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Sind Juristen Wissenschaftler? Existieren Rechte?

09. April 2012, 18:34

Was haben "Gott", "Menschenrechte", "Vernunft" und "Gerechtigkeit" gemeinsam? Eine Menge. So ist ihre Existenz jeweils nicht empirisch nachweisbar - durch Beobachtungen oder Experimente lassen sich bestenfalls die entsprechenden, menschlichen Veranlagungen (Religiosität, Rechtsempfinden etc.) sowie ihre historischen Entwicklungen aufzeigen. Dennoch glauben sehr viele Menschen an einige oder alle dieser überempirischen Entitäten - und zwar so stark, dass sie bisweilen für ihre Lesarten kämpfen und sogar ihr Leben für sie einsetzen. Und gerade auch in den (mal stärker emotionalen (Scilogger Anatol), mal stärker sachlichen (Scienceblogger Jürgen Schönstein)) Debatten etwa um "Urheberrechte" und "geistiges Eigentum" wird deutlich, dass niemand wirklich religiös sein muss, um von diesen Fragen zutiefst betroffen zu sein. Aber sind Rechtswissenschaften denn "echte" Wissenschaften, sind Juristen Wissenschaftler?

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Geschrieben in Philosophische Fragen , Rechte und Gesetz | 60 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Was bedeutet Evolution für Sie?

20. Februar 2012, 22:06

Wo Wissenschaft interdisziplinär und auch kontrovers diskutiert wird, zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich selbst die gleichen Begriffe verwendet werden. Dies gilt im besonderen und weitreichenden Maße schon für den Grundbegriff der "Evolution". Abgeleitet von lateinisch evolvere = ausrollen (einer Buchrolle) wurde es in Charles Darwins "Entstehung der Arten" (1859) nur kurz erwähnt, jedoch bald in all seinen Varianten zum dominierenden Begriff ganzer Forschungsrichtungen.

Mir begegnen Evolutionsbegriffe dabei immer wieder in ganz verschiedenen Reichweiten und weltanschaulichen Deutungen.

Der universale Evolutionsbegriff umschreibt die Annahme einer einzigen, alles Beobachtbare umfassenden Entwicklungsgeschichte. Vom (erst in den 1960er Jahren allgemeiner anerkannten) Urknall aus hätte sich Materie zunächst in physikalischen, dann in chemischen, schließlich biologischen, kulturellen, psychologischen (etc.) Emergenzebenen entfaltet, die wiederum miteinander wechselwirken. Diese eine Evolutionsgeschichte könne im Grundsatz empirisch-historisch und interdisziplinär als eine stetige Annäherung an das reale Geschehen erforscht und beschrieben werden.

Die folgende Buchwerbung für das Buch "Thank God for Evolution" des evangelischen Pastors und evolutionären Theisten Michael Dowd stützt sich auf diese kosmisch-universale Evolutionserzählung.

Eine mittlere Reichweite weisen prozesshafte Evolutionsbegriffe auf, die von Evolution dann sprechen, wenn Sequenzen aus Vielfalt (Variation) und unterschiedlich erfolgreicher Tradition (Reproduktion) erfolgen. Neben der organischen Evolution können damit auch kulturelle Evolutionsprozesse sowie ihre Wechselwirkungen erforscht werden.

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Sogar ein wenig älter als die biologische Evolutionsforschung ist beispielsweise die Evolutionsforschung zu Sprachen und Wörtern. In ihr wurden und werden Sprach-Stammbäume erstellt und nach Entwicklungsregeln von Wörtern, Lauten, Redewendungen etc. geforscht. Hier ein kurzer Nature-Bericht aus 2009 zur Evolutionsforschung an Sprachen.

Auch die in diesem Blog im Mittelpunkt stehende Evolutionsforschung zu Religiosität (biologisch) und Religionen (kulturell) zum Homo religiosus steht in diesem Kontext.

