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Dankt Gott für die Evolution!

von Michael Blume, 29. Juni 2009, 07:28

Mit diesem noch recht ungewöhnlichen Ruf ziehen der evangelische Wanderprediger Michael Dowd und seine Frau, die Evolutionsbiologin Connie Barlow, seit einigen Jahren durch kirchliche und säkulare Einrichtungen der USA. Und mit der Veröffentlichung des gleichnamigen Buches "Thank God for Evolution", das von namhaften Vertretern aus Wissenschaft (darunter mehreren Nobelpreisträgern) und Religionen begrüßt wurde, zieht seine Bewegung des "evolutionären Christentums" weitere Kreise - zum Ärger z.B. kreationistischer (die Evolutionstheorie ablehnender) Gruppen. Schauen wir uns also das Ganze doch einmal an.

 

Evolutionäres Christentum

Der Theologe Dowd bekennt sich als Christ, der jedoch die Befunde der Wissenschaft nicht nur passiv oder gar ablehnend auffaßt, sondern als "Offenbarungen Gottes" begrüßt und feiert. So ist für ihn die Evolution des Universums "The Great Story", die jedes Kind auf dem je neuesten Stand der Forschung lernen und feiern sollte, der Mensch entstand aus "Sternenstaub" und evolvierte zum "Teil des Universums, das sich durch ihn selbst erkennt". Die Heiligen Schriften sind für Dowd wertvolle Motivatoren und Ideengeber, die sich jedoch stets am wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt messen müßten, die Religionsstifter - allen voran Jesus - Vorbilder für ein Leben in "evolutionärer Integrität" in einem Dienst an der sich entfaltenden Fülle des Lebens.

So versteht Dowd beispielsweise die biblische Lehre vom "Sündenfall" vor dem Hintergrund der modernen Evolutionspsychologie. Sie sei eine kraftvolle Erzählung des Umstandes, das unsere über Jahrmillionen evolvierten Gehirnstrukturen Impulse (z.B. Gier, Untreue, Fremdenangst etc.) hervorbringen, mit denen wir in späteren Regionen wiederum ringen müssen (z.B. Großzügigkeit, Treue, Neugier). Zur Natur jedes Menschen gehöre also das ständige, ererbte Ringen mit dem realen Bösen und der Weg Christi sei ein Weg, nach "evolutionärer Integrität" zu streben. Gewalthaltige Bibelstellen fordert Dowd 1. vor dem jeweiligen historisch-politischen Hintergrund der Schreibenden zu verstehen und 2. als nicht mehr handlungsleitend zurück zu weisen. Jede religiöse Tradition, die im Fundamentalismus erstarre, entferne sich von Gott, der sich jeden Tag offenbare und nicht auf alte Texte reduziert werden könne. "Die Fakten sind Gottes eigene Sprache.", so Dowd. Wer sie zurück weise und stattdessen auf einem Gott bestehe, der z.B. auch Völkermord befehle, trenne die Menschen vom Schöpfer.

Entsprechend hofft er über die Erneuerung des Christentums hinaus auf eine "evolutionäre Spiritualität" und evolutionäre Lesarten des Islam, Judentums, Hinduismus, Buddhismus usw. Und er zog (natürlich) bereits mächtiges Zähneknirschen z.B. der Intelligent Design-Bewegung auf sich, berichtet aber von erfreulichem Zuspruch unter den vielen Millionen US-Amerikanern, die Religion und Evolution nicht für einen Widerspruch halten und die Kulturkriege endlich beenden wollen (CNN-Beitrag & Interview dazu).

Fazit

Als Religionswissenschaftler steht es mir natürlich nicht zu, theologische Qualitätsurteile zu treffen. Auch werden manchem deutschen Leser die spezifisch amerikanische Verbindung von Sachkapiteln und persönlichen Bekenntnissen, moralischen (v.a. auch ökologischen) Appellen und Spriritualitätsübungen, originellen Bildern und Zukunftshoffnungen sehr ungewohnt erscheinen. Kapitel für Kapitel werden protestantische und wissenschaftliche Sprachbilder zu einem Entwurf des evolutionären Theismus ineinander gewoben.

Andererseits eröffnet natürlich genau das Ungewohnte seinen Reiz. Hier wird einmal nicht der so häufige, defensive Stil zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern zelebriert (1. abstreiten, 2. für bedeutungslos erklären, 3. behaupten, es schon immer gewusst zu haben), sondern eine geradezu euphorische "Hochzeit zwischen Religion und Wissenschaft" gefeiert. Am ehesten besteht eine inhaltliche Tradition zu Teilhard de Chardin, der gewissermaßen mit Befunden moderner Wissenschaften verbunden und in den zeitgenössischen, evangelischen Hauskreis und die Unterweisung der Familien übersetzt wird. Wer also, ob religiös oder nicht, der üblichen Grabenkämpfe müde geworden ist und sich einmal ganz ungewohnt an- und aufregen lassen will, wird an "Thank God for Evolution" sicher jede Menge Freude haben. Spannend wird natürlich auch sein zu beobachten, ob und wie sich "evolutionäre" Lesarten des Christentums in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auch tatsächlich entfalten.





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