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Darwinisten gegen Darwin? Gegen die religionsfeindliche Umdeutung von Charles Darwin

25. Dezember 2011, 14:28

Wenn "Darwinisten" über Charles Darwin diskutieren, so fühle ich mich oft an Dostojewskis "Großinquisitor" erinnert. In diesem berühmten Gedankenspiel lässt der Autor Jesus ins spätmittelalterliche Spanien zurückkehren. Doch die Lehren und Institutionen der Kirche haben sich längst weit von den Lehren des Nazareners entfernt. Entsprechend begrüßt der Großinquisitor Jesus nicht etwa, sondern lässt ihn verhaften und beschimpft ihn:

Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn Du bist uns stören gekommen! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: bist Du's wirklich, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Aber morgen noch werde ich Dich richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküsst hat, wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen hinstürzen, um eifrig die glühenden Kohlen zu schüren, weißt Du das?

Dass die Ideen und Lehren bedeutender Persönlichkeiten unweigerlich gedeutet, tradiert und institutionalisiert werden, bis sie kaum noch zu erkennen sind, ist in der Geschichte von Religionen und Weltanschauungen keine Seltenheit. Man sollte jedoch meinen, in den Wissenschaften gälte ein besonders reflektierter und vorsichtiger Umgang mit großen Stichwortgebern. Doch weit gefehlt - erst neulich hatten wir hier ja über die rationalistische Verkürzung des evolutionären Ökonomen Friedrich August von Hayek diskutiert. Und auch für den populären Darwinismus - bzw. den Neodarwinismus - gilt: Hier berufen sich regelmäßig Menschen auf den studierten Theologen Charles Darwin, die ihn entweder nicht wirklich gelesen haben oder gezielt ignorieren.

Darwinistische Inquisitoren

Einen kleinen Geschmack auf die atheistischen Vorwürfe, die einem vorbei spazierenden Darwin heute drohen würden, gab es auf "Natur des Glaubens", als ich es gewagt hatte, die Schlusssätze von Darwins Hauptwerk "Die Entstehung der Arten" (ab der 2. Auflage) zu zitieren:

Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat, und daß, während unser Planet den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfange sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.

Gleich der erste Kommentator ließ wissen, dass Charles Darwin nicht gemeint haben könnte, was er schrieb - entsprechende Sätze "waren nichts weiter als beruhigende Zugeständnisse an seine erbosten Zeitgenossen." Darwin - ein unaufrichtiger Taktierer?

Der zweite Kommentator behauptete, dass Darwin den Schöpfer "unter dem Druck der Religionslobby hinzugefügt" habe, und zwar "zu seinem eigenen Missfallen". Und zitieren solle man ihn also auch nicht mehr, denn: "Dass für seine eigene naive Argumentation für Gott zu vereinnahmen kann natürlich nur passieren, wenn man ganz stark an Religiosität erkrankt ist, jedem anderen Menschen mit einem Funken Anstand wäre derartiger Betrug einfach zu peinlich." Darwin - zu Betrug erpresst?

Darwinismus ohne oder gar gegen Darwin?

Und so geht es weiter - religionskritische Darwinisten haben sich längst ein Darwin-Bild zurecht gebogen, das mit dem studierten Theologen ("unnütze Esser" laut einem weiteren Kommentator...) nichts mehr zu tun hat. Aber auch prominente Darwinisten wie Richard Dawkins veröffentlichen ganze Bücher "darwinistischer" Religionskritik - ohne auch nur zu erwähnen, wie ihr Namensgeber selbst die Vereinbarkeit von Evolution und Gottesglauben (evolutionärer Theismus) beurteilte und welche Begriffe und Hypothesen Darwin selbst zur Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen vortrug.

Ob (nicht nur) Dawkins die religionsbezogenen Aussagen von Charles Darwin gar nicht kennt - oder bewusst entscheidet, sie zu verschweigen?

Charles Darwin und der evolutionäre Theismus

Schauen wir uns die o.g. Aussage Darwins doch noch einmal genau an, so werden wir feststellen, dass sie sehr viel differenzierter ist, als manche(r) vor lauter Erregung wahrnimmt. Charles Darwin behauptet gar nicht, an einen Schöpfergott und einen Fortschritt des Lebens zu glauben. Er erkennt jedoch an, dass dies eine "grossartige Ansicht" sei. (Im englischen Original geradezu poetisch: There is grandeur in this view of life...")

Wenige Absätze zuvor hatte Darwin diesen Gedanken bereits in der Ursprungsfassung der "Entstehung der Arten" ausgeführt:

Ich sehe keinen triftigen Grund, warum die in diesem Bande aufgestellten Ansichten gegen irgend Jemandes religiöse Gefühle verstoßen sollten. Es dürfte wohl beruhigen, (da es zeigt, wie vorübergehend derartige Eindrücke sind), wenn wir daran erinnern, daß die größte Entdeckung, welche der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Attraction oder Gravitation, von Leibnitz auch angegriffen worden ist, „weil es die natürliche Religion untergrabe und die offenbarte verläugne.“ Ein berühmter Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe allmählich einsehen gelernt, daß es eine ebenso erhabene Vorstellung von der Gottheit sei, zu glauben, daß sie nur einige wenige der Selbstentwickelung in andere und nothwendige Formen fähige Urtypen geschaffen, wie daß sie immer wieder neue Schöpfungsacte nöthig gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer eigenen Gesetze entstanden seien.“

Auch in seinem späteren Hauptwerk "Die Abstammung des Menschen" formulierte Darwin nicht nur Definitionen und Hypothesen zur Evolution der Religion, sondern stellte auch klar:

Natürlich ist diese Frage von der anderen höheren völlig verschieden, ob ein Schöpfer und Regierer des Weltalls existirt; und diese ist von den grössten Geistern, welche je gelebt haben, bejahend beantwortet worden.

Erneut erkennt Darwin an, dass man die Evolutionstheorie mit dem Gottesglauben verbinden kann, ohne sich jedoch selbst dazu zu bekennen. Vollends fallen alle Erpressungs-, Betrugs- oder Verschwörungstheorien aber mit dem Brief Darwins an John Fordyce vom 7. Mai 1879 (drei Jahre vor seinem Tod) in sich zusammen. In eigener Übersetzung:

Es scheint mir absurd zu bezweifeln, dass ein Mensch ein entschiedener Theist und ein Evolutionär sein kann. - Sie haben Recht mit Kingsley. Asa Grey, der berühmte Botaniker, ist ein weiterer, überzeugender Fall. - Was meine eigene Ansichten sein mögen ist eine Frage, die niemanden außer mich betreffen muss. - Aber da Sie fragen, möchte ich erklären, dass mein Urteil oft schwankt. Ob ein Mensch es verdient, ein Theist genannt zu werden, hängt von der Definition des Begriffes ab; was viel zu groß für eine Notiz ist. In meinen extremsten Schwankungen bin ich nie ein Atheist in dem Sinne gewesen, dass ich die Existenz Gottes geleugnet hätte. - Ich denke, dass generell (& mehr und mehr als ich älter werde) aber nicht immer,  die Bezeichnung "Agnostiker" die korrekteste Beschreibung meiner diesbezüglichen Auffassung sein würde. (vgl. Original im Darwin Correspondence Project)

Fazit: Laut Darwin sind sowohl Atheismus, Agnostizismus wie auch Theismus (Gottesglauben) mit der Evolutionstheorie grundsätzlich vereinbar

Charles Darwin war nicht nur als junger Mann selbst sehr fromm gewesen, sondern lebte und arbeitete auch Zeit seines Lebens mit Menschen zusammen, die Evolution und Gottesglauben zu verbinden verstanden. Auch die Religion erschien ihm als erfolgreiches Merkmal der menschlichen Evolutionsgeschichte erforschbar. Seine eigenen, wachsenden Glaubenszweifel hingen mit der Theodizee-Frage (der Frage nach dem Leid in der Welt) zusammen. Er war ein brillanter, empirischer Wissenschaftler und zugleich geisteswissenschaftlich gebildet genug, um zwischen seinen persönlichen Glaubensauffassungen einerseits und den empirischen Befunden andererseits zu unterscheiden.

Es ist ärgerlich und falsch, dass selbsternannte "Darwinisten" wie auch religiöse Fundamentalisten den Theologen Darwin nachträglich zu einem Atheisten und Religionsverächter umdeuten wollen, ihm dazu auch Täuschung und Unaufrichtigkeit unterstellen. Jesus, Darwin und auch alle anderen, bedeutenden Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte haben einen historisch besser informierten, differenzierten Blick verdient - gerade auch dann, wenn sie und ihre Aussagen im Namen der Wissenschaft diskutiert werden.



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Die Neandertaler und die Religion - Bestattungen

21. Dezember 2011, 21:04

Sowohl die Filmkritik zu "Ao - Der letzte Neandertaler" wie auch die evangelische Andacht für einen Neandertaler wurden stark nachgefragt. Da lag der Gedanke nahe, auf "Natur des Glaubens" eine eigene Kategorie zur Neandertalerforschung zu schaffen. Und schon ergab sich ein passender Anlaß: Das in diesen Tagen erschienene, 19-seitige Kapitel "Der Neandertaler und die Religiosität" von Matthias Nolte (Marburg) in der aktuellen Ergänzungslieferung des Handbuch der Religionen (HdR).

Forschungs- und Deutungsgeschichte des Homo neanderthalensis

Einleitend stellt Nolte fest, dass die Neandertalerforschung für "die Frage nach den Wurzeln der menschlichen Religiosität wie auch für das menschliche Selbstverständnis" eine "wichtige Rolle" spielten. Daher richtet er "ein besonderes Augenmerk auf die Bestattungspraxis des Neandertalers".

In einem Überblick über die Forschungsgeschichte zeigt Nolte dabei auf, dass schon wenige Jahrzehnte nach dem ersten Fund (1856) und der Benennung durch William King (1863) etwa 20 weitere Individuen ausgegraben und erste "Bestattungen" beschrieben wurden. Doch sowohl unter sozialistisch-materialistischen wie westlich-idealistischen Vorzeichen zeigten sich je spezifische Vorbehalte gegen die Auseinandersetzung mit Neandertalerbestattungen. Unter Archäologen der DDR wurden Hinweise auf religionsbezogene Deutungen zurückgewiesen, in westdeutschen Kreisen überwog die Betonung von Unterschieden - dem heutige Homo sapiens wurde ein "Sprung zur Geistesbefähigung" zugesprochen, obwohl sich dieser immer schwerer aufrecht erhalten ließ.

