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Der 14. Dalai Lama und die Wissenschaft - Die Welt in einem einzigen Atom

06. März 2012, 20:52

In vielen Diskussionen über das Verhältnis von "Wissenschaft" und "Religion" erlebe ich, dass spezifisch westliche Konzepte allzu schnell verallgemeinert werden - etwa, wenn gesagt wird, "die Religionen" hätten ein Problem mit "der Wissenschaft" oder "die Quantenphysik" stelle "den Realismus" in Frage. Dabei zeigt schon eine ganz einfache Erhebung zur Akzeptanz zum Beispiel der Evolutionstheorie enorme Unterschiede: So stimmten laut einer US-Befragung 2009 81% der Buddhisten der Evolutionstheorie zu, gegenüber 72% der Konfessionslosen, 58% der katholischen Christen und 8% der Zeugen Jehovas.

Und so lohnt es sich für alle Seiten durchaus, hin und wieder auch einmal Stimmen nichtwestlicher, religiöser Traditionen zu Wort kommen zu lassen.

Der Dalai Lama und die Wissenschaft

Der Mönchsname des heutigen 14. Dalai Lama lautet Tenzin Gyatso. Geboren wurde er jedoch am 6. Juli 1935 in eine Bauernfamilie des nördlichen Tibet mit insgesamt 16 Kindern als Lhamo Döndrub. Mönche erblickten in dem Zweijährigen jedoch einen überempirischen Akteur: Der 13. Dalai Lama habe sich in dem Kind wiedergeboren. Auch einer seiner Brüder wurde als Wiedergeburt eines buddhistischen Würdenträgers erkannt.

So wurde der kleine Lhamo also im Alter von vier Jahren im Potala-Palast feierlich zum 14. Dalai Lama inthronisiert. Er erlebte eine kurze Zeit als monarchischer Herrscher, den Einmarsch der atheistischen Kommunisten, die zunehmend Unterdrückung der tibetischen Kultur und schließlich die Flucht ins Exil nach Indien. Dort amtierte er bis 2011 als Exil-Regierungschef und erhielt u.a. 1989 den Friedensnobelpreis für sein gewaltfreies Eintreten für die Freiheit Tibets.

Sein hier besprochenes Buch "Die Welt in einem einzigen Atom. Meine Reise durch Wissenschaft und Buddhismuss" beginnt er mit entwaffnender Ehrlichkeit denn auch gleich mit dem Satz: "Ich habe persönlich nie eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen." Doch hätten ihn schon als Kind mechanische Gerätschaften - wie drei Autos und ein von einem britischen Politiker dem 13. Dalai Lama geschenktes Teleskop - besonders interessiert. Und der österreichische Abenteurer Heinrich Harrer habe ihn, auch durch das gemeinsame Anschauen von Filmen auf einem alten Projektor, für die Welt des Wissens weiter interessiert.

Spätere Reisen führten ihn nach China und Indien - und obwohl der Autor in diesem Buch politische Aussagen meidet, wird deutlich, dass ihm die Bedrückung und Bedrohung deutlich wurde, die Tibet und seiner Kultur durch fehlende Technik entstand. So suchte er immer aktiver und später weltweit den Dialog mit Wissenschaftlern - nicht nur, um seine persönliche Neugier zu stillen, sondern auch, um die Entwicklung seines Völkes zu fördern und umgekehrt ein positives Image seiner buddhistischen Tradition zu verkörpern. Zitat S. 29:

Nach und nach entdeckte ich durch die Gespräche, die ich mit anderen über die Wissenschaft führte - insbesondere mit ihren professionellen Vertretern - gewisse Ähnlichkeiten in der Art und Weise des Forschens zwischen dieser Disziplin und dem buddhistischen Denken.

Und so betont er auch (S. 30 und 31):

Wenn es darum geht, eine Behauptung für richtig zu erklären, misst der Buddhismus der Erfahrung den größten Wert bei, dann folgt die Vernunft und zuletzt erst die Autorität der Schriften. Die großen Meister der Nalanda-Schule des indischen Buddhismus, aus der sich der tibetische Buddhismus entwickelt hat, hielten sich nur an Buddhas eigenen Rat, als sie seine Lehren einer strengen und kritischen Prüfung unterzogen. [...] Die grundsätzliche Haltung, die von Buddhismus und Wissenschaft geteilt wird, ist also das Engagement für die Wahrheitssuche auf empirischer Grundlage und die Bereitschaft, sich von lange gehegten, allgemein anerkannten Ansichten zu trennen, wenn wir auf unserer Suche herausfinden, dass die Wahrheit eine andere ist.

