Immer noch gibt es das Missverständnis, dass man hauptberuflich Wissenschaftler sein müsste, um Wissenschaft betreiben zu können. Dabei beklagen die meist auf halben Stellen befristet angestellten und mit Lehre und Verwaltung eingedeckten Kolleginnen und Kollegen oft zu Recht, dass ihnen kaum Zeit für eigene Forschungen bliebe - und dass deren Erträge nicht selten auch noch von anderen verniedlicht oder abgeschöpft würden.
Bürgerwissenschaftler - In einer dynamischen Wissensgesellschaft wird Wissen in der Breite geschaffen und aufgenommen
Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt jedoch, dass die Auffassung, Wissenschaft könne nur als hauptamtlicher Beruf betrieben werden, falsch und schädlich ist. Vielmehr wurde Wissenschaft meist von Menschen betrieben, die andere, wissensnahe Berufe - etwa den des Geistlichen, Lehrers oder Schriftstellers - ausübten und daneben Zeit in die Erforschung bestimmter Fragen investierten. In Zeiten ihrer Blüte war Wissenschaft eben gerade nicht nur eine Angelegenheit abgeschotteter Hauptamtlicher, sondern Thema in Vereinen und Salons, in Zeitschriften und auf Ausstellungen, in populären Büchern und Vorträgen.
Zwei Beispiele recht bekannter Bürgerwissenschaftler möchte ich Ihnen gerne vorstellen.
1. Charles Darwin (1809 - 1882)
Charles Darwin erwarb während seines ganzen Lebens nur einen einzigen, wissenschaftlichen Abschluss: Den eines Bachelors in anglikanischer Theologie. Seine Forschungen betrieb er zeitlebens als Privatgelehrter, vernetzt mit Kolleginnen und Kollegen über Briefe und gegenseitige Besuche, Publikationen und wissenschaftliche Vereinigungen (Societies).
Der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace (1823 - 1913) war übrigens gelernter Landvermesser. Und es ist tatsächlich zu fragen, ob das extrem interdisziplinäre Verständnis der Evolutionstheorie überhaupt mit vergleichbaren Freiheiten an einem Fachinstitut oder Lehrstuhl hätte entwickelt werden können.
2. Albert Einstein (1879 - 1955)
1905 war das "Wunderjahr" (Annus mirabilis) im Wirken Albert Einsteins, in dem er in einer Reihe von Veröffentlichungen die Grundlagen der Physik erschütterte und erneuerte. Sicher tat er dies bereits als promovierter Mitarbeiter von einer bezahlten Stelle an einer Universität oder einem Institut aus?
Weit gefehlt: Einstein hatte 1905 ein Diplom als "Fachlehrer für Mathematik und Physik". Seine Bewerbungen für Assistentenstellen an Universitäten waren ausnahmslos abgelehnt worden - und so arbeitete Einstein 1905 als "technischer Experte 3. Klasse" beim Patentamt Bern...
Über das Internet wird Wissenschaft wieder zu einer Angelegenheit vieler
Das Internet bietet in Form von Blogs, Online-Angeboten wie Wikipedia, Netzwerken u.v.m. völlig neue Chancen der Vernetzung haupt- und ehrenamtlicher Wissenschaftler. Ernsthaft Forschende und Vermittelnde wird man auch genau an dieser dialogischen Vernetzung erkennen.
Wo auch immer Sie arbeiten - nie waren die Chancen größer, auch eigene Beiträge zur Vertiefung und Verbreiterung des Wissens zu leisten.
Am Samstag unterlag mein Vater nach langem Kampf dem Krebs. Einer von zwei Gründen, warum ich mich entschlossen habe, ihm auch hier zu gedenken, ist, dass es ohne ihn diesen Blog gar nicht gegeben hätte. Und das meine ich nicht nur in der Weise, in der wir alle unser Leben der Lebenskette unserer Vorfahren verdanken. Mein Vater ermöglichte uns nicht nur die Freiheit, sondern auch die Liebe zur Freiheit, nicht nur die Neugier, sondern auch den Willen, daraus etwas zu machen.