Entsprechend wurden, so Nolte, auch Hypothesen zu genetischer Vermischung oder kulturellem Austausch "wie beim 'Kind von Lagar Velho', eher kritisch beäugt oder mit dem Verweis auf kleinste Unterschiede in den Werkzeugindustrien zurückgewiesen." Doch die genetischen Befunde des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (eva) - Kurzfilm: Der Neandertaler in uns (Klick!) - wiesen auf, "dass alle Proben außerhalb Afrikas bis zu 4 Prozent Neandertalergene enthielten". Die Vermischung gelte damit "definitiv" als erwiesen. Und: "In der Levante gibt es seit längerer Zeit Hinweise auf eine Kontaktzone, welche auch für die Entstehung der Bestattungssitte eine wichtige Rolle spielt."

Nach einer regionalen und klimatischen Einordung des Neandertalers (v.a. längere Eiszeitphasen - Stadiale - mit kurzen, wärmeren Zeiten - Interstadiale) sowie Aussagen zur Anatomie (inkl. des durchschnittlichen Hirnvolumens bei 1520 ccm, 200 ccm mehr als der rezente Mensch) wendet sich Nolte den "kognitiven Fähigkeiten" zu: Ein gefundenes Zungenbein und der Nachweis des FOXP2-Gens deuteten auf Sprach- und Symbolbeherrschung hin. Die Herstellung von Werkzeugen sei belegt und es gebe erste Hinweise auf Ästhetik - u.a. Farbpigmente wie Ocker und Mangandioxid, Wertschätzung außergewöhnlicher Objekte, aber bislang keine Belege für bildliche Kunst und Schmuck. Dass das Individuum von Shanidar 1 trotz mehrerer, schwerer Verletzungen (ein Oberarmbruch, eine Amputation (!) des Unterarms) noch mehrere Jahre lang lebte, wertet Nolte als einen Beleg für kooperatives Sozialverhalten und "Praktiken zur Wundheilung".

Dann widmet sich Nolte der Beschreibung der bislang 24 anerkannten Neandertaler-Bestattungen. "Bei 18 von 24 Befunden wurden Artefakte im näheren Umfeld der Bestattungen gefunden. Hierbei handelt es sich meist um Knochen (teils auch verbrannt), verschiedene Steingeräte und Abschläge sowie Ockerspuren." Ob es sich explizit um Grabbeigaben handelt, werde in jedem Fall kontrovers diskutiert, mindestens für La Ferrasie nimmt es aber auch Nolte an. Neun der entsprechend identifitzierbaren Bestatteten waren männlich (zwei Teenager 7 - 20 J., sieben Erwachsene (20 - 60), drei Frauen (20 - 40 J.) und neun geschlechtlich unbestimmte Kinder (davon acht bis zu 7 J.). "Betrachtet man die Gruppe der Kinder genauer, fällt auf, dass sie in der Regel sorgfältiger bestattet wurden. So sind die Grabbeigaben bei Kinderbestattungen beispielsweise eindeutiger."

Einige Gräber - wie Shanidar und La Ferrassie - beschreibt Nolte vertieft. Aber auch die Übersichten sind mehr als interessant:

In la Chapelle-aux-Saints fanden sich beispielsweise über dem Gesicht des Toten einige Langknochen, über denen ein Bovidenfuß gelegt wurde. Des Weiteren wurden Abschläge und Ockerstückchen um das Skelett gefunden. Ocker fand sich ebenfalls auch in Spy. Um das Skelett Amud 1 lagen zahlreiche Knochen und Artefakte. Der Säugling Amud 7 lag in einer Nische an der Höhlennordwand, ihm wurde ein Hirschkiefer an das Becken gelehnt. In Kebara wurde ein Nashornzahn beigelegt.

War der Homo neanderthalensis auch schon ein Homo religiosus?

Nolte diskutiert, ob "eine Bestattung immer religiös intendiert sein muss, wie es beispielsweise der Religionswissenschaftler Mircea Eliade" annahm. Er erkennt jedoch auch nichtreligiöse Zwecke insbesondere auch psychologischer Art - Abschied, Trauerarbeit - und schließt, "dass Bestattungen nicht zwangsläufig mit einer Jenseitsvorstellung einhergehen müssen".

Frühe Annahmen eines altsteinzeitlichen Bärenkultes hält Nolte für widerlegt (für die Lagen der Bärenschädel gibt es sparsamere Erklärungen), die Befundlage zu Kannibalismus - etwa bei Moula-Guercy - für unklar.

Faszinierend sind seine Überlegungen zu einem möglichen Kulturtransfer zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis in der Levante und besonders dem Gebiet des heutigen Israel (Höhlen von Qafzeh, Skhul, Tabun und Kebara). In dieser Region sind nicht nur mittelpaläolithische Bestattungen beider Menschenzweige nachgewiesen, sondern hier dürfte auch die genetische Vermischung der aus Afrika auswandernden Homo sapiens mit den Neandertalern stattgefunden haben. Dies würde die verhältnismäßig gleichmäßige Verteilung der Neandertalergenome quer durch die nichtafrikanischen Sapiens-Populationen erklären. Nolte kann die Annahme eines nicht nur biologischen, sondern auch kulturellen Austausches zwar (noch) nicht belegen, aber eine interessante Hypothese für zukünftige Forschungen ist es allemal.

War der Neandertaler also bereits religiös? Nolte zögert, denn inhaltlich formuliert er an (voll entwickelte) Religiosität den Ansprüch eines "Jenseitsverständnisses". Dies sieht er auch bei Homo sapiens erst ab dem Jungpaläolithikum durch "sorgfältigeren Grabbau und reiche Grabbeigaben" als belegt und stellt also fest:

Nach einem evolutionären Verständnis von Religionsentwicklung kann man in dem Verhalten der Neandertaler Protoreligiosität sehen. Nach Ina Wunn waren den Neandertalern Gedanken über den Tod hinaus nicht ganz fremd, doch fehlte ihnen ein tieferes Symbolverständnis. Diese Meinung müsste allerdings revidiert werden, sollten sich handfeste Indizien für Kulthandlungen finden.

Das Kapitel schließt mit einer klassisch wie aktuell gut bestückten Literaturliste.

Meine Bewertung

Die vorliegende Ausarbeitung von Matthias Nolte halte ich für hervorragend - sorgfältig und anregend in der Darstellung, fair abwägend im Ton, auf Effekthascherei verzichtend. Zwar wäre eine entwickelte Jenseitsvorstellung in der gängigen, evolutionären Definition von Religion als "Glauben an übernatürliche bzw. überempirische Akteure" (inkl. Ahnen) keine Voraussetzung und man könnte statt von Protoreligiosität auch von "früher Religiosität" sprechen, aber das ist m.E. eine Nuance.

Die hier zusammengestellten Befunde machen nicht nur deutlich, wie vielfältig und relevant die Entdeckungen der Neandertalerforschung auch für unser Selbstverständnis längst sind (wohl ein Grund, warum sie oft so stark ideologisch abgeblockt oder überformt werden). Der Neandertaler rückt uns immer näher, immer mehr Abgrenzungslinien lösen sich auf - und nun gehören sie und er auch noch zu unseren (wenn wir Nichtafrikaner sind) direkten Vorfahren. Spannend ist auch, was es zum Homo neanderthalensis noch zu entdecken gibt - sei es durch weitere Ausgrabungen, Argumente oder neue, z.B. genetische Auswertungsmethoden.

Völlig neu war mir beispielsweise die starke Bedeutung von Kinderbestattungen, die sich sowohl in demografische wie tiervergleichende Überlegungen (Sorge um Nachwuchs, Trauer etc.) sehr gut einfügt. Und stehen wir nicht kurz vor einem Jahresfest, in dem Milliarden Menschen auf unserem Planeten die Geburt eines Kindes inmitten einer notgeplagten Familie als göttliches Wunder feiern werden?

Chanukka sameach & Frohe Weihnachten!

Literatur

* Nolte, M. (2011): "Der Neandertaler und die Religiosität", Kapitel I-17.2, Handbuch der Religionen (HdR) (EUR 5,60 bei eDidact.de)

* Blume, M. (2009): "Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41 (kostenfrei)



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Christoph Sprich über Friedrich August von Hayek - Ökonomie und Religionswissenschaft im Dialog

17. Dezember 2011, 08:04

Vor zwei Monaten hatte ich die Dissertation von Christoph Sprich "Hayeks Kritik an der Rationalitätsannahme und seine alternative Konzeption. Die Sensory Order im Lichte anderer Erkenntnistheorien" (2008) rezensiert. Zumal auch Sprich ein Blogger (bei FreieWelt.net) ist, blieben wir im Kontakt. So ergab sich ein Online-Dialog zwischen einem Ökonomen und einem Religionswissenschaftler, den wir nun - als kleines Experiment im interdisziplinären Dialog - in zwei ausführlicheren Web-Interviews verdichtet haben: Zunächst erscheinen die Fragen, die ich an ihn hatte, in ein paar Wochen wird dann auf seinem Blog ein Web-Interview mit mir erscheinen. Vorhang auf für Christoph Sprich!

1. Dr. Sprich, in Ihrer meines Erachtens hervorragenden Dissertation setzen Sie sich mit den Rationalitätsannahmen der Homo oeconomicus-Ökonomen und der evolutionären Alternative von Friedrich August von Hayek auseinander. Könnten Sie uns den Rationalitätsbegriff der Homo oeconomicus-Modelle kurz umreißen?

Ökonomen wollen begreifen, wie Volkswirtschaften funktionieren, und sie wollen etwas darüber aussagen, wie sie funktionieren. Dazu stellen sie sich zunächst vor, wie sich einzelne Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Auf dieser Grundlage werden dann Theorien über ganze Volkswirtschaften gebildet. Der Ökonom muss also etwas über das Verhalten von Menschen aussagen können, und das ist bekanntlich keine einfache Sache. Denn jeder Mensch ist für sich genommen ein sehr komplexes System. Eine Volkswirtschaft besteht aus vielen Menschen, dadurch wird die Komplexität noch größer.