Der Aufbau des Buches folgt fortan einem Muster: Kapitel für Kapitel stellt der Dalai Lama die Thesen von Wissenschaftlern vor, mit denen er sich intensiver ausgetauscht habe - beginnend mit dem deutschen Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (S. 34) - und vergleicht deren Aussagen dann mit buddhistischen Traditionen. Dabei drückt er tiefen Respekt vor den Wissenschaftlern - die Gyatso "meine Lehrer" nennt - aus und flicht immer wieder kleine, menschliche Anekdoten ein - etwa, wie ihm Sir Karl Popper im hohen Alter noch stolz seinen Garten zeigte.

Gleichwohl weist der Dalai Lama wissenschaftliche Wahrheitsansprüche dort zurück, wo sie nichts zu suchen hätten und beklagt Reduktionismus und Religionsfeindlichkeit unter einigen Wissenschaftlern. S. 46:

So ist zum Beispiel die Tatsache, dass die Wissenschaft die Existenz Gottes nicht bewiesen hat, für die Anhänger theistischer Traditionen kein Argument, das gegen die Existenz Gottes spricht. Ebenso verhält es sich mit der Frage der Reinkarnation: Obwohl die Wissenschaft nicht zweifelsfrei nachweisen konnte, dass Wesen wiedergeboren wurden, bedeutet das noch lange nicht, dass es nicht doch so sein könnte.

Ab 1987 lud der Dalai Lama dann zu "Mind and Life"-Konferenzen nach Dharamasala ein, wie ihm überhaupt die Hirnforschung zu einem zentralen Thema wurde. Hier fand er die stärkste Resonanz auf sein Interesse, gerade auch spirituelle und religiöse Praktiken als Teil der menschlichen Existenz einerseits zu erforschen und andererseits nicht zu reduzieren. Und durch die aktive Förderung von neurobiologischen und damit auch evolutionären Forschungen zu Spiritualität und Religiosität hat er sich auch bleibend verdient gemacht. S. 50:

Denn neben der objektiven Welt der Materie, die von der Wissenschaft so hervorragend erforscht wird, gibt es die subjektive Welt der Empfindungen, Gefühle, Gedanken sowie der ethischen Werte und spirituellen Hoffnungen, die in ihnen gründen. Wenn wir diesen Bereich außer Acht lassen und ihn so behandeln, als spiele er keine maßgebliche Rolle für unser Verständnis der Wirklichkeit, verzichten wir auf den Reichtum unserer Existenz, und unsere Einsicht wird nicht vollkommen sein. Die Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen Lebens, ist weitaus komplexer als die Beschreibungen des objektiven, wissenschaftlichen Materialismus.

Über eine Diskussion von Leerheit, Relativität und Quantenphysik geht es zum Urknall, der zunächst in Spannung zum anfangslosen Universum des Buddhismus stehe. Weiter geht es mit Evolution, Karma und die Welt der Sinne zur Frage des Bewusstseins. Die Ausführungen sind je erbaulich, manchmal auch konzentriert-spannend und immer wieder von Humor aufgelockert. S. 114:

Der erste Mensch, der mir dabei half, die Evolutionstheorie genauer zu verstehen, war ironischerweise kein Naturwissenschaftler, sondern ein Religionswissenschaftler. In den 1960er Jahren suchte mich Huston Smith in Daramsala auf. [...] Auch Huston Smith rechne ich zu meinen wissenschaftlichen Lehrern, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er mir darin zustimmen würde.

Oder diesen, S. 184:

Ling Rinpoche, mein persönlicher Lehrer, verweilte dreizehn Tage im klaren Licht des Todes. Obwohl er klinisch bereits tot war und aufgehört hatte zu atmen, ruhte er in der Meditationshaltung und sein Körper zeigte keinerlei Anzeichen des Zerfalls. [...] Es wäre interessant, herauszufinden, was in dieser Zeit auf der physiologischen Ebene geschieht und ob es noch zu nachweisbaren, biochemischen Prozessen kommt. Als Richard Davidsons Gruppe nach Dharamsala kam, war sie sehr daran interessiert, dieses Phänomen zu erforschen. Doch starb damals - ich weiß nicht, ob ich sagen soll, glücklicher- oder unglücklicherweise - kein Meditierender.

