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Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin von Winfried Menninghaus

13. Januar 2012, 07:13

Immer wieder hatte ich mich darüber gewundert, warum selbst in den Wissenschaften kaum bekannt war, dass schon Charles Darwin selbst hervorragende Begriffe und Hypothesen zur Evolution von Religiosität und Religionen geprägt hatte. Lange Zeit hatte ich zu der Annahme tendiert, dies müsse vor allem an den polemischen Frontstellungen zwischen religionskritischen "Darwinisten" einerseits und religiösen Kreationisten andererseits gelegen haben, zwischen denen sich sorgfältige Lesarten nicht durchsetzen konnten. Dank des neuen Buches "Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin" des Literaturwissenschaftlers Winfried Menninghaus weiß ich es nun besser.

Menninghaus hatte vor einigen Jahren die Beantragung und dann von 2007 bis 2010 die Leitung des interdisziplinären Forschungsclusters "Languages of Emotion" an der FU Berlin übernommen. Das Buch darf schon jetzt als ein wichtiger Ertrag dieses Natur- und Kulturwissenschaften verbindenden Projektes gelten. Menninghaus stellt dabei Begriffe und Hypothesen vor, die Darwin (insbesondere während seines Theologiestudiums in Cambridge als intensiver Genießer von Musikdarbietungen und Kunstausstellungen bekannt) selbst zur Evolution der Künste wie Ästhetik, Singen, Tanzen, Rhetorik, aber auch der Schaffung von Gemälden und Skulpturen formuliert hatte. Selbstverständlich handelte es sich dabei je nur um vorsichtige Entwürfe - doch erweisen sie sich als weit besser als das meiste, was heute in Schrumpfversionen (wie den "Singing-for-Sex"-Entwürfen) als "darwinistisch" verkauft wird!

Menninghaus weist damit nach: Nicht also nur die evolutionäre Religionsforschung Darwins, sondern überhaupt seine Ansätze zu den "höheren" geistigen und kulturellen Fähigkeiten des Menschen fielen den breiten Gräben zwischen Natur- und Kulturwissenschaftlern zum Opfer!

Das Werk erweist sich damit als ein wichtiger und wegweisender Brückenschlag, der aber auch noch aufzeigt, wie viel Arbeit noch vor uns liegt. So rezipiert Menninghaus dominant bis (zum Beispiel beim Thema Religion) fast ausschließlich englischsprachige Studien. Die inhaltlich oft hochwertigen, aber allzu verstreuten Publikationen aus den Federn interdisziplinärer, deutschsprachiger Evolutionsforscher finden dagegen noch kaum zusammen. Eckart Voland wird immerhin mit englischsprachigen Publikationen zitiert, Wolfgang Steinig und Josef Reichholf finden Erwähnung, Gerhard Vollmer fehlt aber beispielsweise (noch) völlig. Mir scheint das kein böser Wille sondern nur ein weiterer Hinweis auf die noch immer fehlende Vernetzung und mangelnde, öffentliche Präsenz der deutschsprachigen, interdisziplinären Evolutionsforscher zu sein.

Auch ist in der gegenseitigen Verständlichmachung zwischen den Disziplinen noch einiges zu leisten. Ich fürchte, man muss schon etwas länger in der interdisziplinären Evolutionsforschung geackert haben, um Sätze wie den folgenden auf Anhieb zu erfassen:

Auch unabhängig von der ausstehenden Klärung solcher Fragen verstärkt das hier vertretene Modell der menschlichen Künste in jedem Fall die Bedeutung derjenigen Fähigkeiten und Dispositionen, die von den Künsten kooptiert, (re)konfiguriert und neu benutzt werden, also nicht eigens und modular für diese Zwecke evolviert sind. Das Modell erweitert Darwins Kriterium lernbarer Varianz zu der Hypothese, dass nicht - oder nicht nur - je einzelne spezialisierte Fähigkeiten zu kunstvollen Höhen getrieben werden, sondern dass die Produktion und Rezeption der Künste Höchstleistungen in der (vermutlich kulturell erworbenen) domänenübergreifenden Zusammenarbeit ehemals separater Adaptionen darstellen. Diese Theorie gibt Kants transzendentalphilosophischer Hypothese eines zugleich "freien" und stimmigen "Spiels unserer Vermögen" im "ästhetischen Gefallen" eine neue evolutionstheoretische Formulierung. (S. 259)

