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Das Ende der Expertokratie? – Aktuelle Blogdebatten über Religion

22. Mai 2012, 20:15

Als einen Nachtrag zum Bloggewitter „Bloggen und Karriere“ stelle ich heute einmal ein paar aktuelle Blogdiskussionen vor und frage, was sie über das Verhältnis von Wissenschaffenden und Öffentlichkeit aussagen.

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Geschrieben in Religion im Internet , Netzkultur(en) , Bürgerwissenschaft | 10 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Wie Salafisten und Extremisten das Internet benutzen

07. Mai 2012, 00:32

Immer noch ist in wenig informierten Medien zu lesen, bei islamischen Salafisten handele es sich schlicht um eine "traditionalistische" und "rückwärtsgewandte" Bewegung. Dabei gehören die Salafisten in den Bereich des religiösen Fundamentalismus - der ein Produkt der Moderne ist, sie zugleich aufnimmt und bekämpft. So erschien die den Namen begründende, evangelikale Schriftenreihe "The Fundamentals" Anfang des 20. Jahrhunderts und versuchte, gerade mit neuen, nicht-traditionellen Argumenten etwa die liberale Theologie oder die Evolutionstheorie abzuwehren. Hinter dem Anspruch (!) ein urtümliches Christentum zu vertreten stand schon damals eine moderne Ideologie und Methodik, die gewachsene Traditionen verwarf. Und dies gilt weiterhin für Fundamentalismen in allen Religionen.

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Geschrieben in Religion im Internet , Netzkultur(en) | 37 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Wissenschaftsbloggen IST eine Karriere - Ein Erfahrungsbericht

02. Mai 2012, 06:38

Wissenschaft, Familie und ein spannender, dann auch mal unbefristeter Beruf - kann das irgendwie zusammen gehen? Immerhin verlassen jährlich zahlreiche studierte Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler die Universitäten, ohne dass es für uns "natürliche" Arbeitgeber (wie etwa für Theologen, Naturwissenschaftler oder auch Mediziner - obgleich Markus Dahlem da auch bedrückendes zu berichten hat...) gibt. Die Folgen sind oft harte Konkurrenz, personelle Abhängigkeiten und befristet-geteilte Arbeitsverhältnisse ohne Erfolgsgarantie.

Als nach dem Gewinn eines Bundes-Studienpreises überraschend ein (wissenschaftsnahes) Jobangebot kam und unser erstes Kind unterwegs war, entschied ich, keinen klassischen Karriereweg einzuschlagen, sondern neben dem Beruf weiter wissenschaftlich zu arbeiten: zu promovieren, zu publizieren, Lehraufträge anzunehmen und schließlich zu bloggen. Wie wirkte sich das aus? Ein Rückblick anläßlich des Bloggewitters "Bloggen und Karriere: Unvereinbar?".

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Gott in Wilden Netzen - Religion im Brennpunkt des Web 2.0

22. April 2012, 00:11

Die Zeitschrift Herder Korrespondenz (gegr. 1946) ist so etwas wie die katholische Edelfeder in Deutschland, deren (zunehmend ökumenischer und interreligiöser) Mix aus aktuellen Meldungen und Berichten, theologischen und wissenschaftlichen Texten im spartanisch weiß-roten Setting mich seit Jahren fasziniert. Sozusagen die Brezel unter den Religionszeitschriften: schlicht, und einfach nicht zu verbessern. Umso euphorischer war ich, als eines Abends eine Anfrage genau der HK-Redaktion für einen Artikel im Postfach lag - und zwar für einen Text zu Religion & Bloggen.

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Netzkultur - Kritiker vs. Basher

27. März 2012, 08:03

Die große Chance des Netzes ist, dass sehr viel mehr Menschen mitreden können. Ein Problem dabei ist jedoch, dass einige zur Einschüchtung Anderer Kompetenzen beanspruchen, die sie offensichtlich nicht haben. Der vielleicht beliebteste Trick besteht darin, sich mit der Würde eines "Kritikers" zu schmücken - beispielsweise als Evolutions- oder Islam-, Israel- oder Demokratie-, Religions- oder Medizin"kritiker". Damit schließen sie an die prägende Kultur der Literatur-, Musik-, Theater-, Kunst- und schließlich Gesellschaftskritik an, über die sich das Bürgertum in der Aufklärung emanzipierte. Signalisiert werden sollen mit der Selbstbezeichnung als "Kritiker" Kenntnisse und ein höherer, reflektierter Standpunkt.

