rümpfen über die Beteiligung von Laien (von griechisch laos = Volk) nur die Nase, die in ihren Augen nur unwissende, bestenfalls zu belehrende Handlanger sind. "Nun beginnt Ihre Menschwerdung!", ließ mich ein geschätzter Kollege nach der Promotion in Religionswissenschaft wissen. Und auch diese Haltung ist nicht wirklich neu: Schon zu Lebzeiten Darwins wirkte der Jenaer Zoologieprofessor Ernst Haeckel. Bei hervorragenden Leistungen für die Biologie ließ er es aber nicht bewenden, sondern verkündete Politik als "angewandte Biologie" samt Sozialdarwinismus, "Rassentabellen" mit höherwertigen Weißen und niederwertigen Farbigen, Forderungen nach Eugenik und der Abschaffung aller Religionen und Weltanschauungen zugunsten, klar, seiner Lehre. Auf einem Freidenkerkongress in Rom ließ er sich denn auch gezielt-provokant zum "Gegenpapst" ausrufen. All dies Jahrzehnte bevor Richard Dawkins überhaupt geboren wurde.

Foto: André Karwath aka Aka, Wikipedia


Auch Kommunisten und Sozialisten nahmen für sich in Anspruch, eine "höhere, wissenschaftliche Wahrheit" zu vertreten, deren Durchbruch die wissende Elite mit allen Mitteln nachhelfen musste. Durch die Wirklichkeit lassen sich solche Ansichten kaum widerlegen - allenfalls wird zugestanden, dass die breite, ungebildete Masse eben in der "Anwendung" versagt habe. Entsprechend treten einige Ökonomen auch heute noch als selbsternannte Propheten auf und wollen Volk und Politik von oben herab belehren. Dass sich gerade auch die etablierten Wirtschaftswissenschaften längst bis auf die Knochen blamiert haben und zum Beispiel Prognosen der so genannten "Wirtschaftsweisen" bei großen Teilen der Bürgerschaft nur noch ungewollt Heiterkeit auslösen, wird da einfach ausgeblendet. Wenn sich die Realität nicht nach den Modellen richtet - Pech für die Realität.

Eine moderne Wissensgesellschaft funktioniert nur mit einer aktiven Bürgerwissenschaft 

Also, ich möchte weder in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen blind jeder angeblich "wissenschaftlichen" Meinung hinterherlaufen - noch in einer Gesellschaft, die Evolutions-, Klima-, Wirtschafts-, Gen- und anderen -forschungen pauschal mißtraut oder gar Verschwörungen unterstellt. Und die einzige Chance, die ich für eine konstruktiv-kritische Wissensgesellschaft sehe, ist das Schaffen von Möglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, sich je nach ihren Vorkenntnissen und Eigenschaften auch selbst im Kleinen lernend, lehrend und forschend in die Wissenschaft einzubringen.

Sicher sind heute viele Wissenschaftsbereiche längst so kompliziert geworden, dass sie nur nach einer Spezialausbildung (Studium, ggf. Promotion) einigermaßen überblickt werden können. Andererseits aber sind mit wachsender Bildung, wachsendem Wohlstand und dem World Wide Web aber auch völlig neue Formen der Vernetzung, Information und Beteiligung möglich, von denen früher kaum zu träumen war. An der Universität Jena unterrichte ich zum Beispiel immer wieder hoch engagierte und begabte Studierende, die sich auf den Lehrdienst vorbereiten. Die erhalten eine solide, wissenschaftliche Ausbildung und wären mit Sicherheit nur noch bessere Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie attraktive Möglichkeiten fänden, neben der Schule auch wissenschaftlich aktiv zu bleiben! Beim ganz neuen Blog NeuroKognition von Manuela Macedonia geht die Debatte schon lebendig los!