Inhaltlich halte ich das für wegweisend - ich fürchte nur, dass es für Neulinge in dem Forschungsfeld allzu schwer verständlich sein könnte. Und doch kann ich nur hoffen, dass sich möglichst viele Leserinnen und Leser auf Menninghaus' konstruktiven und ertragreichen Brückenschlag einlassen und die Forschungen zu menschlicher Kultur endlich auch im deutschen Sprach- und Forschungsraum eine tragfähigere, empirisch-evolutionäre Grundlage erhalten.



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Existiert Gott? Ein Gastbeitrag von Eric Djebe

04. November 2011, 07:00

Als Religionswissenschaftler habe ich mich der empirischen und evolutionären Forschung zu Religiosität und Religionen verschrieben - wissend, dass aus dieser Perspektive die Fragen nach der "Existenz" Gottes, der Menschenrechte oder eines Sinns im Leben nicht abschließend beantwortet werden können. Dafür sind m.E. Philosophien und Theologen wie der lebenskluge und wissenschaftlich solide Hermann Aichele zuständig. Allerdings verstehe ich auch, dass viele Kommentatorinnen und Kommentatoren auch auf "Natur des Glaubens" über ontologische Fragen lesen und diskutieren wollen und habe daher den "promovierten Logiker, Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Eric Djebe" (Blog im Aufbau hier) um einen Gastbeitrag zur "Existenzfrage" gebeten. Hier ist er:

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Welchen Wert hat ein Kind?

04. Februar 2011, 19:58

Wer diese Frage stellt, befindet sich sofort mitten in den einigen der heißesten Zonen interdisziplinären Forschens und Debattierens. So wird ein Ökonom und auch manche Demografin ggf. antworten, das hänge vom erwartbaren Verhältnis von Ertrag (z.B. als Arbeitskraft, Altersversorgung) und Kosten (z.B. für Nahrung, Bildung) ab. Ein Philosoph kann ggf. darauf bestehen, dass hier zwischen "Wert" und "Preis" zu differenzieren sei und eine christliche Theologin darauf verweisen, dass in jedem Menschenkind Gottes Bild aufleuchte.

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Das kreative Universum - Ein deutscher Film über die Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Spiritualität

23. Dezember 2010, 00:12

Ein großes Problem vieler wichtiger Debatten ist, dass es nachdenkliche und vermittelnde Positionen oft schwerer haben, gehört zu werden, als die lautstarken und gerne polemischen Parolen von Radikalen aller Seiten. Und so "bestätigen" sich religiöse Kreationisten und antitheistische Materialisten seit Jahrzehnten gegenseitig selbst in der Überzeugung, dass Evolution und Gottesglauben angeblich völlig unvereinbar seien. Die Vertreter des Materialismus bringen dabei mehr wissenschaftliche Argumente hervor, aber die religiösen Kreationisten mehr Kinder - und so befanden sich beide Positionen quer durch das 20. Jahrhundert in einem lautstarken und ziemlich unproduktiven Patt. Kommt am Beginn des 21. Jahrhunderts endlich Bewegung in die Sache?

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Das Prinzip Evolution - von Mariano Delgado, Oliver Krüger und Guido Vergauwen (Hrsg.)

20. November 2010, 19:57

Als Charles Darwin 1859 mit "On the Origin of Species - Zur Abstammung der Arten" die Entdeckung der wissenschaftlichen Evolutionstheorie der Menschheit präsentierte, beendete er das Werk mit dem Satz: "Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass ... aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt." - wobei er "den Schöpfer" erst in einer späteren Ausgabe einfügte. (Danke an @Balanus für den Hinweis! :-) )

Darwin war 1859 genau 50 Jahre alt, so dass sich 2009 sein 200ter Geburtstag und der 150te Jahrestag seines bahnbrechenden Werkes trafen. Gegen Ende dieses Darwinjahres brachte das 5. Religionsforum der Universität Freiburg  (Fribourg / Schweiz) europäische Geistes-, Kultur- und Religionswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler zusammen, um sich über das "Prinzip Evolution" auszutauschen.

