Haben Tiere (gar religiöse) Gefühle?
Immer noch wenige Menschen wissen, dass Charles Darwin in "Die Abstammung des Menschen" bereits eine erfolgreiche, biokulturelle Evolution von Religiosität und Religionen hin zu einem Monotheismus beschrieb. Und noch weniger wissen, dass er dabei nicht nur - aus heutiger Sicht erstaunlich starke - Hypothesen formulierte, sondern auch Tiervergleiche vorschlug. So schrieb er im 3. Kapitel u.a.: "Das Gefühl religiöser Ergebung ist ein in hohem Grade complicirtes, indem es aus Liebe, vollständiger Unterordnung unter ein erhabenes und mysteriöses höheres Etwas, einem starken Gefühle der Abhängigkeit, der Furcht, Verehrung, Dankbarkeit, Hoffnung in Bezug auf die Zukunft und vielleicht noch anderen Elementen besteht. Kein Wesen hätte eine so complicirte Gemüthserregung an sich erfahren können, bis nicht seine intellectuellen und moralischen Fähigkeiten zum mindesten auf einen mässig hohen Standpunkt entwickelt wären. Nichtsdestoweniger sehen wir eine Art Annäherung an diesen Geisteszustand in der innigen Liebe eines Hundes zu seinem Herrn, welche mit völliger Unterordnung, etwas Furcht und vielleicht noch anderen Gefühlen vergesellschaftet ist. Das Benehmen eines Hundes, wenn er nach einer Abwesenheit zu seinem Herrn zurückkehrt, und, wie ich hinzufügen kann, eines Affen bei der Rückkehr zu seinem geliebten Wärter, ist sehr weit von Dem verschieden, was diese Thiere gegen Ihresgleichen äussern."
Die Grundbausteine der Religiosität - sollten wir sie schon bei anderen, sozialen Säugetieren beobachten können? Aus heutiger Sicht spricht sogar noch mehr dafür als zu Darwins Zeiten: Man denke an die Beobachtungen von Ritualverhalten und Totentrauer etwa bei Schimpansen, Elephanten und Delfinen, die teilweise seit Jahrzehnten diskutiert werden.
Hier ein aktuelles Beispielvideo eines Forscherteams um James Anderson von der schottischen University of Stirling (vgl. spektrum-Bericht "Wenn Schimpansen Trauer tragen"):
Um solche Aspekte zu vertiefen, erwarb ich mir neulich "The Emotional Lives of Animals" des Evolutionsbiologen Prof. em. Marc Bekoff - und erlebte eine unangenehme Überraschung.
Vorab: Das Buch ist großartig und enthält viele Beobachtungen, die Thema dieses Blogs werden sollen. Wirklich erschütternd sind jedoch das Vorwort von Jane Goodall und des Autors über die massive Ablehnung, ja Feindseligkeit vieler westlicher Wissenschaftler in der Frage, ob Tiere überhaupt Emotionen und Gefühle hätten. So berichtet Jane Goodall über die massiven Beschimpfungen, die ihr der Umstand eintrug, dass sie den von ihr beobachteten Affen Namen gab. Marc Beckoff schildert seitenweise, wie selbst stärkste, wissenschaftliche Befunde von reduktionistischen und rationalistischen Wissenschaftlern abgetan wurden (und teilweise noch werden), die daran festhalten woll(t)en, dass nur der Mensch Emotionen und Gefühle habe. Hier im Blog war ja schon einmal an die buddhistisch-japanischen Primatologen erinnert worden, die von westlichen Kollegen verlacht worden waren, als sie kulturelle Traditionen bei Affen beschrieben hatten. Dass neben dem Bioethiker Peter Singer auch der Dalai Lama das Buch des Evolutionsbiologen Beckoff würdigt, passt da ins Bild. Hier erkennen Religiöse gerade auch nichtwestlicher Traditionen, dass sich Teile unserer reduktionistischen Wissenschaften über Jahrzehnte hinweg verrannt haben.
Emotionen und Gefühle - Nur beim Menschen evolviert?
