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Matze und Hostie - Besonderes Brot zu Pessach und Ostern

von Michael Blume, 10. April 2010, 23:12

Der Wechsel von Bedrohung und Errettung, Tod und Wiedergeburt durchzieht die religiösen Traditionen der Menschen. Wo immer das Klima durch Jahreszeiten geprägt war, entstanden daher Frühlingsfeste, in denen der jährliche Sieg des Lebens über den Tod (Winter) gefeiert wird. Hirten durchlebten das Naturwunder in der Schlachtung z.B. von Lämmern, deren Fleisch ihre Lebensgrundlage war. Auch Eier symbolisierten das Erwachen der Natur. Ackerbauern zermahlten ("töteten") Getreide und schufen daraus lebensspendendes Gebäck.

Das jüdische Pessach und die Matzot

Im jüdischen Frühlingsfest des Pessach (hebr. "Übersprung", Auslassung) flossen Hirten- und Ackerbautraditionen bereits vor Jahrtausenden zusammen. Die Israeliten erinnerten sich der Errettung aus Ägypten, indem sie am Tempel in Jerusalem Lämmer schlachteten und Matze ("ungesäuertes Brot") verzehrten. Es handelt sich dabei um Fladenbrot, das nur aus Mehl und Wasser zubereitet und rasch gebacken wird. Damit erinnert es an die Eile bei der Flucht aus Ägypten, aber auch an Armut und die Gleichwertigkeit aller Menschen: Während Pessach essen alle das gleiche Brot.

Nach der Zerstörung des jüdischen Tempels durch die Römer um 70 n.Chr. änderten sich die Pessachrituale. Das Opfer am Tempel entfiel und wird heute nur noch durch einen Lammknochen und ein Ei symbolisiert. Dafür gewann das ungesäuerte Brot an symbolischer Bedeutung und alles "Chametz" (Gebackene mit Zusätzen) mußte aus dem Haus entfernt werden. Dazu entwickelte sich ein Brauch, dass Kinder das Haus durchsuchten und Chametz fanden.

Hier ein Bild einer heutigen, jüdischen Pessachtafel, mit den Matzot sowie dem Teller für Lamm, Ei und weitere, rituelle Zutaten in der Mitte.

Es ist m.E. völlig unmöglich, das komplexe und mehrtägige Pessachfest in einem Blogbeitrag zusammen zu fassen. Auf das stets interessante Thema des Weines kann ich z.B. hier gar nicht eingehen. Es sei noch erwähnt, dass ein zusätzlicher Weinbecher, ein zusätzlicher Stuhl und eine Öffnung der Tür auf die erhoffte Wiederkehr des Elija und die Ankunft des Messias verweisen. Hier ein Fernsehbericht über ein heutiges Pessach-Seder bei uns in Karlsruhe:

Das christliche Ostern und die Hostien

Das höchste Fest der Christen wurzelt im jüdischen Pessach vor der Tempelzerstörung. Der Name "Ostern" entstammt dabei der Bezeichnung für Osten, der Himmelsrichtung der Morgenröte und des Sonnenaufgangs (vgl. Easter zu East).

Die Evangelien berichten, dass Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem Pessach gefeiert habe - das Heilige Abendmahl war ein Pessachmahl und das Brot, das Jesus brach und von dem er sagte, es wäre "sein Leib", war eine Matza.

Tod und Auferstehung wurden mit Ostern zum Zentralthema des Christentums und das (nach der Zerstörung des Tempels verfasste) Johannesevangelium verkündet nun Jesus als Pessachlamm. Bis zum Konzil von Nicäa um 325 n.Chr. wurde Ostern auch an Pessach gefeiert, erst danach der jüdische Mond- auf den christlichen Sonnenkalender umgestellt.

Aus der Matza wurde die Azyme und später Hostie - die in der katholischen und vielen anderen Kirchen bis heute ebenfalls nur aus Mehl und Wasser zubereitet wird und (fast) eine Matze ist. Und lateinisch bedeutet Hostie übrigens Schlachtopfer, Opfertier - verkörpert also die ackerbauliche und viehzüchtende Kulttradition in sich.