Der engste, biologisch reduzierte Evolutionsbegriff versteht unter Evolution (nur) die Veränderung genetisch vererbbarer Merkmale. Dabei geht es also ausdrücklich weder um die Entstehung des ersten Lebens - die Abiogenesis bzw. chemische Evolution - noch um die Emergenz neuer Lebensbereiche wie die kulturelle Evolution. Selbstverständlich leugnen auch Vertreter dieses engen Evolutionsbegriffes meist nicht, dass der biologischen Evolution eine (Selbst-)Organisation von Materie vorausging und die spätere Entwicklung kultureller Fähigkeiten wie Werkzeuggebrauch, Kochen oder Sprache(n) wiederum erhebliche Rückwirkungen auf die biologische Evolution hatte.

Hier ein Einführungsvideo der Videoreihe "Evolution der Lebewesen" von Prof. Ulrich Kutschera:

Neben dieser unterschiedlichen Reichweite von Evolutionsbegriffen werden diese auch weltanschaulich eingefärbt. So lesen evolutionäre Theisten - wie Theodosius Dobzhansky, Teilhard de Chardin oder der oben erwähnte Michael Dowd - das gesamte Evolutionsgeschehen als Selbstoffenbarung Gottes. Andere - sowohl evolutionäre Atheisten wie kreationistische Religiöse - gehen dagegen davon aus, dass sich die Zustimmung zur Evolutionstheorie und der Glauben an eine wirkende Gottheit grundsätzlich ausschlössen. Evolutionäre Pessimisten glauben, dass der Evolutionsprozess letztlich sinn- und ziellos sei und sich am Ende mit dem Erlöschen des Universums unabwendbar wieder erledigen werde. Evolutionäre Optimisten meinen dagegen einen - wenn auch immer wieder gefährdeten und unterbrochenen - Fortschritt im Evolutionsprozess zu erkennen. Evolutionäre Agnostiker betonen schließlich, dass Evolutionsforschung immer nur empirisch und historisch sei - letztentscheidende Aussagen über die Zukunft, Gottes Existenz o.ä. seien daher überhaupt nicht möglich.

Das Angebot ist also groß - und mir dürfte es kaum gelungen sein, alle wesentlichen Varianten des einen Begriffes erfasst zu haben. Daher die offene Frage in die Runde: Was bedeutet Evolution für Sie?



Geschrieben in Philosophische Fragen , Grundlagen , Begriffe - Symbole | 70 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Ein erweiterter Fitnessbegriff für die Evolutionsforschung des Menschen? Eine Frage an Darwins Geburtstag

12. Februar 2012, 08:35

Heute würde Charles Darwin seinen 203. Geburtstag feiern. Und während fundamentalistische Kreationisten dies als Unglück oder Glaubensprüfung betrachten mögen, begehen besonders in den USA auch immer mehr christliche, jüdische und islamische Glaubensgemeinschaften Evolution Weekend mit speziellen Gottesdiensten und Angeboten rund um die Fragen von Wissenschaft und Glauben. Persönlich habe ich mich aber entschieden, am Darwin-Tag eine Frage aufzuwerfen, die der Bürgerwissenschaftler sich schon selbst stellte, auf die es aber noch immer keine befriedigende Antwort gibt. Genau genommen ist noch nicht einmal klar, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist...

Aber geht das denn überhaupt - in einem Wissenschaftsblog zuzugeben, dass da eine Frage klafft, an der man nicht weiterkommt? Sollten Wissenschaftler nicht immer so tun, als hätten sie alles im Griff, auf alles eine Antwort - oder wenigstens eine heiße Spur? Als könnten sie über Wasser laufen?

Fast hätte es diesen Blogpost gar nicht gegeben, hätte nicht eine Kollegin mir neulich schmunzelnd die aktuelle Ausgabe der Deutschen Universitätstzeitung (duz) vorbeigebracht, dessen vieldeutiger Cartoon des Monats von Sepp Buchegger mich schmunzeln ließ. Danke an die Duz-Redaktion für die Erlaubnis, diesen maliziösen Religionswissenschaftler-Sketch hier im Blog zu veröffentlichen! :-)

Nachdem Sie jetzt also ohnehin wissen, dass bei uns selbst Wunder nicht gut genug sind - kommen wir zur Frage.

Religiosität erhöht im Durchschnitt den Fortpflanzungserfolg. Aber reicht das?