Dabei hatte Charles Darwin dem Thema sogar ein eigenes Buch gewidmet: "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren" (1872). Und es ist ja auch evolutionär absolut unwahrscheinlich, anzunehmen, dass so komplexe Veranlagungen nur beim Menschen evolviert seien und sich nicht einmal bei unseren nächsten Verwandten fänden! Und dennoch schafften und schaffen es selbsternannte "Darwinisten" bis heute, sowohl seine Ansätze zur Evolution von Religiosität wie auch zur Evolution komplexer Emotionen und Gefühle außerhalb unserer Spezies zu ignorieren.
Tiervergleiche für die (evolutionäre) Religionswissenschaft!
Immerhin: Als ich das Buch von Bekoff las, erschien mir der heftige Widerstand vieler Reduktionisten gegen die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen als viel weniger erstaunlich. Wenn moderne, gebildete Menschen über Jahrzehnte hinweg und gegen Darwin sogar bestreiten konnten, dass z.B. Hunde über ein reiches Repertoire an Emotionen und Gefühlen verfügen - dann war und ist ihre Voreingenommenheit gegen die natürlichen Wurzeln von Religiosität und Religionen wirklich kein Wunder mehr. Dagegen wird der Mensch-Tiervergleich auch auf den Spuren Darwins zu einem Bestandteil dieses Blogs, in dem ich hoffe viele interessante Beobachtungen und Vergleiche aus der belebten Welt um uns herum vorstellen zu können. Ich bin fest davon überzeugt: Wenn wir unsere Veranlagungen zur Religiosität besser verstehen wollen - müssen wir Sozialverhalten, Emotionen und Gefühle auch unserer tierischen Verwandten besser verstehen lernen.
Veranstaltungshinweis: Am 06.07.2010 trage ich zum Thema "Gehirne für Gott? - Die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen" wieder in der Ringvorlesung Evolution bei den Biologen der Universität Tübingen vor. 18 Uhr ct, Kupferbau, Hörsaal 21. Herzliche Einladung, der Eintritt ist frei.
Ähnliche Artikel:
- Der Mensch, geschaffen nach Gottes Bild - Was soll das denn heißen?
- Franz M. Wuketits zu Gott, Gene und Gehirn
- Christian Wolf zu Neurotheologie - Hirnforscher erkunden den Glauben
- Biologen sind gar nicht so! - Zu verbreiteten Vorurteilen zwischen den Wissenschaften
- Welchen Wert hat ein Kind?



Das freut mich zu hören! Dir trotzdem gute Besserung!
» Nun, lieber @Balanus, dieses Darwin-Zitat hatte gar nicht ich hier eingeführt - sondern Sie! ;-) «
Fein, dass Sie das noch einmal erwähnen, ich wollte nämlich zu Ihrer Einlassung weiter oben:
"Natürlich kann und möchte ich von Blogkommentatoren nicht verlangen, dass sie erst die Fachliteratur gelesen haben, bevor sie sich äußern."
ohnehin noch etwas sagen, und es hat mit dem Darwin-Zitat zu tun.
Also, wie Sie wissen, lieber Michael, ist es in wissenschaftlichen Publikationen guter Brauch, in der Einleitung einen aktuellen Überblick über den Stand der Forschung zu geben, und zwar so, dass der interessierte Nichtfachmann versteht, um was es in dem Artikel geht. Da wird nur sehr wenig an speziellem Fachwissen beim Leser vorausgesetzt, und schon gar nicht, dass er die bereits veröffentlichen Papers, seien es eigene oder fremde, schon kennt.
Man führt den Leser also in die Thematik ein und gibt zu allen fachlichen Aussagen die beste Quelle an, die man kennt.
Wenn ich also etwas Wissenschaftliches lese und es wird eine Quelle genannt, dann gehe ich automatisch davon aus, dass es sich um eine möglichst gute Quelle handelt.
Sie haben nun "Darwins Beobachtung" als Quelle genannt, wenn auch ohne nähere Spezifikationen. So etwas kann einen neugierigen Menschen wie mich natürlich nicht davon abhalten, nachzukucken, um welche Beobachtung es sich da handeln könnte. Und offensichtlich habe ich ja die richtige Stelle gefunden.