Falko Blume wuchs in der ehemaligen DDR auf, wo er auch meine Mutter kennen lernte. Er war Offizier in der Armee (NVA), auf dem aufsteigenden Ast und das System erschien damals noch stabil. Doch er lehnte sich zunehmend auf und versuchte schließlich sogar zu fliehen. Später habe ich ihn gefragt, warum er nicht nur seine Karriere, sondern sein Leben riskiert hatte. Er nannte zwei Gründe: "Ein freies Leben." und "Quedlinburg." Als Kind musste er erleben, wie immer größere Teile der wunderschönen, historischen Stadt seiner Kindheit dem Verfall oder sogar Abriß für sozialistische Zweckbauten preis gegeben wurden. Andere Leute vertreten vielleicht politische Ideologien. Mein Vater vertrat eine politische Ästhetik, gegen die jeder linke oder rechte Extremismus durchfiel. "Glaube keinem Regime, das das geschichtlich Gewachsene nicht achtet." Er wäre gerne Restaurator geworden und hätte alte Möbel und Gebäude restauriert. Doch in der DDR gab es eine solche Berufslaufbahn nicht - denn das Alte wurde meist verachtet.
Seine Flucht wurde verraten. Er verbrachte über ein Jahr in Bautzen und anderen Stasi-Gefängnissen, bevor er und meine Mutter in den Westen abgeschoben wurden. Meine Schwester und ich kamen dann dazu. Dieses Jahr war das einzige Thema, über das wir ihn nicht befragen durften. Was auch immer sie dort mit ihm getan haben - gebrochen haben sie ihn nicht. Nur eins konnte mein Vater sein Leben lang nicht ertragen: Wenn in Freiheit Aufgewachsene sich in Jammerei oder "Politikverdrossenheit" ergingen. Er kannte den Wert der Freiheit, für die er seinen Preis bezahlt hatte. Er ließ keinen Wahltermin verstreichen und unterstützte, dass ich mich später in der JU, als Jugendgemeinderat und Stadtrat engagierte. Und obwohl die DDR sie erfolgreich "entkirchlicht" hatte, waren meine Eltern dabei, als ich mich als Erwachsener evangelisch taufen ließ. Wieder so ein Satz von ihm, den ich jedem theoretischen Proseminar über Religionsfreiheit vorziehe: "Uns haben sie solange zu Dingen gezwungen, bis wir an nichts mehr glauben konnten. Ihr dürft jetzt Eure Wege finden."
Als die Mauer fiel, haben wir vor Freude geweint und gefeiert.
Verwandte hatten wir "im Westen" zunächst gar nicht, sondern waren Migranten ohne Migrationshintergrund. Wossis aus einem Land, das andere nicht einmal aus dem Urlaub kennen konnten. "Ausländer" für manche Einheimischen, "Kartoffeln" für viele mit Migrationshintergrund. Doch meine Eltern jammerten nicht, sondern packten an. Über Jahrzehnte hinweg stand mein Vater Montag bis Samstag um vier Uhr auf, um Zeitungen auszutragen und danach regulär ins Büro zu gehen. Meine Mutter arbeitete im Krankenhaus, oft Nachtschichten. Sobald ich alt genug war, übernahm ich die Zeitungs-Sonntagsausgabe und habe seitdem immer gearbeitet. Es soll Leute geben, die Leistung nur als Last sehen. Meinen Eltern lebten uns vor, dass Arbeit auch Würde sein kann.
Mein Vater war in einer Zeit aufgewachsen, in der Männer weniger Gefühle, sondern Stärke zu zeigen hatten. Und so tat ich mich als verträumter Bücher- und Computerwurm lange sehr schwer damit, in seinen Augen zu bestehen. Meine Mutter hatte mir später einmal erzählt, dass sie beide intern davon ausgingen, dass ich noch mit Mitte 30 alleine bei ihnen wohnen würde. Ein Proto-Nerd, sozusagen. Und wenn ich mir die Bilder von damals anschaue, kann ich ihrer Erwartung nicht widersprechen.