Wie treue Leserinnen und Leser dieses Blogs, der entsprechenden Artikel oder Bücher wissen, forsche ich seit einigen Jahren an der Evolution von Religiosität und Religionen. Dabei hat sich eine zentrale Annahme bereits von Charles Darwin bestätigt: Der gemeinsame und einander durch nicht nur rationales Verhalten signalisierte Glaube an überempirische Akteure (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) ermöglicht es Glaubenden, untereinander durchschnittlich erfolgreicher zu kooperieren. Über Generationen hinweg setzen sich dann immer wieder jene religiösen Varianten durch, die diese Kooperation auch in höhere Kinderzahlen umsetzen - wie die kinderreichen Old Order Amish im Vergleich zu den kinderlosen Shakern. Religiöse Praxis geht daher in allen gewachsenen Weltreligionen evolutionär schlüssig mit durchschnittlich höherem Fortpflanzungserfolg einher.

Fachlich kann ich mich über die auch internationale Resonanz zu diesen Befunden wirklich nicht beklagen. Und als der komplexe Zusammenhang von Religion und Demografie nicht nur aus den USA, sondern zuletzt auch aus Israel in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt ist, berichtete auch der humanistische pressedienst (hpd).

Nun ist der vergleichende Reproduktionserfolg aber nicht nur für gesellschaftliche Prozesse relevant, sondern in der Evolutionsbiologie der gültige Maßstab für evolutionäre ("darwinsche") Fitness.

Nur frage ich mich (und weiß, dass sich auch viele Leserinnen und Leser längst diese Frage stellen): Reicht das als evolutionäre Perspektive aus? Immerhin ist der Mensch ja nicht nur ein biologisches, sondern darüber hinaus auch ein zu Kultur, Bewußtsein und Nachdenken fähiges Wesen. Charles Darwin selbst brachte die Sache in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 (deutsch 1875) auf den Punkt, als er schrieb:

Grosse Gesetzgeber, die Gründer segensreicher Religionen, grosse Philosophen und wissenschaftliche Entdecker unterstützen den Fortschritt der Menschheit in einem viel höheren Grade durch ihre Werke, als durch das Hinterlassen einer zahlreichen Nachkommenschaft.

Jesus und Buddha fallen hierzu beispielsweise ein - wobei letzterer zwar der Überlieferung nach einen Sohn hatte, diesen jedoch später ebenfalls zum zölibatären Mönch ordinierte. Oder denken wir an einen Wissenschaftler, der vielleicht selbst auf Kinder verzichtet, aber ein Medikament entwickelt, das Abertausende Leben rettet. Oder eine kinderlose Politikerin, die eine Politik "für unsere Kinder" gestaltet. Wäre in diesen und unzähligen weiteren Fällen mit biologische Fitness = 0 das Eigentliche gesagt? Und umgekehrt: Hätte sich eine Menschheit, die sich stets nur maximal vermehrt, nicht gerade dadurch längst unweigerlich in ihr Verderben gestürzt? Wurden wir nicht auch durch eine balancierte Demografie zum denkenden Menschen?

Bisherige Lösungsvorschläge

In Darwins "Abstammung" und in Arbeiten späterer Evolutionsforscherinnen und -forscher fand ich im wesentlichen drei Lösungsvorschläge für diese Frage:

1. Verwandten- und Gruppenselektion, "inklusive Fitness", globale Kooperation

Darwin betont, dass auch Menschen, die auf Überleben und Reproduktion zugunsten Anderer verzichten, dennoch (und gerade dadurch!) zum "Erfolg des Stammes" beitragen können - sie es als leuchtendes Beispiel für Kooperation ("Nächstenliebe") oder durch Leben ermöglichende Kulturprodukte. Menschengruppen, in denen sich viele solcher "selbstloser" Menschen fänden, könnten so sehr viel besser bestehen. Martin Nowak nennt Menschen entsprechend bereits "Superkooperatoren". Letztlich ginge es also immer weniger um den Wettbewerb, sondern zunehmend um den gemeinsamen Erfolg des (menschlichen) Lebens.