Deshalb verwenden Ökonomen ein sehr vereinfachtes Menschenbild. Zumindest die allermeisten Ökonomen, und zwar diejenigen, die sich der dominanten Denkschule der „Neoklassik“ zurechnen. Dabei kommt die so genannte Rational Choice Theorie zum Einsatz: Man stellt sich den Menschen vereinfacht als Homo oeconomicus vor, als einen „Ökonomischen Menschen“. Das ist gewissermaßen ein fiktives Fabelwesen, das sich besonders berechenbar verhält. Und zwar handelt es in jeder Lebenssituation genau so, dass es für sich selbst den höchsten Nutzen rausholt.

2. Aber die Menschen verfolgen doch ihre eigenen Interesse, was kann daran kritisiert werden?

Ich kritisiere nicht, dass man dem Menschen Egoismus unterstellt. Ich kritisiere, dass Neoklassiker dem Homo oeconomicus eine übertriebene geistige Leistungsfähigkeit unterstellen. Dieses fiktive Wesen kennt immer alle seine Handlungsmöglichkeiten. Das ist so, als wenn wir bei jedem Problem, vor dem wir stehen, sofort alle Produkte kennen würden, die uns bei der Problemlösung weiterhelfen. Wir wissen aber aus eigener Erfahrung, dass das meistens nicht so ist. Außerdem weiß der Homo oeconomicus immer, zu welchem Ergebnis seine Handlungen führen werden. Aber wissen wir immer vor einem Kauf, ob das Produkt uns zu unserem Ziel bringt? Auch wissen die neoklassischen Kunstwesen immer schon im Vorfeld Bescheid über den Nutzen ihrer Handlungen. Aber wie oft entscheidet man sich für Produkte, die nicht die erwartete Freude bringen? Denken wir an eine missglückte Urlaubsreise. Und obendrein benötigt der Homo oeconomicus überhaupt keine Zeit, um sein gewaltiges Wissen zu erlangen und zu verarbeiten. Er ist Allwissend, immer und überall. In der realen Welt verbringen Menschen aber viel Zeit mit Lernen, gerade, wenn es um wirtschaftlich wichtige Entscheidungen geht. Denken wir etwa an den Autokauf, an die Stellen- oder Wohnungssuche. Die Rational Choice Theorie geht also von einer wahrhaft „olympischen Rationalität“ aus – und so klug ist der Mensch eben nicht.

3. Gut, aber Theorien und Modelle sind immer Vereinfachungen der Welt. Sie greifen einzelne Facetten der Realität heraus, andere werden vernachlässigt. Ohne solche Vereinfachungen kann Wissenschaft ja gar nicht funktionieren.

Ja, aber es kommt darauf an, die richtigen Facetten herauszugreifen! Teilweise macht das die Neoklassik. Beispielsweise liegt sie sicher richtig damit, zu unterstellen, dass Menschen eigeninteressiert und zielgerichtet handeln. Alles andere würde die gesellschaftliche Realität falsch abbilden. Aber einen anderen Aspekt der Wirklichkeit blendet sie vollkommen aus: Menschen brauchen Wissen, um tatsächlich zielgerichtet und eigeninteressiert handeln zu können. Und in der Realität verfügen die Menschen eben nicht über vollkommenes Wissen, im Gegenteil, in der realen Wirtschaft geht es ja gerade darum, Wissen zu erlangen!

Das Menschenbild der gängigen Wirtschaftswissenschaft ist deshalb unrealistisch. Der Homo oeconomicus sagt uns nichts darüber, wie die Menschen sind, was sie ausmacht, wie sie sich verhalten. Theorien, die auf diesem Menschenbild aufbauen, sind fiktive Welten, die mit Fabelwesen bevölkert sind. Reine Rechenspiele. Um solche Modelle zu entwickeln, muss man vom Erkenntnisobjekt der Wirtschaftswissenschaft - den Menschen - überhaupt keine Ahnung haben.

Darum ist es übrigens möglich, dass mittlerweile die meisten Ökonomieprofessoren in den USA ausgebildete Mathematiker oder Physiker sind. Und deshalb wundert es mich nicht, dass kaum ein Ökonom die Wirtschaftskrise vorhersehen konnte. Ich verstehe auch gut, dass viele Politiker in den letzten Jahren ihr Vertrauen in die Wirtschaftswissenschaft verloren haben.

4. Wo setzt nun die Kritik Hayeks an? Und was sind für ihn die Konsequenzen für die Wirtschaftswissenschaft?

Hayek hat erkannt: In der realen Wirtschaft besteht das Hauptproblem der Menschen gerade darin, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zu verbessern! Jeder kennt das aus seinem eigenen Beruf. Eine Wirtschaftsordnung funktioniert nur dann gut, wenn Menschen lernen können, wenn sie Wissen aufbauen können, nur so können sie ihren Job immer besser machen. Und nur dann können sie Pläne entwerfen, die sich auch umsetzen lassen. Nur dann, wenn Menschen ihre Zukunft berechnen können, wird geplant, kalkuliert, riskiert und investiert. Nur dann ist Wachstum und Wohlstand möglich. Hayek identifizierte ein Verfahren, das Wissen erzeugten kann: Den Wettbewerb! Der Markt und der Wettbewerb sind Verfahren zur Endeckung von neuem Wissen. Hier entfalten sich Innovation und Erfindergeist, und das bringt Volkswirtschaften nach vorne. Das Preissystem sieht er als Instrument zum Austausch von Wissen. Preise geben uns die wirtschaftlich wichtigen Informationen, etwa darüber, wie stark die Erstellung eines Produktes die Volkswirtschaft belastet.

Für die Wirtschaftswissenschaft heißt das, dass sie sich damit beschäftigten muss, wie Menschen Wissen erwerben. Wie eignen sich Menschen die Fähigkeiten an, die sie brauchen, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Berufe müssen erlernt werden, neue Märkte müssen entdeckt werden, ständig sind Verhaltensanpassungen nötig. Wirtschaften heißt lernen. Die Rational Choice Theorie blendet diese Fragen komplett aus, sie definiert sie weg, denn der Homo oeconomicus weiß ja per Definition schon alles. Neoklassische Modelle sind bevölkert von Individuen, die nicht lernen müssen, weil sie alles wissen.

Alles, was das Wirtschaftsleben eigentlich ausmacht, kommt in der Neoklassik schlicht nicht vor. Das kritisierte Hayek, er wollte sich nicht mit Fabelwelten beschäftigen. Ein solcher ‚Modellplatonismus‘ mag geeignet sein, die Seiten ökonomischer Journals zu füllen – Hayek interessierte sich für die realen Probleme realer Menschen. Deshalb setzte er dem Homo oeconomicus eine tiefgründige Analyse der menschlichen Erkenntnis entgegen. Er beschäftigte sich intensiv mit Erkenntnistheorie, Philosophie und Hirnforschung. Und er skizzierte die Funktionsweise des menschlichen Geistes, der Funktionsweise des Gehirns und des menschlichen Verhaltens.

5. Hayek setzte sich auch mit evolutionärem Denken auseinander, diese brachte er auch in seine Rationalitätskonzeption mit ein. Könnten Sie uns diese evolutionäre Perspektive zusammenfassen?

Zentral für die erkenntnistheoretische Position Hayeks ist, dass er Rationalität als Produkt der Erfahrung begreift. Die Rational Choice Theorie tut so, als ginge es beim Thema Rationalität nur um eine kluge Abwägung von Fakten. Man nimmt sich ein Entscheidungsproblem vor und überlegt, was für den Homo oeconomicus nun die klügste Handlung wäre – selbstverständlich unter der Annahme vollkommener Information. Aber diese Sichtweise ist irreführend! Menschen handeln häufig gewohnheitsmäßig, gerade in der Wirtschaft. Gerade bei schnellen Entscheidungen spielen Routinen eine große Rolle. Hayeks Erkenntnistheorie zeigt auf, dass grundsätzlich jede Handlung in gewisser Weise auf Routinen basiert. Unsere Rationalität steckt also in den Routinen, in unseren „Verhaltensprogrammen“.

Rationalität bedeutet also nicht nur, in einem gegebenen Einzelfall die richtige Entscheidung zu treffen. Entscheidender ist es, für wiederkehrende Probleme das richtige Programm, die richtige Verhaltensweise zu haben! Solche Verhaltensprogramme müssen im Laufe der Zeit erworben werden. Handlungsweisen, die uns schaden, legen wir ab. Aber wir müssen uns nicht alles selbst erarbeiten, wir müssen nicht jede Erfahrung selbst durchlaufen. Unsere Kultur dient uns gewissermaßen als Warenlager für bewährte Verhaltensprogramme! In gesellschaftlichen Regeln, Mythen, Traditionen, Gesetzen und der Religion sind Erfahrungen und Verhaltensweisen in konzentrierter Form aufbewahrt. Und hier kommt die Evolution ins Spiel, und zwar die „Kulturelle Evolution“ Hayeks: Verhaltensprogramme, die den Menschen in den Jahrhunderten nicht nützlich waren, hat die Kultur nicht weitergeben. Sie wurden aussortiert. Auf der anderen Seite wurden erfolgreiche Überzeugungen und Regeln weitergegeben und manchmal sogar von anderen Kulturen übernommen.

Der heute verfügbare Schatz an Regeln, Sitten und Religionen hat also den Test der Geschichte überstanden und dient uns als Fundus für unsere individuellen Verhaltensprogramme. Hayek sieht dabei Kultur und Tradition nicht in einer moralischen oder gar religiösen Perspektive, für ihn geht es um das ökonomische Potenzial: Wenn sich der Mensch am „Warenlager der Kultur“ bedient, wenn er traditionelle Verhaltensweisen übernimmt, kann er seine Rationalität steigern. Und das kann sich dann auch auf die biologische Ebene auswirken: Bestimmte Regelsets begünstigen Reproduktion mehr und manche weniger. So besteht etwa ein direkter Zusammenhang zwischen der Religionsausübung der Eltern und der durchschnittlichen Kinderzahl.

6. Hayek kam aus einer bekannten Naturwissenschaftlerfamilie, zum Freundeskreis gehörten bedeutende Biologen und evolutionäre Erkenntnistheoretiker wie Konrad Lorenz, beim Militär diente er gemeinsam mit seinem Cousin Ludwig Wittgenstein, der ihm seinen im Entstehen begriffenen "Tractatus" zum Gegenlesen gab. Hayek selbst promovierte zuerst in Jura und befasste sich mit Psychologie und Erkenntnistheorie, bevor er in die Volkswirtschaft ging. Da fragt man sich schon: War das Österreich seiner Jugend besonders für interdisziplinäres Denken und Forschen geeignet?