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Denkanstöße - Der Philomat und das Spielerische an Philosophie

19. August 2010, 16:22

Im letzten Blogpost hatte ich dafür plädiert, dass Wissenschaft sich nicht nur über trockene Fachtexte, sondern auch über Literatur und Gedichte, Film und Musik, Kunst und Kultur an die Menschen wenden sollte. Das Philosophen-Trio Wolfgang Buschlinger, Bettina Conradi und Hannes Rusch fanden, dass man auch Philosophie spielerisch erfassen sollte - und veröffentlichten den Philomat.

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Braucht Wissenschaft Zuspitzung und Provokation? Ein Dawkins-Kritik-Clip

29. Mai 2010, 18:00

Die Religionswissenschaft ist ein auch menschlich angenehmes Fach - auch wegen der überschaubaren "Szene" und der Kultur gegenseitigen Respektes. Schon weil sich in jedem Seminar Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen tummeln, ist allen ernsthaft Beteiligten bald klar, dass sie wissenschaftlich gesehen keinen besseren Zugang zu höheren Wahrheiten haben. Die gemeinsame Arbeitsgrundlage ist der methodologische Agnostizismus und was Atheisten, Agnostiker und Theisten verbindet, ist die gemeinsame Neugier. Kooperation statt Konfrontation, sozusagen. Und so rümpfte ich seinerzeit über die massive Religionskritik des Zoologen Richard Dawkins die Nase und fand seine Polemiken, nun ja, unwissenschaftlich.

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Evolution - Gottes Tod oder Gottes Weg?

07. Mai 2010, 01:25

Natürlich hätte ich es wissen müssen. Die Evangelische Akademie Arnoldshain ist bekannt für ihr hohes Niveau gerade auch im Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie - und einer ihrer Referenten, Pfarrer Dr. Hubert Meisinger, hatte denn auch zu "Liebesgebot und Altruismusforschung" eindrucksvoll promoviert. Als die Einladung zu einem Referat bei der Mai-2010-Tagung "Die Evolution der Religion - Der Biologie hoffnungslos ausgeliefert?" kam, freute ich mich also sehr und ahnte aber auch schon, dass das Thema sicher eine Herausforderung werden würde.

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Die Buchstaben, die Null, das Gewachsene

03. Mai 2010, 19:16

Als Menschen stehen wir alle in einer großen Kette des Lebens. Millionen Generationen von tierischen, erst sehr spät menschlichen Vorfahren haben uns in einer unglaublichen Saga ihre Gene hinterlassen. Und schließlich legten sie, in wachsendem Ausmaß, neben den biologischen auch kulturelle Erbstücke drauf: Darunter Sprachen, Wissenschaften, Mathematik.

 

Freilich halten wir uns - ganz moderne Individuen - gerne selbst für unabhängig und erhaben über das Gewachsene. Wurzeln und Ahnen können ja so peinlich sein. Manche empfinden es als „Kränkung“, von einfachen Tieren abgestammt zu sein. Und andere wollen gerne abstreiten, dass sie die Schrift und die moderne Mathematik wesentlich irrationalen Sehnsüchten und den Leistungen religiöser Gemeinschaften verdanken. Was aber, wenn auch das Vorrationale unser Fundament ist - und bleibt? Ein Beitrag zum Bloggewitter Mathematik - Sprache - Wissenschaft.

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Richard Dawkins - Mein Held der Metapher

29. November 2009, 21:24

Mit seinen gezielt provokanten, populärwissenschaftlichen Büchern verdient(e) er Millionen - und stieß wichtige Debatten und Forschungsansätze an. Und während mancher seiner Jünger noch in seinen früheren Positionen verharren, entwickelt(e) er sich weiter - Richard Dawkins, Zoologe und Held der provokanten Metaphern, von denen ich im Folgenden die wichtigsten vorstellen möchte.

1. Das "egoistische Gen"

Richtig berühmt wurde Richard Dawkins mit seinem berühmten "The Selfish Gene" (Das egoistische Gen) von 1976. Darin vertrat er die Auffassung, dass die (biologische) Evolution ausschließlich aus der Perspektive des genetischen Reproduktionserfolges zu betrachten sei. Auch der Mensch stehe unter der "Tyrannei der Replikatoren". Hier das Cover der Originalausgabe.