2. Steigerung des Glücks

Oder ist der Mensch vielleicht der natürlichen und sexuellen Selektion bereits so weit entwachsen, dass er sich eigene Ziele setzen kann - wie beispielsweise die Förderung des menschlichen Glücks bzw. Wohlbefindens? Dann wäre "oberhalb" der Biologie eben nicht mehr nur die "Quantität", sondern auch die "Qualität" menschlichen Lebens zu berücksichtigen. Aber wäre das noch empirische Wissenschaft oder Wunschdenken? Und ein Glücklichmacher im Trinkwasser wirklich ein Fitnessindikator?

3. Gene versus Meme

Von Richard Dawkins stammt die Mem-Metapher. Er empfiehlt seinen Anhängerinnen und Anhängern lieber viele "Meme" als "Gene" in die Welt zu setzen. Aber abgesehen davon, dass nie eine anwendbare Arbeitsdefinition von "Memen" gelang erkenne ich auch kein überzeugendes Gewichtungskriterium. So setzt die Mem-Metapher ja voraus, dass sich die Kinder Anderer bereit finden, die Meme Kinderloser durch die Zeiten zu tragen. Und Terroristen oder Serienmörder wie Jack the Ripper mögen sehr viel mehr "Meme" hervorgerufen haben als eine engagierte Nonne, die ihr Leben der Pflege anderer widmete. Aber könnte das ein Maßstab sein?

Freilich ist es 4. durchaus denkbar, dass schon die Frage falsch gestellt ist. Immerhin ist Evolutionsforschung immer empirische Forschung - also rekonstruierend-beschreibend auf bereits geschehene (historische) Befunde gestützt. Wenn auch Darwin aber über "den Fortschritt der Menschheit" sinniert, so greift er damit doch nicht nur in die Zukunft, sondern nimmt auch eine implizite Bewertung vor. Vielleicht müsste sich Evolutionsforschung einfach damit "begnügen", die Entwicklungsgeschichte des Menschen immer umfassender als biokulturellen Prozess zu rekonstruieren und diese Befunde dann den öffentlichen Debatten, Philosophien und Theologien zur Begutachtung und Bewertung zu überlassen?

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Ehrlich gesagt: Ich weiss es einfach (noch) nicht. Bislang habe ich zu "Antwort" 4 tendiert - sicher auch, weil mir dies erlaubte, von einem gesicherten Fundament aus zu forschen. Nun aber frage ich mich, ob es dabei auf Dauer bleiben sollte. Und bin hier einfach einmal so frei, zuzugeben, dass ich da noch rätsele. Darf Sie um Ihre Einschätzungen und Meinungen bitten? Reicht der klassische, biologische Fitnessbegriff des Reproduktionserfolgs für die Evolutionsforschung zum Menschen aus?



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Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin von Winfried Menninghaus

13. Januar 2012, 07:13

Immer wieder hatte ich mich darüber gewundert, warum selbst in den Wissenschaften kaum bekannt war, dass schon Charles Darwin selbst hervorragende Begriffe und Hypothesen zur Evolution von Religiosität und Religionen geprägt hatte. Lange Zeit hatte ich zu der Annahme tendiert, dies müsse vor allem an den polemischen Frontstellungen zwischen religionskritischen "Darwinisten" einerseits und religiösen Kreationisten andererseits gelegen haben, zwischen denen sich sorgfältige Lesarten nicht durchsetzen konnten. Dank des neuen Buches "Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin" des Literaturwissenschaftlers Winfried Menninghaus weiß ich es nun besser.

Menninghaus hatte vor einigen Jahren die Beantragung und dann von 2007 bis 2010 die Leitung des interdisziplinären Forschungsclusters "Languages of Emotion" an der FU Berlin übernommen. Das Buch darf schon jetzt als ein wichtiger Ertrag dieses Natur- und Kulturwissenschaften verbindenden Projektes gelten. Menninghaus stellt dabei Begriffe und Hypothesen vor, die Darwin (insbesondere während seines Theologiestudiums in Cambridge als intensiver Genießer von Musikdarbietungen und Kunstausstellungen bekannt) selbst zur Evolution der Künste wie Ästhetik, Singen, Tanzen, Rhetorik, aber auch der Schaffung von Gemälden und Skulpturen formuliert hatte. Selbstverständlich handelte es sich dabei je nur um vorsichtige Entwürfe - doch erweisen sie sich als weit besser als das meiste, was heute in Schrumpfversionen (wie den "Singing-for-Sex"-Entwürfen) als "darwinistisch" verkauft wird!

