Braucht Wissenschaft Zuspitzung und Provokation? Ein Dawkins-Kritik-Clip
Die Religionswissenschaft ist ein auch menschlich angenehmes Fach - auch wegen der überschaubaren "Szene" und der Kultur gegenseitigen Respektes. Schon weil sich in jedem Seminar Vertreterinnen und Vertreter der unterschiedlichsten Religionen und Weltanschauungen tummeln, ist allen ernsthaft Beteiligten bald klar, dass sie wissenschaftlich gesehen keinen besseren Zugang zu höheren Wahrheiten haben. Die gemeinsame Arbeitsgrundlage ist der methodologische Agnostizismus und was Atheisten, Agnostiker und Theisten verbindet, ist die gemeinsame Neugier. Kooperation statt Konfrontation, sozusagen. Und so rümpfte ich seinerzeit über die massive Religionskritik des Zoologen Richard Dawkins die Nase und fand seine Polemiken, nun ja, unwissenschaftlich.
Allerdings musste (und muss) ich zugeben, dass er gerade durch seine Zuspitzungen viel in Bewegung gesetzt hat. Wenn er sich auch um die empirische Fundierung seiner Hypothesen zur Evolution von Religiosität und Religionen wenig scherte und seine "Memetik" mangels Definitionen und Überprüfbarkeit weitgehend gescheitert sind - Richard Dawkins schuf lebendige und anregende Metaphern. Und er machte Unzähligen Beine: Da seine (An-)Fragen viele und gerade auch junge Menschen bewegten, begannen wieder mehr Theologen, Pfarrer, Religionslehrer, Kirchengemeinden und kirchliche Akademien, sich mit Naturwissenschaft und Evolutionsforschung intensiver zu befassen. Und umgekehrt warfen er (und, weniger polemisch, David Sloan Wilson) gerade aus der Perspektive der Biologie Fragen auf, die zu einem Aufschwung der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen führten. Braucht Wissenschaft also (manchmal? immer wieder?) Zuspitzungen und Provokationen? Oder reicht Infotainment, wie es (m.E. sehr hochwertig!) zum Beispiel die Biologen der Universität Tübingen mit "Darwin rocks!", einem Videoclip über die Bedeutung der Reproduktion in der Evolution, vorgemacht haben?
Diese Frage stellte sich mir wieder, als ich dieser Tage auf ein neues YouTube-Video stieß, das den sich zunehmend herum sprechenden, (durchschnittlichen) Reproduktionsvorteil religiöser Menschen mit einigen Aussagen von Richard Dawkins kontrastierte.
Der inhaltlichen Frage hatten sich Rüdiger Vaas und ich in "Gott, Gene und Gehirn" bereits gewidmet und dort u.a. diskutiert, ob die Mem-Metapher im Bezug auf Religionen statt als Parasit auch als Symbiont verwendet werden könnte (eine Hypothese, die es seit den 90er Jahren gibt). Ich kann aber nicht behaupten, dass diese Fragen außerhalb hochspezialisierter Zirkel bislang viele Menschen bewegt hätte. Der Clip des Machers, nach eigener Auskunft "Ex-Atheist", erreichte dagegen innerhalb von nur zwei Tagen mehrere Hundert Klicks und löste gleich eine engagierte Debatte aus. Kommt auch hier mancher über Empörung ins Nachdenken?
Für thematisch Interessierte: Eine Datensammlung zu Religion(en) & Demografie finden Sie hier.
Und für Freunde kluger Cartoons eine gelungene Karrikatur zum Thema "Wahrheit" im "Fischblog" von Lars Fischer!
Hinweis 01.06.2010: Nach massiven Beschimpfungen hat der Macher inzwischen sein Video offline genommen. Was lernen wir daraus? Auch Atheisten geraten ganz schnell außer sich, wenn ihre "religiösen Gefühle" verletzt werden. Zuspitzungen und Provokationen finden wir Menschen meist nur so lange lustig und tolerabel, so lange sie sich gegen die Überzeugungen anderer richten...
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