Religiosität, Spiritualität und die Frage nach Hirngespinsten
Wissenschaftsbloggen macht Freude - und mehr. So haben einige sehr sachkundige Leser auf den Mutter-Natur-Beitrag hin eine inhaltlich hervorragende und ertragreiche Debatte geführt. Vielen, vielen Dank dafür! Und da die heutige ZEIT-Printausgabe einen Artikel von mir zu neueren Forschungen im Bereich der Spiritualität enthält, möchte ich nun auch einen lange gehegten Vorsatz in diesem Blog endlich wahrmachen: Die Begriffe zu (er-)klären.
Spiritualität
Vom lateinischen "spiritus" für Geist und Hauch abgeleitet, gibt es wahrscheinlich wenige so schillernd und kontrovers definierte Begriffe wie diesen. In der interdisziplinären Evolutionsforschung zum Phänomen beginnt sich jedoch langsam ein Konsens heraus zu schälen: Demnach sei Spiritualität die Fähigkeit zu Transzendenzerfahrungen, biologisch unterschiedlich stark veranlagt und kulturell ausprägbar (vgl. Biokulturelle Evolution). Unter Transzendenzerfahrung sind hierbei Erweiterungserfahrungen zu verstehen: Die Betreffenden erfahren sich als Teil eines "größeren Ganzen", in dem "keine Grenzen mehr sind", ja, "alles als Eines" erkannt werde. Hier ist auch an das Votum des Theologen Friedrich Schleiermacher zu erinnern, der das grundlegende "religiöse Gefühl" 1799 als "Sinn und Geschmack für das Unendliche" definierte.
Vor allem buddhistisch interessierte Forscher und schließlich der Neurobiologe Andrew Newberg (der Schwerpunkt meiner Promotion zur sog. "Neurotheologie" war) begründeten neurologische Meditationsforschungen. Dabei zeigte sich u.a., dass sich spirituelle Erfahrungen (nach Newberg der Zustand "Absoluten Einsseins") völlig analog etwa zur Musikalität im Gehirn beobachten und entsprechende Gehirnregionen auch "trainieren" ließen. Schon damals ging Newberg davon aus, dass entsprechende Erfahrungen durch ein Abdämmen des Orientierungsfeldes im Schläfenlappen erreicht würden - die dort konstruierten Ego-Grenzen würden aufgeweicht.
Auch die neuen, im Fachjournal "Neuron" veröffentlichten Befunde der klinischen Studie eines interdisziplinären Teams der Universität Udine stärken diese Annahmen. Demnach machten Krebspatienten, denen zur Therapie Teile des hinteren Schläfenlappen entfernt worden waren, häufiger Transzendenzerfahrungen. Die Läsionenanalyse verwies also vor allem auf diese Hirnbereiche:
Anders formuliert: Wie auch spirituell Begabte oder Übende die beständigen Ich-Konstruktionen unserer Gehirne überformen und abschwächen können, bewirkte hier bisweilen auch der chirurgische Eingriff - und dies übrigens auch ohne religiöse Vorprägung der Patienten. Jene, die spirituelle Erfahrungen machten, erlebten diese als hilfreich für ihr Wohlbefinden.
Religiosität
Nach Jahrzehnten heftiger, theologischer, religionswissenschaftlicher und philosophischer Debatten setzt sich im Bereich der Evolutionsforschung zur Religiosität derzeit wieder jene Arbeitsdefinition durch, die schon Charles Darwin in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 verwendete: Religiosität sei die Fähigkeit zur Glaubenserfahrung übernatürlicher Akteure (supernatural agents, oder - nach Darwin: supernatural beings). Die relevante Existenz von Ahnen, Geistern, Göttern, Bodhisatvas, Gott (u.a.) wird hierbei angenommen und wirkt sich auf die inneren Erfahrungen und das Verhalten aus. Auch hierbei wechselwirken biologische Veranlagung und kulturelle Tradition(en).
Und tatsächlich: In Hirnstudien wie z.B.
Schjoedt, U., Stodkilde-Jorgensen, H., Geertz, A., & Roepstorff, A. (2009). Highly religious participants recruit areas of social cognition in personal prayer. In: Social Cognitive and Affective Neuroscience 2009
wurde während persönlicher Gebete eine verstärkte Tätigkeit sozial-kognitiver Hirnregionen in Stirn- und Scheitellappen beobachtet. Ritualgebete und Kinderlieder wirkten schon schwächer, Wünsche an den (nicht real geglaubten) Weihnachtsmann schnitten am schwächsten ab. Vorläufig lässt sich sagen, dass dies gut u.a. zum vergleichsweise "späten" Auftreten von Indizien für religiöses Verhaltens bei Homo sapiens und Homo neanderthalensis passen würde, die zur gleichen Zeit (mittlere Altsteinzeit) wachsende und sich ggf. weiter ausdifferenzierende Stirnhirne evolvierten.
Unterschiedlich - unverbunden?
