Warum gibt es noch Atheisten?
Mit Wolfgang Achtner, Eckart Voland und Ulrich Frey finden sich an der Universität Gießen gleich drei Wissenschaftler, die bereits spannende Beiträge zur Evolutionsforschung der Religion veröffentlicht und auch Tagungen dazu (mit-)organisiert haben. Hinzu kommen noch viele interessierte Kolleginnen und Kollegen sowie Studentinnen und Studenten, die sich mit den Themen schon intensiver befasst haben - und so haben die Diskussionen dort längst besondere Qualität und ich freue ich mich jedes Mal besonders, wenn eine Einladung nach Gießen (diesmal zur ESG von Wolfgang Achtner) erfolgt. Im Rahmen eines Vortrags- und Diskussionsabends sollte ich vor einigen Monaten die (z.B. in Gott, Gene und Gehirn ausführlich dargestellten) empirischen Befunde noch einmal kurz zusammenfassen und etwas Stoff zu weiterführenden Debatten liefern.
Der ausführliche Vortrag ist gerade im neuen GHH-Band "Trotz allem Wachstum?" erschienen und als pdf auch hier abrufbar:
Der (r)evolutionäre Erfolg von Religion -
Folgen für Säkularisierungstheorien und Theologie(n)
Einen Schwerpunkt legte ich dabei auf die biokulturelle Evolution in der Frequenz kurzfristiger Wellenbewegung von Religions- und Säkularisierungsphasen im Unterschied zur längerfristigen Evolution von Religiosität (der Veranlagung zu Verhalten ggü. übernatürlichen Akteuren).
Warum gibt es noch Atheisten?
In der anschließenden, Gießen-typisch hervorragenden!- Diskussion ging es auch diesmal v.a. um die Frage, warum es - trotz des deutlich höheren Fortpflanzungserfolges religiös vergemeinschafteter Menschen - überhaupt noch nichtreligiöse Menschen gibt.
Ich stellte die vorherrschenden Hypothesen dazu dar, die wir auch schon in GGG angerissen hatten, und auch meine (noch etwas unsichere) Präferenz für den Ansatz einer zwar aufsteigenden, dabei aber balancierten Evolution des Merkmals Religiosität. Da brachte die Genetikerin Ulrike Gamerdinger einen m.E. brillanten Vorschlag ein, der mich so begeisterte, dass ich ihn in den kommenden Wochen ausarbeitete und im GHH-Band extra einreichte (hier ebenfalls als pdf abrufbar):
Warum gibt es noch Atheisten?
Evolutionsforschung zum Phänomen des Nichtglaubens
Knapp geschrieben geht es bei der balancierten Evolution von Merkmalen darum, dass sich diese nicht einfach linear entfalten (a la umso mehr, umso besser), sondern durch Nutzen und Kosten in Glockenform ausbalanciert werden - wie beispielsweise das Schlafbedürfnis oder ggf. auch Musikalität. Sowohl die empirischen Beobachtungen wie auch der Umstand, dass Religiosität aus einem Bündel anderer Merkmale heraus evolviert(e), hatten mich für diese Annahme auch im Bezug auf die Evolution von Religion eingenommen. Das hieße: Wenn auch Religiosität insgesamt reproduktiv erfolgreich vererbt wird, so doch nicht einfach linear aufsteigend, sondern in kulturellen Wellenbewegungen (siehe oben) und je in glaubensfesten, pragmatischen und skeptischen Verteilungen innerhalb der Populationen.
Der Vorschlag von Dr. Gamerdinger, dies doch einmal am Beispiel des Vogelzuges zu diskutieren, überzeugte mich dabei sofort: Denn auch hier liegt eine oft glockenförmige Verteilung des Merkmals "Zugzeitpunkt" vor, manche Tiere (z.B. Rauchschwalben) fliegen früher oder später als ihre Artgenossen, einige sogar gar nicht. Da das Zugverhalten unstreitig adaptiv ist, gab es durchaus Rätselraten um den evolutionären Hintergrund dieser erstaunlichen Variationsbreite. Inzwischen ist jedoch klar: Klimaschwankungen, aber auch Veränderungen der Gefahrenlage, des Nahrungsangebots etc. durch Konkurrenz, Räuber etc. können den "optimalen" Zeitpunkt für den Vogelzug, die optimale Route etc. immer wieder verschieben, so dass "abweichendes" Verhalten -z.B. früher, später, gar nicht ziehen- zwar risikoreich ist, unter Umständen aber auch größere Chancen mit sich bringen kann. Tatsächlich ist es gerade diese Vielfalt an Strategien, die den einzelnen Vogelarten auch die Anpassung an längerfristige Veränderungen beispielsweise des Klimas erlaubt - frühere Abweichler-Minderheiten prägen durch Erfolg den neuen Schwerpunkt aus, das Zugverhalten pendelt sich zum neuen Optimum. Die Variationsbreite und Risikoverteilung des Vogelzuges entspräche damit genau dem Bedürfnis nach den richtigen Dosen an "Rigidität und Flexibilität", die Friedrich August von Hayek als evolutionäres Erfolgsmerkmal religiöser Traditionen erkannte!
So prägt z.B. "jede" erfolgreiche, religiöse Gemeinschaft bald liberale, konservative und orthodoxe Flügel aus, die miteinander um die Deutungshoheit ringen, Abspaltungen hervorrufen etc. Auch passt das Modell im Hinblick auf die Risikoverteilung sehr gut zum unterschiedlichen Geschlechterverhalten: Während Frauen stärker (und klug!) im Bereich des religiösen Pragmatismus auftreten prägen Männer heftigere Flügel je religionsskeptischen oder glaubensstrengen Verhaltens aus. Sowohl atheistische wie religiöse Extremismen sind regelmäßig männlich dominiert. Mich hat der Vogelzug-Vorschlag im Hinblick gerade auf die Evolution von Religiosität unter Jägern und Sammlern auf jeden Fall überzeugt und bin gespannt, ob und wie er kommende Diskussionen und weitere Studien besteht!
Nachtrag 10/2010: Auch eine experimentelle Studie an sozial lebenden Kugelspinnen hat inzwischen den Befund ergeben, dass sich Populationen ggf. erfolgreicher entfalten und fortpflanzen können, wenn Individuen verschiedene Mentalitäten (z.B. hier aggressiv vs. sozial) ausprägen. Gruppen mit nur einer dominanten Verhaltensausprägung erwiesen sich als weniger erfolgreich als gemischte Gruppen. Literatur: Pruitt, J.N., Riechert, S.E.: How within-group behavioural variation and task efficiency enhance fitness in a social group. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2010.1700, 2010.
Ähnliche Artikel:
- Fachbuch zu evolutionärer Religionsforschung: The Biological Evolution of Religious Mind and Behavior
- Plädoyer für Michael Schmidt-Salomon und die Giordano-Bruno-Stiftung
- Religion ohne Gott - Zen-Buddhismus
- Rabbi Sacks - Europa stirbt mangels Religion
- Christian Wolf zu Neurotheologie - Hirnforscher erkunden den Glauben

