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Die Mormonen - Religion born in the USA

von Michael Blume, 06. April 2009, 06:29

Zur Evolutionsgeschichte der Religion(en) gehört das ständige Entstehen von Vielfalt - aus evolutionärer Sicht Erfolgsbedingung für Anpassung und Wettbewerb, aus der Sicht der je Etablierten aber natürlich stets gefährliche "Ketzerei". Daher versuchen bestehende Gemeinschaften regelmäßig das Aufkommen von neuen Gemeinden oder gar Abspaltungen durch den Einsatz staatlicher Gewalt zu verhindern oder die Abtrünnigen wenigstens gründlich zu verstoßen. Da jedoch die USA schon durch eine große, religiöse Vielfalt der Siedler geprägt waren und in ihrer Verfassung die strikte Religionsfreiheit verankerten, ist dort seit Jahrhunderten eine einzigartig dynamische, religiöse Vielfalt gewachsen. Einen der sicherlich interessantesten Fälle dabei bilden die Mormonen.

Anfang des 19. Jahrhunderts von Joseph Smith (1805-1844) gegründet, grenzte sich die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage" sowohl theologisch wie organisatorisch strikt von den etablierten Kirchen ab. So wurde ein völlig anderes Gottesverständnis entworfen (das u.a. die Theodizee-Frage aus anderer Perspektive beleuchtet), die Heilsgeschichte in die USA verlegt, wurden neben Kirchen- auch Tempelrituale eingeführt und ein rein ehrenamtliches Priestertum der (männlichen) Gläubigen ausgerufen. Und als es trotz der staatlich garantierten Religionsfreiheit zu wachsenden Spannungen, schließlich Gewalt, Vertreibungen und der Ermordung des Religionsstifters Smith durch einen antimormonischen Mob kam, begründeten die Mormonen in Utah einen eigenen Staat.

Einen Artikel zur spannend-wechselvollen Geschichte der Mormonen finden Sie in der Zeitschrift EPOC 03/2009 (on- und offline bestellbar).

Epoc-Ausgabe 03/2009 mit Ketzern und Mormonen.

Erfolgsgeheimnis: Die mormonische Familie

Als neulich strafrechtliche Verurteilungen von Führungskräften einer mormonisch-fundamentalistischen Splittergruppe erfolgten, die die Vielfrauenehe (Polygynie) nicht hatte aufgeben wollen, beeilte sich die Hauptkirche klarzustellen, dass sie die Mehrehe 1890 wieder abgeschafft habe. Aber auch in strikter Monogamie weisen die Mormonen weiterhin überdurchschnittlich große Familien auf - ein großer Teil ihres lange dynamischen Wachstums geht auf den Kinderreichtum praktizierender Mormonen zurück.

Die religionsdemografischen Forschungen werden zwar leider durch den Umstand erschwert, dass die US-Volkszählungen gerade wegen der Trennung von Kirche(n) und Staat keine Fragen zur Religionszugehörigkeit enthalten - aber interessant ist z.B. auch der Blick auf die Geburtenraten von Utah. Hier zeigt sich, dass auch die Mormonen vom allgemeinen Geburtenrückgang betroffen sind, dennoch aber deutlich größere Familien als selbst der US-amerikanische Durchschnitt erreichen.

 

Interessant ist auch, dass die Kirchenführung den Rückgang der Geburtenraten als Problem für das längerfristige Überleben der Glaubensgemeinschaft erkannt hat und neben der Missionsarbeit eigene Akzente in der Familienförderung (hier Kurzfilm dazu) zu setzen versucht. Auch hier treffen wir also wieder auf das interessante Phänomen, das sich eine Gemeinschaft evolutionsbiologisch außerordentlich erfolgreich verhält - die doch eigentlich der Evolutionstheorie noch überwiegend reserviert gegenüber steht...

Aber auch kulturell sind die Mormonen keinesfalls einfach "von gestern". Wenn Sie derzeit die Bücher-Bestsellerlisten durchsehen, werden Sie ganz oben auf die Vampirromane von Stephenie Meyer treffen. Die fromme Autorin hat in diesen Büchern klassische, mormonische Lehren (ewige Liebe, sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe, kosmisches Ringen zwischen Gut und Böse, Sehnsucht nach Unsterblichkeit u.v.m.) in ein modernes Gewand gekleidet - und vor allem junge, weibliche Fans rund um den Globus begeistert.

Die Geschichte der Mormonen erweist sich also als ein religions- und evolutionswissenschaftlich hoch interessanter Fall - und ist, wie es ausschaut, noch lange nicht zu Ende!

Und - einen Fehler entdeckt! Ein aufmerksamer, mormonischer Leser hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der Engel, der Joseph Smith erschienen ist, Moroni hieß, nicht Mormon! So wird eine zentrale Schrift der Glaubensgemeinschaft genannt - daher der populäre Name -, nicht aber der offenbarende Engel. Danke dem aufmerksamen Leser! 





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