12. Februar 2012, 08:35
Heute würde Charles Darwin seinen 203. Geburtstag feiern. Und während fundamentalistische Kreationisten dies als Unglück oder Glaubensprüfung betrachten mögen, begehen besonders in den USA auch immer mehr christliche, jüdische und islamische Glaubensgemeinschaften Evolution Weekend mit speziellen Gottesdiensten und Angeboten rund um die Fragen von Wissenschaft und Glauben. Persönlich habe ich mich aber entschieden, am Darwin-Tag eine Frage aufzuwerfen, die der Bürgerwissenschaftler sich schon selbst stellte, auf die es aber noch immer keine befriedigende Antwort gibt. Genau genommen ist noch nicht einmal klar, ob die Frage überhaupt richtig gestellt ist...
Aber geht das denn überhaupt - in einem Wissenschaftsblog zuzugeben, dass da eine Frage klafft, an der man nicht weiterkommt? Sollten Wissenschaftler nicht immer so tun, als hätten sie alles im Griff, auf alles eine Antwort - oder wenigstens eine heiße Spur? Als könnten sie über Wasser laufen?
Fast hätte es diesen Blogpost gar nicht gegeben, hätte nicht eine Kollegin mir neulich schmunzelnd die aktuelle Ausgabe der Deutschen Universitätstzeitung (duz) vorbeigebracht, dessen vieldeutiger Cartoon des Monats von Sepp Buchegger mich schmunzeln ließ. Danke an die Duz-Redaktion für die Erlaubnis, diesen maliziösen Religionswissenschaftler-Sketch hier im Blog zu veröffentlichen! :-)

Nachdem Sie jetzt also ohnehin wissen, dass bei uns selbst Wunder nicht gut genug sind - kommen wir zur Frage.
Religiosität erhöht im Durchschnitt den Fortpflanzungserfolg. Aber reicht das?
Wie treue Leserinnen und Leser dieses Blogs, der entsprechenden Artikel oder Bücher wissen, forsche ich seit einigen Jahren an der Evolution von Religiosität und Religionen. Dabei hat sich eine zentrale Annahme bereits von Charles Darwin bestätigt: Der gemeinsame und einander durch nicht nur rationales Verhalten signalisierte Glaube an überempirische Akteure (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) ermöglicht es Glaubenden, untereinander durchschnittlich erfolgreicher zu kooperieren. Über Generationen hinweg setzen sich dann immer wieder jene religiösen Varianten durch, die diese Kooperation auch in höhere Kinderzahlen umsetzen - wie die kinderreichen Old Order Amish im Vergleich zu den kinderlosen Shakern. Religiöse Praxis geht daher in allen gewachsenen Weltreligionen evolutionär schlüssig mit durchschnittlich höherem Fortpflanzungserfolg einher.

Fachlich kann ich mich über die auch internationale Resonanz zu diesen Befunden wirklich nicht beklagen. Und als der komplexe Zusammenhang von Religion und Demografie nicht nur aus den USA, sondern zuletzt auch aus Israel in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt ist, berichtete auch der humanistische pressedienst (hpd).
Nun ist der vergleichende Reproduktionserfolg aber nicht nur für gesellschaftliche Prozesse relevant, sondern in der Evolutionsbiologie der gültige Maßstab für evolutionäre ("darwinsche") Fitness.
Nur frage ich mich (und weiß, dass sich auch viele Leserinnen und Leser längst diese Frage stellen): Reicht das als evolutionäre Perspektive aus? Immerhin ist der Mensch ja nicht nur ein biologisches, sondern darüber hinaus auch ein zu Kultur, Bewußtsein und Nachdenken fähiges Wesen. Charles Darwin selbst brachte die Sache in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 (deutsch 1875) auf den Punkt, als er schrieb:
Grosse Gesetzgeber, die Gründer segensreicher Religionen, grosse Philosophen und wissenschaftliche Entdecker unterstützen den Fortschritt der Menschheit in einem viel höheren Grade durch ihre Werke, als durch das Hinterlassen einer zahlreichen Nachkommenschaft.
Jesus und Buddha fallen hierzu beispielsweise ein - wobei letzterer zwar der Überlieferung nach einen Sohn hatte, diesen jedoch später ebenfalls zum zölibatären Mönch ordinierte. Oder denken wir an einen Wissenschaftler, der vielleicht selbst auf Kinder verzichtet, aber ein Medikament entwickelt, das Abertausende Leben rettet. Oder eine kinderlose Politikerin, die eine Politik "für unsere Kinder" gestaltet. Wäre in diesen und unzähligen weiteren Fällen mit biologische Fitness = 0 das Eigentliche gesagt? Und umgekehrt: Hätte sich eine Menschheit, die sich stets nur maximal vermehrt, nicht gerade dadurch längst unweigerlich in ihr Verderben gestürzt? Wurden wir nicht auch durch eine balancierte Demografie zum denkenden Menschen?