Dass also Religiosität und Spiritualität sehr unterschiedliche Gehirntätigkeiten widerspiegeln, könnte so verstanden werden, als ob sie nichts miteinander zu tun haben. Und tatsächlich gibt es tief religiöse Menschen, die noch nie eine spirituelle Erfahrung gemacht haben und umgekehrt tief spirituelle Menschen, die ihre Transzendenzerfahrung strikt naturalistisch verstehen. So räumt der Religionskritiker Richard Dawkins durchaus spirituelle Begabungen ein: "Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Tatsächlich aber scheinen Spiritualität und Religiosität durch mehr als nur statistische, sondern vielmehr funktionale Zusammenhänge verbunden zu sein: Erfolgreiche, religiöse und spirituelle Traditionen pflegen sich zu verbinden. Wo immer z.B. der tief spirituelle Buddhismus zu weiterer Verbreitung fand, adoptierte er übernatürliche Akteure wie Ahnen, Geister und Bodhisattvas. Und umgekehrt: Der intensiv monotheistische Islam nahm früh auch spirituelle Traditionen (v.a. auch christlicher, jüdischer und buddhistischer Vorprägung) auf und entwickelte sufische ("mystische") Traditionen.
Auch von den empirischen Befunden her scheint das Gesamtbild zu passen: Während der gemeinsame Glaube an übernatürliche Beobachter Kooperationen, Gemeinschaften und (biologisch entscheidend) Familien religiös unterfüttern kann, könnte die Spiritualität zur Überschreitung von Atavismen des Egoismus und der Fremdenfeindlichkeit beitragen. In der richtigen Dosis können sich die beiden Merkmale also wohl bestärken.
Gleichwohl bleiben Spannungen: Monotheistische Traditionen stehen vor dem Problem, dass "zuviel" Alleinheit die Gottheit in einem Pantheismus auflöst und damit ihrer Majestät und Handlungsrelevanz entkleidet. Entsprechend balancierten erfolgreiche Religionsgemeinschaften immer zwischen der Integration von Mystikern (z.B. in eigenen Orden) und deren Ausschluss oder Verfolgung. Umgekehrt wehren sich spirituelle Traditionen gegen das Anhaften an (auch übernatürliche) Identitäten, wie z.B. im berühmten Zen-Wort: "Wenn du dem Buddha begegnest, töte ihn". Demografisch erfolgreich waren und sind rein spirituelle Traditionen aber bislang nicht, auch die japanischen Zen-Klöster dienen heute vor allem der Ahnenverehrung.
Hirngespinste!?
Um über die Befunde zu reflektieren, finde ich den Begriff des "Hirngespinstes" sehr nützlich, der nach deutschem Sprachgebrauch etwas abfällig Phänomene beschreibt, die "nur im Kopf" konstruiert werden. Und so kann z.B. ein extremer Atheist sowohl religiöse wie spirituelle Erfahrung als "Hirngespinste" abtun, die doch nur (ggf. nützliche) Illusionen darstellen. Allerdings gilt dies dann natürlich auch für die Vorstellung eines unabhängigen Selbst - wie es z.B. der Evolutionsbiologe Franz Wuketits in der Universitas 02/2010, S. 137 ff. wieder betont. Man bemerke die Ironie: Wer behauptet, alles sei nur Gehirnkonstrukt, erklärt sich ja auch selbst nur zu einem illusionären Teil eines "eigentlichen" größeren Ganzen. Newberg vertrat daher die Auffassung, dass die spirituelle Erfahrung eben gerade Zugang zu einem höheren Verständnis der Realität ermögliche.
Und ebenso lässt sich natürlich zweifeln, ob das Universum selbst nur tote Materie oder Ausdruck eines lebendigen Willens ist. "Wir brauchen Gott zur Erklärung des Universums nicht!", ruft da der Kritiker. Ja, mag man da zustimmen - aber die Musik, die Liebe, ja das Leben und schließlich alle Existenz braucht es dafür auch nicht. In der deutschen Blogosphäre kann wohl niemand das existentielle Rätsel vom "sich ausbreitenden Schimmel Leben" so sprachmächtig in Worte fassen wie Helmut Wicht. Für die einen ist so Evolution nur zufällige und oft sinnlose Selbstorganisation (aber welches Selbst!?), für die anderen die größte (und andauernde) Schöpfungsgeschichte Gottes. Und so verkünden inzwischen auch Theisten "Dankt Gott für die Evolution!" - und zwar nicht mehr nur als Buch, sondern z.B. auch als Gemeinde-Song:
Die begrenzte Reichweite von Wissenschaft - Methodologischer Agnostizismus
Schon weil sich alle empirische Wissenschaft(en) qua Definition auf beobachbare und damit immer historische Ereignisse beziehen und diese Vergangenheit auch nie ohne Lücken aufklären können, halte ich - wie auch z.B. Richard Dawkins - die grundlegenden Fragen für wissenschaftlich zwar diskutier- aber letztlich unentscheidbar. Deswegen gilt im Rahmen der Evolutionsforschung zu Recht der methodologische Agnostizismus, der von der persönlichen Glaubenshaltung zu unterscheiden ist. Und sehr wichtig finde ich z.B. Einwände wie jene des Brainloggers Stephan Schleim, der auf die Vorläufigkeit aller (auch neuro-)wissenschaftlichen Erkenntnis verweist und auch vor zuviel Scan-Gläubigkeit warnt. Mit der Evolutionstheorie insgesamt lassen sich verschiedenste spirituelle und religiöse Haltungen ebenso vereinbaren wie atheistische. Die letzteren scheinen erkenntnistheoretisch sparsamer zu sein - die religiösen und spirituellen Traditionen aber biologisch und kulturell erfolgreicher.
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