Aber statt eines breiten Aufbruches muss ich mit Entsetzen lesen, dass selbst der promovierte Astronomie-Blogger Florian Freistetter ernsthaft glaubt, kein Wissenschaftler mehr zu sein, weil er keine Stelle im Wissenschaftsbetrieb mehr gefunden hat! Der Mann hat promoviert und betreibt einen der erfolgreichsten Wissenschaftsblogs des deutschen Sprachraums, wird von Tausenden gelesen und steht vor der Veröffentlichung seines ersten Buches! Und soll plötzlich kein Wissenschaftler mehr sein?

Vier konkrete Vorschläge für Bürgerwissenschaft

Ich möchte diesen Beitrag mit der Bitte um die Unterstützung von vier Vorschlägen verbinden, die der Scienceblogger Christian Reinboth und ich in den "Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin" eingestellt haben.



In Vorschlag 1 unterstützt Christian den freien Zugang zu öffentlich finanzierter Forschung (Open Access) - eine Forderung, die der Scilogger Lars Fischer bereits mit einer erfolgreichen Bundestagspetition auf den Weg gebracht hat.

Vorschlag 2 fordert eine Verbesserung der prekären (ich würde sogar sagen: skandalösen) Arbeitssituation vieler Nachwuchswissenschaftler, die derzeit Leistung und Laufbahn so vieler junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Land schlichtweg zerstört und noch mehr entmutigt.

Mein erster Vorschlag (3) greift den Umstand auf, dass sich schon jetzt mehr Freiwillige für die Bundesfreiwilligendienste finden, als überhaupt "Bufdi"-Stellen da sind. Daher schlage ich einen Bufdi-Zug für die (Bürger-)Wissenschaft vor: Freiwillige sollten in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Institutionen je nach Vorwissen und Eignung Projekte, Experimente und Exkursionen an Kindergärten und Schulen anbieten können. Für die Wissensgesellschaft wäre das ein Glücksfall, für jüngere Leute eine ideale Chance für Engagement und berufliche Orientierung und für Ältere die Chance, ihre erworbenen Fähigkeiten einzubringen.

Als konkretes Beispiel benenne ich dafür das Buch "Evolutionsbiologie: Moderne Themen für den Unterricht" von Daniel Dreesmann, Dittmar Graf und Klaudia Witte, das hervorragende Experiment- und Projektbeispiele der Evolutionsforschung vom Kindergarten bis zur gymnasialen Oberstufe enthält.



Mein zweiter Vorschlag (4) zielt auf die öffentlich geförderte Etablierung von Open-Access-Journalen, die von gestandenen Wissenschaftlern anonym peer-reviewed werden, zu denen aber jede und jeder Publikationen einreichen kann. Bisher verdienen sich, wie Martin Ballaschk aufzeigt, wenige Konzerne mit der Beschränkung (!) von Wissenszugang goldene Nasen! Auch für solche Journale gibt es bereits ein Beispiel, das religionswissenschaftliche Marburg Journal of Religion.



Schlussplädoyer

Professor Sinn und ich haben bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Wir sind beide Beamte, werden also aus den Steuergeldern arbeitender Menschen ("Laien") bezahlt und stehen im "öffentlichen Dienst". Das "Primat der Politik" zu "hassen" und gewählten Abgeordneten pauschal einen "Grundkurs" verordnen zu wollen stellt nach meiner Auffassung eine Arroganz des "Star-Ökonomen" dar, die sich weder freie Bürgerinnen und Bürger noch deren gewählte Vertreterinnen und Vertreter bieten lassen müssen. Empirische Wissenschaft ist keine Angelegenheit selbsternannter Propheten und Priester, sondern eine wertvolle, auch bürgerschaftlich zu gestaltende und im Dialog auszuübende Tätigkeit.

In einem freien Land ist sie auch Ihr gutes Recht! Lassen Sie sich dieses Recht nicht und von Niemandem nehmen!

Literatur:

* Hand, E. 2010: Citizen Science: People Power. Nature 466, 685-687 (2010) (kostenfreier Download)



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