Lilith und Lolth
Die besten Kunstwerke in Literatur, Film und Fantasie haben fast ausnahmslos eines gemeinsam: Sie übersetzen einen gewachsenen Mythos. So bezog sich der bislang erfolgreichste Film aller Zeiten, Avatar - Rückkehr nach Pandora, nicht nur auf eine Inkarnationslehre des Hinduismus, sondern auch auf einen alten Namen für die Urgöttin: Pandora, die Alles-Schenkende. Der Aufstieg von Agrarwirtschaft und Patriarchat bescherte uns eine andere, mächtige Mythe: Lilith, Abertausenden Fantasy-Rollenspielern besser bekannt als Lolth.
Lilitu - Lilith
Im alten Sumer tritt die Göttin Lilitu (wörtlich etwa "Göttin des hohen Windes") als Dienerin der Schöpfungs- und Vegetationsgöttin auf. Längst aber befinden sich die vorschriftlichen Muttergottheiten insgesamt im Abstieg - auch Lilitu wird zunehmend abgewertet und schließlich den Mächten des Bösen zugerechnet. Dieses Relief aus dem Britischen Museum soll sie in einer späten Form (bereits mit Flügeln) darstellen - allerdings gibt es dazu auch andere Deutungen.
In der jüdischen Tradition (in Midrasch und Talmud) wird Lilith als die erste Frau Adams, geschaffen vor Eva, erwähnt. Sie gilt als schön, aber eben auch als persönlich und sexuell selbstbestimmt, wenn nicht gar dominant. Da sie sich dem Manne jedoch nicht unterordnen will, wird sie verstoßen - aus dem Paradies buchstäblich in die Wüste geschickt. Die Bibel erwähnt sie noch einmal im Buch Jesaja 34,14: "Da treffen Wüstentiere mit wilden Hunden zusammen, und Bocksdämonen begegnen einander. Ja, dort rastet die Lilith und findet einen Ruheplatz für sich." (Luther übersetzt sie leider nur matt mit "Nachtgespenst".) Die Faszination für und Angst vor der gesellschaftlich, religiös und sexuell stärkeren Rolle der Frauen vor der Einführung der Agrarwirtschaft wird hier mythologisch festgehalten. John Collier (1850 - 1934) verband in seinem Gemälde der Lilith verführerische Erotik und die Partnerschaft mit dem Bösen, symbolisiert durch die Schlange.

Lolth
Nachdem Gary Gygax 1978 das Spieler-(Regel-)Handbuch für Advanced Dungeons & Dragons und damit die Grundlage für die weltweit erfolgreichste Fantasy-Rollenspielreihe geschaffen hatte, wandte er sich der Konzeption von AD&D-Abenteuer-Heften zu. Dabei übersetzte er für ein Abenteuer in der Spielewelt Greyhawk Lilith als Lolth zu einer Göttin der Dunkelelfen (Drow), die erotisierende Schönheit mit Bosheit (verkörpert in Spinnen) und der brutalen (religiösen) Dominanz von Frauen über Männer verbindet. In späteren Ausschmückungen - die auf den Originalmythos zurück griffen - wurde sie als Geliebte des guten Elfengottes Corellon Larethian erzählt, die diesem jedoch untreu (oder zu dominant..?) und also verstoßen wurde.

Die Idee verfing praktisch unmittelbar - Lolth und ihr feminin-böses Volk der Dunkelelfen waren ursprünglich als ein Detail angelegt, stiegen aber zunehmend zu den beliebtesten Verkörperungen des Bösen auf. Sie und die von ihr getragene Drow-Kultur wurden Bestandteil unzähliger Spielbücher, Computerspiele und nicht zuletzt Romane, darunter der außerordentlich erfolgreichen (und vielfach fortgesetzten) "Dark Elf Trilogy" von R.A. Salvatore um den Drow Drizzt Do'Urden in den Vergessenen Reichen (Forgotten Realms).
Ihren mythologischen Reiz beziehen Lolth und ihr Volk bis heute aus dem Umstand, dass sie eben nicht nur einfach Erotik und Macht verbinden, sondern einen in der realen Menschheitsgeschichte verdrängten, religiösen Anspruch. Die böse Lilith und die liebe Eva stehen einander an Schönheit nicht nach, aber verkörpern religiös und sexuell unterschiedliche Hoffnungen und Ängste - mit einer starken Faszination vor allem auf Jugendliche und junge Erwachsene auf der Suche nach Rollensicherheit. Sehen Sie selbst einen mit Liebe zur Bewegung gestalteten Kampf zwischen Elfe und Drow, der - selbstverständlich - in religiösem Ambiente stattfindet...
Die alten Mythen, sie sind in immer neuen Formen mitten unter uns. Und sie bleiben lebendig...
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