Bisherige Lösungsvorschläge
In Darwins "Abstammung" und in Arbeiten späterer Evolutionsforscherinnen und -forscher fand ich im wesentlichen drei Lösungsvorschläge für diese Frage:
1. Verwandten- und Gruppenselektion, "inklusive Fitness", globale Kooperation
Darwin betont, dass auch Menschen, die auf Überleben und Reproduktion zugunsten Anderer verzichten, dennoch (und gerade dadurch!) zum "Erfolg des Stammes" beitragen können - sie es als leuchtendes Beispiel für Kooperation ("Nächstenliebe") oder durch Leben ermöglichende Kulturprodukte. Menschengruppen, in denen sich viele solcher "selbstloser" Menschen fänden, könnten so sehr viel besser bestehen. Martin Nowak nennt Menschen entsprechend bereits "Superkooperatoren". Letztlich ginge es also immer weniger um den Wettbewerb, sondern zunehmend um den gemeinsamen Erfolg des (menschlichen) Lebens.
2. Steigerung des Glücks
Oder ist der Mensch vielleicht der natürlichen und sexuellen Selektion bereits so weit entwachsen, dass er sich eigene Ziele setzen kann - wie beispielsweise die Förderung des menschlichen Glücks bzw. Wohlbefindens? Dann wäre "oberhalb" der Biologie eben nicht mehr nur die "Quantität", sondern auch die "Qualität" menschlichen Lebens zu berücksichtigen. Aber wäre das noch empirische Wissenschaft oder Wunschdenken? Und ein Glücklichmacher im Trinkwasser wirklich ein Fitnessindikator?
3. Gene versus Meme
Von Richard Dawkins stammt die Mem-Metapher. Er empfiehlt seinen Anhängerinnen und Anhängern lieber viele "Meme" als "Gene" in die Welt zu setzen. Aber abgesehen davon, dass nie eine anwendbare Arbeitsdefinition von "Memen" gelang erkenne ich auch kein überzeugendes Gewichtungskriterium. So setzt die Mem-Metapher ja voraus, dass sich die Kinder Anderer bereit finden, die Meme Kinderloser durch die Zeiten zu tragen. Und Terroristen oder Serienmörder wie Jack the Ripper mögen sehr viel mehr "Meme" hervorgerufen haben als eine engagierte Nonne, die ihr Leben der Pflege anderer widmete. Aber könnte das ein Maßstab sein?
Freilich ist es 4. durchaus denkbar, dass schon die Frage falsch gestellt ist. Immerhin ist Evolutionsforschung immer empirische Forschung - also rekonstruierend-beschreibend auf bereits geschehene (historische) Befunde gestützt. Wenn auch Darwin aber über "den Fortschritt der Menschheit" sinniert, so greift er damit doch nicht nur in die Zukunft, sondern nimmt auch eine implizite Bewertung vor. Vielleicht müsste sich Evolutionsforschung einfach damit "begnügen", die Entwicklungsgeschichte des Menschen immer umfassender als biokulturellen Prozess zu rekonstruieren und diese Befunde dann den öffentlichen Debatten, Philosophien und Theologien zur Begutachtung und Bewertung zu überlassen?

Ehrlich gesagt: Ich weiss es einfach (noch) nicht. Bislang habe ich zu "Antwort" 4 tendiert - sicher auch, weil mir dies erlaubte, von einem gesicherten Fundament aus zu forschen. Nun aber frage ich mich, ob es dabei auf Dauer bleiben sollte. Und bin hier einfach einmal so frei, zuzugeben, dass ich da noch rätsele. Darf Sie um Ihre Einschätzungen und Meinungen bitten? Reicht der klassische, biologische Fitnessbegriff des Reproduktionserfolgs für die Evolutionsforschung zum Menschen aus?
Geschrieben in
Philosophische Fragen
, Charles Darwin
|
79 Kommentare |
2 Trackbacks |
Permalink