Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin von Winfried Menninghaus
Immer wieder hatte ich mich darüber gewundert, warum selbst in den Wissenschaften kaum bekannt war, dass schon Charles Darwin selbst hervorragende Begriffe und Hypothesen zur Evolution von Religiosität und Religionen geprägt hatte. Lange Zeit hatte ich zu der Annahme tendiert, dies müsse vor allem an den polemischen Frontstellungen zwischen religionskritischen "Darwinisten" einerseits und religiösen Kreationisten andererseits gelegen haben, zwischen denen sich sorgfältige Lesarten nicht durchsetzen konnten. Dank des neuen Buches "Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin" des Literaturwissenschaftlers Winfried Menninghaus weiß ich es nun besser.
Menninghaus hatte vor einigen Jahren die Beantragung und dann von 2007 bis 2010 die Leitung des interdisziplinären Forschungsclusters "Languages of Emotion" an der FU Berlin übernommen. Das Buch darf schon jetzt als ein wichtiger Ertrag dieses Natur- und Kulturwissenschaften verbindenden Projektes gelten. Menninghaus stellt dabei Begriffe und Hypothesen vor, die Darwin (insbesondere während seines Theologiestudiums in Cambridge als intensiver Genießer von Musikdarbietungen und Kunstausstellungen bekannt) selbst zur Evolution der Künste wie Ästhetik, Singen, Tanzen, Rhetorik, aber auch der Schaffung von Gemälden und Skulpturen formuliert hatte. Selbstverständlich handelte es sich dabei je nur um vorsichtige Entwürfe - doch erweisen sie sich als weit besser als das meiste, was heute in Schrumpfversionen (wie den "Singing-for-Sex"-Entwürfen) als "darwinistisch" verkauft wird!
Menninghaus weist damit nach: Nicht also nur die evolutionäre Religionsforschung Darwins, sondern überhaupt seine Ansätze zu den "höheren" geistigen und kulturellen Fähigkeiten des Menschen fielen den breiten Gräben zwischen Natur- und Kulturwissenschaftlern zum Opfer!
Das Werk erweist sich damit als ein wichtiger und wegweisender Brückenschlag, der aber auch noch aufzeigt, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. So rezipiert Menninghaus dominant bis (zum Beispiel beim Thema Religion) fast ausschließlich englischsprachige Studien. Die inhaltlich oft hochwertigen, aber allzu verstreuten Publikationen aus den Federn interdisziplinärer, deutschsprachiger Evolutionsforscher finden dagegen noch kaum zusammen. Eckart Voland wird immerhin mit englischsprachigen Publikationen zitiert, Wolfgang Steinig und Josef Reichholf finden Erwähnung, Gerhard Vollmer fehlt aber beispielsweise (noch) völlig. Mir scheint das kein böser Wille sondern nur ein weiterer Hinweis auf die noch immer fehlende Vernetzung und mangelnde, öffentliche Präsenz der deutschsprachigen, interdisziplinären Evolutionsforscher zu sein.
Auch ist in der gegenseitigen Verständlichmachung zwischen den Disziplinen noch einiges zu leisten. Ich fürchte, man muss schon etwas länger in der interdisziplinären Evolutionsforschung geackert haben, um Sätze wie den folgenden auf Anhieb zu erfassen:
Auch unabhängig von der ausstehenden Klärung solcher Fragen verstärkt das hier vertretene Modell der menschlichen Künste in jedem Fall die Bedeutung derjenigen Fähigkeiten und Dispositionen, die von den Künsten kooptiert, (re)konfiguriert und neu benutzt werden, also nicht eigens und modular für diese Zwecke evolviert sind. Das Modell erweitert Darwins Kriterium lernbarer Varianz zu der Hypothese, dass nicht - oder nicht nur - je einzelne spezialisierte Fähigkeiten zu kunstvollen Höhen getrieben werden, sondern dass die Produktion und Rezeption der Künste Höchstleistungen in der (vermutlich kulturell erworbenen) domänenübergreifenden Zusammenarbeit ehemals separater Adaptionen darstellen. Diese Theorie gibt Kants transzendentalphilosophischer Hypothese eines zugleich "freien" und stimmigen "Spiels unserer Vermögen" im "ästhetischen Gefallen" eine neue evolutionstheoretische Formulierung. (S. 259)
Inhaltlich halte ich das für wegweisend - ich fürchte nur, dass es für Neulinge in dem Forschungsfeld allzu schwer verständlich sein könnte. Und doch kann ich nur hoffen, dass sich möglichst viele Leserinnen und Leser auf Menninghaus' konstruktiven und ertragreichen Brückenschlag einlassen und die Forschungen zu menschlicher Kultur endlich auch im deutschen Sprach- und Forschungsraum eine tragfähigere, empirisch-evolutionäre Grundlage erhalten.