Die byzantinische und andere Kirchen gingen dagegen dazu über, bewusst gesäuertes Brot zu verwenden - und der so genannte "Azymenstreit" trug wesentlich zur ersten, großen Trennung der christlichen Kirche bei! Da sage noch einer, Gebäck sei historisch unwichtig...

Auch in weiteren, regionalen Bräuchen traten und treten die uralten Wurzeln des Festes immer wieder auf. So wird Ostergebäck vielerorts aus speziellem Teig - etwa als Mürbeteig und Hefezopf - zubereitet. Und der Osterbraten ist oft - na klar, ein Osterlamm. Die Eier sind auch (wieder) da - und werden von christlichen Kindern gesucht. Aus vorchristlichen Traditionen ist zudem der Hase als Symbol für Leben und Fruchtbarkeit in Festtraditionen eingewandert.

Fazit

Für unsere Vorfahren war klar: Essen ist mehr als ein "Nahrungsmittel". In der Speise - gewonnen aus Tieren und Pflanzen - verbinden sich Aspekte aus Tod und Leben. Das gemeinsame Mahl verbindet die Menschen zu schützenden Gemeinschaften. Und die Zubereitung von Speisen galt als hochwertige - oft rituell zu vollziehende und geradezu "heilige" - Tätigkeit. Man muss gar nicht religiös sein, um das in Ansätzen nachfühlen zu können.

Literatur:

* Leo Trepp: "Die Juden. Volk, Geschichte, Religion", rororo 1998

* Michael Hilton: "Wie es sich christelt, so jüdelt es sich.", Jüdische Verlagsanstalt Berlin 2000

* Ina Mahlstedt: "Rätselhafte Religionen der Vorzeit", Theiss 2009

Zur neuen Kategorie "Radiofenster"

"Das Leben ist eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man kriegt." hat uns der große Weise Forrest Gump ins neuzeitliche Stammbuch geschrieben. Mir fällt dieser Satz immer wieder ein, wenn ein Radiosender um ein Themeninterview bittet. Manchmal geht es dabei einfach um die eigenen Forschungsthemen - beispielsweise als SWR2 fragte "Machen Religion und Glaube fruchtbar?". Dann aber kommen auch völlig unerwartete Themen auf - so erwischte mich "Zwei auf EINS" von radioeins RBB eins zum Thema Schutzpatrone beim Bloggertreffen in Deidesheim (mp3). Die neue Anfrage von Sven Oswald und David Finger für ein Interview am Sonntag, dem 11. April 2010 zu "Gebäck zu Pessach und Ostern" fand ich so faszinierend, dass ich beschloß, im Blog eine Kategorie "Radiofenster" einzurichten. Denn ich finde es klasse, wenn sich Radiomacher für Religionswissenschaft interessieren. Hier möchte ich zu den ungewöhnlichen Themenstellungen für Radiohörer zusätzliche Informationen, für Leser die Hördateien und für alle ein paar Bilder zur Verfügung stellen. Danke für das Interesse - und viel Spaß!

So, und hier das Radiointerview "Ungesäuerte Brote" bei RBB eins.

Backen_Pessach.MP3





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Kommentare

  1. Ralph Würfel Evolution des Bewußtseins
    30.04.2010, 19:39

    Lieber Michael Blume,
    ich habe meine Ansicht wahrscheinlich missverständlich erklärt. Deshalb ein erneuter Versuch aus anderer Perspektive.

    Sie gehen davon aus, dass Religiosität (wie Musikalität) im menschlichen Genom angelegt ist. Ich dagegen behaupte, es ist nicht die Religiosität, sondern die Spiritualität. Religiosität ist nur eine "Epoche" in der Geschichte der Spiritualität(wie etwa die Klassik in Geschichte der Musik). Aber - es ist nur eine Theorie (oder Behauptung), keine wissenschaftlich belegte Abhandlung. Dennoch lassen sich hieraus Aussagen für eine mögliche Zukunft der menschlichen Bewußstseins ableiten.
    Als Autoren, der sich damit intensiv (und wissenschaftlich) auseinander gesetzt hat, verweise ich auf Ken Wilber, insbesondere auf "Halbzeit der Evolution" und "Kosmos, Eros, Logos". Hier entwickelt Wilber ausführlich seine Theorie von der Evolution des Bewußtseins. Sie erinnern sich an das Bild vom menschlichen Bewußtsein als mehrstöckiges Haus? Das habe ich bei ihm entliehen. Ob ich über Einhörner geredet habe, mögen Sie nach der Lektüre entscheiden ;-)

    Und danke übrigens für den Literatur-Tip.