Menninghaus weist damit nach: Nicht also nur die evolutionäre Religionsforschung Darwins, sondern überhaupt seine Ansätze zu den "höheren" geistigen und kulturellen Fähigkeiten des Menschen fielen den breiten Gräben zwischen Natur- und Kulturwissenschaftlern zum Opfer!

Das Werk erweist sich damit als ein wichtiger und wegweisender Brückenschlag, der aber auch noch aufzeigt, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. So rezipiert Menninghaus dominant bis (zum Beispiel beim Thema Religion) fast ausschließlich englischsprachige Studien. Die inhaltlich oft hochwertigen, aber allzu verstreuten Publikationen aus den Federn interdisziplinärer, deutschsprachiger Evolutionsforscher finden dagegen noch kaum zusammen. Eckart Voland wird immerhin mit englischsprachigen Publikationen zitiert, Wolfgang Steinig und Josef Reichholf finden Erwähnung, Gerhard Vollmer fehlt aber beispielsweise (noch) völlig. Mir scheint das kein böser Wille sondern nur ein weiterer Hinweis auf die noch immer fehlende Vernetzung und mangelnde, öffentliche Präsenz der deutschsprachigen, interdisziplinären Evolutionsforscher zu sein.

Auch ist in der gegenseitigen Verständlichmachung zwischen den Disziplinen noch einiges zu leisten. Ich fürchte, man muss schon etwas länger in der interdisziplinären Evolutionsforschung geackert haben, um Sätze wie den folgenden auf Anhieb zu erfassen:

Auch unabhängig von der ausstehenden Klärung solcher Fragen verstärkt das hier vertretene Modell der menschlichen Künste in jedem Fall die Bedeutung derjenigen Fähigkeiten und Dispositionen, die von den Künsten kooptiert, (re)konfiguriert und neu benutzt werden, also nicht eigens und modular für diese Zwecke evolviert sind. Das Modell erweitert Darwins Kriterium lernbarer Varianz zu der Hypothese, dass nicht - oder nicht nur - je einzelne spezialisierte Fähigkeiten zu kunstvollen Höhen getrieben werden, sondern dass die Produktion und Rezeption der Künste Höchstleistungen in der (vermutlich kulturell erworbenen) domänenübergreifenden Zusammenarbeit ehemals separater Adaptionen darstellen. Diese Theorie gibt Kants transzendentalphilosophischer Hypothese eines zugleich "freien" und stimmigen "Spiels unserer Vermögen" im "ästhetischen Gefallen" eine neue evolutionstheoretische Formulierung. (S. 259)

Inhaltlich halte ich das für wegweisend - ich fürchte nur, dass es für Neulinge in dem Forschungsfeld allzu schwer verständlich sein könnte. Und doch kann ich nur hoffen, dass sich möglichst viele Leserinnen und Leser auf Menninghaus' konstruktiven und ertragreichen Brückenschlag einlassen und die Forschungen zu menschlicher Kultur endlich auch im deutschen Sprach- und Forschungsraum eine tragfähigere, empirisch-evolutionäre Grundlage erhalten.



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Existiert Gott? Ein Gastbeitrag von Eric Djebe

04. November 2011, 07:00

Als Religionswissenschaftler habe ich mich der empirischen und evolutionären Forschung zu Religiosität und Religionen verschrieben - wissend, dass aus dieser Perspektive die Fragen nach der "Existenz" Gottes, der Menschenrechte oder eines Sinns im Leben nicht abschließend beantwortet werden können. Dafür sind m.E. Philosophien und Theologen wie der lebenskluge und wissenschaftlich solide Hermann Aichele zuständig. Allerdings verstehe ich auch, dass viele Kommentatorinnen und Kommentatoren auch auf "Natur des Glaubens" über ontologische Fragen lesen und diskutieren wollen und habe daher den "promovierten Logiker, Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Eric Djebe" (Blog im Aufbau hier) um einen Gastbeitrag zur "Existenzfrage" gebeten. Hier ist er:

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Welchen Wert hat ein Kind?