In dieser Hinsicht hatte Hayek großes Glück. Von seinem familiären Umfeld konnte er viel lernen und er wurde eindeutig interdisziplinär geprägt. Da war die naturwissenschaftliche Prägung durch seine Eltern und die Philosophie seines Cousins Ludwig Wittgenstein. Beide Impulse haben sein Interesse an psychologischen Fragen gefördert. Leider ergab sich für ihn keine Gelegenheit, regulär Psychologie zu studieren. Ohnehin war diese Wissenschaft zu seiner Zeit noch wenig etabliert.

Aber es ergaben sich für ihn Gelegenheiten, sein Interesse auf diesem Gebiet zu vertiefen. Im Wintersemester 1919 konnte er im Labor von Constantin von Monakow arbeiten, einem Pioniere der Erforschung der Anatomie des Gehirns. In dieser Zeit kam er auch mit dem Erkenntnistheoretiker Moritz Schlick in Kontakt, einem der führenden Köpfe im so genannten Wiener Kreis. Dieser Zirkel begabter Wissenschaftler bestand aus Psychologen, Philosophen, Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretikern und hatte eine besondere Bedeutung für die Entwicklung des jungen Hayek.

Die eigentliche Triebkraft für seine interdisziplinäre Ausrichtung war aber sozialwissenschaftlicher Natur. Er interessierte sich dafür, wie eine nachhaltig funktionsfähige und leistungsfähige Wirtschaftsordnung aussehen muss, deshalb hat er immer wieder über den Tellerrand der Wirtschafts- und Rechtswissenschaft geschaut. Es war ihm klar, dass man die Wirtschaft nur verstehen kann, wenn man auch den Menschen erforscht. Seine sozialwissenschaftliche Arbeit ist geprägt von dem Wunsch, die offensichtlichen Erkenntnislücken der Wirtschaftswissenschaft zu beseitigen. Seine Beschäftigung mit Erkenntnistheorie, sein Interesse für Recht, Geschichte und später auch für Religion sehe ich in direktem Zusammenhang zu seiner Sozialwissenschaft.

7. Ein Kommentator hatte in der Diskussion zu Ihrer Doktorarbeit beklagt, dass Hayek von seinen Gegnern oft sehr verkürzt rezipiert und zum rationalistischen Marktradikalen uminterpretiert werde. Mir scheint jedoch, das gleiche gilt für die Ökonomie selbst auch. Viele Wirtschaftswissenschaftler kennen seine Markt- und Geldtheorien, wissen vielleicht noch von seinem Kampf gegen den Nationalsozialismus und später Sozialismus - aber von seiner evolutionären Perspektive, "The Sensory Order" oder seinen hervorragenden Texten zur Evolution von Religiosität und Religionen haben sie kaum gehört.

Hayek nannte seine Rede beim Empfang des Nobelpreises im Jahr 1974 „Die Anmaßung von Wissen“. Dieser Titel könnte eine Überschrift für seine gesamte wissenschaftliche Arbeit sein. Wissen spielt die zentrale Rolle in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Seine wirtschaftswissenschaftlichen Theorien sind nicht zu trennen von seiner Erkenntnistheorie. Seine Sozialtheorie kann man nur auf der Grundlage seiner Überlegungen zur Rationalität verstehen. Er war durch und durch Wissenschaftler.

Aber natürlich ergeben sich aus seinen fächerübergreifenden und tiefgründigen Theorien auch politische Schlußfolgerungen. Das ist in bei einer Sozialwissenschaft unvermeidbar. Seine Erkenntnistheorie zeigt die Grenzen der Rationalität auf, daraus ergibt sich seine Warnung vor einer Anmaßung von Wissen. Damit stellt seien Theorie zentrale Wirtschaftsplanung in Frage, aber auch die neoklassisch geprägte keynesianische Wirtschaftspolitik. Die Begrenztheit der Rationalität zeigt auch, dass eine Wirtschaftsordnung ein verlässliches Preissystem und Wettbewerb braucht, damit die Menschen die Komplexität der Wirtschaft bewältigen können.

Aber man tut Hayek unrecht, wenn man ihn auf die Rolle eines Apologeten der Marktwirtschaft reduziert. Er war ein Theoretiker durch und durch. Sein Plädoyer für die Marktwirtschaft ergibt sich aus seinen Überlegungen zum Wesen des Menschen – und diese sind treffender, als die Annahmen der Rational Choice Theorie. Auch wenn er als Anwalt der Marktwirtschaft bekannt wurde: Wer Hayek liest, erlebt einen interdisziplinären Wissenschaftler. In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit seiner erkenntnistheoretischen Arbeit auseinandergesetzt, das ist die methodische Grundlage seines Werkes. Ich kann alle Ökonomen nur dazu ermutigen, auch mal mit Hayek hinter die Kulissen ihrer Wissenschaft zu schauen, anstatt ihn als Apologeten des Kapitalismus abzutun.

8. Warum drang Hayek selbst nach seinem Nobelpreis gerade mit den Gedanken, die ihm besonders wichtig waren, nicht durch?

Ein Grund ist sicher, dass die meisten Menschen gerne einfache politische Wahrheiten hören. Viel lieber, als akademische Überlegungen. Und wer eindeutige Argumente für die Marktwirtschaft sucht, der wird bei Hayek natürlich fündig. Die politischen Schlussfolgerungen von Hayek werden gerne zitiert von Freunden der Marktwirtschaft, aber die Argumente, die Hayek dorthin geführt haben, bleiben manchmal auf der Strecke. Tatsächlich waren aber für Hayek gerade die wissenschaftlichen Überlegungen besonders wichtig.

Ein weiterer Grund ist, dass Hayeks Erkenntnistheorie für bestimmte Sozialwissenschaftler sehr unbequem ist. In das Zentrum seiner Nobelpreisrede stellte er ja die Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und die Anmaßung von Wissen. Seine Nobelpreisrede gipfelte in seinem Appell für mehr intellektuelle Demut in den Sozialwissenschaften. Aber genau das ist es, was viele Wissenschaftler nicht hören wollen, sie treten ja lieber als „moderne Propheten“ auf. Tatsächlich kommt man ja als Ökonom und Politikberater viel besser an, wenn man vorgibt, präzise die Zukunft vorhersehen zu können.

Darüber hinaus ist der Homo oeconomicus bequem für die wissenschaftliche Arbeit. Er ist ein williger Statist bei den verworrensten und abgehobensten Zahlenspielen im Elfenbeinturm. Seine intellektuelle Blässe versteckt er dabei vor dem staunenden Publikum geschickt hinter ausschweifendem Formelwerk. Der Philosoph und Erkenntnistheoretiker Hans Albert nannte das treffend „Modellplatonismus“. Diese Form der Wirtschaftswissenschaft ist auch angenehm für Politiker und Journalisten. Denn in den Modellwelten der Neoklassik lässt sich alles und jedes gewünschte Ergebnis berechnen. Das ist kein Geheimnis, das weiß jeder, der solche Modelle entworfen und mit ihnen gearbeitet hat.

Und tatsächlich kann auch eine keynesianische Wirtschaftspolitik mühelos mit neoklassischen Modellen verteidigt und gerechtfertigt werden. Also die Politik, der wir die Finanz- und Schuldenkrise in den USA und in Europa zu verdanken haben. Hayek wusste das, er kannte die Zusammenhänge genau. Und deshalb warnte er die Sozialwissenschaftler am Schluss seiner Nobelpreisrede eindringlich vor der Anmaßung von Wissen. Denn durch sie werden Wissenschaftler zu Helfershelfern von Menschen, die die Gesellschaft kontrollieren wollen, die andere Menschen beherrschen wollen und die dabei unsere Zivilisation zerstören.

Vielen Dank für die spannenden Auskünfte! Ich bin gespannt, welche Fragen Sie haben!



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Evangelische Andacht für einen Neandertaler - und für uns

13. Dezember 2011, 17:29

Als mich der geschätzte Pfarrer und Direktor Joachim Beck neulich bat, eine Andacht für die Kuratoriumssitzung der Evangelischen Akademie Bad Boll zu gestalten, grübelte ich eine Weile. Schließlich bin ich Religionswissenschaftler, kein Theologe und also für Andachten nicht ausgebildet worden. Und in diesen Sitzungen würden sich neben anderen engagierten Laien auch hauptamtliche Theologen wie Pfarrer und (Ober-)Kirchenräte einfinden. Andererseits gilt in den evangelischen Kirchen das "Priestertum aller Glaubenden" - es wäre also geradezu vor-reformatorisch, zu schweigen, wenn das Wort schon erbeten wurde. Und so entschied ich mich, eine Andacht für jene unserer Vorfahren zu halten, denen (soweit ich weiss) noch kaum gedacht worden ist: Die Neandertaler.

Allen Anwesenden lag dazu folgendes Andachtsbild vor:

Text der Andacht für einen Verstorbenen...

...zum Hören

NeandertalerAndacht.mp3

...und zum Lesen

Lieber Herr Direktor,
liebe Mitglieder des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll,

vielen Dank, dass Sie mich gebeten haben, heute die Andacht zu gestalten.

Vor Ihnen liegt die Zeichnung eines Bestatteten am Berg Karmel im heutigen Israel. Er wurde "Moshe" benannt, nach dem berühmten, israelischen Archäologieprofessor Moshe Stekelis. Moshe Stekelis ist 1967 von uns gegangen, jener Moshe auf dem Bild schon etwa 60.000 Jahre zuvor. Der Moshe, dessen Grablege Sie gerade studieren, war ein Homo neanderthalensis, ein Neandertaler.

Noch vor wenigen Monaten hätte man gesagt, dass die Neandertaler leider restlos ausgestorben seien. Doch inzwischen wissen wir es, auch dank des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (eva) in Leipzig, besser: Zwischen Neandertalern und jenen Homo sapiens, die damals Afrika verließen, ist es zu gemeinsamen Vorfahren gekommen. Wir, die wir hier sitzen, und auch schon Moses, Abraham, David und Jesus haben Homo neanderthalensis unter unseren Vormüttern und -vätern und tragen ihre Gene in uns. Moshe, der nur etwa 25 bis 35 Jahre alt wurde und keine Spuren von Verletzungen oder Krankheit aufwies, könnte ein gemeinsamer Vorfahr von uns sein.

