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Verräter oder Erfüller - Deutungen des Judas Ischariot

07. April 2012, 19:52

Wie schon letztes Jahr haben auch dieses Ostern Sven Oswald und Daniel Finger von Radio RBBeins wieder einige Fragen zu Osterbräuchen. Im dazugehörigen Blogpost möchte ich eines der großen Rätsel des Christentums in den Mittelpunkt stellen: Die Rolle des Judas Ischariot (gesprochen Judas Isch-qariot). In manchen Regionen und Traditionen werden zu Ostern auch heute noch Judaspuppen als Verräter verbrannt. Andere aber meinten von den ersten Jahrhunderten an, dass Judas mit dem Tod erst die Auferstehung Jesu ermöglicht habe - und also als besonders tragischer Erfüller göttlichen Willens zu verstehen sei. Sogar ein apokryphes Evangelium wurde nach Judas benannt!

Judas küsst Jesus - und liefert ihn dadurch den Schergen aus.
Foto Rami Tarawneh/Wikicommons vom Kirchenportal St. Petri, Bremen

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Warum Religionen Gebote verkünden

26. November 2011, 23:31

Vor mehr als drei Jahren hatte ich zuletzt eine Analyse der Zehn Gebote aus evolutionärer Sicht veröffentlicht. Dank dem Team von Zwei_auf_eins Sven Oswald und Daniel Finger auf Radio RBBeins, die das Thema für das Interview morgen angefragt haben, gibt es einmal wieder ein Update. Wozu sind (oft zunächst sinnlos wirkende) religiöse Gebote da? Die Frage stellen sich nicht nur weltfremde Gelehrte, sondern auch - die Toten Hosen. Hier ihr von Schülern bebilderter Song zu den Zehn Geboten zur Einstimmung:

Gebote gibt es, weil erst durch sie Religion "funktioniert"

Bereits Charles Darwin - immerhin studierter Theologe - hatte in seiner "Abstammung des Menschen" von 1871 zu Recht vermutet, dass der Glaube an "geistige Wesenheiten" wie Ahnen oder Götter (heute auch vornehm: überempirische Akteure) Menschen zu erfolgreich kooperierenden Gemeinschaften verbinden kann. Wenn Sie und ich an die gleiche Gottheit glauben, die uns beobachtet und unser Verhalten beurteilt - dann steigt die Chance, dass wir zueinander Vertrauen fassen, nicht betrügen und also erfolgreich(er) zusammen arbeiten.

Nur: Woher können Sie eigentlich so genau wissen, ob ich den Glauben an die beobachtende Gottheit nicht nur als "reines Lippenbekenntnis" heuchele, um Sie dann über den Tisch zu ziehen? Einigermaßen sicher können Sie sich nur sein, wenn Sie es an meinem Verhalten ablesen können - wenn ich mich an Geboten orientierte, die beispielsweise meine Kleidung, mein Verhalten, meine Zeit (Gebete, Gottesdienste), mein Vermögen (Opfer) usw. betreffen.

Ich kann mich noch gut an den Thrill erinnern, als sich heraus stellte, dass sich die Zehn Gebote aus dieser evolutionären Perspektive heraus perfekt analysieren lassen! Der Artikel ist zwar schon über drei Jahre alt, aber wenn Sie gerne ein wenig schmökern:

Blume, M. (2008): Die Bio-Logik der 10 Gebote / Warum verbindlicher Glaube nützt
in: Gräb-Schmidt, E., Achtner, W.: Was ist Religion?, JLU Gießen 2008, S. 40 - 70

Und entsprechend gilt für alle religiösen Traditionen: Wenn sie erfolgreich - also zusammenhaltend und über Generationen hinweg kinderreich - sein wollen, benötigen sie Gebote, die zwischen Erlaubtem und Verbotenem unterscheiden und das Leben erfolgreich fördern. Entsprechend kennen alle Religionen die Metapher des "rechten Weges".