  2. Michael Blume @ Ralph Würfel
    01.05.2010, 16:10

    Vielen Dank für Ihre Erläuterung! So wird mir klar, dass Sie Ihren Kommentar tatsächlich ganz anders gemeint haben, als er bei mir ankam.

    Lassen Sie mich betonen, dass ich philosophische und theologische, spirituelle und fantastische Zukunftsszenarien schätze und für unerläßlich halte. Nur ist die Religionswissenschaft der Ort, an dem sie wissenschaftlich zu erkunden sind und deswegen erlaube ich mir - z.B. auch bei Studierenden - so großen Wert auf empirisch überprüfbare Definitionen, Daten und Studien zu legen.

    Nehmen wir beispielsweise an, jemand würde hier verkünden, er sei aufgrund der Maya-Schriften und dieses oder jenen Autors fest davon überzeugt, dass dieses Weltalter um 2012 katastrophal enden würde. Das wäre natürlich ein interessantes Szenario, aber ich müsste doch - insofern diese Annahme als wissenschaftliche Hypothese präsentiert wird - um intersubjektiv überprüfbare Belege bitten.

    Hilfreich war, dass Sie im Nachhinein festgestellt haben, dass Ihr Zukunftsentwurf und auch Ihre Definitionen eher einer Schau als einer wissenschaftlichen Hypothese entsprechen. Das ist m.E. völlig zu akzeptieren und ich möchte Sie ermutigen, auch zukünftig gerne Entsprechendes zu formulieren - nur dann eben von Anfang an deutlich zu machen, ob wir dabei über empirische Wissenschaft, Philosophie oder Offenbarung sprechen. Ken Wilber ist m.E. ein anregender Autor, den ich immer wieder gerne lese - aber er versteht sich ausdrücklich als "Pandit" bzw. spiritueller Philosoph und steht damit dem Theologen näher als dem Religionswissenschaftler.

    Und wo wir dabei sind und um unsere verschiedenen Perspektiven einzubringen: Hätten Sie Lust, einmal einen Gastbeitrag über den Begriff der Evolution nach Ken Wilber (gerne auch mit einem Link zu Ihrem Blog) zu schreiben? Dann hätte unsere Diskussion doch auch den Leserinnen und Lesern etwas gebracht! :-)

  3. Balanus Nicht im Kreise... /@Michael Blume
    01.05.2010, 20:25

    Lieber Michael,

    klar verstehe ich, dass Sie sich einteilen müssen bei so vielen Mitdiskutanten.

    Aber was ich zuletzt ansprach, habe ich nach meiner Erinnerung noch nicht mit Ihnen diskutiert. Ich will nur noch einmal kurz ausführen, um was es geht, oh dass ich jetzt ein Feedback erwarte.

    Es geht darum, dass unsere schöne These von der Vererbbarkeit der religiösen Glaubensfähigkeit nicht vereinbar sein soll mit den gravierenden Unterschieden bezüglich des Anteils der Atheisten in ansonsten vergleichbaren Ländern.

    Das behauptet nämlich der amerikanische Soziologe Phil Zuckerman: "Atheism: Contemporary Rates and Patterns ", in: The Cambridge Companion to Atheism, ed. by Michael Martin, Cambridge University Press: Cambridge, UK (2005).

    Nachlesen kann man das hier:

    http://books.google.de/...0in%20God%22&f=false

    Ich schätze, für die evolutive Herkunft der Agnostiker/Atheisten brauchen wir einen neuen theoretischen Ansatz.

