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Forschen, bis der Arzt kommt. Die Evolution des (Aber-)Glaubens in einer Medizinerzeitschrift

28. April 2012, 17:56

Erfreulich: Immer mehr Berufsgruppen interessieren sich für die Evolutionsforschungen zu Religiosität und Spiritualität. Gleich nach der Lehrzeitschrift "Ethik und Unterricht" kam eine weitere Anfrage von Prof. Dr. Georg Hoffmann, Herausgeber der Medizinerzeitschrift Trilliumreport rein. Ob ich auch für sie einmal eine zusammenfassende Einführung vornehmen würde? Gerne, zumal wir uns auch einig wurden, den Schwerpunkt online auch über NdG öffentlich zu machen.

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Warum Religion natürlich ist und Wissenschaft nicht...

25. April 2012, 23:21

...so lautet die Übersetzung des neuen Buches von Robert McCauley, Direktor des Center for Mind, Brain and Culture an der Emory University: Why Religion is Natural, and Science is Not.

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Geschrieben in Evolutionspsychologie , Hirnforschung | 14 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Intelligenzforschung unter der Lupe. Klüger als wir? von Thomas Grüter

10. Dezember 2011, 20:34

Nachdem mich sein Buch über Verschwörungstheorien sehr beeindruckt hatte, entschied ich mich, auch die Neuerscheinung "Klüger als wir? Auf dem Weg zur Hyperintelligenz" von Thomas Grüter zu lesen. Dabei stand ich der populären Intelligenzforschung sehr skeptisch gegenüber. Intelligenz erschien mir kaum definiert, stand in eher negativem Verhältnis zu Fortpflanzungserfolg und wurde seit Jahrzehnten pseudo-wissenschaftlich gegen Nichteuropäer und Frauen sowie neuerdings wieder von Thilo Sarrazin gegen Muslime angeführt.

Nach der Lektüre des hervorragenden Grüter-Buches weiß ich nun: Ich hätte noch viel skeptischer sein sollen. In angenehm sachlichen Ton und gerade dadurch mit argumentativer Wucht zerlegt der Arzt und Neurowissenschaftler die populären, pseudo-wissenschaftlichen Annahmen über "Intelligenz" - und zeigt auf, wieviel die Wissenschaft gerade hier noch zu leisten hat.

IQ und IQ-Tests - schwach definiert, aber popularisiert

Schon im Einstiegskapitel "Intelligenz - und wie man sie misst" zeigt Grüter mit informativem Humor auf, wie vielfältig der Begriff "Intelligenz" gebraucht wird - und wie schwach er definiert ist. Tatsächlich gibt es unter den Intelligenzforschern keinerlei einheitliche Definition dafür. Manche verwenden sie für bestimmte, kognitive Funktionen, andere beziehen auch Wahrnehmungs- und Gedächtnisfunktionen ein und wieder andere verkünden gar "emotionale Intelligenz", "soziale Intelligenz", "Körperintelligenz" oder "kulinarische Intelligenz".

Die Geschichte des Intelligenzquotienten (IQ) und der berühmten Tests lässt einen staunend zurück: Sie begann ursprünglich als eine Messung von Bildungserfolg zu Lebensalter (daher der Begriff "Quotient" - das Alter diente als Teiler) und wurde erst später auch auf die Erwachsenenwelt ausgedehnt. Und: Bis heute werden unzählige IQ-Tests erstellt und diese "geeicht", so dass sie im Mittel stets 100 erreichen. Die auch von Sarrazin verwendeten, internationalen IQ-Tabellen sind also schon deswegen nicht vereinbar, weil sie oft völlig unterschiedliche Definitionen und Testverfahren verwenden.

Die selbsternannte Intelligenzgesellschaft

In Kapitel 2 kann Grüter so aufzeigen, dass es sich bei "Intelligenz" wesentlich um eine Selbstbeweihräucherung von Wissenschaftlern und Gesellschaften handelt: Wir schreiben unsere wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolge unserer vermeintlich höheren Intelligenz zu (ohne genau sagen zu können, was diese sei) - und schließen dann messerscharf, dass also ärmere Menschen weniger intelligent (und wert) sein müssten. Entsprechend will jede(r) unbedingt als "intelligent" gelten - Statusangst macht uns zu Herdentieren.

Hier hätte Grüter meines Erachtens sogar noch ein wenig schärfer sein können, haben doch Ulrich und Johannes Frey in "Fallstricke. Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft" bereits eindrucksvoll aufgezeigt, wie gefeierte Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Schindluder mit Schädelmessungen und IQ-Tests getrieben und unter anderem Nichteuropäern und Frauen pauschal niedrigere Intelligenz attestiert hatten. Die Intelligenzforschung diente von Anfang an dem bewussten und unbewussten Versuch, die Privilegien weißer Akademiker abzusichern und andere Menschen mit pseudo-biologischen Argumenten für minderwertig (oder, wie z.B. auch wieder Sarrazin schreibt: dysgenisch) zu erklären. Wissenschaftliche Standards wurden und werden dabei grob verletzt.

