Der Gotteshelm von Michael Persinger
Immer noch geistert die Erzählung vom Gotteshelm (manchmal auch Religionshelm genannt), mit dem der kanadische Neurologe Michael Persinger "per Knopfdruck" religiöse Erfahrungen erzeugt habe, durch Teile der Öffentlichkeit und einige Medien. Was hat es mit dem Gerät auf sich?
Die Geschichte ist aber auch zu schön: Ein Wissenschaftler habe in den 80er Jahren ein Gerät entwickelt, das mittels Magnetspulen bestimmte Gehirnregionen des Menschen anreizt - und damit, tata, religiöse Erfahrungen hervor ruft. Man nehme noch die Aussagen von Persinger hinzu, wonach dieses Experiment "belege", dass Religiosität "nur" durch "Mikroanfälle von Schläfenlappenepilepsie" hervor gerufen werde - und fertig ist der Schenkelklopfer für die religionsskeptische und wissenschaftsgläubige (vermeintlich aufgeklärte) Masse.
Nun ist gegen Popularisierung von Wissenschaft in Medien (und Blogs) nicht das Geringste einzuwenden. So ist es sicher auch Persinger zu verdanken, dass die so genannte "Neurotheologie" schnell populär wurde. Wenn aber Ergebnisse als vermeintlich wissenschaftlich vermarktet werden, dann sollte im Laufe der Jahre aber auch ein Minimum an kritischer Diskussion berichtet werden. Um nur einige wenige Einwände zu nennen:
1. Persinger betrieb die ersten Studien mit Studenten, die wussten, worum es geht und von ihm benotet wurden. Kein ideales Experimentdesign.
2. Er sperrte sich lange gegen unabhängige Kontrollstudien. Wo sich unabhängige Beobachter doch unter den Helm setzen durften, fielen die Ergebnisse sehr kontrovers aus. Beispielsweise berichtete die Religionskritikerin Susan Blackmore von "Ärger, Wut und Angst", Schwäche und Desorientierung - und riet dringend von der Helmnutzung ab.
3. Als ein Team um Pehr Granqvist an der Universität Uppsala schließlich das Konzept des Gotteshelmes in einer Doppelblindstudie überprüfte (und diese Studie in den Neuroscience Letters veröffentlichte) - stellte sich heraus, dass auch Probanden, deren Helm gar nicht "aktiviert" worden war, religiöse Erfahrungen berichteten! Hier lag also ein klassischer Placeboeffekt vor: In einer isolierten Umgebung, mit der gespannten Erwartung, dass "etwas" passieren konnte, passierte oft auch "etwas" - vom Gehirn selbst induziert.
4. Auch die philosophischen Aussagen von Michael Persinger wurden leider nur oberflächlich rezipiert. So mancher erfreute sich daran, dass Persinger das "God Concept" als eine "dumme", ggf. sogar gefährliche Illusion zu entlarven meinte. Nur wenige aber lasen sein Buch "Neuropsychological Bases of God Belief". Denn Persinger schloss aus seinem neurobiologischen Reduktionismus messerscharf, das ebenso das "Self Concept" - also die Vorstellung von Individualität, Willensfreiheit etc. -erledigt sei! Daher sei also nicht nur Gott, sondern auch der "Ich-Begriff" illusionär und schädlich, also aufzugeben, um die Zukunft der "Menschheit als Spezies" zu sichern. Sein Vorschlag für sein "wissenschaftliches" Menschenbild: "Wir müssen uns selbst sehen, jeder von uns, als das, was wir sind: biochemische Systeme, die Verhaltensmuster aufweisen." Kein Wunder, dass so mancher "diesen" Teil nicht lesen oder gar drucken wollte - Gott wollte man gerne widerlegt sehen, aber doch bitte nicht die eigene Würde und Individualität...
Verdienste von Persinger
Wie es sich gehört haben sich Persinger & Anhänger gegen die Kritik von Granqvist et al. gewehrt. Und genau so funktioniert Wissenschaft: Mit Rede und Gegenrede, Befunden und deren Überprüfung, Theorien und deren Kritik. Insofern hat Persinger dazu beigetragen, dass sich das Feld der neuro- und evolutionsbiologischen Forschungen zur Religiosität des Menschen entwickelt hat und viele darauf aufmerksam wurden. Kommende Generationen dürften den "Gotteshelm" als Kuriosität der Wissenschaftsgeschichte bestaunen, der aber auch ein neues Interesse markierte. Nach heutigem Wissensstand haben wir kein einzelnes "Gott-Modul" im Gehirn, sondern entstehen religiöse Deutungen und Erfahrungen im komplexen Wechselspiel verschiedenster Gehirnregionen, orchestriert vom präfrontalen Cortex (Stirnhirn). Epileptische Anfälle "können" also religiös erlebt und gedeutet werden, müssen es aber nicht - und sind keinesfalls die Quelle aller religiösen Erfahrung.
Mir hat es auf jeden Fall Freude gemacht, neben vielen weiteren Arbeiten Persingers Gotteshelm in der Dissertation zum Thema "Neurotheologie" (erw. Neuauflage 2009) und gemeinsam mit dem Biologen Rüdiger Vaas in "Gott, Gene und Gehirn. Warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität" zu behandeln.
Gewidmet ist dieser Beitrag dem Brainlog Menschen-Bilder von Stephan Schleim, der immer wieder moderne Neurowissenschaft und gute Philosophie zusammen bringt.
Für Interessierte jetzt noch ein...
Veranstaltungshinweis - Evolutionäre Religionswissenschaft: 26.-28.11.2009, Universität Fribourg (Schweiz)
Das Religionsforum Fribourg will historische, theologische, sozial- und kulturwissenschaftliche Refl exionen über ausgewählte Themenkreise, die Religion und Kultur berühren, ins Gespräch bringen und vertiefen – nicht zuletzt als Beitrag zur Konflikt- und Friedensforschung. Indem sich das Religionsforum nicht nur an ein ausschliesslich akademisches Publikum richtet, trägt es zu einer gesellschaftlichen Sensibilisierung und zu einer in weiten Kreisen geführten öffentlichen Diskussion über Religion, Gesellschaft und Kultur bei.
Im Rahmen der Forumstagung freue ich mich auf Vortrag und Diskussion zu: "Gretchenfrage Religiosität. Empirische Befunde zu Reproduktionsvorteilen & Sexueller Selektion religiösen Verhaltens".
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