Gott im Kopf - Wozu?
Jesse Bering, Direktor des Institute of Cognition & Culture an der Universität Belfast, gehört zu den kreativsten und interessantesten Evolutionspsychologen, die in den Evolutionary Religious Studies zur Religiosität des Menschen forschen. Der entschiedene Atheist hat in einer Reihe faszinierender Experimente untersucht, ob schon Kinder "intuitive Theisten" sind - und dabei auch adaptive Vorteile des Glaubens an Gott bestätigt.
Den NewTimes vertraute Jesse seine ursprüngliche Motivation an, die Evolution religiöser Veranlagungen zu erforschen (die folgenden Zitate aus diesem Artikel). Nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich entschlossen, Gott zu stellen: "Wir haben Gott an der Kehle, und ich werde nicht aufhören, bis einer von uns tot ist." Nach jahrelanger Arbeit ist Jesse inzwischen überzeugt: der Gottesglauben ist "keine Idee, kulturelle Erfindung oder Opium für die Massen", sondern ein Produkt der Evolution. "Gott ist eine Art zu denken, die durch natürliche Selektion verewigt wurde."
Die Prinzessin-Alice-Experimente
Bering startete mit den Princess-Alice-Experimenten (alle folgenden Experimente aus dieser Veröffentlichungsliste). Es zeigte sich, dass Kinder die Bitte, eine Box in einem Raum (der per Video von den Experimentatoren und Müttern beobachtet wurde) nicht zu öffnen, dann häufiger erfüllten, wenn ihnen zuvor erzählt worden war, dass sie nicht ganz alleine seien, sondern eine nette, "unsichtbare Prinzessin Alice" anwesend wäre. Die erzählte Realität hatte Wirkmacht gewonnen. Und mit diesem ebenso einfachen wie genialen Experiment unterstrich Bering, dass der Glaube an übernatürliche Akteure schon bei Kindern zu Verhaltensänderungen und Regeltreue beitrage. Und konnte in einer Vergleichsstudie sogar darüber hinaus aufzeigen: Auch noch Studenten (!) schummelten in einem Computertest seltener, wenn ihnen davor beiläufig erzählt worden war, jemand habe kürzlich "einen Geist" im Testraum erblickt.
In einer zweiten Experimentreihe konnte Bering aufzeigen, dass heranwachsende Kinder mit zunehmendem Alter auch in der Lage waren, "Signale" von übernatürlichen Akteuren zu deuten. So wurden sie gebeten, sich für eine von zwei Boxen zu entscheiden, da in einer ein Ball versteckt sei. Wieder wurde ein Teil der Kinder über die Anwesenheit einer liebenswerten, unsichtbaren Prinzessin Alice informiert. Gingen nun "zufällig" Lichter an und aus oder fiel ein Bild auf den Boden, so wechselten ältere Kinder häufiger die gewählte Box: einige werteten auch im Abschlussgespräch die (zum Experiment gehörenden) Ereignisse als "Hinweise von Alice".
Die arme Maus Mr. Brown
Aber Bering und Kollegen waren noch nicht zufrieden - sie wollten wissen, ob diese Haltungen schon biologisch oder erst kulturell angelegt waren. Also boten sie Kindern verschiedenen Alters ein Puppenspiel, in dem eine kleine Puppenmaus auf dem Weg nach Hause von einem Stoffkrokodil verschlungen wurde. Sodann wurden die Probanden befragt, ob die Maus noch lebe, Hunger habe, nach Hause wolle etc. Das Ergebnis: Schon Kindergartenkinder wussten, dass die Maus tot war, ihr Gehirn nicht mehr tue (88 %) und sie keinen Hunger mehr habe - aber nur 24% glaubten, dass sie nicht mehr nach Hause wollte. Auch von den älteren Kindern glaubte noch eine knappe Mehrheit an den weiteren Nach-Hause-Willen der Maus, obwohl sie vom Erlöschen der biologischen Funktionen der Maus überzeugt waren. Die Kinder schrieben einer toten Person Emotionen und Absichten zu.
In einer Kontrollstudie in Spanien wiederholten Bering und Kollegen das Experiment mit Kindern aus einer konfessionslosen und katholischen Einrichtung - und auch hier zeigte sich, dass die katholisch erzogenen Kinder im Laufe ihrer Erziehung nicht etwa Jenseitsvorstellungen aufbauten, sondern nur langsamer abbauten als ihre konfessionslos erzogenen Altersgenossen.
In den Worten von Bering: "Das ist genau das Gegenteil das Musters, das jemand erwarten würde, wenn die Ursprünge des Glaubens ausschließlich auf kulturelle Indoktrination zurück gingen." Stattdessen zeige sich, dass schon in kindlichen Gehirnen Tendenzen zu Seelenvorstellungen und unsichtbaren Akteuren angelegt seien.
Evolutionsvorteil: Regeltreue Kooperation
Aufgrund der experimentellen Befunde hat der Evolutionspsychologe in "Hand of God, Punishment of Man: Punishment and Cognition in the Evolution of Religion" inzwischen seine Unterstützung der These veröffentlicht, dass der Glaube an übernatürliche und ggf. unsichtbare Akteure einen beobachtbaren Kooperationsvorteil mit sich brachte: Wo immer sich Menschen wechselseitig den Glauben an gemeinsame, übernatürliche Beobachter versicherten, schufen sie damit quasi transzendente Schiedsrichter, die per Lohn und (vor allem) Strafe regeltreues Verhalten und Kooperationstreue sicherstellten. Aus natürlichen Epiphänomen des frühmenschlichen Gehirns hätte sich daher der Glauben an übernatürliche und jenseitige Akteure exaptiert.
Bei der Biology-of-Belief-Tagung in Delmenhorst stellten wir fest, dass hier die evolutionspsychologischen und religionsdemografischen Beobachtungen tatsächlich zum gleichen Ergebnis kommen: religiös vergemeinschaftete Menschen heiraten eher und stabiler und ziehen gemeinsam mehr Kinder auf, was nicht die einzigen, aber biologisch besonders bedeutsamen "Kooperationsprozesse" sind. Und auch Thomas Bouchard sah Übereinstimmung mit seinen Befunden aus der Verhaltensgenetik. Ganz verschiedene, unabhängig voneinander enstandene Experimente und Datensätze verschiedenster Wissenschaften bekräftigen inzwischen, dass der Gottesglauben "ganz normal" wie andere Fähigkeiten auch in der Evolution des Menschen entstand.
Und - stirbt Gott?
Jesses Hoffnung, dass eine evolutionsbiologische Erklärung des Glaubens "Gott an die Kehle" gehen würde, hat sich freilich nicht erfüllt. Denn selbstverständlich sagen Hinweise und Nachweise zum biologischen Nutzen des Glaubens nichts über die Existenz des Geglaubten aus. Stattdessen zeigt sich immer wieder, dass die Befunde quer zu den Lagern stehen: religiösen Fundamentalisten und vielen Vertretern der Geisteswissenschaften ist die gesamte Evolutionstheorie von vornherein suspekt und vielen naturwissenschaftlich-evolutionsbiologisch argumentierenden Religionskritikern passt es umgekehrt gar nicht, dass im religiösen Wettbewerb bewährter Glauben, rein empirisch betrachtet, mit biologischem Erfolg verknüpft ist. Der Gottesglaube könnte nur ein adaptives Zufallsprodukt der Evolution sein. Oder aber die Evolution könnte ein Weg sein, auf dem Er sich entfaltet und offenbart. Evolutionäre Religionswissenschaft bleibt also spannend...

