Ist Religiosität eine Adaption?
Blogleser Frank fragte: "Herr Blume, ich verfolge Ihren Blog durchaus mit Interesse, allerdings möchte ich Sie mal fragen, gerade heraus, ist Religiosität eine Adaption oder nicht? Sie scheinen da, verzeihen Sie, durchaus gespalten zu sein, je nach Diskussionspartner sind sich ziemlich sicher oder Sie relativieren diese These." Ich finde diese Frage nicht nur völlig berechtigt, sondern hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, sie mal in einem eigenen Blogbeitrag aufzugreifen. Ein Dank an Frank für den Impuls, es einfach "jetzt" zu tun.
Was ist mit Religiosität und Adaption (Anpassung) gemeint?
"Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande.", lehrte Konfuzius vor Jahrtausenden. Und so kommen auch Wissenschaften nicht darum herum, sich immer wieder neu ihrer Begriffe zu vergewissern. So definierte bereits Charles Darwin Religiosität als "belief in spiritual beings" - "Glauben an spirituelle Wesenheiten" - und hat damit den heute vorherrschenden Sprachgebrauch in der Evolutionsforschung ("Glaube an übernatürliche Akteure") ziemlich gut vorweg genommen. Auch da gibt es allerdings durchaus weitere Diskussionen. So wird die (m.E. gewichtige) Auffassung vertreten, dass sich "Glaube" doch gar nicht direkt beobachten, sondern erst interpretierende erschließen ließe und empirische Forscherinnen und Forscher also lieber von "Verhalten zu übernatürlichen Akteuren" sprechen sollten. Und auf der Explaining Religion-Konferenz in Bristol hat Konrad Talmont-Kaminski (Lublin / Wien) den m.E. sehr starken Vorschlag gemacht, statt von "supernatural - übernatürlichen" lieber von "superempirical - überempirischen" Akteuren zu sprechen - auch um unseren unklar-vielschichtigen Naturbegriff nicht auf andere Kulturen zu übertragen. Wenn also auch ein recht breiter Konsens besteht, so bleibt im Detail noch viel zu leisten - die Entwicklung ist noch (lange?) nicht zu Ende!
Beim evolutionsbiologischen Begriff der "Adaption" (für Feinschmecker auch gerne noch: Adaptation) sieht es leider aber sogar etwas schlimmer aus, wohl gerade weil der Begriff so zentral für die Evolutionsforschung ist - nahezu jede(r) versteht etwas anderes darunter und oft wird der Begriff Ad hoc verwendet. Daher habe ich mir angewöhnt, auf die Frage, ob Religiosität eine Adaption sei - wie zuletzt z.B. durch Edgar Dahl oder jetzt durch Frank - um die zugrundeliegende Definition zu fragen, die gemeint sei. Eine klare Antwort war und ist jedoch bislang leider nicht zu erhalten.
Ernst Mayr übersetzt Adaption als "Anpassung" und schrieb dazu in "Das ist Evolution", S. 187:
"Für Anpassung dürfte es in der Literatur buchstäblich Hunderte von Definitionen geben. Die meisten stimmen letztlich darin überein, dass eine Eigenschaft als angepasst zu bezeichnen ist, wenn sie die (wie auch immer definierte) Eignung oder "Fitness" eines Lebewesens steigert, das heißt, wenn die Eigenschaft zum Überleben und/oder besseren Fortpflanzungserfolg eines Individuums oder einer Gruppe von Individuen beiträgt."
Religiosität ist also adaptiv - aber damit schon eine Adaption?
Nun, diese Bedingung sehe ich eindeutig als belegt und erfüllt an - und freue mich, dass sich die entsprechenden Befunde zunehmend durchsetzen. Auch erklärte Atheisten wie David Sloan Wilson oder auch Antitheisten wie Susan Blackmore erkennen ja das kooperative und reproduktive Potential von Religiosität längst an (selbstverständlich ohne deswegen zu Theisten zu werden oder Religion pauschal "gut" zu finden, denn Adaptivität ist weder ein Wert- noch Wahrheitsurteil!)
