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Der Nutzen des Unglaubens - Wer forscht mit?

10. Mai 2012, 00:11

Seit einigen Jahren arbeite ich nun schon zur Evolution von Religiosität und Religionen und erlebe mit Freude und Faszination, wie sich die empirischen Befunde zu einer adaptiven Entwicklung des Glaubens ("Homo religiosus") immer weiter verfeinern und durchsetzen. Es vergeht keine Woche mehr, in dem nicht ein neues Buch, eine Vortrags- oder Artikelanfrage zum Thema hier eingeht. Evolution & Glauben sind in den Wilden Netzen des Web 2.0 längst ebenso Thema wie nächste Woche auf dem katholischen Kirchentag in Mannheim. Und doch bin ich seit einiger Zeit der Meinung, dass zum entstehenden Gesamtbild noch etwas Entscheidendes fehlt - die interdisziplinäre Erforschung des Unglaubens.

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St George - Kapelle und Gebetsraum am Flughafen Heathrow

15. Februar 2012, 20:16

Seit jener legendären Edmund-Stoiber-Rede zu 10 Minuten wissen wir alle, dass es mit Zeit und Flughäfen eine besondere Bewandnis hat. Als ich also am Flughafen Heathrow in London noch etwas Zeit zwischen dem Umsteigen hatte und dieses Schild sah, war es um mich geschehen. Ich musste ihm voller Entdeckerdrang folgen!

Das geheimnisvolle Schild führte mich zu der Flughafenkapelle St. George. Nahe bei Terminal 3, zwischen Busbahnhof und Betonwüsten gelegen, lud ein hohes Kreuz zu einem kleinen Steinpark und zwei Gebäuden des Gebetes.

Eingeweiht im bewegten Jahr 1968 beteilig(t)en sich viele Spender an der Ausgestaltung dieses Gebetsortes. Einigen Menschen, vor allem Flughafenpersonal und Piloten, waren Plaketten gewidmet, die aus der anonymen Wand einen Ort des Gedenkens machten.

Die Gedenkplakette eines Technikers berührte mich besonders. Sein Todestag wurde hier von seiner ihn "liebenden Familie" als "Gewährung des zweiten Flügels" interpretiert, so dass er nun "in Frieden ruhe in der Umgebung, die er so geliebt hat".

Nach einem kurzen Moment des Innehaltens wandte ich mich nach links, zum Eingang der Kapelle. Wie konnte inmitten dieses Lärms ein Ort des Gottesdienstes entstehen? Der Architekt Jack Forrest griff zur Lösung auf jene alte Form zurück, mit der schon frühe Christen Gemeinschaft und Schutz vor Verfolgung verbunden hatten: Die unterirdische Krypta.

So ging es eine Treppe hinab, in einen Vorraum mit Karten, Flugblättern und Broschüren christlichen Glaubens.

Der Heilige Georg war der Schutzheilige Englands und von Anfang an auch der ökumenischen Kapelle geworden, in der sich anglikanische, katholische und "freie" (v.a. evangelische) Gemeinschaften versammelten.

Erfrischend kühl, leise und verblüffend groß hatte sich der Gottesdienstraum von St. George unter der Betonwüste ausgebreitet - ein Ort der Ruhe unter einer brodelnden Verkehrsdrehscheibe.

Ursprünglich hatte jede der vier Flügel einen Altar einer bestimmten Kirchentradition beherbergt, doch im Laufe der Jahre waren die Altartische füreinander frei gegeben worden, so dass Betende sie je nach Bedarf und Aussage nutzen konnten. Hier der Altarbereich katholischer Tradition.

Auch farblich waren unterschiedliche Akzente gesetzt worden.

Besonders aber beeindruckte mich jener schlichte Altartisch, in dessen Decke - Flugzeuge eingestickt worden waren.

Nach einigen Momenten dankbaren Verweilens stieg ich wieder empor. Heathrow war wie London insgesamt einst ein überwiegend christlicher Ort gewesen, der jedoch zunehmend multireligiös geworden war. Und als ich die Krypta verließ, sah ich, dass die Kapelle mitgewachsen war. Dem Eingang der Krypta direkt gegenüber lud ein interkonfessioneller Gebetsraum ein.