Er wurde bestattet und der fehlende Schädel könnte ein Hinweis auf eine Sekundärbestattung des Kopfes sein, wie wir ihn auch aus heutigen Bestattungsbräuchen noch kennen. Ob wir von Religiosität oder Proto-Religiosität sprechen wollen - schon bei Neandertalern finden wir unzweifelhaft die ersten Hinweise darauf, dass Tote rituell ins Jenseits geleitet wurden. Dass wir heute einen Glauben bekennen und beten können und dass es Menschen gibt, die Kirchen und kirchliche Akademien tragen und finanzieren, verdanken wir Abertausenden von Generationen von Homo sapiens und Homo neanderthalensis, die neben- und miteinander zu "Homo religiosus" evolvierten. Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, denn auch heute noch geben religiös vergemeinschaftete Menschen ihre Gene und Lehren an durchschnittlich mehr Kinder und Enkel weiter als ihre nicht oder weniger religiös aktiven Nachbarn.

Moshe sprach und sang - wie später Neander

Überaus faszinierend ist auch, dass Moshe über ein Zungenbein (Oshyoideum) verfügte - der einzige Knochen des menschlichen Körpers, der nicht mit anderen Knochen verbunden ist. Er ist im Knorpel des Kehlkopfes verankert und dient der Anheftung von Muskeln, die zum Sprechen notwendig sind. Das bei diesem Skelett gefundene Zungenbein gleicht dem, das wir besitzen - was nahelegt, dass auch Moshe bereits sprechen und singen konnte.

Und wo wir dabei sind: Lassen Sie uns bitte im Evangelischen Gesangbuch das Lied 317 aufschlagen - "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Wir werden dieses Lied zum Abschluss dieser Andacht singen, passt es doch perfekt zum Gedenken an Gottes Größe, Seine universale Schöpfung und "alles, was Odem hat".

Für den Moment wollen wir jedoch den Blick auf den Verfasser dieses bedeutenden Chorals richten, er steht unten: Joachim Neander (1680). Eigentlich hieß seine Familie Neumann, aber weil damals unter den Gebildeten Griechisch in Mode war, hatten die Neumanns ihren Nachnamen in das vornehmere Neander "gräzisiert". Der begabte Predigter und Liederdichter Joachim Neander hatte sich oft in ein bestimmtes Tal zurück gezogen und dort gedichtet, komponiert und auch Gottesdienste gefeiert. Leider starb er schon mit kaum 30 Jahren, an Pfingsten 1680 - und wurde damit nur etwa genau so alt wie unser Neandertaler Moshe. Weil zwei Jahrhunderte nach Neanders Tod der erste aller Neandertaler in genau diesem Tal entdeckt wurde, erhielt Homo neanderthalensis also den Namen jenes Christen, der das Gotteslob so schön vertonen konnte wie kaum ein Zweiter.

Karmel und Israel, Moshe, Neander, Jenseits und Gotteslob - spontan würde ich ja von Zufall sprechen, befände ich mich nicht inmitten christlicher Frauen und Männer, die an der Existenz des Zufalls wohl zweifeln sollten. Oder anders gesagt: Wenn Gott der Schöpfer allen Seins und allen Lebens gewesen sein soll, dann ist Er auch Schöpfer und Vater unseres Moshe. Dann konnte Er Moshes Stimme hören, die Trauer der Hinterbliebenen erspüren, ihre Rituale beobachten und unseren so sorgsam bestatteten Neandertaler im Jenseits in Empfang nehmen.

Wir Kleingläubigen

Geben wir es doch zu: Es fällt uns schwer, so groß von Gott zu denken. So viel kann sich Gott doch gar nicht gedacht haben, dass er mit der Verwandtschaft Jesu zu uns Homo sapiens, zu Homo neanderthalensis und auch zu allen anderen Tieren und Pflanzen eine Botschaft verbunden hätte, nicht wahr!?

In unseren Köpfen und Kirchen ist Gott doch häufig "naheliegender" eine Art pfuschender Handwerker, der zwar ein großartiges Universum geschaffen hat, aber seitdem ständig nachbessern muss: Hier eine Flagelle ans Bakterium schrauben, dort ein erstes Auge formen und dem römischen, noch ungetauften Kaiser im Konzil die richtigen Eingebungen einhauchen, damit das einzig richtige Glaubensbekenntnis entsteht. Ein solches Gottesbild, wie es vermeintlich "bibeltreue" Vertreter des "Intelligent Design" verkünden - auf mich wirkt es auf groteske Weise dümmlich.

Und dann machen wir aus dem Handwerker auch noch gleich einen Kirchenbürokraten, dessen Stellvertreter kaum spüren, sondern ganz genau wissen, welche Texte und Paragrafen für das Diesseits und Jenseits entscheidend sind. Dass sich Neandertaler und Sapiens nach Jahrhunderttausenden der Trennung doch wieder fanden und gemeinsame Kinder zeugten, gemeinsam beteten, kann diejenigen von uns nicht irritieren, die noch am Anfang des 21. Jahrhunderts die Ehe einer christlichen Vikarin mit einem Muslim (auch diese "Abrahams Samen") durch sofortige Entlassung der Frau ahnden wollen. Dass Gottes Güte und Wahrheit gerade auch hinsichtlich der Liebe größer sein könnten als unsere Formeln und Kirchengesetze - wer würde das schon für möglich halten?

Ist Gott wirklich so klein?

Ob Gott wirklich so klein, dumm und engstirnig sei, wie wir ihn oft machen, müssen wohl Theologinnen und Theologen klären. Zu ihrer Verteidigung mag ich jedoch anführen, dass Vertreterinnen und Vertreter aller empirischen Wissenschaften längst Bereiche erschlossen haben, die unsere evolvierten Gehirne und Erkenntnisapparate überfordern. Physiker "wissen" längst, dass Atome und Quanten keine bunten Kügelchen sind. Aber anders können wir als Menschen sie uns kaum vorstellen und so nutzen auch Physiker "hilfsweise" für Forschung und Lehre Bilder und Symbole, die von uns wenigstens annähernd erfasst werden können. Macht es eine gute Predigerin, macht es die Bibel, denn wirklich völlig anders?

Und seit Einstein - dessen Synagoge wir in Ulm gerade wieder aufbauen - "wissen" wir auch, dass Raum und Zeit unseres Universums miteinander verschränkt sind. Wenn Gott das räumliche Universum geschaffen hat, dann schuf Er auch die Zeit, steht "über" Raum und Zeit. Und wir haben trotz jahrzehntelangen und milliardenschweren Aufwands noch nicht einmal einen echten Schimmer, ob es überhaupt sinnvoll ist, von einem "Davor" zu sprechen. Das hindert uns jedoch kaum daran, den Anspruch zu erheben, Gott mit unserem kausalen Denken verstehen und diskutieren zu können. Dass Er über aller Zeit stünde und uns auch mit dem Schicksal von Moshe vor 60.000 Jahren und dem Tyrannosaurus Rex vor 65 Millionen Jahren etwas mitteilen könnte - das übersteigt meistens unsere Vorstellungskraft.

Dabei gab es durchaus Theologen, die von Gott Größeres zu denken wagten. Nikolaus von Cues ("Cusanus") im 15. Jahrhundert und ein Jahrhundert später Giordano Bruno entwickelten bereits eine "theologische Relativitätstheorie", nach der das Universum keinen anderen Mittelpunkt als Gott habe - und alles Leben nicht nur dieser Erde, sondern aller Leben hervorbringenden Planeten (!) auf Gott zustrebe. Beide kamen vor diesem Hintergrund zu der Auffassung, dass religiöse Intoleranz das Ergebnis eines lächerlich verkürzten Gottesglaubens sei. Über den Fund des bestatteten Moshe hätten sie sich sicher gefreut. Der frühere von beiden wurde zum Kardinal, der spätere in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wir ahnen Gottes Größe, aber haben ihn dann doch lieber eine Nummer kleiner.

Schluss mit einem Theologen

Und so möchte ich diese Andacht mit einem Satz schließen, mit dem ein bedeutender Theologe einst sein bedeutendstes Werk schloss. Sie haben sicher von ihm gehört - sein Name war Charles Darwin. Gerne wird er von selbsternannten "Darwinisten" verschämt als "Naturforscher" bezeichnet, dabei hatte er in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Studienabschluss vorzuweisen: Jenen in anglikanischer Theologie.

Allerdings war dies in einer Zeit, in der ordentliche Theologen und auch die ersten Theologinnen wie Antoinette Brown Blackwell noch tatsächlich empirische Forschungen betrieben und den lernenden Dialog mit den Natur- und Kulturwissenschaften suchten, statt sich in frommen Winkeln zu verstecken. Und so brachte der Theologe Darwin nicht nur eine brillante Theorie samt Hypothesen zur Evolution der Religiosität hervor - die Entdeckung von Moshe hätte ihn gefreut! -, sondern hielt auch sein ganzes Leben daran fest, dass Gottesglauben und Evolution selbstverständlich vereinbar seien. Viele seiner evolutionären Mitentdecker, Freunde und Unterstützer waren "evolutionäre Theisten" und aktive Christen. Darwins eigene Glaubenszweifel wurzelten in der Theodizee-Frage, dem Problem des Bösen in der Welt. Besonders der lange, qualvolle Todeskampf seiner kleinen Tochter Annie ließ ihn an einem guten Schöpfer zweifeln. Wer das nicht nachvollziehen kann, hat vielleicht weder seinen Hiob noch den letzten Schmerzensschrei Jesu' am Kreuz vernommen.

Dieser Darwin also schloss ab der zweiten Ausgabe sein bedeutendstes Grundlagenwerk "Die Entstehung der Arten" mit dem Satz:

"Es ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt."

Lassen Sie uns in diesem Sinne Gott für einen Moment für so groß halten, dass Er auch um Moshe war - und gemeinsam "Lobet den Herren" von Joachim Neander anstimmen.

Frohe Weihnachten!

