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Überbevölkerung und Reproduktionsvorteil durch Religion

von Michael Blume, 10. Mai 2009, 21:36

Es geschah zuletzt wieder nach dem SWR-Radiointerview "Machen Religion und Glaube fruchtbar?" und in den Kommentarspalten des Focus-Artikels "Fruchtbarer Glaube": Bisweilen geradezu aggressive Rückmeldungen, die darauf verweisen, es könne "doch nicht gut sein", dass religiöse Menschen durchschnittlich mehr Kinder bekommen - es drohe doch ohnehin Überbevölkerung. Und was sich Wissenschaftler eigentlich erlauben würden, es auch nur für möglich zu halten, dass Religiosität nützlich sein könne? Religiöse Menschen seien minderbemittelt, Punkt. Und warum irgendjemand eigentlich Kinder so toll fände?

Emotionale Religionskritik (die Religiosität nicht verstehen, sondern nur verachten will) und echtes Interesse an Wissenschaft stehen sich eben oft im Weg, wie andere ideologische Engführungen auch. Aber die positiven Erlebnisse echten Interesses überwiegen und es gilt, gerade auch gegen Wissenschafts- und Religionsfeindlichkeit weiter aufzuklären. Daher gehe ich hiermit gerne auch auf diese Anfragen ein. Warum gerade Forschungen zur Religionsdemografie? Und was ist mit der Überbevölkerung? 

Reproduktionsvorteil: Der darwinsche Fitnessindikator

Die Demografie (Bevölkerungswissenschaft) ist an sich schon ein hoch interessantes Thema, aber im Rahmen der Evolutionstheorie nun einmal der entscheidende Knackpunkt: Denn letztlich entscheidet sich ausschließlich an der Fortpflanzung, welche genetischen Merkmale über die Generationen weiter gegeben werden und welche nicht. Ob Musikalität, Intelligenz, Sprachfähigkeit, Religiosität usw. - jede Veranlagung kann nur an direkte Kinder (pro Kind ca. 50% der "eigenen" Gensequenzen) oder an nah Verwandte (pro Geschwisterkind ca. 25% der "eigenen" Gensequenzen) weiter gegeben werden (und muss dann kulturell ausgeformt werden, durch musikalische, kognitive, sprachliche oder eben religiöse Bildung). Insofern ist der leider immer noch verbreitete Slogan vom "Überleben des Bestangepassten" eine falsche Verkürzung: Wer 120 Jahre "überlebt" und Ruhm und Reichtümer erwirbt, ohne Nachkommen zu hinterlassen, war evolutionsbiologisch gesehen weniger erfolgreich als der brave, vierfache Familienvater, der mit 54 dahinschied. Wie sich Religiosität also auf das persönliche Glück, die Gesundheit, Kriminalitätsrate, Einkommen usw. auswirkt, bleibt selbstverständlich wissenschaftlich und ethisch hoch interessant - aber eben aus nüchtern-evolutionsbiologischer Sicht sekundär. 

In den Worten des Evolutionspsychologen Prof. Harald Euler (2004):

„Vielleicht müssen wir die überlebensorientierte Sichtweise von Religion verlassen, uns streng auf mögliche Reproduktionsvorteile konzentrieren. Überlebensvorteile, die sich nicht in Fortpflanzungsvorteile ummünzen, sind belanglos. Hingegen sind Fortpflanzungsvorteile selbst dann evolutionär wirksam, wenn sie ihre Vorteile mit einer Verkürzung des Lebens erkaufen.“

Genau so ist es und genau deswegen erforsche ich gerade diesen Aspekt!

Die Beobachtung biologischen Erfolges ist eine naturwissenschaftliche Beschreibung, kein Werturteil

Wenn Evolutionsforscher die Auswirkung von Merkmalen auf den Reproduktionserfolg studieren, so bedeutet das erst einmal keine Wertung. Wissenschaftler schauen und beschreiben ja ebenso, mit welchen Strategien sich Spinnen, Blutegel und Grippeviren vermehren.

Im Bezug auf den Menschen sei zur Verdeutlichung des Unterschiedes beispielsweise an Dschingis Khan erinnert: Der Mongolen-Heerführer (übrigens schamanistischen Glaubens) eroberte ein riesiges Reich und ließ sich im Laufe der Jahre Hunderte von (oft erbeuteten) Frauen zuführen. Seine Nachkommen sind ungezählt, er dürfte aber zu den "biologisch erfolgreichsten" Einzelpersonen der Menschheitsgeschichte zählen - zumal viele seiner Kinder (v.a. seiner Söhne) wiederum in Positionen gelangten, die ihnen hohe Nachkommenzahlen ermöglichten.

Würde jemand ernsthaft daraus schließen wollen, dass damit das Kriegführen und Vergewaltigen als moralisch hochwertig erwiesen wäre? Doch wohl nicht! Auch hier ist das eine (die naturwissenschaftliche Beschreibung) vom anderen (der moralischen Bewertung) stets zu unterscheiden. Mir persönlich scheinen z.B. im Vergleich zu den Mongolenstürmen die friedlich-hohen Geburtenzahlen etwa der frommen Juden, frühen Christen, Amischen oder Mormonen sehr viel menschenfreundlicher und nachhaltiger zu sein.

