Der seltsame Spott der "neuen Atheisten"
Pünktlich zu Pfingsten wird er also starten, der Bus mit der Aufschrift: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott", der dann durch Deutschland touren will. An sich eine feine Sache: Schließlich wird öffentlich ja auch für andere weltanschauliche oder religiöse Aussagen geworben. Und Diskussionen über grundlegende Fragen können Deutschland wirklich nicht schaden! Hier ist allerdings ist zu fragen: Was hat das mit Wissenschaft zu tun?
Zunächst wirft die Buskampagne gerade aus evolutionärer Sicht die durchaus gute Frage auf, warum eigentlich so viele Menschen weltweit an Gottheiten bzw. den Gott Abrahams glauben. Wenn dies nur geschadet hätte, hätte dieser Glauben doch längst aussterben müssen. Darüber kann man wild spekulieren oder polemisieren - oder eben forschen, wie es immer mehr Wissenschaftler im Bereich der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen tun. Um einen biologisch zentralen Befund zu benennen: Auch heute pflanzen sich Glaubende z.B. weltweit durchschnittlich erfolgreicher fort als ihre säkularen Nachbarn auch gleicher Einkommens- und Bildungsschicht. Dass Glauben wahr ist, kann Wissenschaft weder beweisen noch widerlegen (wie ja auch der Bustext einräumt) - dass Glauben aber biologisch erfolgreich ist, wird derzeit weltweit entdeckt und erforscht.
Wer verspottet hier eigentlich wen?
Sehr schön wird der Widerspruch zwischen vermeintlich wissenschaftlich fundierter Religionskritik und seriöser Evolutionsforschung auch am Filmplakat von "Religulous" deutlich, der gezielt religiöse Menschen der Lächerlichkeit preisgeben sollte.
Sieht nach einem evolutionären Argument aus? Im Gegenteil! Überlegen Sie selbst, wie sich aufgeklärte Wissenschaftler verhalten sollten, wenn sie tatsächlich komplexes, z.B. rituelles Verhalten bei Schimpansen beobachten würden. Sollten sie diese auslachen? Solange verprügeln, bis diese ihr religiöses Verhalten einstellen? Aber nein: Sie sollten das Verhalten respektvoll erkunden und erforschen, nach seiner Funktionalität und Naturgeschichte fragen.
Wer also Verhalten verhöhnt, das er nicht versteht, handelt geradezu konträr zum Anspruch von Wissenschaftlichkeit. Das Verhalten von Schimpansen ist respektvolle Erforschung wert - das Verhalten von Homo Sapiens doch mindestens ebenso!
Also, liebe Buskampagner, viel Spass auf der Tour! Aber tut uns bitte einen Gefallen: Tut nicht so, als basiere Eure Weltanschauung auf seriöser Evolutionsforschung. Denn ob Religiosität wahr oder unwahr ist, bleibt Glaubensfrage - aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Religion natürlich und seit Jahrzehntausenden biologisch erfolgreich.
Ein interessantes Zitat aus den Debatten innerhalb der Bewegung fand Blogleserin Mona: „Der neue Atheismus ist vielleicht nicht tot, aber er riecht schon irgendwie komisch!“ - Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Fundstelle hier.
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