Das Kochen mit Feuer in der Evolution des Menschen
Vor einigen Wochen hatte ich einen Blogpost über die Symbolik des Feuers in religiösen Traditionen eingestellt. Das Thema faszinierte mich weiterhin und so kaufte ich mir - nach einer hervorragenden Rezension durch den Soziologen Frank Ufen - das Buch "Feuer fangen" (Catching Fire) von Richard Wrangham. Absolut hörenswert ist auch der Braincast von Arvid Leyh zum Thema. Und in der Tat: Obwohl im Detail noch vieles zu klären bleibt, verändert "Feuer fangen" den Blick auf die Evolution des Menschen - und unseren Alltag. Im folgenden möchte ich wesentliche Aussagen des Wissenschaftsbuches für Sie zusammenfassen.
Wrangham entwirft die "Kochhypothese" - Cooking Hypothesis, wonach die Beherrschung des Feuers als Kulturtradition tiefgreifende Auswirkungen auf die auch biologische Evolution des Frühmenschen hatte. Er knüpft dabei an Überlegungen Charles Darwins an, der in seinem "Die Abstammung des Menschen" (Kap. 5) die evolutionäre Bedeutung des Kochens und Wärmens bereits vermutet hatte. Demnach hätten gerade die Kulturfähigkeiten den Erfolg des (Früh-)Menschen beflügelt:
Wenn er in ein kälteres Klima wandert, so benutzt er Kleider, baut sich Hütten und macht Feuer, und mit Hülfe des Feuers bereitet er sich durch Kochen Nahrung aus sonst unverdaulichen Stoffen."
Wranghams Hypothese behandelt damit einen starken Fall biokultureller Evolution - der gegenseitigen Beeinflussung biologischer Veranlagungen (wie Verdauung, Gehirngröße) und kultureller Artefakte (wie Feuer, Kochstellen) in der Evolution des Menschen.
Wranghams zentrale These ist:
Wir sind an die für uns adäquate Nahrung in gekochter Form gebunden, und die Folgen dieses Faktums durchdringen unser ganzes Dasein, vom Körper bis zum Denken. Wir Menschen sind die kochenden Affen, Geschöpfe des Feuers."
Und seine Hauptargumente dazu lauten:
* Gegarte und gekochte Nahrung ist sehr viel leichter, ergiebiger und schneller zu verdauen als Rohkost. Die Folge: Wer gegarte oder gekochte Nahrung zu sich nimmt, spart jeweils deutlich Kau- und Verdauungszeit und erhöht zugleich den Energieertrag aus der Nahrung.
* Zusätzlich kann Feuer wärmen und - besonders Nachts - vor Raubtieren schützen.
* Zu den Nachteilen gehört, dass Kochen selbst Zeit kostet und dass Kochstellen für andere - ggf. hungrige - Menschen weithin sichtbar sind.
Das so entworfene evolutionäre Szenario sieht dann wie folgt aus:
Vor etwa 1,8 Mio. Jahren evolvierte Homo habilis zu Homo erectus - indem unsere Vorfahren das Feuer zähmten. Dadurch sei es ihnen möglich geworden, Zeit zu sparen, den Magen-Darm-Trakt zu verkleinern und stattdessen mehr Energie für das Gehirn(wachstum) einzusetzen.
Auch sei das Fellkleid (weiter) geschwunden, was das vor Überhitzung schützende Schwitzen (etwa beim Laufen, Jagen oder Arbeiten) erleichterte. Das Problem zeitweisen (etwa: nächtlichen) Frierens sei nun durch Feuer kompensiert worden.
Auch Sozialkompetenzen und Sprachfertigkeiten seien nun ausgebaut worden, da sich diese Fähigkeiten im neuen Sozialraum "am Feuer" evolutionär auszahlten.
Und schließlich seien auch Arbeitsteilung und Paarbindung (weiter) evolviert, da nun auch Männer auf regelmäßige, gekochte Nahrung und Frauen auf mehr Schutz vor Nahrungsdieben angewiesen waren.
So stark und überzeugend das Szenario klingt, bleiben jedoch noch eine Reihe von Problemen:
So reichen einigermaßen gesicherte, archäologische Befunde zu Feuerstellen bislang nur knapp 800.000 Jahre zurück - ob ältere Funde verbrannter Knochen (Swartkrans in Südafrika, ca. 1,5 Mio. Jahre), erhitzte Lehmbrocken (Kenia) oder möglicherweise für ein Lagerfeuer geordnetes, erhitztes Gestein (Äthiopien) tatsächlich Feuerbeherrschung signalisieren, ist noch umstritten. Auch erscheint es fraglich, ob sich kochende Frauen schützend an einzelne Männer gewandt haben müssen - sowohl der Primatenvergleich (Bonobos) wie auch die Evolutionsforschung zur Religiosität würden eher frühe Frauenbündnisse nahelegen.