Tja, und dann kam doch alles anders - und ich konnte mich doch wieder auf ihn verlassen. Als ich meiner Familie während meines Wehrdienstes im Alter von 19 Jahren verkündete, dass ich die Richtige gefunden habe und heiraten wolle, war es mein Vater, der das doch etwas verblüffte Schweigen brach: "Junge, ich zahl die Ringe!"
Es folgte eine Bankausbildung (mit Auszeichnung), ein Studium (mit einem Bundespreis), Kinder, Karriere, Promotion, Bücher. Man braucht wohl keinen schwarzen Gürtel in Psychologie, um zu sehen, wem ich mit all dem eigentlich imponieren wollte. Und vor ein paar Jahren erhielt ich dann zum Geburtstag im ersehnten Bücherstapel auch noch eine Karte meines Vaters. Darin, in Handschrift einfach sechs Worte: "Michael, ich bin stolz auf Dich." Ich habe geheult vor Glück - es war in meinen Augen das wertvollste Geschenk, das ich je bekommen habe. Und bin mir ziemlich sicher - hoffe - eine Menge Männer da draußen wissen, was ich meine. Wir alle müssen uns von unseren Vätern irgendwann abgrenzen - und uns dann doch, hoffentlich, wiederfinden. Wie sehr man uns auch "gendern" mag - das wird wohl bleiben.
Drei Generationen: Falko, Michael & Elyas Blume
Mein Vater hat mich gefordert, aber nicht überfordert. Gott sei Dank war er nicht perfekt - sonst wäre er kein realistisches Vorbild gewesen. So kann ich versuchen, an ihm Maß zu nehmen: Als Vater, Ehemann, Bruder, Neuschwabe, Schaffer, Christdemokrat, Geschichts- und Kunstfan, Freiheitsfreund. Die Ringe, die mein Vater uns schenkte, haben meine Frau und ich heute noch. Dafür haben wir unseren Eltern wiederum drei Enkel beschert - und sind glücklich, dass mein Vater noch lange genug gegen den Krebs kämpfen konnte, um auch noch unseren Jüngsten im Arm zu halten. Ein Dank an all die Mediziner und Forscher (wie Blognachbar Sebastian Reusch), die so etwas möglich machen. Es soll Kinder geben, die ihren Eltern alles Mögliche vorwerfen. Ich kann nur sagen, dass ich das Leben, das ich lebe, liebe - und weiß, wem ich es zu verdanken habe.
Ihr da draußen: Wenn Ihr die Gelegenheit noch habt, nehmt Eure Eltern einfach mal wieder in die Arme! Sicher haben auch sie ihre Kanten, aber, ganz unter uns: Die haben wir alle doch auch.
Vor einigen Tagen hatten mein Vater und ich dann die Gelegenheit, voneinander Abschied zu nehmen, zu zweit unter uns. Wir hatten einen Film gesehen (Avatar, in dem ein vermeintlich fortschrittliches Regime Gewachsenes zerstört, bevor es gestürzt wird...). Ich hatte Essen gemacht und wir redeten. Da sprach er plötzlich aus heiterem Himmel anerkennend vom Blogpost über den Guten Rutsch und Hals- und Beinbruch. "Ich wusste gar nicht, dass Dich meine Bloggerei interessiert.", meinte ich verblüfft. Und mein Vater sagte nur: "Seitdem ich endlich Zeit habe, lese ich Deine Texte, und ich lese sie gerne. Schreib weiter, Junge." Und später erfuhr ich von meiner Mutter, dass er sich Texte sogar hatte vorlesen lassen.