    An Ralph Würfel gerichtet schrieben Sie:

    » Wenn es "spirituelle" Gemeinschaften oder Populationen gibt, die dem demografischen Zerfall widerstehen, würde mich das sehr interessieren. «

    Nach Phil Zuckerman sind die Schweden und Dänen annähernd zur Hälfte so etwas Ähnliches wie agnostische Gemeinschaften (Andrew Greeley 2003: 46% der Schweden und 43% der Dänen glauben nicht an Gott, wenngleich sich nur 17% bzw. 15% selbst als Atheisten bezeichnen). Das ist doch schon mal eine ganze Menge an Nichtgläubigen. Und die Geburtenraten der Schweden und Dänen sind immerhin höher als in Deutschland, wo der Anteil an Säkularen niedriger ist. Aber das sei nur am Rande angemerkt.

  4. Michael Blume @ Balanus
    01.05.2010, 20:39

    Doch, wir hatten das schon diskutiert. Es wird auch in "Gott, Gene und Gehirn" diskutiert, da es die naheliegende Frage ist. Und mehrere Antwortmöglichkeiten hat.

    Um es noch einmal kurz zu machen: Viele Menschen sind unmusikalisch. Und viele Menschen sind Analphabeten. Dennoch gibt es keinen ernsthaften Forscher, der bestreiten würde, dass sowohl Musikalität wie Lesen und Schreiben einerseits kulturell ausgeprägt werden müssen und in unterschiedlicher Weise auf (neuro-)biologischen Grundlagen aufbauen. Und ganz genau so verhält es sich mit Religiosität.

    Zu den Unterschieden wird auf internationaler Ebene ausgiebig erforscht, die bereits oben erwähnten Inglehart & Norris überprüften in "Sacred and Secular" (2004) mehrere Hypothesen und fanden, dass Sicherheit und Sozialstaat zu Säkularisierung führten. Inzwischen mehrere Studien anderer geben ihnen Recht:
    http://www.scilogs.eu/...ss-good-news-for-religion

    Zum evolutionären Modell passt das natürlich ganz hervorragend: Dort, wo extrinsische Motivationen für religiöse Gemeinschaften (wie Schutz, Sicherheit, Kontakte, Freizeitangebote etc.) wegfallen, schränken weniger religiös veranlagte Menschen ihre religiöse Praxis ein. Intrinsisch Motivierte (stärker religiös veranlagte) bleiben dabei, selbst unter den Bedingungen von Diskriminierung (zum Beispiel in der DDR).

    Wenn Sie bessere Hypothesen oder Daten zu dem Komplex haben, freue ich mich sehr. Aber ich sehe auf diesem Feld derzeit wirklich keine neuen Befunde.

  5. Balanus Religiosität im Genom /@Ralph Würfel
    01.05.2010, 22:10

    Lieber Herr Würfel.

    Sie schreiben an die Adresse von Michael Blume:

    » Sie gehen davon aus, dass Religiosität (wie Musikalität) im menschlichen Genom angelegt ist. Ich dagegen behaupte, es ist nicht die Religiosität, sondern die Spiritualität. «

    Ich denke auch, dass nicht die Religiosität (definiert als ein Verhaltensmuster, das auf übernatürliche Akteure ausgerichtet ist), sondern die Spiritualität ähnlich wie die Musikalität im Genom verankert ist.

    Für diese Vorstellung spricht, dass _alle_ Menschen mehr oder weniger spirituell veranlagt sind, während es _nicht allen_ möglich ist, ein Verhalten gegenüber übernatürlichen Akteuren zu zeigen.

    Jeder gesunde Mensch besitzt ein gewisses Musikverständnis, aber nur einem Teil der Menschen ist es möglich, übernatürliche Akteure als wesentlichen Teil der Wirklichkeit zu begreifen.

    Im Gegensatz zur Musikalität, kann Religiosität durch ein einschneidendes Erlebnis induziert oder beendet werden.

    Summa summarum, nicht die Religiosität, sondern die Spiritualität ist ähnlich wie die Musikalität im Genom angelegt.

    Dennoch bleibt die Frage, wieso für viele Menschen die Existenz übernatürlicher Akteure so real ist. Meine (grobe) Antwort: Weil sie aufgrund genetischer Instruktionen entsprechende Hirnstrukturen ausgebildet haben, d.h. eine besondere neuronale Verschaltung, die im Laufe des Lebens auch aktiviert (Gotteserfahrung) oder abgeschaltet (Glaubensabfall) werden kann.