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Wider die Klischees - Ein Lob der Süddeutschen Zeitung

24. März 2012, 14:32

Zu den Vorurteilen über Blogger gehört, sie würden keine Zeitungen lesen - oder wenn, dann nur am Bildschirm. Blödsinn. Ich kann und will auf eine gute Zeitung nicht verzichten und bin stolz darauf, als Jugendlicher viele Jahre lang als Austräger gearbeitet zu haben - wie mein Vater vor mir. Was ich jedoch von einem kostenpflichtigen Medium erwarte, ist Qualität: Mehr als den Nachdruck von Nachrichtenagenturen und vor allem mehr als die Bestätigung von Klischees. Und bei schlechter Qualität wechsele ich eben. Seit einiger Zeit ist die Süddeutsche Zeitung mein (auch abonnierter) Favorit - und sie hat heute gezeigt, warum. Also schiebe ich einen anderen, geplanten Blogpost, um hier im Blog mal ein Printmedium ausdrücklich zu loben.

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Islam-Studie für Deutschland - BILD Dir Deine Meinung

02. März 2012, 22:05

Wieder einmal gibt es Klärungsbedarf zwischen Wissenschaftlern und Journalisten. Die BILD-Zeitung hatte eine neue Studie zu jungen Muslimen im Auftrag des Bundesinnenministeriums diese Woche als "Schock-Studie" über "radikale Muslime" tituliert und verkündet: Junge Muslime verweigern Integration. Der verantwortliche Autor der Studie, Prof. Wolfgang Frindte von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ist mit dieser Deutung jedoch gar nicht glücklich. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung online erklärte Frindte:

Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten - das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt. Aber es ist gut, dass die Studie jetzt zur Kenntnis genommen wird. Und inzwischen wird auch auf kompetente Weise darüber berichtet.

Nun, die neuen Medien erlauben es uns, der Sache nachzugehen. So ist die umfangreiche Studie, die in der Tat eine ganze Menge auch anderer, spannender Aspekte (z.B. Auswirkungen der Sarrazin-Debatte) erkundete, hier kostenlos und komplett als pdf abrufbar.

Wem die deutlich über 700 Seiten nun aber doch zuviel sind, für den steht hier auch eine Kurzfassung der Studie auf den Seiten des BMI zur Verfügung.

Und wem auch das noch zu lang ist, der findet auf der BMI-Page sogar eine Kurzfassung der Kurzfassung, die in der Tat so kurz ist, dass ich sie hier zitieren kann:

Die Studie kommt laut Bundesministerium des Inneren zu folgenden wesentlichen Ergebnissen:

  • Es gibt nicht eine muslimische Lebenswelt in Deutschland, sondern zahlreiche ambivalente. Ebenso sind die Beziehungen zwischen der deutschen, nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft und den in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslimen vielschichtig.
  • Die Untersuchung zeigte, dass sich alle in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen mehrheitlich deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzieren. Allerdings erleben sie eine Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen und eine zu vorschnelle Verknüpfung des Islams mit dem Terrorismus.
  • Die Mehrzahl der befragten deutschen und nichtdeutschen Muslime ist bestrebt, sich zu integrieren. Demnach befürworten 78 Prozent der deutschen Muslime Integration mehr oder weniger während 22 Prozent eher eine zurückhaltende, die eigene Herkunftskultur betonende Haltung einnehmen. In der Gruppe der nichtdeutschen Muslime finden sich ca. 52 Prozent, die Integration mehr oder weniger befürworten, aber auch 48 Prozent mit starken Separationsneigungen.
  • Die Befragungen von Muslimen im Alter zwischen 14 und 32 Jahren ergaben jedoch auch, dass eine Subgruppe existiert, die als "streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz" bezeichnet werden kann. Diese Subgruppe umfasst bei den deutschen Muslime ca. 15 Prozent und in der Gruppe der nichtdeutschen Muslime ca. 24 Prozent.
  • Mögliche Ursachen für diese potenziellen Radikalisierungstendenzen liegen vor allem im Ausmaß der "traditionellen Religiosität", der "autoritären Einstellungen", der Orientierung an "Macht" und "Erfolg" sowie der Wahrnehmung bzw. dem Erleben von "gruppenbezogener Diskriminierung".