Auch die Versuche, über hohe IQ-Werte unter aschkenasischen Juden eine genetische Selektion pro Intelligenz abzuleiten, entlarvt Grüter als schwach bis pseudo-wissenschaftlich. Denn streng religiöse Juden vermitteln aufgrund ihrer spezifischen, religiös-kulturellen Traditionen von Kind auf - übrigens ganz genau so wie es z.B. evangelische Pfarrfamilien tun - eine aktive Wertschätzung von Schrift-, Auswendig- und Sprachenlernen sowie komplexer Argumentation. Dass Kinder aus solchen Familien bei entsprechenden IQ-Tests also überdurchschnittlich gut abschneiden und viele Hochleister im Bereich Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hervorbringen braucht keinerlei genetischen Zusatzannahmen.

Kein Intelligenzmodul

Im schön bebilderten dritten Kapitel zu den anatomischen und funktionellen Grundlagen von Intelligenz zeigt Grüter, wie komplex und vielfältig sich Intelligenz in verschiedenen Gehirnregionen und im für Vergleiche interessanten Tierreich ausprägt. Es gibt eben so wenig ein einzelnes Intelligenzmodul wie es ein einzelnes Gottesmodul gibt.

Und da Intelligenz weder eindeutig definiert noch seine Funktion geklärt ist, erweisen sich die bisher vorliegenden Hypothesen zur Evolution von Intelligenz (Kapitel 4) auch als stark spekulativ und schwach belegt. Wie will man auch die Geschichte eines Merkmals entschlüsseln, das und dessen Funktion nur schemenhaft bezeichnet sind?

Intelligenzsteigerung durch genetische Manipulationen, Medikamente oder Implantate

In den folgenden drei Kapiteln spielt Grüter seine Erfahrungen und Kenntnisse als Arzt überzeugend aus, indem er die Wandersagen genetisch "verbesserter" Tiere, vermeintlich intelligenzfördernder Substanzen (wie z.B. Amphetamine, Modafinil etc.) und technologischer Wunderwerkzeuge samt künstlicher Intelligenz (KI) sachlich präsentiert - und dann erdet. Dabei ist ihm die Sympathie für neugierige und auch mutige Forschung ebenso anzumerken wie die Ablehnung jener überehrgeiziger und oft schlicht geldgieriger Wissenschaftler und Unternehmen, die mit Andeutungen und unhaltbaren Heilsversprechungen Aufmerksamkeit erzeugen, Menschen Geld aus der Tasche ziehen - und sogar deren Gesundheit gefährden.

Hinzu kommen dann auch noch Selbsttäuschungen - und in meiner persönlichen Lieblingsstelle des Buches zeigt Grüter auf, woher manche Verheißungen etwa von Transhumanisten stammen, die seit Jahrzehnten auf Unsterblichkeit etwa durch Cybertechnologie oder den "Upload" von Gehirnen in Computerhardware hoffen:

"Sie (Pattie Mae) hatte so viele Leute wie möglich gesucht, die öffentlich die Möglichkeit der Übertragung des eigenen Bewußtseins auf Sizilium vorhergesagt hatten, und die Daten ihrer Vorhersagen mit ihrem Lebensalter verglichen. Es war nicht allzu überraschend, dass sie sich durchgehend mit der Zeit deckten, in der sie selbst 70 werden würden."

Sie nahmen also an, dass sie sich in den Computer retten könnten, bevor ihr körperlicher und geistiger Zerfall einsetzte. Das war ganz sicher kein Zufall. (S. 286)

Dass Grüter diese Kapitel auch mit ein paar immer als solchen kenntlich gemachten, humorvollen und erstaunlich gut geschriebenen Science-Fiction-Szenen würzt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Meines Erachtens wären schon alleine diese drei Kapitel den gesamten Buchpreis samt Lesezeit wert gewesen!

Was bleibt?

Grüter vermittelt die Faszination der Intelligenzforschung ebenso wie ihre oft grotesken Missbräuche und Übertreibungen. Er plädiert keinesfalls für einen Stop einschlägiger Studien oder Debatten, wohl aber für eine aufgeklärtere und kritischere Arbeit, Diskussion und Öffentlichkeit. Wer sich beispielsweise über den Mißbrauch von Intelligenzforschung durch Rassisten oder Pharmakonzerne aufregt sollte sich zugleich doch auch selbst fragen, warum die Öffentlichkeit einschließlich der weiteren Wissenschaften dieses Feld nicht kundiger betrachtet und bestellt. Und warum wir - gerade auch als Wissenschaftler - "Intelligenz" zur Tugend verklären, ohne sie überhaupt definieren zu können.