Auch ist es kein Wunder, dass sich ihre Gebote im Kern oft sehr gleichen (sich verpflichten, nicht lügen, nicht morden, nicht stehlen etc.) - allzu abweichende und im Ergebnis absurde Gebotssammlungen vermögen keine über Jahrhunderte erfolgreichen Gemeinschaften zu begründen. Erfolgreiche Varianten breiten sich dagegen aus - beispielsweise die mosaische Gebotssammlung vom Sinai, die Zehn Gebote, der Dekalog.

Die Zehn Gebote auf den zwei Tafeln des Judentums

Das Schöne an der Religionswissenschaft ist freilich, dass man ein Leben lang dazu lernt - und so war ich sehr fasziniert, in einem Artikel des orthodoxen Rabbiners Andrew Steiman (Frankfurt) zu erfahren, warum das Judentum seine Zählung der zehn Gebote auf zwei Tafeln zu je fünf Geboten anordnet.

Die erste Tafel mit den Geboten 1 bis 5 bestimme demnach den "Ort" bejn Adam la-Makom zwischen dem Menschen und der göttlichen und elterlichen Autorität zu. Die zweite Tafel behandele die zwischenmenschlichen Gebote bejn Adam le-Chawero.

So steht also Gebot 1 (alle zitiert nach Exodus 20, 2 - 17) ganz oben neben Gebot 6:

1. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.

6. Du sollst nicht morden.

Denn hier gehe es, so Rabbi Steiman, um die Anerkennung der Existenzen: Gottes und der Mitmenschen. Beides bedinge einander.

In der zweiten Reihung (II zu VII) gehe es um die Bundes-Treue sowohl in der Beziehung zu Gott wie zum Ehepartner:

2. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. 

7. Du sollst nicht die Ehe brechen.

In der dritten Reihe gehe es um den Respekt vor dem Eigentum - den Gütern der Menschen und dem Namen (!) Gottes.

3. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.

8. Du sollst nicht stehlen.

Bei Reihe vier zuckte ich zusammen - denn die jüdische Tradition erkennt in der Paarung vom Schabbat-Gebot und dem Verbot der Falschaussage die Verbindung des Zeugnisses, also des glaubwürdigen Signals gegenüber Gott, beobachtbar für Mitmenschen. Ohne davon zu wissen, war ich damals in der evolutionären Analyse genau zu diesem Ergebnis gekommen und hatte geschrieben: "Der Sabbat hebt die Glaubenden aus den alltäglichen und auch wirtschaftlichen Verflechtungen der Umgebung heraus und verweist sie auf die je eigene Familie und Glaubensgemeinschaft. Neben und vielleicht noch vor den umfangreichen Speisegeboten dürfte das Sabbatgebot das familiäre wie gemeinschaftliche Überleben des Judentums als Minderheit gesichert haben."

4. Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!

9. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

Die fünfte Reihe verweise schließlich auf das Recht zur Respektierung von Identität: Die eigenen Eltern sind ebenso zu ehren wie alles, was dem Mitmenschen zugehöre. Steiman: "Gott teilt seine Autorität und vererbt sie für die Ewigkeit von Generation zu Generation." In der Tat: Evolutionärer Erfolg muss die Generationen überspannen.

5. Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.

10. Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Während sich die verschiedenen, christlichen Konfessionen nie auf eine gemeinsame Zählung der Zehn Gebote einigen konnten (manche zählen zum Beispiel des Bilderverbot als eigenes Gebot, andere nicht etc.) liegt hier seitens des Judentums doch eine gewachsene und überzeugende Gliederung vor.

In der Summe gibt das Ganze also den Sinai-Bund, der nach jüdischer Tradition eben den Juden gilt. Nicht nur die Toten Hosen finden diese Gebote jedoch für sich zu streng. Nun, da habe ich eine gute Nachricht.

