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F.A. von Hayek - Der (noch) verkannte Nobelpreisträger

von Michael Blume, 22. März 2008, 14:43

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, der Wert Ihrer wissenschaftlichen Arbeit werde übersehen? Zum Trost: Das passiert auch Nobelpreisträgern. Vor einem Vierteljahrhundert schuf Friedrich August von Hayek (1899-1992) eine wegweisende Theorie der Evolution von Religiosität und Religionen - bis heute kaum bemerkt...

Es hat etwas von Hase und Igel: Immer wieder, wenn sich derzeit neue, empirische Befunde zur Evolution von Religiosität und Religionen abzeichnen, bestätigen sie Annahmen aus zwei späten Texten des Freiburger Wirtschaftsnobelpreisträgers: Den Vortrag "Die überschätzte Vernunft" von 1982 (erschienen 1996 in "Die Anmaßung von Wissen", nach dem Titel seiner Nobelpreisrede) und das letzte Kapitel seines letzten Buches "Religion and the Guardians of Tradition" in "Fatal Conceit" von 1988. Fast völlig unbekannt, nahmen sie (u.a.) vorweg

- die Bedeutung der auch religiösen Vergemeinschaftung von Menschen in der Humanevolution, wie sie Emile Durkheim Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete und David Sloan Wilson 2002 in "Darwins Cathedral" neu beschrieb

- die vertrauensbildende Kraft religiös-gemeinschaftlicher Rituale, wie sie besonders Richard Sosis, dann auch Eric Bressler und Jeffrey Schloss inzwischen empirisch entschlüsselten

- die teils genetische, teils kulturelle und individuelle Ausprägung religiösen Verhaltens, wie sie der Verhaltensgenetiker Thomas J. Bouchard derzeit erkundet

- die Neuro-Konstruktionsregeln der Vorstellungen, die wir Menschen uns von übernatürlichen Akteuren wie Ahnen, Geistern und Göttern machen, wie sie zuletzt v.a. Pascal Boyer und Jesse Bering aufdeckten

- die Hintergründe, warum die übernatürlichen Mächte nicht einfach beliebige, sondern sehr bestimmte Moralgebote per Heilsversprechen und Strafandrohung einfordern, wie u.a. von Jesse Bering und Christopher Boehm beschrieben

- die Lösung des Rätsels geheimnisvoll-wirksamer Tabus, das der große Rationalist, Ethnologe und Religionswissenschaftler Sir James Frazer 1909 in "Psyches Task" geschildert hatte

- die Erklärung, warum sich mit steigender Mobilität, Technologie und Bevölkerungszahl der Götterhimmel tendenziell von den Ahnen und Geistern zum Polytheismus und schließlich Monotheismus verschiebt, wie 2007 von Stephen Sanderson erfasst

- die Theorien des religiösen Wettbewerbs, wie sie Adam Smith vorentwarf und heute u.a. Rodney Stark (als "religious market") erarbeitet

und schließlich

- die Erkenntnis, dass sowohl die biologische wie die kulturelle Evolution am Ende immer durch Reproduktionsvorteile entschieden werden - und dass gewachsene Religionen ihren Anhängern genau solche "reproductive advantages" bescheren

Nun könnte man meinen, dass eine evolutionäre und empirisch testbare Religionstheorie eines über Jahrzehnte in Freiburg wirkenden, humanwissenschaftlichen Nobelpreisträgers in Deutschland unter Geistes- und Naturwissenschaftlern Aufmerksamkeit finden würde. Aber weit gefehlt. Ein Ökonom, der sich zur (Evolutions-)Biologie öffnete? Und auf dieser Basis auch noch über Religion nachdachte? Dem nachzugehen hätte interdisziplinäre Teams gefordert, die sich (bisher) schlicht nicht fanden. Heute sind o.g. Religionstexte daher fast völlig in Vergessenheit geraten.

Der Ausnahme-Rabbi

Vor zehn Jahren, 1998, gelang dem ersten und bislang einzigen Theologen der Durchbruch ins hayeksche Denken: "Market and Morals" von Oberrabbiner Jonathan Sacks wurde prompt zur bis heute berühmtesten Hayek-Lecture weltweit - und erlebte dennoch bislang keine würdigen Nachfolger, auch (und gerade) nicht in Deutschland.

Vergessen - oder Wiederentdecken? 

Werden von Hayeks Thesen endgültig dem Desinteresse zwischen den Disziplinen zum Opfer fallen? Oder werden die Schätze noch geborgen? Mit einer Reihe über den großen Denker in den Wissenslogs möchte ich einen kleinen Beitrag zu leisten versuchen, seine geniale Religionstheorie dem schläfrigen Vergessen zu entreissen. Das nächste Mal möchte ich aufzeigen, wie der Ökonom und bekennende Agnostiker überhaupt dazu kam, Religion als Thema zu entdecken und zu erfassen...





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