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Buddhistische Ahnenverehrung in Japan

von Michael Blume, 15. Mai 2009, 16:37

Gerne wird in Diskussionen bezweifelt, ob der Buddhismus eine Religion sei, da der Buddha doch keine absolute Existenz übernatürlicher Akteure (wie Ahnen, Geister, Götter etc.) gelehrt habe. Umso eindrucksvoller (und evolutionäre Hypothesen stärkend) ist es jedoch zu sehen, dass sich in der religiösen Alltagspraxis gewachsener, buddhistischer Gesellschaften die oft auf Familie bezogene bzw. Familienwerte bekräftigende Verehrung übernatürlicher Akteure doch auf sehr hohem Niveau entwickelt hat. Dazu ein Gastbeitrag von Katharina Böhning, Absolventin der Religionswissenschaft in Leipzig, die für inhaltliche Fragen gerne zur Verfügung steht.

Unabhängig davon, wie religiös oder welcher Religion zugehörig sich Japaner selbst einschätzen, im Todesfall wird in der Regel der nächste buddhistische Tempel mit der Beerdigung betraut. Der Tod zieht traditionell eine Reihe von Riten nach sich, die darauf ausgerichtet sind, den Geist des Toten von der diesseitigen Welt zu lösen und in den butsudan (Hausaltar) der Familie einzugliedern.

Ein Butsudan, ein japanisch-buddhistischer Hausalter. Quelle: Wikipedia-Commons.

Zunächst werden von den Priestern buddhistische Gebete rezitiert um dem Geist symbolisch das Wesentliche der buddhistischen Lehren  zu übermitteln, die Verunreinigungen des Todes zu entfernen und die Seele für die Einschließung in den butsudan vorzubereiten. Der Körper wird verbrannt und die Asche in einer Urne unter erneuten Gebeten der Priester beerdigt.

Am siebenten Tag nach dem Tod wird dem Toten der kaimyô verliehen, ein neuer Name, der die neue buddhistische Identität verkörpert. Der Namenswechsel ist ein weiterer Schritt, den Toten von der Welt zu lösen, in dem symbolisch die körperliche Präsenz gelöscht und ein Identitätswechsel vollzogen wird.

Am neunundvierzigsten Tag nach dem Tod, so glaubt man, verlässt der Geist des Verstorbenen die Nähe der Hinterbliebenen. Damit enden die Trauerzeit und die damit verbundenen Riten. Dann wird auf dem butsuda, ein schwarz lackiertes und mit Gold verziertes ihai (Gedenktäfelchen) aufgestellt, in dem der kaimyô eingraviert ist. Der durch die rezitierten Gebete und Sutren nach dem Tod erleuchtete Geist verlässt die Umgebung seiner Angehörigen, um seinen Platz bei den Ahnen einzunehmen. Das ihai repräsentiert nun den Geist des Ahnen und wird oftmals als dessen Wohnsitz angesehen.

In periodischen Zeitabständen werden weitere buddhistische Riten zum Gedenken des Verstorben abgehalten, so z.B. am einhundertsten Todestag, am ersten Jahrestag, am dritten Jahrestag usw. Normalerweise enden die Gedenkehrungen, wenn keiner der Angehörigen mehr einen Bezug zum Verstorbenen hat. Dann wird das ihai dem Tempel übergeben, wo es zeremoniell verbrannt wird. Der Tote gilt zwar noch als Ahne, aber er wird nicht mehr individuell verehrt. Einige Familien haben in ihrem butsudan eine Gedenktafel für all jene Ahnen eingerichtet, zu denen keine persönliche Beziehung mehr besteht.

Die von den Priestern abgehaltenen Rituale dienen nicht nur den Toten, sondern beruhigen auch die Hinterbliebenen. Zum einen durch die Gewissheit darüber, dass für den Verstorbenen gut gesorgt wurde, indem er in den Kreis der Ahnen aufgenommen wurde und sein Andenken so von der Familie gewahrt wird. Zum anderen vergewissern sich die Angehörigen selbst, dass sich auch nach ihrem Tod jemand um sie kümmert und sie nicht vergessen werden.

Wie bereits erwähnt, ist der butsudan mit den in ihm platzierten ihai der Ort der Ahnenverehrung im Haushalt. Es ist üblich, den Ahnen Opfer darzubringen, etwa in Form von Lebensmitteln und durch Entzünden von Räucherstäbchen oder Kerzen. Viele der dargebrachten Opfer werden mit der  Bitte um Schutz oder um Hilfe bei Problemen und wichtigen Unternehmungen verbunden. Hin und wieder  werden Priester beauftragt Gebete zum Wohle der Ahnen zu sprechen. Es wird angenommen, dies vervollständige weiterhin die Erleuchtung und werte die Fähigkeiten auf, die Familie zu beschützen.

Neben dem butsudan ist das haka, das Familiengrab, in dem normalerweise die Asche aller Familienangehörigen beigesetzt wird, Zentrum der ahnenbezogenen Riten und zudem wichtige Begegnungsstätte im Umgang mit den Verstorbenen. Für viele Japaner ist das haka auch ein Symbol für Zugehörigkeit und Familienbande. Meist befinden sich die Gräber auf geweihtem Boden, wie zum Beispiel auf dem zum Tempel gehörigen Grund. 

Literaturtip: Ian Reader: Religion in Contemporary Japan. Honolulu 1994.





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