Religiosität ist also (sowohl statistisch wie in Fallstudien beobachtbar) adaptiv - aber ist sie deswegen schon eine Adaption? Das hängt davon ab, welche Zusatzbedingungen erwartet werden. Reicht eine durchschnittliche Adaptivität oder muss ein Merkmal (fast) immer vorteilhaft sein? Wie eigenständig und universal muss es sein? Wie alt, wie erblich? Wie genau und mit welcher Sicherheit muss man das alles bestimmen können? Sie sehen: Je nach Gusto können Diskutanten die Anforderungen an den Adaptions-Begriff beliebig herauf oder herunter fahren - und damit letztlich fast zur Geschmacksfrage werden lassen. Daher rührt meine Zurückhaltung oder, genauer gesagt, Tendenz zur Gegenfrage: Wer wissen möchte, ob Religiosität eine Adaption ist, sollte zunächst sagen können, was genau mit Adaption gemeint ist. Sonst verirren sich Frage und Antwort im Begriffsnebel.
Wie wäre es mit Exaptation?
Hinzu kommt ein weiterer Vorschlag, der innerhalb der evolutionären Religionsforschung leider noch kaum diskutiert wird, den ich aber durchaus interessant finde. Wie Sie wissen, vertraten und vertreten vor allem Evolutions- und Kognitionspsychologen die Nebenprodukt-Perspektive auf Religiosität: Sie betonen, dass Religiosität aus der Verschaltung älterer Gehirnfunktionen (wie z.B. Agency Detection, Theory of Mind oder Narrativität) evolviert ist. Erst in seinem jüngsten Buch (das er mir zusandte und ich in den kommenden Woche hier vorstelle) hat Pascal Boyer eingeräumt, dass sich die Zukunft der Nebenprodukt-Hypothese am Reproduktionserfolg entscheide: Wenn das Merkmal zum (durchschnittlich) höheren Reprodkutionserfolg der Träger führt, ist es mehr als "nur" ein Nebenprodukt.
Umgekehrt aber sollte m.E. anerkannt werden, dass tatsächlich sehr viel dafür spricht, dass Religiosität tatsächlich als Nebenprodukt anderer Gehirnfunktionen evolvierte und funktionierte - und womöglich "erst" seit einigen Jahrzehntausenden größere Wirkung und Eigenständigkeit gewonnen hat. Dann aber könnte ein Begriff sehr interessant sein, den Stephen Jay Gould und Elisabeth Vrba 1992 vorschlugen: Die Exaptation.
Damit ist ein Merkmal gemeint, dass durch die "kreative Zweckentfremdung" früherer Strukturen entstanden und adaptiv geworden ist - gewissermaßen ein Zwischenschritt zwischen Nebenprodukt und Adaption. Kritiker wenden freilich dagegen ein, dass dabei das gleiche Problem auftaucht wie beim deutschen Begriff "Migrationshintergrund" - wenn man nur lange genug zurück geht, trifft es auf alle(s) zu. Federn sind beispielsweise bei Dinosauriern wohl ursprünglich zur Balz oder Wärmespeicherung evolviert und wurden erst sehr viel später zum Fliegen eingesetzt. Sind Vogelfedern also nur eine Exaptation? Oder doch eine Adaption? Solange der Adaptions-Begriff nicht klar ist, landen wir auch hier wieder bei der Geschmacksfrage...
Wissen, was wir nicht wissen
Mir ist völlig bewusst, dass sich mit einfachen Schlagworten ("Religiosität ist eine Adaption!") sehr viel leichter Aufmerksamkeit erringen ließe - und dass ich geschätzten Lesern wie @Frank damit ggf. auch den Gefallen leichterer Einordnung machen würde. Aber ich halte nun einmal nichts davon, Klarheit zu behaupten, wo sie noch nicht besteht. Evolutionsforschung funktioniert immer nur über vorläufige Begriffe und Beobachtungen, die - Stück für Stück - überprüft, vertieft und auch überboten werden. Sie eröffnet eine interdisziplinäre und historische Perspektive, die sich der unendlich komplexen Wirklichkeit immer nur stückweise annähern kann. Friedrich August von Hayek folgend - und durch die aktuellen Diskussionen um die Wiederbelebung von "Eugenik" bestärkt - sehe ich dabei die vorschnelle "Anmaßung von Wissen" als ebenso verführerisch wie gefährlich an.
Es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir in den kommenden Jahren weitere Fortschritte bei den Forschungen zu und Definitionen von Religiosität, Exaptation, Adaption etc. machen werden. Aber gerade dafür ist es notwendig, dass wir Unklarheiten nicht vorschnell überspielen, sondern gemeinsam sorgfältig erkunden und diskutieren. Ja, das ist mühsam. Aber ich denke, (nur) so funktioniert Wissenschaft.
Und Spaß machen kann (muss!) sie trotzdem. Wie die Kolleginnen und Kollegen der Evolutionsbiologie Tübingen beweisen. ;-)
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