Up in the Air - Die Krise unserer Ichling-Kultur
Eine harmlose Komödie mit George Clooney, schöne Bilder, schlichte Lacher, wenig zum Nachdenken. So war der Kinoabend geplant - und mehr werden viele auch gar nicht wahrgenommen haben. Aber ich war baff - baff über einen Film, der unter der lustigen Oberfläche eindringliche Beobachtungen anbietet.
Da ist Ryan, der Hauptheld. Ein typischer, feiner Ichling unserer Zeit - smart, modern, gutaussehend, reich, immer unterwegs. Sein Job: Im Auftrag feiger Chefs Mitarbeiter zu entlassen. Sie sind, so scheint es, die Verlierer: Menschen, die eine Bindung zu ihrer Arbeit, ihrer Firma aufbauten. Die zitternd danach fragen, wie sie die Arbeitslosigkeit ihren Ehepartnern erklären sollen. Die nach den Hypothekenraten fragen. Und vor allem nach ihren Kindern, deren Schicksal, deren Krankenversicherung. Ryan versteht: Bindungen sind Ballast. Der moderne Mensch lässt Ballast zurück.
Am Anfang gilt unsere Empörung dem System, das solche Gewinnertypen wie Ryan hervorbringt. Doch zunehmend merken wir, dass er gar kein Gewinner ist. Da ist seine Schülerin Nathalie, eine Psychologin, die am Anfang seinen Zynismus noch zu übertreffen scheint - und dann doch erkennt, dass der Ichling-Mann ein armer Irrender (im Wortsinn) ist. Die aber auch dem modernen Feminismus eine deutliche Absage erteilt: Danke für die Freiheiten, die Ihr erkämpft habt - aber Beziehungen mit verläßlichen Partnern hättet Ihr uns lassen können. (Dieser Teil dürfte Ferdinand Knauss gefallen!) Und während wir noch denken, Ryan benutze die weibliche Reisebekanntschaft Alex - tut sie es schon. Ichling frißt Ichling, keine Errettung durch die weniger brutale Weiblichkeit mehr, kein Happy End.
Lustig - und heftig
Kirche und Religion kommen "nur" an einer einzigen Stelle vor: Als es um die Hochzeit von Ryans Schwester geht. Und ausgerechnet der coole Schwätzer plötzlich einen zögernden Bräutigam von Ehe und Familie überzeugen soll. Das ist einerseits lustig. Und andererseits eine der brutalsten "Beichten", die ich je im Kino gesehen habe. Hier demontiert ein moderner Mann seine Lebenslügen. Die Zuschauer lachen - einige nachdenklich...
Fazit
Unser modernes Gesellschaftssystem mit all seinen Versprechen und Verführungen, seinen Schmeicheleien und seiner Schönheit füttert unser Ego - und lässt immer mehr von uns einsam zurück. Noch während sich viele von uns für die Spitze menschlichen Fortschrittes halten zerbröseln Gemeinschaften, Familien, ganze Populationen. Wir glauben, fast gottgleich von ganz weit oben (von "Up in the air") auf die Welt hinab zu sehen. Und bemerken nicht, wie viele um uns dabei ins Nimmerwiedersehen verwehen.
Dieser Film beobachtet: Wer sich bindet, kann verlieren. Wer aber nur noch um das eigene Ego kreist, hat schon verloren. Männer und Frauen haben sich verloren und wir schauen den Scheinhelden der Ichling-Kultur beim bindungs-, familien- und kinderlosen Scheitern zu. Komisch und tragisch. Romantisch und brutal. So überraschend kann Kino sein.
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