Religion ohne Gott - Zen-Buddhismus
Wenn jemand Religions-Definitionen hinterfragen will, wird gerne auf den Buddhismus verwiesen. Tatsächlich aber stärkt gerade das Beispiel des Buddhismus die Definition von Religiosität als "Verhalten zu übernatürlichen Akteuren". Denn wo immer sich buddhistische Traditionen über Generationen hinweg entfalteten, wurden vom zunehmend bildlich dargestellten Buddha selbst über Ahnen (vgl. japanische Ahnenverehrung), Geister, Götter und Bodhisatvas ein reiches Angebot an zu verehrenden Übernatürlichen definiert oder adoptiert. Diese sind also weniger logische Ableitungen aus einem Lehrsystem, sondern gewachsene Antwort auf die Fragen und Bedürfnisse vieler Glaubender. Und dennoch bewegt sich der Buddhismus - gerade auch in seinen Rezeptionen durch westliche Suchende - immer wieder besonders nah an Grenzbereichen religiöser und philosophischer Systeme und ist auch deswegen religionswissenschaftlich besonders interessant. Ich bin daher froh und dankbar, dass Mona - vielen hier als sorgfältig lesende, selbständig recherchierende und angenehm fair diskutierende Kommentatorin bekannt - sich bereit erklärt hat, uns einmal ihr persönlich gewonnenes Verständnis des Zen-Buddhismus zu schildern. Sie hat dem Blog und damit Ihnen allen zudem zwei wunderschöne Fotos gestiftet, die für konstruktive Zwecke frei verwendet werden dürfen. Für Diskussionsbeiträge und Fragen steht Mona auch gerne zur Verfügung. Ich wünsche Ihnen allen eine informative und anregende Lektüre & Diskussion! M.B.
"Mona":
Der Zen-Buddhismus ist ein philosophischer Glaube ohne Gott. Trotzdem sind seine Anhänger keine Atheisten im klassischen Sinn. Die Weltanschauung ähnelt zwar dem Pantheismus, verzichtet allerdings auf dessen religiöse Attribute. Dementsprechend lautet eine der Kernaussagen: „ Eins ist alles und alles ist eins!“ Zen ist keine Religion im herkömmlichen Sinne, denn es gibt weder eine festgeschriebene Lehrmeinung noch ein Dogma. Seinem Wesen nach ist Zen deshalb auch mit der modernen Wissenschaft kompatibel. Es kann als eine Art „missing link“ zwischen Religion und Atheismus angesehen werden, denn es bildet keinen Graben sondern schafft eine Verbindung.
Entwickelt hat sich Zen (chin.: Chan) aus dem Mahayana-Buddhismus, dem Taoismus und dem Konfuzianismus. Der Überlieferung nach kam Zen, im 6. Jahrhundert, mit dem indischen Mönch Bodhidharma nach China. Dogen Zenji (1200 - 1253) brachte dann die Praxis des Zazen (Za = sitzen); (Zen = Versenkung) von China nach Japan. Er ist einer der wichtigsten Meister des japanischen Zen und vertritt eine Praxis, die sich Schritt für Schritt entwickelt. Eine der Grundlagen dieser Praxis ist Zazen, eine Meditationsform im Sitzen, welche auf Buddha zurückgeht. Man sitzt mit gekreuzten Beinen und in aufrechter Haltung auf einem Kissen; sobald der Atem gleichmäßig wird, lässt man auch den Geist ruhen (Shikantaza). Auftauchende Bilder und Gedanken versucht man nicht festzuhalten, sondern lässt sie vorüberziehen wie die Wolken am Himmel. Auf diese Weise kann sich der Geist entleeren und kehrt so in seine ursprüngliche, ungetrübte Verfassung zurück. Zen sagt, man soll sich von allen Anhaftungen und Konditionierungen, d.h. von dualistischen und vorgeprägten Vorstellungen, freimachen, weil man nur so die Dinge in ihrer ursprünglichen Klarheit sehen kann. „Wolken und Nebel sind Luftgebilde, doch über ihnen liegt ewiger Sonnen- und Mondenschein.“ - Bruce Lee Tao.
Es geht bei dieser Art der Meditation also nicht darum, den menschlichen Geist in eine stumpfsinnige Leere zu versetzen, sondern seine angeborene, spontane Intelligenz wieder zum Vorschein zu bringen, um sich ihrer zu bedienen. Ziel ist es die Dinge intuitiv zu erfassen, indem man das gewöhnliche Denken übersteigt (Hishiryō). So wie ein Künstler erst die Technik lernen muss, um ein Kunstwerk zu schaffen. Wem dies gelingt, der ist „erwacht“, im Westen sagt man dazu auch „erleuchtet“. Der Zen-Abt Muho erklärt es so: "…und ich hatte realisiert, dass im Leben selbst eigentlich kein Sinn steckt, außer der, den ich ihm zumesse." Unterschieden wird dabei zwischen einer kurzen Erfahrung der Erkenntnis (Kensho) und dem eigentlichen spirituellen Ziel des Buddhismus, als intuitives Erlebnis (Satori), welches zu der Einsicht führt, dass alle Lebewesen Buddha-Natur besitzen.