Im Eingangsbereich waren auch die Gebetszeiten regelmäßiger Gottesdienste angegeben: Christen, Muslime und Sikhs beteten hier regelmäßig zu ihrem gemeinsamen Gott, dem Schöpfer des Universums. Für Betende jeden Glaubens stand der Raum zudem täglich offen.

Schlicht und doch würdig war der Raum gestaltet, der zum persönlichen wie auch gemeinschaftlichen Gebet einlud.

Am Fenster fand sich ein holzgefertigter Kompass mit Angabe der Qibla, der Gebetsrichtung nach Mekka für Muslime.

Ich fand Poster mit den Feiertagen der Weltreligionen - und eines, das eine gemeinsame Aussage aller gewachsenen Religionsgemeinschaften betonte: Das Gebot unbedingter Kooperation, die Goldene (in einigen Formulierungen Silberne) Regel.

Die Zeit drängte nun, ich musste zum Flieger. Als ich diesen interreligiösen Ort verließ war mir klar, dass er sich mir in seiner religiösen Tapferkeit inmitten hektischer Betriebsamkeit tiefer einprägen würde als so mancher großer, imposante Bau den ich bisher gesehen hatte. Wo abertausende von Meilen geflogen wurde, nahmen sich manche Menschen Zeit für kleine Reisen ins eigene Innere und vor Den, von Dem sie sich geschaffen erfuhren.

In Höhlen hatte sich schon der frühe Mensch Orte der Sammlung, Gemeinschaft und Anbetung geschaffen. Und auch jetzt, da er tonnenschwere Geräte mit Hunderten von Menschen darin in die Wolken und um den Globus jagen kann, vernehmen einige den Ruf der überempirischen Akteure - der Verstorbenen, der Heiligen, der Gottheit.

Wenn Sie einmal am Flughafen Heathrow, Terminal 3 sein sollten - nehmen Sie sich doch 10 Minuten Zeit.



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Monotheismus versus Kindesaussetzung und Infantizid

08. August 2011, 22:52

Auf die aktuelle EPOC-Ausgabe 05/2011 hatte ich mich vor allem wegen der Titelgeschichte zu den Mysterienkulten der Antike gefreut. Doch dann sprang mir ein hervorragender Artikel des Mainzer Althistorikers Theodor Kissel zum beklemmend-wichtigen Thema Kindesaussetzung in der Antike ins Auge - ein Thema, das ich bereits in einem früheren Blogpost (zur spätantiken Erfolgsgeschichte des Monotheismus) angeschnitten hatte.

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Margot Käßmann und die Sehnsucht nach Leben - Rezension einer postmateriellen Erbauung

24. Juni 2011, 16:45

Nachdem der Blogpost über den evangelischen Kirchentag erstaunlich viel Interesse gefunden hat und im Sommer eine Zeit der Bücher winkt, möchte ich Ihnen in den kommenden Tagen zwei Rezensionen zu Büchern von Theologen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, erstellen: Hier zum Überraschungs-Bestseller von Margot Käßmann "Sehnsucht nach Leben" und kommende Woche zum religionskritischen "Der Jesuswahn" von Heinz-Werner Kubitza.

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Die Khan Academy - Globale Bildungsrevolution durch das Web?

14. März 2011, 19:02

Nachdem ich im letzten Blogpost die katastrophale Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus in Deutschland thematisiert hatte, möchte ich heute ein ermutigendes Beispiel für Bildung und Web-Kultur vorstellen: Die Khan Akademie bzw. the Khan Academy, die derzeit weltweit kostenlos Online-Videos zu Bildungsthemen anbietet und von Millionen genutzt wird.