Ähnliche Artikel:
- Evangelische Andacht für einen Neandertaler - und für uns
- Das Prinzip Evolution - von Mariano Delgado, Oliver Krüger und Guido Vergauwen (Hrsg.)
- Religion ohne Gott - Zen-Buddhismus
- Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution!
- Was bedeutet Evolution für Sie?



".. also nicht eigens und modular für diese Zwecke evolviert sind ..."
Lässt sich denn in Menninghaus' Text erkennen, was er für den Zweck solcher (Meta- / Epi- (?)) -Exaptationen hält?
In Brian Boyd's wunderbarem Buch "On the origin of stories" gibt auch er eine evolutionäre Erklärung von Kunst: sie sei weniger als "cheesecake for the mind" entstanden, sondern als "cognitive play".
Also als Modus des Durchspielens von noch nicht seienden Horizonten, Möglichkeiten, Perspektiven etc. Das ist eine sehr schöne und freilassende Arbeitsdefinition, in die auch spirituelle Inhalte (etwa der ersten Höhlenmalereien) fallen können. Der frühe Mensch - so Boyd - war gut damit bedient, etwa bei der Jagd ein Geräusch multiperspektivisch zu interpretieren: als Wind, als ein Tier, als ein möglicher Feind. Also nicht nur eine, sondern mehrere Möglichkeiten parat zu haben - Überlebenserfolg auch mithilfe der Phantasie und nicht nur mithilfe des "Realitätssinnes". Wobei man davon ausgehen kann, dass der frühe Mensch sowieso unter "Realität" etwas ganz anderes verstand als wir. Das Geräusch hätte sogar die Stimme von Ahnen oder Geistern sein können. "Cognitive play" zeigt auf, wie stark unser Geist von vornherein auf Transzendenz angelegt ist,
auf das Überschreiten, Vordenken, Imaginieren, Durchspielen des Möglichen. Kunst und Religion sind - nach Boyd - wohl auch aus diesem kreativen Urvermögen heraus entstanden.
Ja, tut er. Menninghaus diskutiert, Fähigkeit für Fähigkeit, drei (sich selbstverständlich nicht ausschließende) Funktionen:
1. Kooperationsförderung / Gruppenintegration
2. Sexuelle Werbung
3. Spiel (Einübung adaptiver Fähigkeiten und Potentiale)
Sehr schön arbeitet er auch heraus, dass Darwin auch die Zeitschiene sah und z.B. davon ausging, dass Musikalität beim (Vor-)Menschen früher (!) auch (!) sexuelle Werbungsfunktion hatte, aber eben nicht nur und kaum heute.
Da stimme ich immer mehr zu und tendiere inzwischen auch zu der Auffassung von Bellah, dass das Spielen für die Evolution höherer Kultur- und Geistesfähigkeiten einschließlich der Religion zentral war.
Boyds Buch, das mich ebenfalls sehr begeisterte, hatte ich hier auch schon einmal vorgestellt, als es um die Adaptivität von Fantasie und Rollenspielen ging:
http://www.scilogs.de/...evolution-rer-perspektive
Schon toll, was für ein farbenfrohes Bild der menschlichen Evolution sich langsam ergibt, oder!? :-)
Neuere Theologen wenden die Kategorie des "kognitiven Spieles" sogar auf Religion selbst an und sprechen von Jesus als "dem Spieler von Gottes Gnaden", der uns mit seinen Gleichnissen Möglichkeits-, Gegen- und damit Freiheitsräume zum "Wirklichen" aufschliesst. Etwa Sabine Bobert in ihrer Arbeit "Frömmigkeit und Symbolspiel", auch Fulbert Steffensky und Dorothee Sölle.
"Kindsein vor Gott" verliert damit den Verdacht des Regressiven und wird zu einem "Spielen vor Gott", das wesentlich für Individuation, Ablösung und Selbstwerdung werden kann. Ein spannender Ansatz neuer Theologie, der die Brücke zur Kunst schlägt und gegen Fundamentalismus und verstockten Glaubensernst gefeit zu sein scheint.