An diesem Abend entschied ich, auch hier an Dich zu erinnern, Dad. Und wenn Dich auch die Zähler nicht mehr erfassen - Du fällst jetzt ja, wissenschaftlich gesehen, in den Bereich der überempirischen Akteure -, dann spüre ich doch, dass Du weiterhin mitliest. Ich schreibe hier unten also schon mal weiter. Und wenn wir uns dann einmal wiedersehen, hoffe ich so gelebt zu haben, dass die Karte von Dir immer noch gilt.
Als mich der geschätzte Pfarrer und Direktor Joachim Beck neulich bat, eine Andacht für die Kuratoriumssitzung der Evangelischen Akademie Bad Boll zu gestalten, grübelte ich eine Weile. Schließlich bin ich Religionswissenschaftler, kein Theologe und also für Andachten nicht ausgebildet worden. Und in diesen Sitzungen würden sich neben anderen engagierten Laien auch hauptamtliche Theologen wie Pfarrer und (Ober-)Kirchenräte einfinden. Andererseits gilt in den evangelischen Kirchen das "Priestertum aller Glaubenden" - es wäre also geradezu vor-reformatorisch, zu schweigen, wenn das Wort schon erbeten wurde. Und so entschied ich mich, eine Andacht für jene unserer Vorfahren zu halten, denen (soweit ich weiss) noch kaum gedacht worden ist: Die Neandertaler.
Allen Anwesenden lag dazu folgendes Andachtsbild vor:
Lieber Herr Direktor, liebe Mitglieder des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll,
vielen Dank, dass Sie mich gebeten haben, heute die Andacht zu gestalten.
Vor Ihnen liegt die Zeichnung eines Bestatteten am Berg Karmel im heutigen Israel. Er wurde "Moshe" benannt, nach dem berühmten, israelischen Archäologieprofessor Moshe Stekelis. Moshe Stekelis ist 1967 von uns gegangen, jener Moshe auf dem Bild schon etwa 60.000 Jahre zuvor. Der Moshe, dessen Grablege Sie gerade studieren, war ein Homo neanderthalensis, ein Neandertaler.
Noch vor wenigen Monaten hätte man gesagt, dass die Neandertaler leider restlos ausgestorben seien. Doch inzwischen wissen wir es, auch dank des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (eva) in Leipzig, besser: Zwischen Neandertalern und jenen Homo sapiens, die damals Afrika verließen, ist es zu gemeinsamen Vorfahren gekommen. Wir, die wir hier sitzen, und auch schon Moses, Abraham, David und Jesus haben Homo neanderthalensis unter unseren Vormüttern und -vätern und tragen ihre Gene in uns. Moshe, der nur etwa 25 bis 35 Jahre alt wurde und keine Spuren von Verletzungen oder Krankheit aufwies, könnte ein gemeinsamer Vorfahr von uns sein.
Er wurde bestattet und der fehlende Schädel könnte ein Hinweis auf eine Sekundärbestattung des Kopfes sein, wie wir ihn auch aus heutigen Bestattungsbräuchen noch kennen. Ob wir von Religiosität oder Proto-Religiosität sprechen wollen - schon bei Neandertalern finden wir unzweifelhaft die ersten Hinweise darauf, dass Tote rituell ins Jenseits geleitet wurden. Dass wir heute einen Glauben bekennen und beten können und dass es Menschen gibt, die Kirchen und kirchliche Akademien tragen und finanzieren, verdanken wir Abertausenden von Generationen von Homo sapiens und Homo neanderthalensis, die neben- und miteinander zu "Homo religiosus" evolvierten. Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, denn auch heute noch geben religiös vergemeinschaftete Menschen ihre Gene und Lehren an durchschnittlich mehr Kinder und Enkel weiter als ihre nicht oder weniger religiös aktiven Nachbarn.
Moshe sprach und sang - wie später Neander
Überaus faszinierend ist auch, dass Moshe über ein Zungenbein (Oshyoideum) verfügte - der einzige Knochen des menschlichen Körpers, der nicht mit anderen Knochen verbunden ist. Er ist im Knorpel des Kehlkopfes verankert und dient der Anheftung von Muskeln, die zum Sprechen notwendig sind. Das bei diesem Skelett gefundene Zungenbein gleicht dem, das wir besitzen - was nahelegt, dass auch Moshe bereits sprechen und singen konnte.