Die sieben noachidischen Gebote für Nichtjuden

Nach jüdischem Glauben müssen sich Nichtjuden überhaupt nicht an die Zehn Gebote halten - und auch ein Übertritt zum Judentum ist unnötig. Vielmehr besteht die so oft als Arroganz mißverstandene Erwählung in der Verantwortung, diese (und weitere) Gebote zu halten - wogegen anderen Völkern und Gemeinschaften andere Verantwortungen zukäme. Die jüdische Tradition verweist auf die Sintflut-Geschichte und den Noah-Bund, der alle Menschen einschließt.

Im Talmud (Sanhedrin 56) wird die Noah-Überlieferung zu sieben Geboten ausgelegt, die Nichtjuden empfohlen werden sollte:

1. Verbot von Mord
2. Verbot von Diebstahl
3. Verbot von Götzenanbetung
4. Verbot von Unzucht
5. Verbot der Brutalität gegen Tiere
6. Verbot von Gotteslästerung
7. Einführung von Gerichten und Rechtsstaatlichkeit

Im Grundsatz stellen diese ethischen Gebote kein Problem für alle Weltreligionen und die meisten Weltanschauungen dar. Inwiefern sie sogar mit unseren moralischen Instinkten korrespondieren, werden zukünftige Forschungen zeigen. Interessant ist auf jeden Fall: Götzendienst und Gottes"lästerung" werden abgelehnt, aber nicht zwingend ein Glaube an Gott verlangt. Auch rechtschaffene Nichtglaubende können demnach die noachidischen Gebote durchaus erfüllen und ggf. "Anteil an der kommenden Welt" erlangen.

Fazit: Religionsgemeinschaften müssen zusammen halten, aber nicht intolerant oder gar heilsexklusiv sein

Wenn Sie sich also schon einmal gefragt haben, warum der Jude Jesus und seine frühen Anhänger gar keine Notwendigkeit sahen, Nichtjuden aktiv zu bekehren - mit den noachidischen Geboten haben Sie die Antwort. Die Idee, dass nur eine bestimmte Gemeinschaft gerettet und alle anderen verdammt würden (sog. Heilsexklusivismus) ist weder allgemeiner noch notwendiger Bestandteil erfolgreicher, religiöser Traditionen. Ein friedliches Miteinander der unterschiedlichen Religionen ist möglich - und während jede Gemeinschaft auch auf eigene Gebote und Identität angewiesen ist, gibt es gleichzeitig doch enorme Schätze an gemeinsamen, ethischen Werten zu entdecken.



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Halloween und Allerheiligen - Die evolutionären Hintergründe der Heiligenverehrung

29. Oktober 2011, 17:05

Für die Radioshow morgen früh haben mir Sven Oswald und Daniel Finger von RBB Zweiaufeins ein naheliegendes Thema gestellt: Den Feiertag Allerheiligen (1. November), der durch Halloween (31. Oktober) eingeleitet wird. Was hat es mit diesen Festen auf sich?

Hier wieder das Radiointerview zum Anhören oder Runterladen:

RBBBlume_Heilig_Allerheiligen.MP3

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Die Bronzezeit und die Globalisierung von Handel und Glauben - Ein Tagungsbericht von Herbert A Gornik

17. Oktober 2011, 21:32

Auf diesem Blog hatte ich vor ein paar Wochen über die Tagung der Spreewälder Kulturstiftung zur Bronzezeit berichtet. Der vor Kurzem pensionierte Leiter der Redaktion Religion und Gesellschaft beim Deutschlandradio Kultur, Herbert A. Gornik, hatte sich Zeit für die gesamte Tagung genommen und nun im Gespräch mit Ita Niehaus einen Rückblick erstellt - und dabei auch die (evolutionäre) Religionswissenschaft in den Blick genommen. Viel Spaß beim Online-Hören oder Lesen!

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Meine Erinnerungen an den 11 September 2001 - Und Ihre?