04. Februar 2011, 19:58

Wer diese Frage stellt, befindet sich sofort mitten in den einigen der heißesten Zonen interdisziplinären Forschens und Debattierens. So wird ein Ökonom und auch manche Demografin ggf. antworten, das hänge vom erwartbaren Verhältnis von Ertrag (z.B. als Arbeitskraft, Altersversorgung) und Kosten (z.B. für Nahrung, Bildung) ab. Ein Philosoph kann ggf. darauf bestehen, dass hier zwischen "Wert" und "Preis" zu differenzieren sei und eine christliche Theologin darauf verweisen, dass in jedem Menschenkind Gottes Bild aufleuchte.

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Das kreative Universum - Ein deutscher Film über die Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Spiritualität

23. Dezember 2010, 00:12

Ein großes Problem vieler wichtiger Debatten ist, dass es nachdenkliche und vermittelnde Positionen oft schwerer haben, gehört zu werden, als die lautstarken und gerne polemischen Parolen von Radikalen aller Seiten. Und so "bestätigen" sich religiöse Kreationisten und antitheistische Materialisten seit Jahrzehnten gegenseitig selbst in der Überzeugung, dass Evolution und Gottesglauben angeblich völlig unvereinbar seien. Die Vertreter des Materialismus bringen dabei mehr wissenschaftliche Argumente hervor, aber die religiösen Kreationisten mehr Kinder - und so befanden sich beide Positionen quer durch das 20. Jahrhundert in einem lautstarken und ziemlich unproduktiven Patt. Kommt am Beginn des 21. Jahrhunderts endlich Bewegung in die Sache?

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Das Prinzip Evolution - von Mariano Delgado, Oliver Krüger und Guido Vergauwen (Hrsg.)

20. November 2010, 19:57

Als Charles Darwin 1859 mit "On the Origin of Species - Zur Abstammung der Arten" die Entdeckung der wissenschaftlichen Evolutionstheorie der Menschheit präsentierte, beendete er das Werk mit dem Satz: "Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass ... aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt." - wobei er "den Schöpfer" erst in einer späteren Ausgabe einfügte. (Danke an @Balanus für den Hinweis! :-) )

Darwin war 1859 genau 50 Jahre alt, so dass sich 2009 sein 200ter Geburtstag und der 150te Jahrestag seines bahnbrechenden Werkes trafen. Gegen Ende dieses Darwinjahres brachte das 5. Religionsforum der Universität Freiburg  (Fribourg / Schweiz) europäische Geistes-, Kultur- und Religionswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zusammen, um sich über das "Prinzip Evolution" auszutauschen.

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Denkanstöße - Der Philomat und das Spielerische an Philosophie

19. August 2010, 16:22

Im letzten Blogpost hatte ich dafür plädiert, dass Wissenschaft sich nicht nur über trockene Fachtexte, sondern auch über Literatur und Gedichte, Film und Musik, Kunst und Kultur an die Menschen wenden sollte. Das Philosophen-Trio Wolfgang Buschlinger, Bettina Conradi und Hannes Rusch fanden, dass man auch Philosophie spielerisch erfassen sollte - und veröffentlichten den Philomat.

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Braucht Wissenschaft Zuspitzung und Provokation? Ein Dawkins-Kritik-Clip

29. Mai 2010, 18:00

Die Religionswissenschaft ist ein auch menschlich angenehmes Fach - auch wegen der überschaubaren "Szene" und der Kultur gegenseitigen Respektes. Schon weil sich in jedem Seminar Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen tummeln, ist allen ernsthaft Beteiligten bald klar, dass sie wissenschaftlich gesehen keinen besseren Zugang zu höheren Wahrheiten haben. Die gemeinsame Arbeitsgrundlage ist der methodologische Agnostizismus und was Atheisten, Agnostiker und Theisten verbindet, ist die gemeinsame Neugier. Kooperation statt Konfrontation, sozusagen. Und so rümpfte ich seinerzeit über die massive Religionskritik des Zoologen Richard Dawkins die Nase und fand seine Polemiken, nun ja, unwissenschaftlich.

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