Das Heymat-Projekt am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin unter Leitung von Dr. Naika Fourutan hat ebenfalls bereits eine erste, kritisch-konstruktive und online-verfügbare Einschätzung der Islam-Studie vorgenommen. So merken sie unter anderem an, dass die Zahl der Befragten so klein war, dass sich Aussagen über "die" radikalen Muslime auf eine Zahl von 25 - in Worten: fünfundzwanzig - Interviews beziehen. Die Nicht-Repräsentativität räumen die Macher der Studie auch durchaus ein, man wird sie wohl explorativ nennen dürfen. Lesenswert ist auch der Vergleich von Zustimmungsquoten von demokratiefeindlichen, antisemitischen, rassistischen und gewaltaffinen Aussagen in der Gesamtgesellschaft auf den Seiten 8 und 9 der Heymat-Gegenüberstellung...

Sollte man also einfach so tun, als gebe es die Befunde der Studie und Radikalisierungsprozesse bei einer Minderheit von Muslimen gar nicht? Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, ist im tagesschau-Interview anderer Meinung...

Nicht die BILD-Zeitung, sondern die Studie selbst kommentierend, sagte er:

Die Studie stellt die Situation differenziert dar und bringt die Probleme auf den Punkt. Und sie zeigt, dass wir handeln müssen und gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze suchen sollten. Wir neigen ja dazu, Integrationsdefizite zu benennen und zu beklagen. Mit dem gleichen Engagement sollten wir endlich über Lösungsansätze debattieren und die richtigen politischen Schlussfolgerungen ziehen.

Und als Antwort auf die Frage, nach den Erwartungen an die "Politik als Reaktion auf die Studie" antwortete Mazyek:

Wir erwarten, dass die Politik das Warnsignal erkennt und mit uns gemeinsam gegensteuert. Der Kampf gegen Extremismus ist keine Frage von "ihr" und "wir". Wir werden das Problem nur gemeinsam lösen können.

Irgendein Medium hat doch mal mit dem Slogan geworben: Bild Dir Deine Meinung.

Nun, das Web macht es - leichter und schneller denn je - möglich.



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Als Richard Dawkins Zuflucht bei Gott suchte

24. Februar 2012, 01:18

Das Internet entwickelt beunruhigende Ähnlichkeiten mit der BILD-Zeitung: Wer diese Aufzüge nach oben nimmt, läuft Gefahr, mit ihnen auch herunter zu fahren. So ging es gerade in letzter Zeit Richard Dawkins, der so lange auf der Klaviatur des Netzes gespielt hatte - und sich nun wiederholt in ihm verhedderte.

Bild: Matthias Asgeirsson / Wikicommons

Es ging wohl los mit #Elevatorgate, in dem Dawkins auf die Beschwerde einer Mit-Skeptikerin über Sexismus unter "neuen Atheisten" mit einem höhnischen Kommentar geantwortet hatte. Es folgten Debatte und ein erster Shitstorm, selbst Teile seiner Anhängerschaft reagierten verstört.

Weiter ging es mit einem New York-Times-Online-Interview, in dem Dawkins nicht nur Freund und Feind mit seinem Glaubensbekenntnis zu "evolutionärem Fortschritt" (an der Seite von Simon Cornwall Morris) verblüffte, sondern auch verkündete, er gehe davon aus, dass andernorts im All bereits "gottähnliche Kreaturen" (God-like creatures) evolviert seien. Kann man glauben...

Und nun auch noch dieses BBC-Radiointerview: Dawkins hatte darin behauptet, dass ein Großteil der Briten nicht mehr als Christen bezeichnet zu werden verdienten, vermochte doch weniger als ein Drittel der Befragten einer Studie Matthäus als ersten Evangelisten zu benennen. Doch sein Diskussionspartner, Reverend Giles Fraser, hakte nach (Transkript übersetzt):

Giles Fraser: Richard, wenn ich dich nach dem vollen Titel von der "Entstehung der Arten" fragen würde, könntest du mir diesen sicher nennen.

Richard Dawkins: Ja, könnte ich.

Giles Fraser: Na dann los.

Richard Dawkins: 'Die Entstehung der Arten' ... Uh. Mit, Oh Gott. 'Die Entstehung der Arten.' Dazu gibt es einen Untertitel der sich auf die Erhaltung bevorzugter Rassen im Ringen um das Leben bezieht.