Natürlich handelte es sich bei der Aussage des "Gen-Egoismus" um eine Metapher - ein abwägend-planendes Bewusstsein gestand Dawkins den einzelnen Genen nicht zu. Vielmehr ging es ihm darum, Selektionsperspektiven auf Ebenen der Phänotypen, Gruppen oder Arten sowie allzu optimistische Hypothesen zur Entstehung von Kooperation(en) zu attackieren.

Freilich musste er erleben, dass provokante wissenschaftliche Formulierungen nicht nur Andersdenkende erzürnen, sondern auch von Anhängern mißverstanden werden. So distanzierte sich Dawkins schockiert von seinem "Fan" Jeffrey Skillings, der seinen Betrug an unzähligen Anlegern und Mitarbeitern des Enron-Konzerns mit Dawkins Buch und "Gen-Egoismus" rechtfertigte - so "darwinistisch" sei die Welt nun einmal...

Und doch gewann Dawkins gerade durch seine scharfen Formulierungen größere Teile der Öffentlichkeit für den Forschungsbereich und bewirkte schließlich, dass sich Vertreter von Kooperationsmodellen (und später auch reformierter Varianten der Gruppenselektion) um bessere Modelle und Studien bemüh(t)en.

2. Gen und Mem

Im Schlusskapitel seines "Selfish Gene" stellte sich Dawkins zwei Themen, die ihn stark beschäftigten: Zum einen reproduzierten sich ja gerade moderne, gebildete Menschen immer weniger - was seiner These des "gen-egoistisch" determinierten Menschen diametral widersprach. Und zum zweiten existier(t)en zahlreiche Religionen, deren Anhänger allerhand Variationen von Verhalten hervorbrachten.

Zur Erklärung (und Abwehr) dieser Befunde schlug Dawkins die Existenz von "Memen" vor - kulturellen Replikatoren, die sich analog zu Genen replizieren sollten. Sowohl religiöse Lehren wie auch der Geburtenrückgang kulturell überfluteter Moderner konnte er so auf die Meme zurück führen.

Empirisch ist das Konzept bis auf weiteres gescheitert. Seit über 30 Jahren gelang keine klare Definition, aber auch keine einzige Beobachtung, keine Studie und kein Experiment zur Existenz von "Memen". Das spezialisierte Online-Journal of Memetics, das den Forschungsansatz entwickeln wollte, stellte sein Erscheinen schließlich ein (vgl. Schlussausgabe), nachdem auch nach Jahren nur philosophisch-theoretische Artikel eingingen. 

Neben Wissenschaftlern, die Memen immerhin noch metaphorischen Wert in den Wissenschaftsdiskussionen zusprechen, gibt es immer auch noch immer viele Menschen, die in einem weltanschaulichen Sinne an Meme glauben (man beachte die Ironie!). Tatsächlich sprengte Dawkins selbst ganz am Ende seines Buches die logische Schlussfolgerung aus seinem genetischen und memetischen Determinismus und rief die Menschen im Stil gnostischer Prediger auf, sich "aus der Tyrannei der Replikatoren" (Gene & Meme) zu befreien. Er nahm also doch die Existenz eines nicht-determinierten (übernatürlichen?) Willens an, an den sich sogar appelieren ließ! Und so konnte man später nicht nur einer memetischen "Church of Virus" im Internet beitreten, sondern auch bei der Dawkins-Schülerin Susan Blackmore "Zen-Kurse im Memjäten" buchen - die Religionskritik war zur Proto-Religion geworden. Etwas besser Informierte gestehen der "Memetik" heute immerhin zu, es handele sich um eine - Sie ahnen es - interessante Metapher (bio-)kultureller Evolution...

3. Der Gotteswahn

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 und den Reaktionen der USA darauf gesellte sich neben die globale Rückkehr der Religionen eine neue Welle der Religionskritik in den kinderarm-säkularen Milieus des Westens. Zielsicher griff Richard Dawkins auch diese Stimmung in seinem neuen Bestseller von 2006 auf - "The God Delusion - Der Gotteswahn" wurde zu einem Flagschiff des sog. "neuen Atheismus".