(Kostenlose) Literatur zum Weiterlesen und -denken:

* Peitz, H.-H. (Hrsg. - 2004):
"Der vervielfachte Christus. Außerirdisches Leben und christliche Heilsgeschichte",
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

* Evolution-Mensch.de (2006 - 2011):
"Neandertaler - Homo neanderthalensis - Kebara 2" (Moshe)

* Blume, M. (2009): "Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41



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Intelligenzforschung unter der Lupe. Klüger als wir? von Thomas Grüter

10. Dezember 2011, 20:34

Nachdem mich sein Buch über Verschwörungstheorien sehr beeindruckt hatte, entschied ich mich, auch die Neuerscheinung "Klüger als wir? Auf dem Weg zur Hyperintelligenz" von Thomas Grüter zu lesen. Dabei stand ich der populären Intelligenzforschung sehr skeptisch gegenüber. Intelligenz erschien mir kaum definiert, stand in eher negativem Verhältnis zu Fortpflanzungserfolg und wurde seit Jahrzehnten pseudo-wissenschaftlich gegen Nichteuropäer und Frauen sowie neuerdings wieder von Thilo Sarrazin gegen Muslime angeführt.

Nach der Lektüre des hervorragenden Grüter-Buches weiß ich nun: Ich hätte noch viel skeptischer sein sollen. In angenehm sachlichen Ton und gerade dadurch mit argumentativer Wucht zerlegt der Arzt und Neurowissenschaftler die populären, pseudo-wissenschaftlichen Annahmen über "Intelligenz" - und zeigt auf, wieviel die Wissenschaft gerade hier noch zu leisten hat.

IQ und IQ-Tests - schwach definiert, aber popularisiert

Schon im Einstiegskapitel "Intelligenz - und wie man sie misst" zeigt Grüter mit informativem Humor auf, wie vielfältig der Begriff "Intelligenz" gebraucht wird - und wie schwach er definiert ist. Tatsächlich gibt es unter den Intelligenzforschern keinerlei einheitliche Definition dafür. Manche verwenden sie für bestimmte, kognitive Funktionen, andere beziehen auch Wahrnehmungs- und Gedächtnisfunktionen ein und wieder andere verkünden gar "emotionale Intelligenz", "soziale Intelligenz", "Körperintelligenz" oder "kulinarische Intelligenz".

Die Geschichte des Intelligenzquotienten (IQ) und der berühmten Tests lässt einen staunend zurück: Sie begann ursprünglich als eine Messung von Bildungserfolg zu Lebensalter (daher der Begriff "Quotient" - das Alter diente als Teiler) und wurde erst später auch auf die Erwachsenenwelt ausgedehnt. Und: Bis heute werden unzählige IQ-Tests erstellt und diese "geeicht", so dass sie im Mittel stets 100 erreichen. Die auch von Sarrazin verwendeten, internationalen IQ-Tabellen sind also schon deswegen nicht vereinbar, weil sie oft völlig unterschiedliche Definitionen und Testverfahren verwenden.

Die selbsternannte Intelligenzgesellschaft

In Kapitel 2 kann Grüter so aufzeigen, dass es sich bei "Intelligenz" wesentlich um eine Selbstbeweihräucherung von Wissenschaftlern und Gesellschaften handelt: Wir schreiben unsere wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolge unserer vermeintlich höheren Intelligenz zu (ohne genau sagen zu können, was diese sei) - und schließen dann messerscharf, dass also ärmere Menschen weniger intelligent (und wert) sein müssten. Entsprechend will jede(r) unbedingt als "intelligent" gelten - Statusangst macht uns zu Herdentieren.

Hier hätte Grüter meines Erachtens sogar noch ein wenig schärfer sein können, haben doch Ulrich und Johannes Frey in "Fallstricke. Die häufigsten Denkfehler in Alltag und Wissenschaft" bereits eindrucksvoll aufgezeigt, wie gefeierte Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Schindluder mit Schädelmessungen und IQ-Tests getrieben und unter anderem Nichteuropäern und Frauen pauschal niedrigere Intelligenz attestiert hatten. Die Intelligenzforschung diente von Anfang an dem bewussten und unbewussten Versuch, die Privilegien weißer Akademiker abzusichern und andere Menschen mit pseudo-biologischen Argumenten für minderwertig (oder, wie z.B. auch wieder Sarrazin schreibt: dysgenisch) zu erklären. Wissenschaftliche Standards wurden und werden dabei grob verletzt.

Auch die Versuche, über hohe IQ-Werte unter aschkenasischen Juden eine genetische Selektion pro Intelligenz abzuleiten, entlarvt Grüter als schwach bis pseudo-wissenschaftlich. Denn streng religiöse Juden vermitteln aufgrund ihrer spezifischen, religiös-kulturellen Traditionen von Kind auf - übrigens ganz genau so wie es z.B. evangelische Pfarrfamilien tun - eine aktive Wertschätzung von Schrift-, Auswendig- und Sprachenlernen sowie komplexer Argumentation. Dass Kinder aus solchen Familien bei entsprechenden IQ-Tests also überdurchschnittlich gut abschneiden und viele Hochleister im Bereich Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur hervorbringen braucht keinerlei genetischen Zusatzannahmen.

Kein Intelligenzmodul

Im schön bebilderten dritten Kapitel zu den anatomischen und funktionellen Grundlagen von Intelligenz zeigt Grüter, wie komplex und vielfältig sich Intelligenz in verschiedenen Gehirnregionen und im für Vergleiche interessanten Tierreich ausprägt. Es gibt eben so wenig ein einzelnes Intelligenzmodul wie es ein einzelnes Gottesmodul gibt.

Und da Intelligenz weder eindeutig definiert noch seine Funktion geklärt ist, erweisen sich die bisher vorliegenden Hypothesen zur Evolution von Intelligenz (Kapitel 4) auch als stark spekulativ und schwach belegt. Wie will man auch die Geschichte eines Merkmals entschlüsseln, das und dessen Funktion nur schemenhaft bezeichnet sind?

Intelligenzsteigerung durch genetische Manipulationen, Medikamente oder Implantate

In den folgenden drei Kapiteln spielt Grüter seine Erfahrungen und Kenntnisse als Arzt überzeugend aus, indem er die Wandersagen genetisch "verbesserter" Tiere, vermeintlich intelligenzfördernder Substanzen (wie z.B. Amphetamine, Modafinil etc.) und technologischer Wunderwerkzeuge samt künstlicher Intelligenz (KI) sachlich präsentiert - und dann erdet. Dabei ist ihm die Sympathie für neugierige und auch mutige Forschung ebenso anzumerken wie die Ablehnung jener überehrgeiziger und oft schlicht geldgieriger Wissenschaftler und Unternehmen, die mit Andeutungen und unhaltbaren Heilsversprechungen Aufmerksamkeit erzeugen, Menschen Geld aus der Tasche ziehen - und sogar deren Gesundheit gefährden.

Hinzu kommen dann auch noch Selbsttäuschungen - und in meiner persönlichen Lieblingsstelle des Buches zeigt Grüter auf, woher manche Verheißungen etwa von Transhumanisten stammen, die seit Jahrzehnten auf Unsterblichkeit etwa durch Cybertechnologie oder den "Upload" von Gehirnen in Computerhardware hoffen:

"Sie (Pattie Mae) hatte so viele Leute wie möglich gesucht, die öffentlich die Möglichkeit der Übertragung des eigenen Bewußtseins auf Sizilium vorhergesagt hatten, und die Daten ihrer Vorhersagen mit ihrem Lebensalter verglichen. Es war nicht allzu überraschend, dass sie sich durchgehend mit der Zeit deckten, in der sie selbst 70 werden würden."

Sie nahmen also an, dass sie sich in den Computer retten könnten, bevor ihr körperlicher und geistiger Zerfall einsetzte. Das war ganz sicher kein Zufall. (S. 286)

Dass Grüter diese Kapitel auch mit ein paar immer als solchen kenntlich gemachten, humorvollen und erstaunlich gut geschriebenen Science-Fiction-Szenen würzt, setzt dem Ganzen die Krone auf. Meines Erachtens wären schon alleine diese drei Kapitel den gesamten Buchpreis samt Lesezeit wert gewesen!

Was bleibt?

Grüter vermittelt die Faszination der Intelligenzforschung ebenso wie ihre oft grotesken Missbräuche und Übertreibungen. Er plädiert keinesfalls für einen Stop einschlägiger Studien oder Debatten, wohl aber für eine aufgeklärtere und kritischere Arbeit, Diskussion und Öffentlichkeit. Wer sich beispielsweise über den Mißbrauch von Intelligenzforschung durch Rassisten oder Pharmakonzerne aufregt sollte sich zugleich doch auch selbst fragen, warum die Öffentlichkeit einschließlich der weiteren Wissenschaften dieses Feld nicht kundiger betrachtet und bestellt. Und warum wir - gerade auch als Wissenschaftler - "Intelligenz" zur Tugend verklären, ohne sie überhaupt definieren zu können.

Schließlich kann ich Grüters Fazit also nur zustimmen, als er im Hinblick auf die anstehenden Probleme etwa des Klimawandels, Rohstoffmangels und Hungers schließt (S. 297):

Ich glaube nicht, dass es den Menschen an Intelligenz fehlt, um diese Herausforderungen zu meistern. Vielmehr brauchen sie Vernunft, Gelassenheit, Weisheit und Augenmaß.

Ob Grüters Buch intelligenter macht, wage ich nicht zu beurteilen. Aber klüger macht es auf jeden Fall!

(Und ich freue mich schon auf den nächsten Band aus der Feder dieses Autors! Tongue out)



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Als Löten noch Widerstand war - Auch schon die DDR hatte Nerds

03. Dezember 2011, 22:42

Heute fand der Bundesparteitag der Piraten in Offenbach (bzw. auf Twitter unter dem Hashtag #bpt112) statt. Und langsam wird doch immer mehr Beobachtern klar, dass sie es hier nicht nur mit einem Modethema zu tun haben, sondern mit einem Ausdruck einer kulturellen Entwicklung, die durch neue (Computer-)Technologien ermöglicht und beflügelt wird. Und diese setzte auch in Deutschland keineswegs erst nach der Wiedervereinigung mit dem Internet ein, sondern hatte je eigene Vorläufer in West- und Ostdeutschland.

Von Informatikfreaks und "DDR-Nerds"...

...handelt zum Beispiel der Roman "Zur letzten Instanz" von Marc Schweska. Hier wird das Lebensgefühl der - auch hier fast ausschließlich männlichen - Technikbegeisterten geschildert, die sich eigene, lebensweltliche Nischen suchten.