Und jetzt kommen Sie und waschen Ihre Hände in Unschuld: "dieses Darwin-Zitat hatte gar nicht ich hier eingeführt…"
Wenn ich jetzt nicht Herrn Aicheles Anmerkung noch im Ohr hätte ("Gibt natürlich auch Wichtigtuer, und die suche ich eher bei gewissen Männern hier in der Runde, die ihr eigenes thematisches Süppchen kochen…"), würde ich vielleicht noch das eine oder andere schreiben, aber so lasse ich das mal lieber…
Schönen Gruß
von einem gewissen Mann ;-)
Nun, da sehen Sie die Unterschiede zwischen Blogs und wissenschaftlichen Veröffentlichungen doch! Beispielsweise würde ich in einer wissenschaftlichen Veröffentlichtung einen Fußnotenapparat anfügen, hier im Blog verlinke ich dagegen Zitate - wie auch hier geschehen.
Und das von Ihnen eingeführte Prä-Animismus-Zitat greife ich bei nächster Gelegenheit auch gerne einmal auf, versprochen! :-)
PS: Wenn Sie an einer wissenschaftlichen Abhandlung mit der Diskussion von Studien, Fußnoten etc. interessiert sind - das haben Rüdiger Vaas und ich u.a. in "Gott, Gene und Gehirn" vorgelegt.
http://www.chronologs.de/...shop.de/artikel/969531
Ein vergleichbarer Anspruch lässt sich m.E. im Blogformat kaum umsetzen, hier kann es ja nur um die Diskussion von Einzelaspekten gehen.
» Nun, da sehen Sie die Unterschiede zwischen Blogs und wissenschaftlichen Veröffentlichungen doch! «
Nein, lieber Michael, in diesem Punkt sollte es keinen Unterschied geben: Wenn man eine Quelle nennt, dann diejenige, die relevant ist.
Okay, zugesagt: Den avisierten Beitrag über Prä-Animismus ergänze ich dann um einen kleinen Link- und Literaturapparat. Dass das für Blogs ungewöhnlich ist, heißt ja nicht, dass wir das nicht einfach machen können. Und Ihnen und Ihrem lebendigen Interesse gebe ich gerne noch etwas Extra-Zeit. :-)
Mit herzlichen Grüßen!
Da mein Interesse in der Tat lebendig ist, hier noch ein kleiner Nachtrag zur Hebung des fachwissenschaftlichen Niveaus ;-) :
John Hedley Brooke vom Harris Manchester College, Oxford, hat die Sache mit Darwin's Hund und dem Sonnenschirm offenbar genau so gelesen wie ich es tue—und das, obwohl der Mann (vermutlich) Theologe ist.
Nachzulesen ist das in seinem Aufsatz: "Darwin and Religion: Correcting the Caricatures", in: Sci & Educ (2010) 19:391–405.
http://www.springerlink.com/...t/275t111848k32223/
Ein lesenswerter Artikel ist auch der folgende von Matthew Day:
Godless Savages and Superstitious Dogs: Charles Darwin, Imperial Ethnography, and the Problem of Human Uniqueness.
Journal of the History of Ideas, Volume 69, Number 1 (January 2008)
http://muse.jhu.edu/..._of_ideas/v069/69.1day.html
Leider sind beide Arbeiten nicht frei zugänglich.
Vielen Dank - das sind in der Tat sehr erfreuliche Funde, die je mehr Aufmerksamkeit verdienen! :-)
hallo, nach langer zeit, ich mal wieder....
hab hier nur mal was zum gucken....
http://www.youtube.com/watch?v=YYk1c0dWFFQ
und wie entsteht diese versklavung....
http://www.youtube.com/watch?v=M-LCfWxCkL4
viel spaß beim nachdenken darüber....
ehrliche liebe grüße an alle
monika kneiseler
ps: wohl dem, der seine krämerseele überwunden hat, er wird frei(in unserer gesellschaft zur zeit auch vogelfrei)....
unser problem ist das MONOpoly in dem wir stecken....verlierer sind immer die nachfolgenden generationen, weil die straßen, bahnhöfe schon alle verkauft sind,
wenn die jüngeren in das spiel einsteigen....
nochmal liebe grüße
monika kneiseler
nochmal ps:
als konsequenz: die Todesfuge von celan....schaufeln ein grab in den lüften, da liegt man nicht eng....
(sprich) die "überflüssigen" müssen wieder irgendwie verschwinden....
es lebe die krämerseele....(das war jetzt ironisch gemeint)
allen nochmal liebe grüße
monika kneiseler