Franz M. Wuketits zu Gott, Gene und Gehirn
Zu den schönsten Erfahrungen mit dem Buch "Gott, Gene und Gehirn" gehören die sehr erfreulichen Reaktionen aus der Fachwelt - so auch von Franz Wuketits. Der Evolutionsbiologe und Wissenschaftsphilosoph bekannte sich in einem munteren Streitgespräch mit dem Theologen Richard Schröder in Gehirn & Geist 04/2009 zu einem persönlichen Atheismus, gehört dem Beirat der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung an - und diskutiert (im Gegensatz zu manchen Nichtfachleuten im Bereich der Evolution und/oder Religion) doch auch seriös, fair und v.a. interessiert über die Evolutionsforschung zur Religiosität. Im Folgenden seine Rezension zu "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität."
Franz M. Wuketitis in: Universitas März 2009, S. 313 f.
Die beim Menschen universelle Verbreitung religiösen Glaubens fordert aus evolutionstheoretischer Sicht zwei Fragen heraus: Woher kommt Religiosität? Welchen Nutzen hat sie? Charles Darwin sah in der "religiösen Ergebung" eine sehr komplizierte Gefühlserregung und meinte: "Trotzdem sehen wir einen wenn auch schwachen Anklang an diesen Gemütszustand in der treuen Liebe eines Hundes zu seinem Herrn, die ebenfalls mit der vollständigen Unterordnung, einiger Furcht und vielleicht noch anderen Gefühlen verknüpft ist." Damit wäre die Entstehung und Entwicklung von Religiosität in die Evolution emotionaler, psychischer und geistiger Fähigkeiten einzufügen - und fiel nicht vom Himmel.
In den letzten Jahren haben sich Evolutionspsychologen und Hirnforscher wiederholt den Phänomenen Religiosität und Spiritualität gewidmet. Das Postulat von den "Gottes-Genen" hat dabei für besondere Aufregung gesorgt und auch durchaus berechtigte Kritik erfahren. Keine Frage, mit der naturwissenschaftlichen Untersuchung jener Phänomene betritt man ein wenig gesichertes Feld. Das vorliegende Buch ist ein meiner Meinung nach gut gelungener Versuch, zum einen den aktuellen Stand der Forschung aufzuzeigen, zum anderen aber auch die prinzipiellen Möglichkeiten auszuloten, religiösen Glauben aus dem Blickwinkel der Naturwissenschaften zu erklären. Dabei ist klar, dass die Frage, warum Menschen an Gott glauben, nicht mit der Frage verwechselt werden darf, ob Gott existiert.
Der Untertitel des Buches, "Warum Glaube nützt", darf daher auch nicht als religiöse Propaganda fehlgedeutet werden. Es geht vielmehr darum, welchen Anpassungsvorteil Religiosität unter bestimmten Rahmenbedingungen haben kann. Religiosität ist, so könnte man ein Ergebnis des Buches zusammenfassen, einer selektionstheoretischen Deutung durchaus zugänglich.
Aber: "Noch ist", wie die Autoren am Schluss bemerken, "die 'Biologie der Religiosität' ein unübersichtlicher und komplexer Wissenschaftszweig." Allerdings haben sie mit ihrem Buch -anhand verschiedener Fallbeispiele, Diagramme und Tabellen- durchaus Licht ins Dunkel einer Materie gebracht, die für gläubige Menschen tabu sein mag. Aber in der Wissenschaft kann es keine Tabus geben.
Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch sowohl unter religiösen Menschen als auch unter Agnostikern und Atheisten Kontroversen verursachen wird - die den Autoren jedenfalls zu wünschen sind.
Franz M. Wuketits
Anmerkungen: Der Wunsch des Rezensenten nach munteren Kontroversen hat sich erfüllt! Allerdings erlebe ich mit einigem Erstaunen, dass gläubige Menschen auf diese Forschungen durchschnittlich viel offener und interessierter reagieren als viele Atheisten und Religionskritiker. Für manche scheint es ein massives Tabu zu sein, überhaupt für möglich zu halten (geschweige denn seriös zu prüfen), dass auch religiöses Verhalten über Erfolg evolvierte - und evolviert. Wie schon in den 70er Jahren wenden sich auch wieder einige (nicht alle!) Atheisten gegen Befunde der Evolutionsforschung - wohl aus Furcht, auch die eigenen Welt-anschauungen und Überlegenheitsgefühle wissenschaftlich reflektieren zu müssen. Sehr ehrlich hat zum Beispiel Andreas Müller im humanistischen Pressedienst hpd entsprechende, atheistische Ängste dargestellt - er benennt unter der Selbstbezeichnung Krawallatheist die Evolutionsforschung zur Religiosität als "die dunkle Bedrohung", samt Anti-Evolutionsforschung-Karrikatur. Umso erfreulicher, dass sich in der Fachwelt und Öffentlichkeit unter Religiösen, Agnostikern und Atheisten gleichermaßen die nicht ideologisch festgelegten, sondern neugierig an Wissenschaft & Erkenntnis interessierten Stimmen zunehmend durchsetzen. Ihnen ist dieser Blog gewidmet.
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