Zen als Weg in den Künsten und als Lebensweg
Im Rinzai-Zen wird auch die intensive Beschäftigung mit Musik oder Kunst als eine Form der Meditation betrachtet. Im Zen gibt es den Begriff „Weg“ (Do, chin.: Tao), er findet sich vor allem in den Künsten wieder. Unter dem Begriff „Künste“ versteht man hier alles, was von Wert ist. Man denke z.B. an die jap. Teezeremonie (Chado), die Kalligraphie (Shodo) das Blumenstecken (Ikebana bzw. Kado) oder an die Kunst des Bogenschießens (Kyudo). Geht man den Weg einer oder mehrerer dieser Künste, so müssen die handwerklichen und die geistigen Fähigkeiten gleichermaßen entwickelt werden. Nur so kann der Mensch zum wahren Wesen dieser Kunst finden und zugleich die eigene Reife entwickeln. Aus dieser Sicht ist Zen auch ein Lebensweg.
Im Gegensatz zu den Theistischen Religionen sucht der Zen-Praktizierende nichts außerhalb, da ja alles in ihm selber schon vorhanden ist, es muss nur mehr erweckt werden. Dies wird erreicht, indem man sich von jeglichem dualistischen Denken befreit. Meister Sosan (gest. 606) sagte: „Der Kampf in unserem Bewusstsein führt zur Krankheit des Geistes.“ Viele Atheisten griffen diesen Spruch auf, um ihn dahingehend zu interpretieren, dass Religion eine Krankheit des Geistes sei. Gemeint ist damit aber die sog. Verblendung (im Sinne des Fundamentalismus), die keine Interpretationsmöglichkeit mehr zulässt, weil sie die Dinge ständig in Gut oder Böse einordnet und deshalb in pure Rechthaberei ausartet.
Vom Standpunkt des taoistischen Denkens aus betrachtet ist der Mensch von Natur aus gut. Das westliche Misstrauen gegenüber der menschlichen Natur wird als eine Form von Schizophrenie angesehen. Die Vorstellung der Mensch sei von Natur aus schlecht, ist absurd, weil es den Glauben selbst ad absurdum führt, denn alle Begriffe eines verdrehten Verstandes müssen demzufolge verdrehte Begriffe sein.
Zen-Buddhismus und christliche Mystik Im Angesicht des Todes begreift der Mensch, dass das Leben nicht unendlich währt und sich damit die verstehbare und beherrschbare Wirklichkeit als Illusion erweist. Spiritualität und Mystik findet sich deshalb in fast allen Religionen. Im Zen- Buddhismus gibt es keine Jenseitsvorstellung, keinen Himmel und keine „ewige Seele“, selbst der Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt, wie man ihn im Buddhismus findet, wird hier eher sinnbildlich verstanden, dahingehend, dass der Prozess des Entstehens und Vergehens ja in jedem Augenblick passiert. Im Zen gibt es nichts zu erreichen, alles muss losgelassen werden, deshalb gibt es auch keine „Erlösungsbedürftigkeit“ durch einen Gott, denn der Mensch ist fähig sich aus eigener Kraft zu befreien. Die „Erlösung“ findet im hier und jetzt statt. Sobald das Ich-Bewusstsein überwunden ist, stirbt auch die Furcht vor dem Tod. Was aber bleibt vom Geist, wenn wir sterben? Zen-Meister Taisen Deshimaru-Roshi (1880-1965) beantwortete diese Frage so: „Der Geist benötigt eine Form, also einen Körper, um sich zu verwirklichen. Wenn daher der Körper tot ist, stirbt auch das, was wir unter dem Namen „Geist“ kennen und kehrt zur kosmischen Ordnung zurück. Unser Ki (chin.: Qi = Lebensenergie) geht mit dem Tod in den Kosmos zurück. (…) Die kosmische Energie verändert sich nicht: Sie ist.“
Viele Menschen im Westen, welche sich mit Zen befassen, finden Parallelen zur christlichen Mystik. Genannt sei hier Meister Eckhard (gest. 1328), welcher immer wieder mit Zen-Meister Huang-Po (770-850) verglichen wird, der Folgendes sagte: „ Nur indem ihr verhindert, dass begriffliches Denken entsteht, werdet ihr Bodhi (Erwachen/Erleuchtung) erfahren. Dann werdet ihr auch Buddha erfahren, der immer in eurem Geist existierte.“
Zum Vergleich dazu Meister Eckhard: „Alles was man von Gott zu denken vermag, das ist alles Gott nicht. Was Gott in sich selber sei, dazu kann niemand kommen, er werde denn in ein Licht gerückt, das Gott selber ist.“
Wie den Meistern des Zen oder dem islamischen Arzt und Philosophen Ibn Rushd ging es auch Meister Eckhard um die Aussöhnung von „Physik und Metaphysik“. Deshalb deutete er die Bibel nicht buchstabengetreu, sondern allegorisch. "Die Schrift des Alten Testaments ist entweder Naturphilosophie oder Weisheit, die das Leben leitet." Der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein (1879-1955) meinte: „Die Religion der Zukunft wird eine kosmische sein. Sie sollte einen persönlichen Gott transzendieren und Dogma und Theologie vermeiden. Indem sie sowohl das Natürliche als auch Spirituelle umfasst, sollte sie auf einem religiösen Sinn beruhen, der aus der Erfahrung aller natürlichen und spirituellen Dinge als tiefer Einheit erwächst. Der Buddhismus entspricht diesen Maßstäben. Wenn es irgendeine Religion gibt, die den Ansprüchen moderner Wissenschaft gewachsen ist, heißt sie Buddhismus."
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