Warum sollte Gott ein Mann, ein Vater sein?
Wer die (individuelle und soziale) Konstruktion von Gottesbildern erforscht, kommt natürlich um die Frage nicht herum, warum der monotheistische Eingott überwiegend männlich angesprochen wird. Immerhin zeigen Figurinenfunde der Vorgeschichte überwiegend (über Jahrzehntausende nahezu ausschließlich) weibliche Formen. Dies entspricht neueren Befunden zur starken Rolle von Frauen in der Formation hominider Gemeinschaftlichkeit. Und auch in der Antike - und in einigen Traditionssträngen etwa des Hinduismus - haben wir noch starke, weibliche Gottheiten (wie die ägyptische Maat oder Isis), Priesterinnen etc. Schließlich gehen entsprechende Formen auch in die neuzeitlichen Religionen über wie in Ephesus, wo anstelle der Muttergottheit Artemis heute die Gottesmutter Maria verehrt wird. Auch in Gemeinschafts-Selbstbezeichnungen wie christliche Mutter Kirche oder die islamische umma (von arabisch umm = Mutter) bleiben weibliche Konnotationen unverkennbar. Der Religionswissenschaftler fragt da also natürlich: Warum also wurde die Gottheit zu Vater, König, Richter, warum verblassten weibliche Namen und Rollen?
Einfluss des Ackerbaus
Nahezu als interdisziplinärer Konsens zu dieser Frage hat sich herausgebildet, dass die Ausbreitung des Ackerbaus das Geschlechterverhältnis drastisch verändert hat: Im Gegensatz zur Millionen Jahre alten Lebensform der Wildbeuter werden nun Land und Güter zu Besitzständen, die beackert, vererbt und verteidigt werden müssen. Neuere Genstudien zur europäischen Geschichte scheinen das historisch rekonstruierte Bild zu bestätigen: Patriarchale Männerbünde mit hoher Zahl an männlichen Erben setzen sich zunehmend durch, gewannen wildbeutende Frauen und verdrängten deren weniger erfolgreiche Männer fast völlig. Möglicherweise stellt die biblische Sündenfallgeschichte eine mythologische Erinnerung an diesen Umbruch im Fruchtbaren Halbmond dar - man betrachte die Schilderung des Miteinanders im Paradies, die Strafen, die Eva und Adam für die Aufhebung eines Frucht-Tabus aufgebrummt bekommen und der Konflikt zwischen Kain (Viehzüchter) und Abel (Landbauer).
Dass in diesem Prozess über Jahrtausende hinweg weibliche Gottesbilder buchstäblich "untergepflügt" werden, wird meist als Ausdruck (und vielleicht auch Legitimation) der neuen Machtverhältnisse interpretiert. Andere verweisen auf den nun entstandenen Bedarf an hierarchischen Erzählungen (das sog. Chef- oder Silberrücken-Argument). Dummerweise erklären diese Ansätze jedoch nicht, warum in der Formationsgeschichte der monotheistischen Religionen mit männlich konnotiertem Eingott gerade auch Frauen zu den ersten und entscheidenden Unterstützerinnen gehörten - und auch heute noch durch ihr Engagement diese Traditionen maßgeblich tragen. Auch nach heutigen Daten prägt die Religiosität der Mütter Kinder stärker als die der Väter.
Warum also nahmen und nehmen Frauen überwiegend männlich konnotierte Gottesbilder an, und warum geben sie sie aktiv weiter?
Neuer Ansatz in William Paul Young: Die Hütte
Einem überraschend frischen Ansatz begegnete ich nun in der Erzählung "Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott" von William Paul Young (einem christlichen Nichttheologen). Dieses - nach Ablehnung durch Verlage über das Internet längst zum Bestseller gewordene Buch - löste unter Fundamentalisten und Kirchenfürsten in den USA einen Sturm der Empörung aus, da Gott (Anrede "Papa") darin nicht nur in Menschenform geschildert wird, sondern als gutmütige Afroamerikanerin. Und in bildhafter Sprache eine eigenwillige "Hypothese" formuliert:
Sie beugte sich vor, als wollte sie ihn in ein Geheimnis einweihen. "Würde ich dir als weiße Großvatergestalt erscheinen, so wie Gandalf, würde das nur deine religiösen Stereotypen verstärken."