11. September 2011, 07:01

Diese Woche fragte der SWR ein Interview an, in dem einmal nicht die Wissenschaft im Vordergrund stand, sondern mein Engagement von 1998 - 2006 als Mitgründer und Vorsitzender der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e.V.. Die Frage war: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Christen, Muslimen, Anders- und Nichtglaubenden seit dem 11. September 2001 verändert?

MiteinanderMuslime11Sept2011.MP3

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Der Mensch, geschaffen nach Gottes Bild - Was soll das denn heißen?

04. September 2011, 00:14

Wieder einmal haben mir Sven Oswald und Daniel Finger von Zweiaufeins auf RBBeins eine knifflige Frage und Aufgabe gestellt: Laut Bibel sei der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen - was das denn heißen solle?

Eigentlich sind Auslegungsfragen natürlich die Domäne von Theologen, nicht von Religionswissenschaftlern. Aber gerade auch diese Vorstellung ist religionsgeschichtlich so interessant, dass sich ein zweiter und dritter Blick lohnt! Hier eine Darstellung des Schöpfungsaktes Adams durch Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. (Für Freunde der Hirnforschung - man beachte, dass Gott in einem Umhang in Form eines menschlichen Gehirnes dargestellt ist.)

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Ostereier, Osterhasen - eine Verniedlichung des christlichen Hauptfestes?

23. April 2011, 19:46

Über die neue Themenstellung von Zweiaufeins auf RBBeins mit Sven Oswald und Daniel Finger habe ich mich sehr gefreut: Ostereier und Osterhasen. Warum verstecken in diesen Tagen Menschen bunt bemalte Eier in Gärten und Wiesen und erzählen ihren Kindern, diese wären vom Osterhasen gebracht worden?

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Materie - Das Geheimnis des Urstoffes

19. März 2011, 21:32

Mit der Frage nach dem Urstoff in den großen religiösen und philosophischen Traditionen der Welt haben Sven Oswald und Daniel Finger von RBBeins eines der ganz großen Grundlagenthemen aufgeworfen. Selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind: Jede(r) von uns - ob religiös oder nicht - wurde und wird von Urstoff-Vorstellungen geprägt. Und diese sind buchstäblich ur-alt: Schon lange vor der Erfindung der Schriften befassten sich Menschen mit der Frage, aus welchem Grundstoff alles Sein gewachsen wäre. Lebensweltlich zugänglich war dabei die Beobachtung bei Menschen und Tieren, dass Frauen aus sich Leben gebären konnten. Über Jahrzehntausende dominieren in der figürlichen Kunst Darstellungen von (oft gebärenden) Frauen, oft ohne individuelle Gesichtszüge, was auf eine Beobachtung und mythologische Deutung des Prinzips, möglicherweise auch eine stärkere Rolle von (Groß-)Müttern in der Tradierung von Wissen hindeutet.

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Die Kreuzigung - Von der Höchstrafe zum Zeichen der Erlösung

05. März 2011, 22:18

Da haben mir Sven Oswald und Daniel Finger von Zweiaufeins ja wieder ein heftiges Thema gestellt: Die Kreuzigung. Kein Thema, dem sich ein Religionswissenschaftler entziehen kann. Und genau hier fängt das Rätsel schon an: Wie kam (und kommt) es eigentlich, dass ein Abbild einer der grausamsten Todesstrafen zum Zeichen der größten Weltreligion geworden ist?

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Warum essen Muslime kein Schweinefleisch?

15. Januar 2011, 07:16

Mit einer neuen Frage vom Radioteam "Zwei auf Eins" auf RBBeins am morgigen Sonntag geht das Radiofenster auf "Natur des Glaubens" in eine neue Runde. Dabei kommt die Ausgangsfrage ganz unschuldig daher, hat es aber inhaltlich in sich: Warum essen Muslime eigentlich kein Schweinefleisch?

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