Schließlich kann ich Grüters Fazit also nur zustimmen, als er im Hinblick auf die anstehenden Probleme etwa des Klimawandels, Rohstoffmangels und Hungers schließt (S. 297):

Ich glaube nicht, dass es den Menschen an Intelligenz fehlt, um diese Herausforderungen zu meistern. Vielmehr brauchen sie Vernunft, Gelassenheit, Weisheit und Augenmaß.

Ob Grüters Buch intelligenter macht, wage ich nicht zu beurteilen. Aber klüger macht es auf jeden Fall!

(Und ich freue mich schon auf den nächsten Band aus der Feder dieses Autors! Tongue out)



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Schaut auf dieses Gehirn - Arvid Leyh im Blog-Interview

18. September 2011, 10:27

Neben Lars Fischer hat mich vor allem Arvid Leyh früh an die Scilogs gefesselt - mit seinem Braincast begeistert er seit Jahren Tausende von Hörerinnen und Hörern für die Wunder des Gehirns. Persönlich ist er ein unglaublich lieber und uneitler Mensch - was wohl sein Erfolgsgeheimnis ist: Ihm geht es um die Sache(n), für die will er begeistern, denn die findet er einfach viel spannender als sein Ego. Man muss einmal mit ihm beim Mittagessen über den präfrontalen Cortex diskutiert haben - dann weiß man schon, was leuchtende Augen sind...


Und sollte Arvid doch jemals abheben, dann ist seine Frau Anita zur Stelle, die ihn aktiv unterstützt, aber auch intellektuell mehr als fordert und zugleich liebevoll erdet - so habe ich die beiden zumindest bei einem Video-Interview vor ein paar Jahren (beeindruckt) erlebt. Ich nehme an, sie wird nun viel zu tun haben: Denn mit DasGehirn.info ist Arvid Leyh und Partnern ein Projekt gelungen, dass endlich wieder einmal zeigt, was das Internet für die Wissenschaftskommunikation an Chancen bietet!
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Religion - Wahrheit oder Hirngespinst?

01. Juni 2011, 18:46

Die nächsten Tage werde ich wenig online sein können, da ich beim "Zentrum Christen und Muslime" beim evangelischen Kirchentag in Dresden helfend mitwirke. Und ganz gleichgültig, was wir nun je vom innigen Glauben an Gott, Jesus und bisweilen auch Margot Käßmann halten: Niemand wird bestreiten können, dass die Menschen dort - nicht zuletzt aus den Kirchen heraus - gegen eine antitheistische Diktatur die Freiheit errungen haben, mit Gästen aus nah und fern zusammen zu kommen und außerordentliche Erfahrungen in Gemeinschaft(en), Gebet(en) und Aktion(en) zu machen - wenn sie das wollen. Da kann und wird etwas stattfinden in den Hirnen Abertausender. Aber beobachtbare Hirntätigkeiten - besagen die eigentlich irgend etwas?

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Das erste Fachjournal für die Evolutionsforschung zur Religiosität - Religion, Brain and Behavior

29. Mai 2011, 18:12

Gestern lag die erste Ausgabe im Briefkasten: Routledge hat als neues Fachjournal "Religion, Brain and Behavior" (RBB) zur Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen auf den Weg gebracht.

Das Fachjournal wird gemeinsam mit dem Institute for the Biocultural Study of Religion (IBCSR) heraus gebracht. Die Interdisziplinarität wird dabei schon durch die Prominenz und Vielfalt der Herausgeber unterstrichen: Patrick McNamara (Neurologie, Boston), Richard Sosis (Anthropologie, Connecticut), Wesley Wildman (Theologie, Boston) und James Haag (Philosophie, Suffolk). Im Herausgeber-Beirat sind namhafte Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Fächer (und Weltanschauungen) vertreten.

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Gehirn und Alphabete - Die Linkesche These

06. November 2010, 14:02

Während meiner Doktorarbeit zur sog. "Neurotheologie" überprüfte ich Dutzende Hypothesen von Hirnforschern zu Religiosität und Religionen und umriss ihre Reichweite. Eine widersetzte sie sich jedoch hartnäckig jedem Widerlegungsversuch: Sie war von dem Bonner Neurologen Prof. Detlef Linke (1945 - 2005) auf einer Tagung 1995 vorgestellt und 1999 veröffentlicht worden. Leider verfehlte ihn mein Schreiben um wenige Wochen - wie mir seine Frau mitteilte, hatte er seit Jahren darauf gewartet, dass endlich jemand aus den Geschichts- oder Religionswissenschaften mit ihm Kontakt aufnehmen und seine Annahmen überprüfen würde. Rüdiger Vaas und ich nahmen die Hypothese schließlich in "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität" auf, die bis heute weder widerlegt noch ausreichend diskutiert oder experimentell vertieft worden ist. Die folgende Bebilderung stammt von mir.

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