Einerseits gab ihnen der sozialistische Materialismus theoretischen Rückenwind - der ja das Versprechen der Problemlösung durch Technologie(n) im Programm hatte und gerne an der Spitze der Computertechnologie marschiert wäre. Andererseits aber entdeckten insbesondere die jungen Generationen mit jeder technischen Neuerung neue Möglichkeiten, aber auch Sprachcodes, kleine Rituale und Träume, vor denen die grauen Parteibonzen zitterten. Mit einer lebendigen und also kaum kontrollierbaren Kultur konnten die real existierenden Regenten im Namen von Sozialismus und Humanismus nicht leben.

Aus dieser Nischenwelt zwischen technischer Faszination, Basteleien zwischen Anerkennung und Rebellion sowie der Angst vor Partei & Stasi berichtet Schweska detailreich, mit viel Wortwitz und einiger Melancholie, aber ohne große Handlungsstränge - realistisch, also. Sein Buch zielt kaum auf breiteste Leserschichten, aber wer sich für die heutige Nerd-Kultur(en) begeistern kann, wird auch an ihren ostdeutschen Vorläufern gefallen finden.

Während Cichy in der Küche klapperte, wurde Nick spirituell. "Weißt Du, warum das Leben ein Computerspiel ist?" - "Im Gegensatz zur Wurst hat es ein Ende. Und es kommt immer überraschend." - "Weil es immer einen besseren Spieler gibt!"

Als die Tassen auf dem Tisch standen, fing Cichy an. "Lem, wegen deinem Vater. Ich kenn doch den Reger..." Cichy sagte immer "den X" oder "der Y". Eine sprachliche Mode, die Brechtianer "vom" Brecht überlieferten. Der Namensartikel gehörte zum guten Ton der Intelligenz, signalisierte Gemeinschaftsbewusstsein und Kumpelhaftigkeit wie das "du" der Genossen, die Antithese zum bourgeoisen "Sie". (S. 170)

Wahlerfolg der Piraten vor allem in Ostberlin

Und, nein, diese kulturellen Traditionen gingen nach der Wiedervereinigung nicht einfach unter. Bei ihrer ersten, erfolgreichen Landtagswahl in Berlin 2011 erzielten die Piraten in Westberlin 8,1% - in Ostberlin aber 10,1%. Bei den Unter-30-Jährigen in Ostberlin wurden die Piraten mit 20 Prozent sogar zweitstärkste Partei.

Ein Problem gab (und gibt) es jedoch bei den Frauen: Während 19% der U-30-Männer in Berlin die Piraten wählten, waren es nur 11% der gleichaltrigen Frauen - die dafür mit 24% den Grünen den Vorzug gaben.

Nicht nur politisch einen Blick wert

Wer immer noch glaubt, mit ein paar Facebook-Spielereien das politische Potential des Internets erschlossen zu haben, dürfte sich noch wundern. Zwar ist es durchaus möglich, dass die Piraten als Partei ihren Zauber wieder verlieren und sich so schnell zerlegen, wie sie aufgestiegen sind. Aber auch damit wäre die kulturelle Strömung, die sie hervorgebracht hat, nicht einfach verschwunden. Wie der Buchdruck, die Zeitung und das Fernsehen verändert auch das Internet die Regeln des politischen Spiels in jeder Gesellschaft und für jede Generation. Das ist interessant zu beobachten - und zu lesen.

Und wer noch weiter ins Thema einsteigen möchte, hier wieder eine Veröffentlichung zum freien Download:

Blume, M. (2011): "Wir Wildbeuter im Web 2.0 - Die soziale Macht des Internet(t)"
In: Heimat & Identität 03/2011, S. 6 - 13



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Religionen und religiöse Erfahrungen - Ein empirischer Vergleich

01. Dezember 2011, 23:26

Nun ist er also wieder da, der heilige Advent, die Vorweihnachtszeit. Auch Menschen, die sonst wenig oder nichts mit Religion zu tun haben, werden nun wieder in religiöse Symbolik und Mythen eingehüllt. Kirchenkonzerte und Weihnachtsmärkte locken Besucherscharen, Zeitschriften und andere Medien greifen die erhöhte Nachfrage mit Spezialtiteln auf, Spendenaufrufe für Arme und Benachteiligte finden erheblich mehr Gehör. Manche werden wieder versuchen, sich gegen solche religiösen Erfahrungen abzugrenzen - und andere werden sich umgekehrt darüber ärgern, dass die heilige Zeit auch kommerzialisiert wird.

Wie ist das eigentlich mit den religiösen Erfahrungen?

Aber wie ist das eigentlich mit den religionsbezogenen Erfahrungen - sind diese innerhalb der Weltreligionen sehr ähnlich? Aus evolutionärer Sicht läge dies nahe, da sich ja in jeder Generationen überspannenden Tradition jene Varianten durchsetzen sollten, die allgemein-menschliche Bedürfnisse erreichen. Aber alternativ wäre ja auch denkbar, dass es riesige Unterschiede gibt und beispielsweise eine Jüdin ein anderes Gottesbild erführe als eine Muslimin oder ein Christ sich mehr mit Schuld und Liebe auseinander setzte als ein Hindu, der eher Dankbarkeit empfände.

Wissenschaftlern steht es gut an, auch gängige Annahmen hin und wieder zu hinterfragen. Als ich also neulich einen Artikel über die Glücksforschung zu Religiosität und Religionen schrieb, entschied ich mich, einmal zu überprüfen, ob sich die religiösen Erfahrungen verschiedener religiöser Kulturen stark unterschieden.

Als Datenmaterial wählte ich den Religionsmonitor 2008, der parallel in mehreren Ländern konkrete "Erfahrungen mit Gott bzw. dem Göttlichen" wie Liebe oder Angst erfragt hatte. Ich wählte acht Länderdatensätze, die bewusst sehr verschiedene, religiöse Kulturen repräsentieren: Deutschland, Indien, Israel, Marokko, Russland, Südkorea, Türkei und die USA.

Und dort verglich ich die Angaben zur Häufigkeit von drei positiven Erfahrungen - Befreiung von Schuld, Liebe & Dankbarkeit, zusammengefasst zu Wohlbefinden (W) - und drei negativen Erfahrungen - Schuld, Angst & Verzweiflung zu Unwohlsein (U).

Der erste Befund ergab schon deutliche Unterschiede: Je nach Intensität der gelebten Religiosität in den jeweiligen Ländern schwankte auch die Frequenz religiöser Erfahrungen - wo seltener gebetet und Gottesdienste besucht werden, finden sich auch seltener religiöser Erfahrungen. Soweit, so wenig überraschend.

Interessant aber auch: Quer durch alle untersuchten Länder überwogen deutlich die positiven über die negativen religiösen Erfahrungen. Unterschiede gab es dabei, sie waren jedoch sehr gering: In den drei Ländern, die die höchsten Frequenzen religiöser Erfahrung verzeichnen (Marokko, Türkei, Indien), wird als häufigste Erfahrung mit Gott oder dem Göttlichen „Liebe“ benannt, in den anderen fünf steht „Dankbarkeit“ an der Spitze. In der Türkei, in Indien, den USA und Südkorea wird häufiger „Befreiung von Schuld“ als „Schuld“ selbst erfahren, in Deutschland gleich häufig. Die seltenste, religiöse Erfahrung ist in sechs Ländern Verzweiflung, in Indien Schuld und in Russland Angst.

Quer durch die religiösen Kulturen sind die gemachten Erfahrungen also nicht völlig identisch, aber überlappen doch sehr weitgehend.

Noch massiver wurden die Übereinstimmungen, wenn die religiösen Erfahrungen jener Befragten verglichen wurden, die als "hochreligiös" galten, da in ihrem Leben und Verhalten Religion einen zentralen Stellenwert annahm (regelmäßiges Gebet, Gottesdienstteilnahme, Zustimmung zu Glaubensaussagen etc.). Hier wurde deutlich: Der "Anteil" von Hochreligiösen schrumpfte in wohlhabend-sicheren Ländern wie Deutschland - jene Befragten, die jedoch hochreligiös blieben, wiesen sehr ähnliche Erfahrungsmuster auf wie die Hochreligiösen aller anderen Länder.

Auch hier zeigten sich die religionsbezogen schon "klassischen" Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die jedoch ebenfalls mit der religiösen Praxis korrelierten: In weniger religiösen Gesellschaften wandten sich stärker Männer als Frauen von der jeweiligen Glaubenspraxis ab und wiesen entsprechend seltener entsprechende religiöse Erfahrungen auf.

Annahmen (leider?) bestätigt

Letztlich also bewahrheiteten sich die Annahmen, die evolutionär zu erwarten waren - was einerseits erfreulich war, andererseits aber natürlich auch ein bißchen ernüchternd: Stunden von Arbeit, aus denen sich nichts eigentlich Neues ergab. Aber so ist das nun einmal regelmäßig in der Wissenschaft - es kann nicht ständig Überraschungen geben.

Dann werde ich jetzt wohl doch einmal wieder einfach die Adventsstimmung genießen und mich darüber freuen, dass auch Menschen anderer Religionen und Kulturen zu ihren Zeiten ganz ähnliche Erfahrungen machen.

Smile

Für an Glücksforschung Interessierte, der besprochene Artikel zum Download:

Blume, M. (2011): Lehrt nur Not beten? Zum komplexen Zusammenhang von Religion & Glück.
In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Bd. 32, 2011

 



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Warum Religionen Gebote verkünden

26. November 2011, 23:31

Vor mehr als drei Jahren hatte ich zuletzt eine Analyse der Zehn Gebote aus evolutionärer Sicht veröffentlicht. Dank dem Team von Zwei_auf_eins Sven Oswald und Daniel Finger auf Radio RBBeins, die das Thema für das Interview morgen angefragt haben, gibt es einmal wieder ein Update. Wozu sind (oft zunächst sinnlos wirkende) religiöse Gebote da? Die Frage stellen sich nicht nur weltfremde Gelehrte, sondern auch - die Toten Hosen. Hier ihr von Schülern bebilderter Song zu den Zehn Geboten zur Einstimmung:

Gebote gibt es, weil erst durch sie Religion "funktioniert"

Bereits Charles Darwin - immerhin studierter Theologe - hatte in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 zu Recht vermutet, dass der Glaube an "geistige Wesenheiten" wie Ahnen oder Götter (heute auch vornehm: überempirische Akteure) Menschen zu erfolgreich kooperierenden Gemeinschaften verbinden kann. Wenn Sie und ich an die gleiche Gottheit glauben, die uns beobachtet und unser Verhalten beurteilt - dann steigt die Chance, dass wir zueinander Vertrauen fassen, nicht betrügen und also erfolgreich(er) zusammen arbeiten.