Giles Fraser: Du bist der Hochpapst des Darwinismus... Wenn du Leute fragtest, ob sie an die Evolution glauben und kämest zurück und berichtetest, zwei Prozent bekämen es hin, dann würde es doch furchtbar einfach für mich sein zu sagen, 'die glauben es ja gar nicht'.

Aus Dawkins Sicht kein optimaler Diskussionsverlauf. Und dann, im Moment der Verzweiflung, auch noch eine Anrufung Gottes! Das schaffte es gleich bis in die Huffington Post...

Aber, wissen Sie was? Solche Irritationen mögen für diejenigen ein Problem sein, die Dawkins wahlweise für einen unfehlbaren Guru oder einen Reiter der Apokalypse halten. Aus meiner Sicht machen solche Lapsen Dawkins dagegen doch vor allem als Mensch von immerhin schon 70 Jahren erkennbar. Das ist m.E. nichts, was gegen Menschen sprechen sollte. Wer im Internet sezierend attackiert wird - wie derzeit z.B. auch Joachim Gauck -, wird mir persönlich eigentlich eher sympathischer. Auch da ist sie wieder - die Parallele zu den Opfern der BILD-Zeitung...



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Soziale Netzwerke schon bei Jägern und Sammlern - Harvard-Studie zu den Hadza

28. Januar 2012, 10:04

Immer noch hält sich in Teilen der Öffentlichkeit das Klischee von einem brutalen Evolutionsprozess, der letztlich nur Egoismus belohne. Dagegen verweist die Forschung immer stärker auf die enormen Potentiale von Kooperation, die gerade auch die Evolution des Menschen ermöglicht haben.

Letztes Jahr hatte ich auch hier die Auffassung vertreten, dass soziale Netzwerke wie Facebook auch deswegen so erfolgreich und süchtig-machend seien, da sie direkt an unseren sozialen und kooperativen Gelüste nach Teilhabe, Anerkennung und Reputation andocken.

Einer interdisziplinären Forschergruppe aus Coren Apicella, Frank Marlowe, James Fowler und Nicholas Christakis mit Schwerpunkt in Harvard gelang nun jedoch gar der Nachweis, dass die sozialen Netzwerke von heutigen Jägern und Sammlern der Hadza strukturell "modernen" sozialen Netzwerken entsprechen. So schlossen sich die erforschten Hadza zu flexiblen Gruppen ("Camps") zusammen, in denen sich je kooperative ("Kooperatoren") oder weniger kooperative ("Defektoren") Individuen fanden - auch über genetische Verwandtschaftsgrade hinweg. Entsprechend mehr oder weniger erfolgreich konnten und können Hadza-Gruppen gemeinschaftlich Nahrungsbeschaffung, Arbeit (wie Werkzeugherstellung) und Kinderbetreuung organisieren.

Hier der eindrucksvolle Forschungsbericht von Coren Apicella:

 

Evolutionäre Anthropologie und die Prägung unserer Ahnen

Man kann es also gar nicht oft genug sagen: Homo oeconomicus-Modelle & Co., die von grundlegend egoistischen Akteuren ausgehen, sind falsch. Zwar sind Menschen durchaus keine Engel - auch Tendenzen zu Homophily (der Bevorzugung Gleicher) und also Fremdenfeindlichkeit fanden sich durchaus bei den Hadza. Und doch sind wir über abertausende Generationen hinweg auf Kooperation und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Anerkennung usw. evolviert, die nun - individuell verschieden und selbstverständlich soziokulturell ausgeprägt - unser Verhalten prägen. Die Macht, die das Internet über uns gewinnt, resultiert vor allem daraus, dass es diese Sehnsüchte anzusprechen vermag. Von den Hadza und anderen Wildbeutervölkern können wir lernen, wie es dazu kam.

Literatur:

* Apicella, C., Marlowe, F., Fowler, H., Christakis, N. (2012): Social networks and cooperation in hunter-gatherers. In: Nature 481/2012, S. 497 - 502 (kostenpflichtig)

* Blume, M. (2011): Wir Wildbeuter im Web 2.0 - Die soziale Macht des Internet(t). In: Heimat & identität 3/2011, S. 6 - 13 (Open-Access)



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Als Löten noch Widerstand war - Auch schon die DDR hatte Nerds

03. Dezember 2011, 22:42

Heute fand der Bundesparteitag der Piraten in Offenbach (bzw. auf Twitter unter dem Hashtag #bpt112) statt. Und langsam wird doch immer mehr Beobachtern klar, dass sie es hier nicht nur mit einem Modethema zu tun haben, sondern mit einem Ausdruck einer kulturellen Entwicklung, die durch neue (Computer-)Technologien ermöglicht und beflügelt wird. Und diese setzte auch in Deutschland keineswegs erst nach der Wiedervereinigung mit dem Internet ein, sondern hatte je eigene Vorläufer in West- und Ostdeutschland.