Und wo wir dabei sind: Lassen Sie uns bitte im Evangelischen Gesangbuch das Lied 317 aufschlagen - "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Wir werden dieses Lied zum Abschluss dieser Andacht singen, passt es doch perfekt zum Gedenken an Gottes Größe, Seine universale Schöpfung und "alles, was Odem hat".
Für den Moment wollen wir jedoch den Blick auf den Verfasser dieses bedeutenden Chorals richten, er steht unten: Joachim Neander (1680). Eigentlich hieß seine Familie Neumann, aber weil damals unter den Gebildeten Griechisch in Mode war, hatten die Neumanns ihren Nachnamen in das vornehmere Neander "gräzisiert". Der begabte Predigter und Liederdichter Joachim Neander hatte sich oft in ein bestimmtes Tal zurück gezogen und dort gedichtet, komponiert und auch Gottesdienste gefeiert. Leider starb er schon mit kaum 30 Jahren, an Pfingsten 1680 - und wurde damit nur etwa genau so alt wie unser Neandertaler Moshe. Weil zwei Jahrhunderte nach Neanders Tod der erste aller Neandertaler in genau diesem Tal entdeckt wurde, erhielt Homo neanderthalensis also den Namen jenes Christen, der das Gotteslob so schön vertonen konnte wie kaum ein Zweiter.
Karmel und Israel, Moshe, Neander, Jenseits und Gotteslob - spontan würde ich ja von Zufall sprechen, befände ich mich nicht inmitten christlicher Frauen und Männer, die an der Existenz des Zufalls wohl zweifeln sollten. Oder anders gesagt: Wenn Gott der Schöpfer allen Seins und allen Lebens gewesen sein soll, dann ist Er auch Schöpfer und Vater unseres Moshe. Dann konnte Er Moshes Stimme hören, die Trauer der Hinterbliebenen erspüren, ihre Rituale beobachten und unseren so sorgsam bestatteten Neandertaler im Jenseits in Empfang nehmen.
Wir Kleingläubigen
Geben wir es doch zu: Es fällt uns schwer, so groß von Gott zu denken. So viel kann sich Gott doch gar nicht gedacht haben, dass er mit der Verwandtschaft Jesu zu uns Homo sapiens, zu Homo neanderthalensis und auch zu allen anderen Tieren und Pflanzen eine Botschaft verbunden hätte, nicht wahr!?
In unseren Köpfen und Kirchen ist Gott doch häufig "naheliegender" eine Art pfuschender Handwerker, der zwar ein großartiges Universum geschaffen hat, aber seitdem ständig nachbessern muss: Hier eine Flagelle ans Bakterium schrauben, dort ein erstes Auge formen und dem römischen, noch ungetauften Kaiser im Konzil die richtigen Eingebungen einhauchen, damit das einzig richtige Glaubensbekenntnis entsteht. Ein solches Gottesbild, wie es vermeintlich "bibeltreue" Vertreter des "Intelligent Design" verkünden - auf mich wirkt es auf groteske Weise dümmlich.
Und dann machen wir aus dem Handwerker auch noch gleich einen Kirchenbürokraten, dessen Stellvertreter kaum spüren, sondern ganz genau wissen, welche Texte und Paragrafen für das Diesseits und Jenseits entscheidend sind. Dass sich Neandertaler und Sapiens nach Jahrhunderttausenden der Trennung doch wieder fanden und gemeinsame Kinder zeugten, gemeinsam beteten, kann diejenigen von uns nicht irritieren, die noch am Anfang des 21. Jahrhunderts die Ehe einer christlichen Vikarin mit einem Muslim (auch diese "Abrahams Samen") durch sofortige Entlassung der Frau ahnden wollen. Dass Gottes Güte und Wahrheit gerade auch hinsichtlich der Liebe größer sein könnten als unsere Formeln und Kirchengesetze - wer würde das schon für möglich halten?