Nur: Woher können Sie eigentlich so genau wissen, ob ich den Glauben an die beobachtende Gottheit nicht nur als "reines Lippenbekenntnis" heuchele, um Sie dann über den Tisch zu ziehen? Einigermaßen sicher können Sie sich nur sein, wenn Sie es an meinem Verhalten ablesen können - wenn ich mich an Geboten orientierte, die beispielsweise meine Kleidung, mein Verhalten, meine Zeit (Gebete, Gottesdienste), mein Vermögen (Opfer) usw. betreffen.

Ich kann mich noch gut an den Thrill erinnern, als sich heraus stellte, dass sich die Zehn Gebote aus dieser evolutionären Perspektive heraus perfekt analysieren lassen! Der Artikel ist zwar schon über drei Jahre alt, aber wenn Sie gerne ein wenig schmökern:

Blume, M. (2008): Die Bio-Logik der 10 Gebote / Warum verbindlicher Glaube nützt
in: Gräb-Schmidt, E., Achtner, W.: Was ist Religion?, JLU Gießen 2008, S. 40 - 70

Und entsprechend gilt für alle religiösen Traditionen: Wenn sie erfolgreich - also zusammenhaltend und über Generationen hinweg kinderreich - sein wollen, benötigen sie Gebote, die zwischen Erlaubtem und Verbotenem unterscheiden und das Leben erfolgreich fördern. Entsprechend kennen alle Religionen die Metapher des "rechten Weges".

Auch ist es kein Wunder, dass sich ihre Gebote im Kern oft sehr gleichen (sich verpflichten, nicht lügen, nicht morden, nicht stehlen etc.) - allzu abweichende und im Ergebnis absurde Gebotssammlungen vermögen keine über Jahrhunderte erfolgreichen Gemeinschaften zu begründen. Erfolgreiche Varianten breiten sich dagegen aus - beispielsweise die mosaische Gebotssammlung vom Sinai, die Zehn Gebote, der Dekalog.

Die Zehn Gebote auf den zwei Tafeln des Judentums

Das Schöne an der Religionswissenschaft ist freilich, dass man ein Leben lang dazu lernt - und so war ich sehr fasziniert, in einem Artikel des orthodoxen Rabbiners Andrew Steiman (Frankfurt) zu erfahren, warum das Judentum seine Zählung der zehn Gebote auf zwei Tafeln zu je fünf Geboten anordnet.

Die erste Tafel mit den Geboten 1 bis 5 bestimme demnach den "Ort" bejn Adam la-Makom zwischen dem Menschen und der göttlichen und elterlichen Autorität zu. Die zweite Tafel behandele die zwischenmenschlichen Gebote bejn Adam le-Chawero.

So steht also Gebot 1 (alle zitiert nach Exodus 20, 2 - 17) ganz oben neben Gebot 6:

1. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.

6. Du sollst nicht morden.

Denn hier gehe es, so Rabbi Steiman, um die Anerkennung der Existenzen: Gottes und der Mitmenschen. Beides bedinge einander.

In der zweiten Reihung (II zu VII) gehe es um die Bundes-Treue sowohl in der Beziehung zu Gott wie zum Ehepartner:

2. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. 

7. Du sollst nicht die Ehe brechen.

In der dritten Reihe gehe es um den Respekt vor dem Eigentum - den Gütern der Menschen und dem Namen (!) Gottes.

3. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.

8. Du sollst nicht stehlen.

Bei Reihe vier zuckte ich zusammen - denn die jüdische Tradition erkennt in der Paarung vom Schabbat-Gebot und dem Verbot der Falschaussage die Verbindung des Zeugnisses, also des glaubwürdigen Signals gegenüber Gott, beobachtbar für Mitmenschen. Ohne davon zu wissen, war ich damals in der evolutionären Analyse genau zu diesem Ergebnis gekommen und hatte geschrieben: "Der Sabbat hebt die Glaubenden aus den alltäglichen und auch wirtschaftlichen Verflechtungen der Umgebung heraus und verweist sie auf die je eigene Familie und Glaubensgemeinschaft. Neben und vielleicht noch vor den umfangreichen Speisegeboten dürfte das Sabbatgebot das familiäre wie gemeinschaftliche Überleben des Judentums als Minderheit gesichert haben."

4. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!

9. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

Die fünfte Reihe verweise schließlich auf das Recht zur Respektierung von Identität: Die eigenen Eltern sind ebenso zu ehren wie alles, was dem Mitmenschen zugehöre. Steiman: "Gott teilt seine Autorität und vererbt sie für die Ewigkeit von Generation zu Generation." In der Tat: Evolutionärer Erfolg muss die Generationen überspannen.

5. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

10. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Während sich die verschiedenen, christlichen Konfessionen nie auf eine gemeinsame Zählung der Zehn Gebote einigen konnten (manche zählen zum Beispiel des Bilderverbot als eigenes Gebot, andere nicht etc.) liegt hier seitens des Judentums doch eine gewachsene und überzeugende Gliederung vor.

In der Summe gibt das Ganze also den Sinai-Bund, der nach jüdischer Tradition eben den Juden gilt. Nicht nur die Toten Hosen finden diese Gebote jedoch für sich zu streng. Nun, da habe ich eine gute Nachricht.

Die sieben noachidischen Gebote für Nichtjuden

Nach jüdischem Glauben müssen sich Nichtjuden überhaupt nicht an die Zehn Gebote halten - und auch ein Übertritt zum Judentum ist unnötig. Vielmehr besteht die so oft als Arroganz mißverstandene Erwählung in der Verantwortung, diese (und weitere) Gebote zu halten - wogegen anderen Völkern und Gemeinschaften andere Verantwortungen zukäme. Die jüdische Tradition verweist auf die Sintflut-Geschichte und den Noah-Bund, der alle Menschen einschließt.

Im Talmud (Sanhedrin 56) wird die Noah-Überlieferung zu sieben Geboten ausgelegt, die Nichtjuden empfohlen werden sollte:

1. Verbot von Mord
2. Verbot von Diebstahl
3. Verbot von Götzenanbetung
4. Verbot von Unzucht
5. Verbot der Brutalität gegen Tiere
6. Verbot von Gotteslästerung
7. Einführung von Gerichten und Rechtsstaatlichkeit

Im Grundsatz stellen diese ethischen Gebote kein Problem für alle Weltreligionen und die meisten Weltanschauungen dar. Inwiefern sie sogar mit unseren moralischen Instinkten korrespondieren, werden zukünftige Forschungen zeigen. Interessant ist auf jeden Fall: Götzendienst und Gottes"lästerung" werden abgelehnt, aber nicht zwingend ein Glaube an Gott verlangt. Auch rechtschaffene Nichtglaubende können demnach die noachidischen Gebote durchaus erfüllen und ggf. "Anteil an der kommenden Welt" erlangen.

Fazit: Religionsgemeinschaften müssen zusammen halten, aber nicht intolerant oder gar heilsexklusiv sein

Wenn Sie sich also schon einmal gefragt haben, warum der Jude Jesus und seine frühen Anhänger gar keine Notwendigkeit sahen, Nichtjuden aktiv zu bekehren - mit den noachidischen Geboten haben Sie die Antwort. Die Idee, dass nur eine bestimmte Gemeinschaft gerettet und alle anderen verdammt würden (sog. Heilsexklusivismus) ist weder allgemeiner noch notwendiger Bestandteil erfolgreicher, religiöser Traditionen. Ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Religionen ist möglich - und während jede Gemeinschaft auch auf eigene Gebote und Identität angewiesen ist, gibt es gleichzeitig doch enorme Schätze an gemeinsamen, ethischen Werten zu entdecken.



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Bad Religion, Anarchie und Evolution

24. November 2011, 00:29

Dass die US-amerikanische Punkband Bad Religion religiöse und insbesondere christliche Traditionen ablehnend gegenüber steht, bezeugt sie nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit ihrem Logo.

Hier auch ein aktuelles Lied der Band, gesungen von ihrem Sänger und Liedtexter Greg Graffin - The Devil in Stitches aus dem Album Dissent of Man.

Nein, nein - ich möchte diesmal gar nicht besonders darauf hinaus, dass hier eine vorgeblich nicht-religiöse Band doch wieder bei Engeln, Teufeln und anderen überempirischen Akteuren landet, sondern auf den Albumtitel hinweisen: Dissent of Man, identisch gesprochen wie Darwins zweites Hauptwerk zur Evolution: The Descent of Man.

Zufall? Aber nein. Falls Sie Punksänger bislang für eher schlichte Geister gehalten haben - der Leadsänger Greg Graffin ist promovierter Evolutionsbiologe und nimmt als solcher auch Lehraufträge wahr. Und als einer jener wachsenden Schar von Freigeistern, die Beruf(ung) und Wissenschaft miteinander verbinden, wäre er mir schon jetzt interessant erschienen. Dass er noch dazu aber gemeinsam mit dem Wissenschaftsautor Steve Olson ein Buch namens "Anarchie und Evolution" geschrieben hat, faszinierte dann doch sehr.

Und ich wurde nicht enttäuscht: In einem sehr persönlich gehaltenen Buch berichtet Gregory Graffin über seinen Weg zur Musik "und" Wissenschaft, vermittelt seine Begeisterung für Evolutionsforschung, kritisiert aber auch Atheismus und die Konzentration auf natürliche Selektion als "Götzen" und lässt auch sonst allerhand Überraschendes und Nachdenkenswertes vom Stapel.

Falls Ihre Neugier geweckt ist: Hier habe ich "Anarchie und Evolution" für spektrumdirekt rezensiert.

So, und am Wochenende gibt es wieder ein Radiointerview bei RBBeins, diesmal zum Thema "Zehn Gebote". Innocent



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Ao - Der letzte Neandertaler im Film

17. November 2011, 20:30

Kennen Sie den Choral "Lobe den Herren, den mächtigen König der Erde"? Verfasst wurde er von dem begabten Pastorensohn und Hilfsprediger Joachim Neander, der Pfingsten 1680 mit gerade einmal 30 Jahren starb. Eine Schlucht, in der er gedichtet, komponiert und Gottesdienste gefeiert hatte, wurde ihm zu Ehren zum "Neandertal". Und genau dort fanden sich dann Jahrhunderte später jene Fossilien, die dem Neandertaler - Homo neanderthalensis - den Namen geben würden...

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