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Biokulturelle Evolution

von Michael Blume, 22. November 2009, 21:41

Es soll immer noch Leute geben, die behaupten, "Evolution" sei ein rein biologischer Begriff. Dabei stammt "Evolution" - und übrigens auch "genetisch"! - aus der Sprachwissenschaft, die bereits Jahrzehnte vor Charles Darwin und Alfred Russel Wallace den gemeinsamen Ursprung von Sprachen und deren Auffächerungen und Veränderungen erkundete (vgl. von Hayek). Von hier wurden die Begriffe in die Biologie übernommen - und zugleich bilden Sprachen ein wunderschönes Beispiel für die Wechselwirkung von Natur und Kultur: Gene, Neuronen und Sprechapparat erlauben erst die kulturelle Produktion von Sprachen - deren Beherrschung wirkt wiederum auf den Reproduktionserfolg und also die Biologie der Sprechenden zurück.

Und natürlich stehen Sprachen damit nicht alleine: Von Auswahl und Mitteln der Nahrungsbeschaffung über die Herstellung von Werkzeugen, Kleidung, Musikstilen (und -instrumenten) bis hin zu religiösen Überlieferungen (und Ritualen) haben wir es immer mit der untrennbaren, sich verstärkenden Wechselwirkung von Biologie und Kultur zu tun.

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

In den letzten Jahren haben Genanalysen beispielsweise Vergleiche von Sprach- und Genflüssen erlaubt, aber auch viele Spezialfälle entziffert. Denken wir zum Beispiel an die lebenslange Laktosetoleranz - die Fähigkeit, auch jenseits der Kindheit Milch zu verdauen. Diese genetische Veranlagung setzte sich binnen weniger Jahrtausende in den Populationen durch, die Milchvieh hielten - deswegen vertragen heute fast alle Dänen, aber fast keine Thailänder Kuhmilch. Die Kultur veränderte hier tiefgreifend die Biologie. Mit immer mehr Entdeckungen zur Epigenetik sind die Trennwände schließlich völlig zerfallen: Lebensumwelt und also (auch) Kultur wirken sich sogar darauf aus, wie Gene gelesen und in Merkmale umgesetzt werden!

Abendländischer Dualismus

Wallace und Darwin gingen bereits selbstverständlich von biokulturellen Wechselwirkungen aus - aber dieses Wissen geriet immer wieder unter Druck. Unsere abendländische Kultur war es gewohnt, seit Platon & Aristoteles einerseits und Descartes andererseits die Realität binär zu gliedern: Immanenz und Transzendenz, Leib und Seele, Wissen und Glauben, Gehirn und Geist, Natur und Kultur, Mensch und Tier, Gen und Mem (nach Richard Dawkins, um den es im nächsten Blogpost geht). Und so entdeckten beispielsweise japanisch-buddhistische Primatologen wie Kinji Imanishi, dass auch Affen Kultur besaßen - und mussten sich dafür von westlichen "Darwinisten" über Jahrzehnte hinweg teilweise übel beschimpfen lassen (eindrucksvoll dazu: De Waal). Das Bild der drei Affen wird sogar bis heute bei uns in Europa und den USA als Spottbild verstanden - während die drei im japanischen Buddhismus eigentlich ehrwürdige Freunde der Menschen sind, die gegenüber den Göttern über die menschlichen Sünden schweigen, hinwegsehen und hinweghören! Auch vermeintlich "aufgeklärte" Westler können enorm arrogant gegen Mensch und Tier sein...

Noch ein Jahrhundert nach Darwin kämpfte Friedrich August von Hayek gegen den Dualismus von Natur und Kultur, in den große Teile der abendländischen Wissenschaft immer wieder zurück fielen. Und langsam, ganz langsam beginnen auch wir Westler zu begreifen, dass biokulturelle Evolution (auch Gen-Kultur-Koevolution genannt) ein Regelfall hoch komplexer Tiere (inkl. des Menschen) und keine Ausnahme ist. Was Nahrung, Werkzeuge, Sprache, Kleidung, Musik usw. unserer Spezies angeht, akzeptieren dies die meisten von uns langsam schon - bei der Religion gibt es unter (Ex-)Christen dagegen noch einige Widerstände. Auch hier haben Buddhisten und Juden interessanterweise kein Problem, auch diese biokulturell nach den gleichen Regeln wie andere biokulturellen Verhaltensmerkmale zu erkunden und treiben die entsprechenden Forschungen maßgeblich mit voran. Der öffentliche Erkenntnisfortschritt in der Evolutionsforschung ist leider bisweilen eine Schnecke - und gerade auch wir Europäer und Amerikaner haben noch tiefsitzende Fehlannahmen zu überwinden.

Literaturtips:

F.A. von Hayek: The Fatal Conceit: The Errors of Socialism, Chicago University Press 1992
Frans De Waal: Der Affe und der Sushimeister: Das kulturelle Leben der Tiere, Dtv 2005
Rick Goldberg: Judaism in Biological Perspective: Biblical Lore and Judaic Practices, Paradigm 2008
Stone, Lurquin, Cavalli-Sforza: Genes, Culture, and Human Evolution: A Synthesis, Blackwell 2006

Klick ->: Biocultural Evolution auf wikireligiosus

* Diesen Blogpost widme ich Prof. Perry Schmidt-Leukel, der sich seit Jahren furchtlos und unter Inkaufnahme scharfen Widerstands für die Einbeziehung auch anderer religiös-kultureller Perspektiven in Theologie(n) und Religionswissenschaft einsetzt.





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