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Die Anthroposophie und ihr Erfolg

02. März 2011, 07:55

Ich lebe auf den Fildern in der Region Stuttgart, einer Hochburg der Anthroposophie in Deutschland. Diese religiöse Weltanschauung geht auf Rudolf Steiner (1861 - 1925) zurück und verbindet christliche, esoterische und hinduistische Elemente (z.B. Reinkarnations- und Karmavorstellungen). Während der NS-Zeit - trotz der Anbiederungsversuche einiger Funktionäre - von den Nazis weitgehend unterdrückt und verboten, gelang der Anthroposophie ein Wiederaufschwung, der in meiner Heimatstadt Filderstadt u.a. durch einen Waldorfkindergarten, eine -schule, die renommierte Filderklinik und eine Vielzahl von Anbietern "biologisch-dynamischer" Produkte (wie Demeter, Weleda etc.) sichtbar wird.

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Guttenberg gegangen - Wir Wissenschaftler und unsere (vermeintlich?) höhere Moral aber bleiben

01. März 2011, 11:42

Nun ist Freiher Karl-Theodor zu Guttenberg also zurück getreten. Jubel allerorten? Bei mir bleibt ein schaler Beigeschmack über die erlebte Gruppendynamik unter Akademikern und Wissenschaftlern. Als ob Mißstände im Wissenschaftsbetrieb nicht schon seit Jahren jedem bekannt sein konnten, der oder die sich "wirklich" interessierten...

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Wikileaks - Erfüllung einer biblischen Prophezeiung?

25. Dezember 2010, 20:46

Zu den schönen Seiten der Religionswissenschaft gehören die vielen kleinen Aha-Entdeckungen, wo man sie nun wirklich nicht erwartet hätte. Und so staunte ich erst einmal Bauklötze, als die Nachrichtenagentur idea vermeldete, dass der US-Autor Joel Rosenberg, ein Christ jüdischer Herkunft, im Trubel um Wikileaks, Facebook, Twitter & Co. die Erfüllung einer biblischen Prophezeiung erblickte - und sich diese Deutung rasend schnell über Medien und Internet (v.a. Blogs) verbreitete. Schauen wir uns also den Vergleich an und folgen wir der Spur...

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Nahtoderfahrungen - Schlüssel zum Verständnis von Religiosität und Religionen?

22. Oktober 2010, 17:44

Im Blogpost "Evolutionäre Religionswissenschaft" hatte ich Leser-Fragen gesammelt, die ich nach und nach abarbeiten möchte. Richard Kinseher alias @KRichard wollte Nahtodeserfahrungen (NTEs) behandelt wissen - wozu er Anfang des Jahres bei Books on Demand auch "Lebende Tote? - Ein Wissenschaftsskandal" veröffentlicht und mir ein Exemplar zugesandt hatte. Im Kern vertritt er dabei die Auffassung, dass es sich bei sog. NTEs ausschließlich um erinnernde Rekonstruktionen des Gehirns, etwa an die Zustände im Mutterleib, handele. In der Debatte, ob Religiosität eine Adaption sei, ließ er die Welt dann wissen: "Ich habe mit diesen Beiträgen eines der letzten großen Rätsel um die Entstehung von Spiritualität/Religiosität gelöst - und niemand hat es hier gemerkt." Aber inwiefern sind NTEs ein Schlüssel zum Verständnis von Religiosität und Religionen?

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Eine kleine, große Kirche - Die Kirchgemeinde Boltenhagen auf der Paulshöhe

22. August 2010, 15:44

Kinder sind längst rar in Mecklenburg-Vorpommern - sogar in den christlichen Gemeinden - und so kam die Pastorin nach dem schönen und besinnlichen Gottesdienst in der großen Kirche von Klütz auf uns zu und nahm sich etwas Zeit für uns Urlauber aus dem Südwesten. "Ach, Sie sind Religionswissenschaftler!? Kennen Sie denn schon unsere kleine Kirche auf der Paulshöhe in Boltenhagen? Wenige kennen sie, aber wer sie besucht hat, den berührt sie. Und sie geht auf die Anregung eines jüdischen Kaufmanns zurück - daher hat sie auch eine Menorah." Nein, die kannten wir (noch) nicht. Aber das ließ sich ändern...

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