Tiamat und Takhisis
In Lilith und Lolth war es schon einmal um die Umsetzung einer alten, biblischen Mythologie in der modernen Fantastik gegangen. Es gibt jedoch noch eine mythologische Figur, die noch grundlegender und häufiger aufgegriffen wurde: Die babylonische Muttergottheit Tiamat. Aus der mutmaßlich langen Zeit prominenter Urmütter ragt Tiamat (wörtlich etwa: Die Allesgebärende, häufig vom Sumerischen ti = Leben und ama = Mutter hergeleitet) bis in die schriftlich fassbare Religionsgeschichte. Dabei wird sie jedoch bereits negativ umgewertet und zur bedrohlichen Mutter von Göttern, Drachen und Monstern, die zu Intrige und Mord bereit ist: Schließlich wird sie vom jüngeren Gott Marduk gestürzt und getötet, ihr Leib zum Grundstoff der Welt. (Vergleiche übrigens Mater-ie = Mutterstoff) In den Agrargesellschaften vollzieht sich der Aufstieg der männlichen Gottheiten, bis schließlich nicht mehr die Mutter, sondern der Vater zum Synonym des Allschöpfenden wird.
Für die moderne Fantastik war Tiamat jedoch wie geschaffen, denn in den Fantasiereisen und Rollenspielen ging und geht es ja insbesondere um die allmähliche Ablösung von den Eltern und das Erleben "eigener" Welten, Freiräume und Beziehungen. Eine Muttergöttin der Drachen, von der keine Erotik ausgeht, die alles sehen und kontrollieren will und buchstäblich Feuer, Gift und Galle spuckt - ein emotional ansprechendes, wenn auch nicht sehr schmeichelhaftes (Feind-)Bild für Heranwachsende, das schnell zu einem Klassiker der Fantasy in Büchern, Spielen und Filmen wurde.
Von Tiamat zu Takhisis
Bei solch frühen Formen blieb es aber nicht. In der erfolgreichen AD&D-Welt von Krynn wurde Tiamat zu Takhisis, die die Gottheiten und Mächte des Bösen anführt. Ihr stehen die guten Götter, Mächte und Helden gegenüber - angeführt von dem männlichen Gott Paladine - der nicht mehr als Nachkomme, sondern als einstiger (betrogener) Partner von Takhisis vorgestellt wird. Auf Krynn bleiben Gut und Böse zudem schon am Aussehen als je Schön und Häßlich meist leicht unterscheidbar, was die Orientierung erleichtert. Hier eine Auswahl von Bildern der Takhisis/Tiamat und ihres Gefolges:
Charakterentwicklung
Es wäre jedoch völlig falsch, den Fantasiewelten rund um Tiamat eine nur reaktionäre Stagnation zu unterstellen. Sie behandeln das Heranwachsen - und dies in Gestalt der Helden. Von den Kindern im Dungeons & Dragons-Film, die spontan füreinander, für ein Einhorn und generell das Gute einstehen geht die Linie zu den schon außerordentlich komplexen Charakteren der Drachenlanze-Reihe. Der farbenreiche Hintergrund aus gut-schönen und böse-hässlichen Kulturen ermöglicht die Konzentration auf die innere Entwicklung von Helden wie dem Halbelfen Tanis, der Barbarenpriesterin Goldmond, dem Gebrüderpaar Raistlin und Caramon, dem Ritter Sturm, dem Kender Tolpan, der Wirtstochter Tika und vieler mehr. Ihre Geschichten erreich(t)en, beweg(t)en und präg(t)en schon bisher Hunderttausende, und ein Ende ist bislang nicht abzusehen. Hier bildliche Darstellungen der Helden und der Welt Krynn durch Larry Elmore, Matt Stawicki und Clyde Caldwell.
Schon unsere Vorfahren tauschten aufregende Erzählungen über mythische Helden aus, die unglaubliche Abenteuer bestanden und dabei beispielhaft über sich hinaus wuchsen. Die Sicherheit und Regelungsdichte heutiger Zeiten lässt die entsprechenden Sehnsüchte nach Aufbruch, Abenteuer und fantastischen Reisen auch heute immer wieder aufleben. Und so wurden Bruchstücke alter Mythologien - wie jene der Tiamat - wieder zu einem Bestandteil zeitgenössischer (Jugend- und Fantasie-)Kulturen.
Veranstaltungshinweis: An diesem Wochenende (26. und 27. Juni 2010) findet in der Evangelischen Akademie Bad Boll eine Tagung zur "Evolutionären Ethik?" (Programm & Anmeldung hier) statt. Am Vormittag des 26. spreche ich dort zu "Die evolutionären Erfolge von Ethik und Religionen". Und freue mich schon jetzt auf die Vorträge z.B. des Evolutionsbiologen Prof. Dr. Michael Taborsky, des Theologen Dr. Wolfgang Achtner (ja, der vom Nachbar-Scilog "Theologie im Dialog"!) und vieler mehr...
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