Übrigens zeigte sich auch bei Dschingis Khan der Konflikt zwischen Überlebens- und Reproduktionsoptimierung: Sein Leibarzt soll ihm dringend geraten haben, im Hinblick auf seine Gesundheit doch öfter mal eine Nacht ruhend alleine zu verbringen...

Der Irrtum des Sozialdarwinismus 

Manche Sozialdarwinisten gingen (und einige Faktenresistente gehen noch) von konstant hohen Geburtenraten und also ewiger Überbevölkerung mit unausweichlich gnadenlosem Konkurrenzkampf "ums Überleben" aus. Frieden, Dialog und die Pflege auch kranker, alter und behinderter Menschen wären aus dieser Perspektive nutzloser Ballast.

Aber im Bezug auf den Menschen ist das völlig verfehlt! Denn sowohl individuell wie gemeinschaftlich beeinflussen wir unsere jeweilige Kinderzahl, haben auch durch Verhütungswissen seit Jahrtausenden Sexualität und Fortpflanzung entkoppelt und sind in keiner Weise biologisch auf maximale Reproduktion festgelegt. Menschenfrauen können nicht mehr nur entscheiden, mit wem, sondern ob sie überhaupt noch Kinder haben wollen - und schauen aus guten Gründen häufiger auch auf religiöse Verbindlichkeit. Gemeinschaften, die sich auch um kranke, alte oder behinderte Mitmenschen bemühen (wie die Christen in der DDR, denen der Staat die Behindertenheime zurück gab, da sich nicht genug sozialistisches Engagement zu ihrem Betrieb fand), sind keinesfalls dumm, sondern senden nach innen und außen Signale der Glaub- und Vertrauenswürdigkeit aus. Innerhalb solcher, karitativ wirksamer Gemeinschaften wagen die Menschen häufiger Kinder. Und entsprechend evolvierte sowohl bei Homo Sapiens wie Homo Neanderthalensis religiöses Verhalten parallel zur Entwicklung vorausplanender, geistiger Fähigkeiten. Unsere Naturgeschichte formte uns Menschen zu (potentiellen) Homo religiosus - und der Prozess geht beobachtbar weiter.

Und die Überbevölkerung..?

...fällt erfreulicherweise aus. Bereits seit Jahrzehnten befinden sich die Welt-Geburtenraten in freiem Fall, wo immer die Agrar- durch die Kapitalwirtschaft abgelöst wird.

(Die Fertilitätsrate misst die durchschnittliche Zahl der Geburten pro Frau. Bei 2,1 (und Frieden) wäre etwa eine stabile Populationsentwicklung erreicht, deutliche Werte darüber bewirken eine Ex-, deutliche Werte darunter eine Implosion.) 

Ganze Regionen Europas (darunter Deutschland), Asiens, Japans u.a. sind bereits in eine Bevölkerungsimplosion übergegangen: Auf drei Erwachsene folgen dort nur noch zwei Kinder - eine brutale Generationenschrumpfung um je ein Drittel und mehr, die betroffenen Tierpopulationen schnell eine Einstufung als "bedroht" eintragen würde. Beim Menschen hat dies durchaus auch positive Auswirkungen (kinderarme Regionen werden schnell pazifistischer, die wenigen Kinder werden besser gefördert, Migranten und die Natur erhalten neue Chancen usw.), aber wir beginnen kaum zu begreifen, was dieser schnelle Geburteneinbruch für die betroffenen Gesellschaften, Kultur und Integration, Sozial- und Krankenversicherungen, Pflege-, Renten- und Kapitalanlagesysteme (Stichwort Asset Meltdown) bedeuten wird. Mancher, der heute noch über Kinder schimpft, wird wohl froh sein, morgen noch Menschen und Gemeinschaften anzutreffen, die für Produkte und Dienstleistungen (einschließlich Gesundheit und Pflege) sorgen, die Renten bezahlen und Spareinlagen verzinsen sowie ergrauende Wohnviertel mit etwas Leben füllen. Die Entvölkerung ganzer Dörfer und Landstriche hat in Deutschland bereits eingesetzt - und wo die wirtschaftlich-demografische Abwärtsspirale einmal in Gang gekommen ist, ziehen auch weitere, vorwiegend jüngere Leute weg. 

Weltbevölkerung schrumpft ca. ab Mitte des Jahrhunderts 

Spätestens um die Mitte des Jahrhunderts (2050 bis 2070) dürfte, wenn die Entwicklung wie bisher weitergeht, die bis dahin noch wachsende Weltbevölkerung dann auch insgesamt in eine Schrumpfung übergehen. Wir rasen also auf spannende Zeiten zu und haben noch gar keine Vorstellung davon, was dies politisch, kulturell, wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich bedeuten wird. Aber soviel zeichnet sich schon ab: Religionen werden, nicht zuletzt aufgrund ihres häufiger erreichten Kinderreichtums, eine bedeutende Rolle auch im 21. Jahrhundert spielen. 





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