Und doch lassen sich zwar Details durchaus kritisch diskutieren, die Gesamtbefunde Richard Wranghams sind aber kaum mehr von der Hand zu weisen. Es kann kein ernsthafter Zweifel mehr bestehen: Die Evolutionsgeschichte des Menschen wurde maßgeblich auch durch Feuer und Kochen geprägt.
Was ich zudem anmerken möchte - wie schon beim Thema Kinder verstehen & erziehen scheint nun auch im Bereich von Ernährung und Alltag die Evolutionsforschung einen so hohen Stand erreicht zu haben, dass sie als alltagstaugliche Ratgeber taugen und pseudowissenschaftlichen Kram zunehmend ablösen können.
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Sehr interessant! Danke dafür!
Freut mich, dass es Dir gefällt! Beim Lesen von "Feuer fangen" merkt man auch wieder: Die wirklich guten Entdeckungen sind interdisziplinär. :-)
Kaltes bläuliches Licht empfinden die meisten Menschen als unangenehm.
Der Mensch verwendet das Feuer seit ungefähr 800.000 Jahren.
Später kamen Kienspäne, Öllampen und Kerzen dazu, und viel später dann die Glühbirnen.
Alle diese Lichtquellen haben eine Farbtemperatur von weit unter 3000 Kelvin.
Bei Holzfeuern, Öllampen, Kerzen, und sogar bei den ersten Glühbirnen kam das Licht von glühendem Kohlenstoff.
Kein Wunder, dass wir nach 800.000 Jahren das Licht von glühendem Kohlenstoff gewöhnt sind.
Auch bei unseren Vorfahren wurden die Zähne mit der Zeit schlechter. Ältere Leute hatten mit ziemlicher Sicherheit häufig Lückengebisse. Und da ist schön weichgekochtes Essen einfach besser.
Ich kann mir vorstellen, daß die Erfindung des Kochens sehr bald lebensverlängernd wirkte.
Ich kann Sebastian nur zustimmen!
Aber ich muss auch unbedingt auf etwas hinweisen: In den letzten Wochen hatte ich immer als einziger mit dem Namen Sebastian geschrieben; nun scheint aber ein Namensvetter hierher gefunden zu haben und daher gebe ich jetzt meinen vollen Namen an (den gibts zwar auch noch häufig genug, aber ich hoffe mal, dass das reichen wird ;-) ). Also der Sebastian aus den letzten Wochen heißt jetzt Sebastian Voß :-) Und ich begrüße herzlich meinen Namensvetter!
Außerdem ist der Beitrag von @Karl Bednarik, glaube ich, noch einmal ein schönes Beispiel für biokulturelle (Ko)Evolution!
Wow, ja, das ist eine geniale Querbeobachtung:
Ältere Leute hatten mit ziemlicher Sicherheit häufig Lückengebisse. Und da ist schön weichgekochtes Essen einfach besser. Ich kann mir vorstellen, daß die Erfindung des Kochens sehr bald lebensverlängernd wirkte.
Denn in der Tat: Die Evolutionsforschung zum gemeinschaftlichen Kinderaufzug (Cooperative Breeding) verweist ja auf die besondere Rolle der Großeltern und besonders Großmütter mütterlicherseits, deren Langlebigkeit Kindern und Enkeln zunehmend zugute kam:
Mutter Natur verstehen - Die Evolutionsforscherin Sarah Blaffer Hrdy
Und diese Entwicklung beflügelte wiederum die Evolution von Religiosität und religiöser Vergemeinschaftung:
Die Rolle der Frauen in der Evolution von Religiosität und Religionen
Danke für dieses überzeugende Verknüpfen bislang isolierter Befunde, Wrangham hatte den Zusammenhang mit Alter & Cooperative Breeding noch nicht gesehen, aber er ist m.E. überzeugend und prüfenswert.
Ach, jetzt blicke ich wieder durch. Danke für die Hinweise und den ganzen Namen! :-)
Sehr interessant, vielen Dank!
Ich kann mir gut vorstellen, dass gekochtes Essen eventuell generell die Überlebenschancen verbessert hat, da durch die Hitze ja auch Keime abgetötet werden.
Vor einer Weile hab ich einen Bericht über verschollene Wissenschaftler in der Arktis gesehen, die letztendlich daran starben, dass sie Eisbären roh gegessen hatten und dadurch vergiftet worden sind.
Gerne geschehen! Mich fasziniert am Beispielen wie dem Kochen immer wieder, dass auch wir Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Offensichtliches weitgehend übersehen konnten. Es gab ja unzählige Publikationen und Konferenzen etwa über das Jagen, den Werkzeuggebrauch, die Kriege etc. - aber die evolutionäre Bedeutung des Kochens, die doch buchstäblich täglich vor unserer Nase lag, haben wir lange übersehen... Seltsam, oder!?