Homo religiosus vs. Homo oeconomicus
Das aktuelle Heft von Gehirn und Geist (Juli / August 2010) befasst sich in mehreren Artikeln und auf hervorragendem Niveau mit (evolutions-)psychologischen Forschungen zur Konstruktion der Selbstwahrnehmung (des Ich).
Hinweisen möchte ich besonders auf den hervorragenden Artikel von Steve Ayan "Innenansichten der Psyche", in dem eine Vielzahl von experimentellen Studien vorgestellt wird. Dazu gehört eine Arbeit eines belgisch-niederländischen Forscherteams um Dirk Smeesters, in dem 150 Probanden unbewusst (für je nur 17 Millisekunden) entweder mit religiösen Begriffen (Gebet, Psalm, heilig, Gnade etc.) oder Wirtschaftsworten (Aktie, Geschäft, Karriere etc.) konfrontiert (im Fachjargon: geprimet) wurden. Danach spielten diese ein Diktatorspiel, wurden also darauf getestet, wieviel sie mit anderen teilen würden, die ihrerseits nicht aktiv werden konnten.
Dirk Smeesters, Vincent Y. Yzerbytb, Olivier Corneilleb and Luk Warlop (2009): When do primes prime? The moderating role of the self-concept in individuals’ susceptibility to priming effects on social behavior. Journal of Experimental Social Psychology, Volume 45, Issue 1, January 2009, p. 211-216
Ein Befund bestätigt schon ältere Befunde: Religiös beeinflußte Probanden erwiesen sich als durchschnittlich freigiebiger (prosozialer) (vgl. unten Shariff & Norenzayan). Doch sie fügten auch zwei neue Erkenntnisse hinzu: Ökonomisch beeinflußte Probanden handelten durchschnittlich egoistischer. Und: Probanden, die schon vor der Priming eine starke prosoziale oder egoistische Haltung aufwiesen, ließen sich weniger (kaum) beeinflussen.
"Die übernatürlichen Akteure sehen Dich!"
Das Potential religiöser Traditionen, prosoziales (hier: teilendes) Verhalten zu begünstigen, wurde bereits in zahlreichen Experimenten festgestellt und hat es auch schon in die Science gebracht. Hier ein frei zugänglicher Forschungsartikel dazu: "God Is Watching You. Priming God Concepts Increases Prosocial Behavior in an Anonymous Economic Game" von Azim Shariff und Ara Norenzayan 2007 (pdf).
Sind religiöse Menschen also die besseren Menschen? Nein!
Natürlich läge hier aus Sicht einiger vielleicht ein Triumphalismus nahe, nach dem Motto: Seht Ihr, religiöse Menschen sind einfach die besseren Menschen! Aber so einfach ist es gerade nicht, es gibt drei sehr große Aber!
Zum einen scheint der unbewusste Effekt ja (auch) durch den ggf. vorbewussten Glauben, beobachtet zu werden, hervorgerufen zu werden. Damit ist es aber eben nicht einfach moralisch besser! Wer z.B. mit Armen teilt, weil er dafür in den Himmel zu kommen hofft, handelt vielleicht gut, aber doch auch implizit abwägend. In spontanen Experimenten schneiden Religiöse nicht besser ab, sie werden nicht zu "besseren Menschen" (und viele kluge Theologien wissen und sagen das auch!).
Zudem weist die Studie von Smeesters et al. ja gerade darauf hin, dass die unbewusste Beeinflußung vor allem bei Menschen mit unsicheren Vorprägungen wirkt. Und das heißt dann eben auch: Religiöse Prosozialität kann z.B. von Zynikern auch ausgebeutet werden! Die Spannweite reicht von der Manipulation ("Sie predigten Wasser und tranken Wein.") bis zum Selbstmordattentäter, dem eingeredet wird, ein altruistisches, Gott gefälliges Opfer zu leisten!
Und schließlich war und ist die Ethik gegenseitigen Teilens in den Kleingruppen, in denen unsere Vorfahren evolvierten (und gegenüber Anderen auch abgrenzten!), sehr erfolgreich - lässt sich aber nicht einfach auf das Miteinander in großen Kulturen übertragen. Dass z.B. Gewinne stets verteilt werden sollen, macht(e) z.B. unter Jägern und Sammlern, die keine Vorräte anlegen konnten, völlig Sinn - wer heute von seinem Überfluss gab, konnte morgen auch erhalten. Auch heute funktionieren Gütergemeinschaften nur unter religiösen Vorzeichen in Kleingruppen bis etwa 150 Menschen, so unter den Shakern und Hutterern oder israelisch-religiösen Kibbutzim. Größere oder säkulare Gruppen zerfielen dagegen bislang ausnahmslos. Denn in modernen Marktgesellschaften lähmt der Verteilungs-Imperativ: So sind damit kaum Leistungsanreize und Investitionen möglich, übermäßiges Verteilen hält alle im Elend. Und wer sich auch im wirtschaftlichen Alltag moderner Gesellschaften eher der eigenen Familie und Bekanntschaft verpflichtet fühlt als abstrakten Prinzipien, leistet aus vermeintlich edlen Motiven Filz und Korruption Vorschub - siehe Griechenland, in dem ja auch keine "schlechteren" Menschen leben!
Fazit: Religionen brauchen Freiheit & Wettbewerb, um lebensdienlich zu wirken
Friedrich August von Hayek wies in seinem "Fatal Conceit" daher zu Recht darauf hin (S. 18): Wenn wir die Regeln der Kleingruppen (z.B. Familien) einfach auf die Gesamtgesellschaft übertragen, untergraben wir diese. Wenden wir aber die Regeln der Marktgesellschaft umgekehrt auf die Kleingruppen an, so zermalmen wir auch diese. "Daher müssen wir lernen, in zwei Welten gleichzeitig zu leben." Eine mythologische Antwort, die unter den Bedingungen einer Wildbeutergesellschaft richtig gewesen sein kann, kann in einer Industriegesellschaft verheerende Auswirkungen haben - und umgekehrt. Religiosität eröffnet "nur" ein biokulturelles Potential, das sich je nach kultureller Ausprägung und Umweltbedingungen lebensdienlich oder -schädlich auswirken kann.
Die einzige Lösung besteht also in (bio-)kultureller Evolution: In Religionsfreiheit und religiös-weltanschaulichem Wettbewerb, einschließlich kritisch-konstruktiver Kritik an Religionen und Weltanschauungen: Wieder und wieder müssen etablierte Traditionen durch neue Varianten herausgefordert und überholte, erstarrte Angebote durch lebendige Alternativen verändert oder ersetzt werden. Nur so organisiert sich auch der evolutionär entscheidende, reproduktive Vorteil von Religionen.
Zum Weiterlesen (kostenloser Download):
"Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41
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