Mit Ethik und die neue Genetik sowie schließlich Schlussbemerkungen zu Wissenschaft, Spiritualität und Menschlichkeit, die in einem Pldäoyer für mehr "Dialog zwischen Spiritualität und Wissenschaft" münden.

Der Dalai Lama erhebt in diesem Buch nicht den Anspruch, grundlegend Neues zu verkünden. Auch behandelt das Buch die einzelnen, wissenschaftlich-philosophischen Fragen eher als Aspekt einer Gesamtschau.

Und doch kann ich "Die Welt in einem einzigen Atom" auch denjenigen empfehlen, die am Buddhismus kein gesteigertes Interesse haben, sondern sich allgemein für wissenschaftliche, philosophische und religionsbezogene Fragen interessieren. Denn es ist, gerade auch wegen der disziplinären Breite und guten Lesbarkeit, doch eine hilfreiche Erfahrung, im Spiegel anderer Traditionen die bei uns so gängigen Neuer-Atheismus-versus-Kreationistischer-Fundamentalismus-Muster einmal hinter sich zu lassen und zu sehen, dass es auch ganz andere Perspektiven gibt.



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Der Buddhismus als Glücksfall für die Evolutionsforschung zur Religion

08. Februar 2012, 21:46

Die Faszination für indische Religionen insgesamt und den Buddhismus im Besonderen hat in der deutschsprachigen Geistesgeschichte - einschließlich der Religionswissenschaft - eine lange Tradition. Vergleicht man zum Beispiel die Zahl der Abrufe von Hans Küngs siebenteiliger Spurensuche - Die Weltreligionen auf dem Weg auf YouTube, so fällt auf, dass die Teile über Hinduismus und Buddhismus mit Abstand am häufigsten abgerufen wurden.

Neben der menschlichen Neugier nach farbenfroher Exotik (die umgekehrt wiederum indische Bollywood-Filmproduzenten für Alpenkulissen begeistert) erschien und erscheint gerade auch vielen gebildeten, individualisierten Menschen das Versprechen persönlich überprüfbarer Einsichten statt eines beobachtend-richtenden Gottes als sehr viel attraktiver. Essentialistische Religionsdefinitionen, die beispielsweise Religion über den Glauben an Götter bestimmen wollen, treffen so stets schnell auf den Einwand, dass doch der Buddhismus eine "Religion ohne Gott" sei.

Der Buddhismus als Chance für die Evolutionsforschung

In der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen wird Religiosität seit Charles Darwin (in Varianten) als "Glauben an (bzw. Verhalten zu) überempirische(n) Akteure" gefasst - also an als anwesend und ggf. ansprechbar geglaubte Wesenheiten, die sich beispielsweise in Sternen, Leichnamen, heiligen Stätten, Statuen oder auch dem gesamten Weltall manifestieren können.

Aus dieser evolutionären Perspektive erscheint es als durchaus denk-, ja geradezu erwartbar, dass auch spirituelle und philosophische Systeme aufkommen, die zunächst völlig ohne überempirische Akteure auskommen. Zu erwarten wäre dann jedoch, dass solche Systeme bald überempirische Akteure aufnehmen und so zu überlebensfähigen Religionen "werden".

Und genau dies trifft auf den Buddhismus zu (wie übrigens auch auf weitere Systeme wie den Jainismus, Taoismus usw.). Ursprünglich ging die buddhistische Lehre vom völligen Erlöschen des Erleuchteten aus, was "Gebete" an ihn überflüssig machte: Er war ja nicht mehr da, konnte weder schauen noch antworten.

Doch in der gelebten Realität beschränkten sich diese Einsichten bald auf schmale Eliten, wogegen der Buddhismus in religiösen Traditionen die Verehrung und auch Bändigung zahlloser überempirischer Akteure wie der Ahnen, der Geister, zahlreicher Götter, geistiger Lehrer (wie tibetischer Lamas, die in Kindern wiedergeboren werden können) und Bodhisatvas aufnahm und entfaltete. Das Verbot, den Buddha bildlich darzustellen, wurde nach kaum zwei Jahrhunderten durchbrochen und heute erscheint der Buddha in unzähligen Plastiken von riesigen Statuen bis zu kleinen Hausfigurinen. Ebenso haben sich buddhistische Reliquienscheine - Stupas - zu einem festen Bestandteil buddhistischer Gebets(!)praxis entwickelt.