Ist Gott wirklich so klein?
Ob Gott wirklich so klein, dumm und engstirnig sei, wie wir ihn oft machen, müssen wohl Theologinnen und Theologen klären. Zu ihrer Verteidigung mag ich jedoch anführen, dass Vertreterinnen und Vertreter aller empirischen Wissenschaften längst Bereiche erschlossen haben, die unsere evolvierten Gehirne und Erkenntnisapparate überfordern. Physiker "wissen" längst, dass Atome und Quanten keine bunten Kügelchen sind. Aber anders können wir als Menschen sie uns kaum vorstellen und so nutzen auch Physiker "hilfsweise" für Forschung und Lehre Bilder und Symbole, die von uns wenigstens annähernd erfasst werden können. Macht es eine gute Predigerin, macht es die Bibel, denn wirklich völlig anders?
Und seit Einstein - dessen Synagoge wir in Ulm gerade wieder aufbauen - "wissen" wir auch, dass Raum und Zeit unseres Universums miteinander verschränkt sind. Wenn Gott das räumliche Universum geschaffen hat, dann schuf Er auch die Zeit, steht "über" Raum und Zeit. Und wir haben trotz jahrzehntelangen und milliardenschweren Aufwands noch nicht einmal einen echten Schimmer, ob es überhaupt sinnvoll ist, von einem "Davor" zu sprechen. Das hindert uns jedoch kaum daran, den Anspruch zu erheben, Gott mit unserem kausalen Denken verstehen und diskutieren zu können. Dass Er über aller Zeit stünde und uns auch mit dem Schicksal von Moshe vor 60.000 Jahren und dem Tyrannosaurus Rex vor 65 Millionen Jahren etwas mitteilen könnte - das übersteigt meistens unsere Vorstellungskraft.
Dabei gab es durchaus Theologen, die von Gott Größeres zu denken wagten. Nikolaus von Cues ("Cusanus") im 15. Jahrhundert und ein Jahrhundert später Giordano Bruno entwickelten bereits eine "theologische Relativitätstheorie", nach der das Universum keinen anderen Mittelpunkt als Gott habe - und alles Leben nicht nur dieser Erde, sondern aller Leben hervorbringenden Planeten (!) auf Gott zustrebe. Beide kamen vor diesem Hintergrund zu der Auffassung, dass religiöse Intoleranz das Ergebnis eines lächerlich verkürzten Gottesglaubens sei. Über den Fund des bestatteten Moshe hätten sie sich sicher gefreut. Der frühere von beiden wurde zum Kardinal, der spätere in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wir ahnen Gottes Größe, aber haben ihn dann doch lieber eine Nummer kleiner.
Schluss mit einem Theologen
Und so möchte ich diese Andacht mit einem Satz schließen, mit dem ein bedeutender Theologe einst sein bedeutendstes Werk schloss. Sie haben sicher von ihm gehört - sein Name war Charles Darwin. Gerne wird er von selbsternannten "Darwinisten" verschämt als "Naturforscher" bezeichnet, dabei hatte er in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Studienabschluss vorzuweisen: Jenen in anglikanischer Theologie.
Allerdings war dies in einer Zeit, in der ordentliche Theologen und auch die ersten Theologinnen wie Antoinette Brown Blackwell noch tatsächlich empirische Forschungen betrieben und den lernenden Dialog mit den Natur- und Kulturwissenschaften suchten, statt sich in frommen Winkeln zu verstecken. Und so brachte der Theologe Darwin nicht nur eine brillante Theorie samt Hypothesen zur Evolution der Religiosität hervor - die Entdeckung von Moshe hätte ihn gefreut! -, sondern hielt auch sein ganzes Leben daran fest, dass Gottesglauben und Evolution selbstverständlich vereinbar seien. Viele seiner evolutionären Mitentdecker, Freunde und Unterstützer waren "evolutionäre Theisten" und aktive Christen. Darwins eigene Glaubenszweifel wurzelten in der Theodizee-Frage, dem Problem des Bösen in der Welt. Besonders der lange, qualvolle Todeskampf seiner kleinen Tochter Annie ließ ihn an einem guten Schöpfer zweifeln. Wer das nicht nachvollziehen kann, hat vielleicht weder seinen Hiob noch den letzten Schmerzensschrei Jesu' am Kreuz vernommen.