Von Informatikfreaks und "DDR-Nerds"...

...handelt zum Beispiel der Roman "Zur letzten Instanz" von Marc Schweska. Hier wird das Lebensgefühl der - auch hier fast ausschließlich männlichen - Technikbegeisterten geschildert, die sich eigene, lebensweltliche Nischen suchten.

Einerseits gab ihnen der sozialistische Materialismus theoretischen Rückenwind - der ja das Versprechen der Problemlösung durch Technologie(n) im Programm hatte und gerne an der Spitze der Computertechnologie marschiert wäre. Andererseits aber entdeckten insbesondere die jungen Generationen mit jeder technischen Neuerung neue Möglichkeiten, aber auch Sprachcodes, kleine Rituale und Träume, vor denen die grauen Parteibonzen zitterten. Mit einer lebendigen und also kaum kontrollierbaren Kultur konnten die real existierenden Regenten im Namen von Sozialismus und Humanismus nicht leben.

Aus dieser Nischenwelt zwischen technischer Faszination, Basteleien zwischen Anerkennung und Rebellion sowie der Angst vor Partei & Stasi berichtet Schweska detailreich, mit viel Wortwitz und einiger Melancholie, aber ohne große Handlungsstränge - realistisch, also. Sein Buch zielt kaum auf breiteste Leserschichten, aber wer sich für die heutige Nerd-Kultur(en) begeistern kann, wird auch an ihren ostdeutschen Vorläufern gefallen finden.

Während Cichy in der Küche klapperte, wurde Nick spirituell. "Weißt Du, warum das Leben ein Computerspiel ist?" - "Im Gegensatz zur Wurst hat es ein Ende. Und es kommt immer überraschend." - "Weil es immer einen besseren Spieler gibt!"

Als die Tassen auf dem Tisch standen, fing Cichy an. "Lem, wegen deinem Vater. Ich kenn doch den Reger..." Cichy sagte immer "den X" oder "der Y". Eine sprachliche Mode, die Brechtianer "vom" Brecht überlieferten. Der Namensartikel gehörte zum guten Ton der Intelligenz, signalisierte Gemeinschaftsbewusstsein und Kumpelhaftigkeit wie das "du" der Genossen, die Antithese zum bourgeoisen "Sie". (S. 170)

Wahlerfolg der Piraten vor allem in Ostberlin

Und, nein, diese kulturellen Traditionen gingen nach der Wiedervereinigung nicht einfach unter. Bei ihrer ersten, erfolgreichen Landtagswahl in Berlin 2011 erzielten die Piraten in Westberlin 8,1% - in Ostberlin aber 10,1%. Bei den Unter-30-Jährigen in Ostberlin wurden die Piraten mit 20 Prozent sogar zweitstärkste Partei.

Ein Problem gab (und gibt) es jedoch bei den Frauen: Während 19% der U-30-Männer in Berlin die Piraten wählten, waren es nur 11% der gleichaltrigen Frauen - die dafür mit 24% den Grünen den Vorzug gaben.

Nicht nur politisch einen Blick wert

Wer immer noch glaubt, mit ein paar Facebook-Spielereien das politische Potential des Internets erschlossen zu haben, dürfte sich noch wundern. Zwar ist es durchaus möglich, dass die Piraten als Partei ihren Zauber wieder verlieren und sich so schnell zerlegen, wie sie aufgestiegen sind. Aber auch damit wäre die kulturelle Strömung, die sie hervorgebracht hat, nicht einfach verschwunden. Wie der Buchdruck, die Zeitung und das Fernsehen verändert auch das Internet die Regeln des politischen Spiels in jeder Gesellschaft und für jede Generation. Das ist interessant zu beobachten - und zu lesen.

Und wer noch weiter ins Thema einsteigen möchte, hier wieder eine Veröffentlichung zum freien Download:

Blume, M. (2011): "Wir Wildbeuter im Web 2.0 - Die soziale Macht des Internet(t)"
In: Heimat & Identität 03/2011, S. 6 - 13



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