[...]
"Aber", er hielt inne, immer noch darauf konzentriert, vernünftig zu sein, "warum wird dann so sehr betont, dass du ein Vater bist? Mir scheint das die Form zu sein, in der du dich am häufigsten offenbarst."
"Nun", antwortete Papa, während sie sich eifrig in der Küche zu schaffen machte, "das hat viele Gründe, und einige davon sind sehr tief verwurzelt. Einstweilen möchte ich dir dazu nur Folgendes sagen: Wir wussten, dass es nach dem Sündenfall viel mehr an Väterlichkeit mangeln würde als an Mütterlichkeit. Versteh mich nicht falsch, beides wird gebraucht - aber eine stärkere Betonung der Väterlichkeit ist vonnöten, weil sie in eurer Welt so sehr fehlt."
Aus: Paul William Young, "Die Hütte", Ullstein 2009, S. 106 - 107
Da als literarische, nicht wissenschaftliche Aussage formuliert, spielt Young hier natürlich durchaus mit einer Mehrdeutigkeit: Die Aussage könnte so verstanden werden, dass der göttliche Vater die psychologischen Bedürfnisse der Glaubenden kompensiert. Oder (besser: und, denn es könnte ja auch beides zutreffen) es könnte darum gehen, dass die Vorstellung eines involvierten, göttlichen Vaters zu verbindlicher Vaterschaft motiviert.
Ihre Stimme ist gefragt
Den Ansatz finde ich neu und spannend: Gerade die Machtverschiebung durch die Agrarwirtschaft dürfte in der Tat die gewachsenen Familienstrukturen zerrüttet haben. Und bis heute sind weltweit ca. 90% aller Alleinerziehenden Frauen, ganz abgesehen davon, dass auch in Familien, Schulen etc. "Vatermangel" attestiert wird. Der Zusammenhang zwischen religiöser Verbindlichkeit und Reproduktionserfolg ist inzwischen unstrittig, wobei Frauen jene Traditionen und Gemeinschaften zu bevorzugen scheinen, die stabile Familien begünstigen. Es bleiben freilich noch unzählige Details zu klären. Ob Väter aber wirklich so überflüssig sind, wie es einige Stimmen behaupten? Bestand und besteht zwischen Vater- und Gotteshoffnungen ein (wie?) nachprüfbarer Zusammenhang?
Zwischen zwei Zahnarztterminen wartend, habe ich nun schon einige Stunden damit verbracht, religionswissenschaftliche Pro- und Contra-Argumente gegen diese Hypothesen abzuwägen. Zu einem schlüssigen Ergebnis bin ich jedoch bislang nicht gekommen. Und so dachte ich mir, dass es vielleicht eine gute Gelegenheit sein würde, den "Dialog via Wissenschaftsblog" mal zu testen. Hiermit möchte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, ergebnisoffen fragen, was Sie von den Young-Annahmen halten und welche Argumente aus Ihrer Sicht dagegen oder dafür sprechen.
Und füge auf Anregung aus der munteren Kommentardiskussion als Beispiel für zeitgenössischen Neopaganismus einen Anbetungssong im Hinblick auf ein weibliches Gottesverständnis hinzu:
Ähnliche Artikel:
- Religiosität, Spiritualität und die Frage nach Hirngespinsten
- Psychologische Religionstheorien - und ihr Problem
- Fantasy-Rollenspiele und ihr Nutzen in evolutionärer Perspektive
- Mutter Natur verstehen - Die Evolutionsforscherin Sarah Blaffer Hrdy
- Aschura-Aufstand im Iran - Religion trifft Twitter