Dieser Darwin also schloss ab der zweiten Ausgabe sein bedeutendstes Grundlagenwerk "Die Entstehung der Arten" mit dem Satz:
"Es ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt."
Lassen Sie uns in diesem Sinne Gott für einen Moment für so groß halten, dass Er auch um Moshe war - und gemeinsam "Lobet den Herren" von Joachim Neander anstimmen.
Frohe Weihnachten!
(Kostenlose) Literatur zum Weiterlesen und -denken:
Dass die US-amerikanische Punkband Bad Religion religiöse und insbesondere christliche Traditionen ablehnend gegenüber steht, bezeugt sie nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit ihrem Logo.
Hier auch ein aktuelles Lied der Band, gesungen von ihrem Sänger und Liedtexter Greg Graffin - The Devil in Stitches aus dem Album Dissent of Man.
Nein, nein - ich möchte diesmal gar nicht besonders darauf hinaus, dass hier eine vorgeblich nicht-religiöse Band doch wieder bei Engeln, Teufeln und anderen überempirischen Akteuren landet, sondern auf den Albumtitel hinweisen: Dissent of Man, identisch gesprochen wie Darwins zweites Hauptwerk zur Evolution: The Descent of Man.
Zufall? Aber nein. Falls Sie Punksänger bislang für eher schlichte Geister gehalten haben - der Leadsänger Greg Graffin ist promovierter Evolutionsbiologe und nimmt als solcher auch Lehraufträge wahr. Und als einer jener wachsenden Schar von Freigeistern, die Beruf(ung) und Wissenschaft miteinander verbinden, wäre er mir schon jetzt interessant erschienen. Dass er noch dazu aber gemeinsam mit dem Wissenschaftsautor Steve Olson ein Buch namens "Anarchie und Evolution" geschrieben hat, faszinierte dann doch sehr.
Und ich wurde nicht enttäuscht: In einem sehr persönlich gehaltenen Buch berichtet Gregory Graffin über seinen Weg zur Musik "und" Wissenschaft, vermittelt seine Begeisterung für Evolutionsforschung, kritisiert aber auch Atheismus und die Konzentration auf natürliche Selektion als "Götzen" und lässt auch sonst allerhand Überraschendes und Nachdenkenswertes vom Stapel.
Kein Thema hat bei "Licht der Welt", dem ersten päpstlichen Interviewbuch der Religionsgeschichte, für soviel Wirbel gesorgt wie die Ausführungen des früheren Theologieprofessors Joseph Ratzinger und jetzigen Papst Benedikt XVI. über die Erlaubnis von Kondomen. Dabei hat das Buch gerade auch aus evolutionärer und kirchengeschichtlicher Sicht Verblüffendes zu bieten.
Die Explaining Religion-Konferenz in Bristol schlägt weiter wissenschaftliche Wellen. So räumte Susan Blackmore im britischen Guardian inzwischen ein, dass die populäre Religion-Virus-Metapher nach Kenntnis des Reproduktionsvorteils durch Religiosität nicht mehr haltbar sei. Ihr Artikel hier:
Gestern erhielt ich die Nachricht, dass unser ehemaliger Oberbürgermeister, Dr. Peter Bümlein, gestorben ist. Auch wenn ihn wahrscheinlich die meisten Leserinnen und Leser des Blogs nie kennengelernt haben: Bitte erlauben Sie mir, an einen außergewöhnlichen Kommunalpolitiker hier mit ein paar persönlichen Worten zu erinnern.