Wieder versuchte Dawkins Religionen "memetisch" zu erklären und griff insbesondere theistische Glaubensinhalte als gefährlich an. Auch rückte er religiöse Erziehung in die Nähe des Kindesmißbrauches - und wählte dabei interessanterweise besonders kinderreiche Gemeinschaften wie die Amischen (ohne ihren Reproduktionserfolg zu registrieren!?).

Neben dem erwartbaren (und werblich-wirtschaftlich einträglichen) Aufschrei vieler Religiöser führte aber auch die Metapher des "Gotteswahns" durchaus zu neuen, ernsthaften Forschungsanstrengungen. Denn vielen Wissenschaftlern aus den Natur- und Kulturwissenschaften fiel doch auf, dass hier ein Paradox behauptet wurde: Die Evolution eines Merkmales (Religiosität), das doch angeblich vor allem schaden sollte. So trug Dawkins indirekt zur inzwischen dynamischen Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen bei.

4. Vom Atheisten zum Agnostiker

„Der neue Atheismus ist vielleicht nicht tot, aber er riecht schon irgendwie komisch!“ merkte Michael Schmidt-Salomon schon 2008 trocken an. Viele der eifernden Jünger (Jüngerinnen sind sehr selten) der Bewegung haben es noch nicht gemerkt - auch Richard Dawkins aber schon. So räumte er in einem Newsweek-Interview vom September 2009 ein, dass der Glaube in die Evolutionstheorie und Gott nicht unvereinbar seien - was einen Schock unter vielen seiner extremeren Anhänger auslöste. In einem Interview mit dem Stern 2007 (Neuabdruck Stern-Extra 5/2009, gerade im Handel, S. 144 - 146) ging Richard Dawkins noch weiter - und bekannte: "Ich bin Agnostiker." Die Wahrscheinlichkeit von Gottes Existenz liege "unter 50 Prozent", aber die Position "der Atheisten", die sie völlig ausschließen wollten, teile er nicht (mehr!?). An scharfer Religionskritik hält Dawkins durchaus fest - aber darauf angesprochen, dass sein "Gotteswahn" doch Gottes Existenz widerlegen wollte, erklärt er: "Das war mein ursprünglicher Ehrgeiz, vielleicht war ich da ein bißchen zu kühn." Er sieht dennoch Grund zur Freude: "Das Buch läuft hervorragend, von der englischsprachigen Ausgabe wurden im ersten Jahr mehr als eine Million Exemplare verkauft." Angesprochen auf den Widerspruch, dass komplexe Merkmale doch üblicherweise über Erfolg evolvierten, bemerkt er: "Guter Einwand. Religion hilft wahrscheinlich beim Überlebenskampf." Den "Gotteswahn" stellt er nun neben den "Wahn", sich "zu verlieben" und erläutert auch fast poetisch: "Den Versuch der Religion, ein tieferes Verständnis des Lebens zu finden, habe ich immer respektiert. Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."

Mein (ganz persönliches) Fazit

Mancher wird Richard Dawkins vorwerfen, er habe bei seinen provokanten Metaphern nur (erfolgreich) Aufmerksamkeit und Geld angestrebt, ohne sich um die Folgen zu scheren. Dem möchte ich entgegnen, dass es die Aufgabe von Intellektuellen in freiheitlichen Gesellschaften ist, spannende Debatten auszulösen und dabei auch zu provozieren. Und selbstverständlich dürfen und sollen sie dies auch mit Bezug auf Wissenschaft(en) tun, mancher Pop- oder Sportstar verdient weit mehr. Ob sich von Dawkins Metaphern wissenschaftlich etwas halten lässt, wird erst die Zukunft weisen. Aber sicher ist schon jetzt, dass seine Arbeit nicht nur die öffentliche Wahrnehmung von Evolutionsforschung, sondern auch Gedanken, Debatten und Studien innerhalb der Wissenschaften (von der Biologie über die (zunehmend evolutionäre) Religionswissenschaft bis in die Philosophien und Theologien) sehr beflügelt haben. Ich denke, wenn der Pulverdampf einmal verzogen ist, wird Richard Dawkins von den (je wechselnden) Freunden und Kritikern gleicherzumaßen zu Recht zu den großen Schöpfern auf- und anregender Metaphern gezählt werden.  



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