Bild: Tempelanlage von Borobudur, Indonesien. Gunkarta / Wikimedia

Der real existierende Buddhismus ist nicht a-theistisch, sondern quasi-theistisch - und dies lässt sich nicht aus seiner ursprünglichen Lehre erschließen, sondern allein aus den religiösen Veranlagungen des Menschen und dem höheren kooperativen und damit reproduktiven Potential religiöser Vergemeinschaftungen. Noch ist die Demografie des Buddhismus noch nicht im Detail erforscht - so profane Themen wie Kinder und Familien spielen in der gängigen, westlichen Buddhabegeisterung bis tief in die Wissenschaften bislang leider kaum eine Rolle. Aber die noch wenigen, vorliegenden Befunde deuten doch bereits stark darauf hin, dass auch innerhalb des Buddhismus gilt: Umso theistischer, umso kinderreicher. In seinem Herkunftsland Indien wurde der Buddhismus daher auch vom kinderreicheren, polytheistischen Hinduismus wieder überwachsen, der derzeit wiederum vom monotheistischen Islam demografisch herausgefordert wird.

Dafür haben Buddhisten gemeinhin weder mit der engen Verwandtschaft von Menschen und Tieren noch mit der Evolutionstheorie insgesamt ein Problem und wiesen 2009 in einer US-Befragung sogar eine höhere Zustimmung zu dieser auf als Konfessionslose.

Der Buddhismus - aber auch Hinduismus, Jainismus und andere - bietet also gerade aus evolutionärer Sicht ein hervorragendes Fallbeispiel. Zudem wirft er natürlich viele interessante Fragen auf - so plane ich als nächsten Beitrag in dieser (neuen) Kategorie die Rezension eines Religion-Wissenschafts-Buches des tibetischen Dalai Lama.



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Der Mensch, geschaffen nach Gottes Bild - Was soll das denn heißen?

04. September 2011, 00:14

Wieder einmal haben mir Sven Oswald und Daniel Finger von Zweiaufeins auf RBBeins eine knifflige Frage und Aufgabe gestellt: Laut Bibel sei der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen - was das denn heißen solle?

Eigentlich sind Auslegungsfragen natürlich die Domäne von Theologen, nicht von Religionswissenschaftlern. Aber gerade auch diese Vorstellung ist religionsgeschichtlich so interessant, dass sich ein zweiter und dritter Blick lohnt! Hier eine Darstellung des Schöpfungsaktes Adams durch Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. (Für Freunde der Hirnforschung - man beachte, dass Gott in einem Umhang in Form eines menschlichen Gehirnes dargestellt ist.)

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Geschrieben in Radiofenster , Buddhismus | 24 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Religion ohne Gott - Zen-Buddhismus

30. Oktober 2009, 18:42

Wenn jemand Religions-Definitionen hinterfragen will, wird gerne auf den Buddhismus verwiesen. Tatsächlich aber stärkt gerade das Beispiel des Buddhismus die Definition von Religiosität als "Verhalten zu übernatürlichen Akteuren". Denn wo immer sich buddhistische Traditionen über Generationen hinweg entfalteten, wurden vom zunehmend bildlich dargestellten Buddha selbst über Ahnen (vgl. japanische Ahnenverehrung), Geister, Götter und Bodhisatvas ein reiches Angebot an zu verehrenden Übernatürlichen definiert oder adoptiert. Diese sind also weniger logische Ableitungen aus einem Lehrsystem, sondern gewachsene Antwort auf die Fragen und Bedürfnisse vieler Glaubender. Und dennoch bewegt sich der Buddhismus - gerade auch in seinen Rezeptionen durch westliche Suchende - immer wieder besonders nah an Grenzbereichen religiöser und philosophischer Systeme und ist auch deswegen religionswissenschaftlich besonders interessant. Ich bin daher froh und dankbar, dass Mona - vielen hier als sorgfältig lesende, selbständig recherchierende und angenehm fair diskutierende Kommentatorin bekannt - sich bereit erklärt hat, uns einmal ihr persönlich gewonnenes Verständnis des Zen-Buddhismus zu schildern. Sie hat dem Blog und damit Ihnen allen zudem zwei wunderschöne Fotos gestiftet, die für konstruktive Zwecke frei verwendet werden dürfen. Für Diskussionsbeiträge und Fragen steht Mona auch gerne zur Verfügung. Ich wünsche Ihnen allen eine informative und anregende Lektüre & Diskussion! M.B.

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Geschrieben in Phänomene , Vorurteile , Buddhismus | 77 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


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