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Evolutionsprinzip Überleben - oder Überlieben?

von Michael Blume, 10. Juli 2009, 18:25

Als Herbert Spencer 1864 den Begriff "Survival of the Fittest - Das Überleben des Bestangepassten" prägte, leitete er eines der vielleicht folgenreichsten Missverständnisse im Bezug auf die Evolutionstheorie ein. Viele Menschen glauben seitdem irrtümlich, die Evolution und Natur bestehe vorwiegend aus unbarmherzigem Kampf, in dem nur "die Stärksten überleben" und Phänomene wie (Nächsten-)Liebe, Gemeinschaft, Kooperationen, Religion(en) etc. keinen Platz haben könnten.

Das ist natürlich völlig falsch! Spencer selbst wusste durchaus: "Dieses Überleben der Passendsten (engl.: Survival of the Fittest) aber hat auch die Vermehrung der Passendsten zur Folge." Und am Ende kommt es genau darauf an - auf die Fortpflanzung über Generationen hinweg!

Wir Deutschen sind ein schönes Beispiel für einen weltweiten Trend: Wir "überleben" derzeit in Wohlstand und Freiheit, wie sie sich unsere Vorfahren kaum erträumen konnten, durchschnittlich so lang wie nie zuvor. Aber wir schenken dabei kaum noch Kindern das Leben: Seit Jahrzehnten folgen kaum noch zwei Kinder auf drei Erwachsene - was inzwischen eine Bevölkerungsimplosion auslöst. Und aus evolutionärer Sicht gilt: Bei Säugetieren werden Gene nur über Nachkommen weiter gegeben. Genau deshalb ist auch der Reproduktionsvorteil für die Evolution der Religiosität beim Menschen entscheidend!

Wie es der Evolutionspsychologe Harald Euler gerade im Hinblick auf die evolutionäre Religionsforschung (mit Fundstelle zitiert in "Evolutionsgeschichte der Religion", S. 29) formuliert hat:

„Überlebensvorteile, die sich nicht in Fortpflanzungsvorteile ummünzen, sind belanglos. Hingegen sind Fortpflanzungsvorteile selbst dann evolutionär wirksam, wenn sie ihre Vorteile mit einer Verkürzung des Lebens verkaufen."

Überleben? Überlieben!

Auf einer grundsätzlicheren Ebene, die nicht nur die Evolution des Menschen betrifft, lässt sich also sagen: Erfolgreiche Evolutionsprozesse bringen keineswegs nur brutale Kämpfer hervor, sondern viel häufiger gerade auch Veranlagungen der Zusammenarbeit, des Vertrauens, ja der Liebe (und der Religion(en)). Der Tübinger Evolutionsbiologe Prof. Nico Michiels und sein Team haben dieses Prinzip in einem Darwin-Rock-und-Videoclip dargestellt, in dem die lila Mannschaft zwar zunächst triumphiert, aber schließlich doch von der orangenen Mannschaft überholt wird - denn diese tröstet, küsst, liebt und hat schließlich Kinder, während lila siegend vergreist...

Man beachte bitte auch, wieviel Mühe sich die Biologen geben, hier via Laboratmosphäre klar zu machen, dass hier keine süßliche Romantik verströmt wird, sondern ein leider viel zu wenig bekanntes Fakt! Daher: Bitte unbedingt anschauen-anhören und weiter empfehlen!

Interessant auch: Die Homepage von "Darwin rocks"!

Und auch echtes Kennenlernen ist möglich:

Am Dienstag, 14. Juli, 18 Uhr freue ich mich, die Ringvorlesung Evolution bei den Kolleginnen und Kollegen der Evolutionsbiologie an der Universität Tübingen mit einem Vortrag zur "Evolution von Religiosität und Religionen" zu beschließen. Ort: Kupferbau, Hörsaal 21, Hölderlinstr. 5, 72074 Tübingen. Interessierte sind natürlich herzlich eingeladen! 





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