01. Dezember 2011, 23:26
Nun ist er also wieder da, der heilige Advent, die Vorweihnachtszeit. Auch Menschen, die sonst wenig oder nichts mit Religion zu tun haben, werden nun wieder in religiöse Symbolik und Mythen eingehüllt. Kirchenkonzerte und Weihnachtsmärkte locken Besucherscharen, Zeitschriften und andere Medien greifen die erhöhte Nachfrage mit Spezialtiteln auf, Spendenaufrufe für Arme und Benachteiligte finden erheblich mehr Gehör. Manche werden wieder versuchen, sich gegen solche religiösen Erfahrungen abzugrenzen - und andere werden sich umgekehrt darüber ärgern, dass die heilige Zeit auch kommerzialisiert wird.
Wie ist das eigentlich mit den religiösen Erfahrungen?
Aber wie ist das eigentlich mit den religionsbezogenen Erfahrungen - sind diese innerhalb der Weltreligionen sehr ähnlich? Aus evolutionärer Sicht läge dies nahe, da sich ja in jeder Generationen überspannenden Tradition jene Varianten durchsetzen sollten, die allgemein-menschliche Bedürfnisse erreichen. Aber alternativ wäre ja auch denkbar, dass es riesige Unterschiede gibt und beispielsweise eine Jüdin ein anderes Gottesbild erführe als eine Muslimin oder ein Christ sich mehr mit Schuld und Liebe auseinander setzte als ein Hindu, der eher Dankbarkeit empfände.
Wissenschaftlern steht es gut an, auch gängige Annahmen hin und wieder zu hinterfragen. Als ich also neulich einen Artikel über die Glücksforschung zu Religiosität und Religionen schrieb, entschied ich mich, einmal zu überprüfen, ob sich die religiösen Erfahrungen verschiedener religiöser Kulturen stark unterschieden.
Als Datenmaterial wählte ich den Religionsmonitor 2008, der parallel in mehreren Ländern konkrete "Erfahrungen mit Gott bzw. dem Göttlichen" wie Liebe oder Angst erfragt hatte. Ich wählte acht Länderdatensätze, die bewusst sehr verschiedene, religiöse Kulturen repräsentieren: Deutschland, Indien, Israel, Marokko, Russland, Südkorea, Türkei und die USA.
Und dort verglich ich die Angaben zur Häufigkeit von drei positiven Erfahrungen - Befreiung von Schuld, Liebe & Dankbarkeit, zusammengefasst zu Wohlbefinden (W) - und drei negativen Erfahrungen - Schuld, Angst & Verzweiflung zu Unwohlsein (U).

Der erste Befund ergab schon deutliche Unterschiede: Je nach Intensität der gelebten Religiosität in den jeweiligen Ländern schwankte auch die Frequenz religiöser Erfahrungen - wo seltener gebetet und Gottesdienste besucht werden, finden sich auch seltener religiöser Erfahrungen. Soweit, so wenig überraschend.
Interessant aber auch: Quer durch alle untersuchten Länder überwogen deutlich die positiven über die negativen religiösen Erfahrungen. Unterschiede gab es dabei, sie waren jedoch sehr gering: In den drei Ländern, die die höchsten Frequenzen religiöser Erfahrung verzeichnen (Marokko, Türkei, Indien), wird als häufigste Erfahrung mit Gott oder dem Göttlichen „Liebe“ benannt, in den anderen fünf steht „Dankbarkeit“ an der Spitze. In der Türkei, in Indien, den USA und Südkorea wird häufiger „Befreiung von Schuld“ als „Schuld“ selbst erfahren, in Deutschland gleich häufig. Die seltenste, religiöse Erfahrung ist in sechs Ländern Verzweiflung, in Indien Schuld und in Russland Angst.
Quer durch die religiösen Kulturen sind die gemachten Erfahrungen also nicht völlig identisch, aber überlappen doch sehr weitgehend.
Noch massiver wurden die Übereinstimmungen, wenn die religiösen Erfahrungen jener Befragten verglichen wurden, die als "hochreligiös" galten, da in ihrem Leben und Verhalten Religion einen zentralen Stellenwert annahm (regelmäßiges Gebet, Gottesdienstteilnahme, Zustimmung zu Glaubensaussagen etc.). Hier wurde deutlich: Der "Anteil" von Hochreligiösen schrumpfte in wohlhabend-sicheren Ländern wie Deutschland - jene Befragten, die jedoch hochreligiös blieben, wiesen sehr ähnliche Erfahrungsmuster auf wie die Hochreligiösen aller anderen Länder.

Auch hier zeigten sich die religionsbezogen schon "klassischen" Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die jedoch ebenfalls mit der religiösen Praxis korrelierten: In weniger religiösen Gesellschaften wandten sich stärker Männer als Frauen von der jeweiligen Glaubenspraxis ab und wiesen entsprechend seltener entsprechende religiöse Erfahrungen auf.

Annahmen (leider?) bestätigt
Letztlich also bewahrheiteten sich die Annahmen, die evolutionär zu erwarten waren - was einerseits erfreulich war, andererseits aber natürlich auch ein bißchen ernüchternd: Stunden von Arbeit, aus denen sich nichts eigentlich Neues ergab. Aber so ist das nun einmal regelmäßig in der Wissenschaft - es kann nicht ständig Überraschungen geben.
Dann werde ich jetzt wohl doch einmal wieder einfach die Adventsstimmung genießen und mich darüber freuen, dass auch Menschen anderer Religionen und Kulturen zu ihren Zeiten ganz ähnliche Erfahrungen machen.

Für an Glücksforschung Interessierte, der besprochene Artikel zum Download:
Blume, M. (2011): Lehrt nur Not beten? Zum komplexen Zusammenhang von Religion & Glück.
In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Bd. 32, 2011
Geschrieben in
Evolutionspsychologie
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