    Insofern wäre die Religiosität sehr wohl im Genom verankert. Aber eben nicht wie die Musikalität.

    Welche Rolle die Prägung bei der individuellen Entwicklung von Religiosität spielt, wäre noch zu ergründen. Wenn ich mir anschaue, wie stark Menschen darauf geprägt werden können, einem bestimmten Volk anzugehören, dann halte ich eine ähnliche starke Prägung auf Religiosität durchaus für möglich. Anderseits würde ich Menschen, die nur auf Religiosität geprägt wurden (also ohne entsprechende genetische Verankerung), für besonders anfällig für einen späteren Glaubensabfall, sprich Säkularisierung, halten.

    ---
    Ich habe gerade Michaels letzte Antwort an mich gelesen und möchte ergänzend zum oben gesagten festhalten, dass die oben genannte Definition von Religiosität rein gar nichts mit der Intensität der religiösen Praxis zu tun hat. Ein Mensch glaubt entweder an übernatürliche Akteure, oder er glaubt nicht, oder er schwankt als Zweifler hin und her. Wie wichtig einem Menschen die Religion im praktischen Leben ist, steht auf einem anderen Blatt.

  6. Michael Blume @ Balanus
    01.05.2010, 22:38

    Dass Spiritualität evolutionär älter sein könnte als Religiosität halte auch ich für möglich. Aber dann wird es m.E. etwas chaotisch...

    So schrieben Sie:

    Jeder gesunde Mensch besitzt ein gewisses Musikverständnis, aber nur einem Teil der Menschen ist es möglich, übernatürliche Akteure als wesentlichen Teil der Wirklichkeit zu begreifen.

    Schrieben Sie selbst nicht weiter oben, dass Sie davon ausgehen, dass früher fast alle Menschen religiös waren? Auch heute noch haben wir Gesellschaften, in denen fast alle Menschen Glauben bekunden und praktizieren. Also ist es offenbar doch fast allen möglich - oder wie jetzt?

    Im Gegensatz zur Musikalität, kann Religiosität durch ein einschneidendes Erlebnis induziert oder beendet werden.

    Das gilt auch für Musikalität, z.B. der Fall Tony Cicoria (mit Sound ;-) ):
    http://www.radio-sonnenschein.net/...32206719.html

    Summa summarum, nicht die Religiosität, sondern die Spiritualität ist ähnlich wie die Musikalität im Genom angelegt.

    Die bereits vorliegenden Zwillingsstudien ergeben etwas anderes, Religiosität wird vererbt wie andere Merkmale auch:
    http://www.chronologs.de/...-der-verhaltensgenetik

    Warum nur sind Sie so verzweifelt bemüht, ausgerechnet Religiosität aus dem normalen Evolutionsgeschehen auszuklammern? Da war doch Darwin selbst schon viel weiter...

  7. Balanus @Michael Blume
    02.05.2010, 00:07

    Danke für die Antwort, aber…

    Wie kann ich das Thema schon mit Ihnen diskutiert haben, wenn ich doch erst vorgestern von diesen gravierenden Unterschieden bezüglich der Säkularisierung zwischen _vergleichbaren_ Staaten erfahren habe?

    » Zu den Unterschieden wird auf internationaler Ebene ausgiebig erforscht, die bereits oben erwähnten Inglehart & Norris überprüften in "Sacred and Secular" (2004) mehrere Hypothesen und fanden, dass Sicherheit und Sozialstaat zu Säkularisierung führten. «

    Demnach wäre also Großbritannien erheblich sicherer und sozialer als Irland und die Tschechische Republik sehr viel sicherer und sozialer als Polen. Dass Südkorea viel sicherer und sozialer als Philippinien ist, könnte stimmen, immerhin.

    Also, mit Sicherheit und Wohlfahrt lassen sich die Unterschiede zwischen Großbritannien und Irland beziehungsweise zwischen der Tschechischen Republik und Polen wohl kaum erklären.

    Noch einmal: Ich frage mich, wieso Sicherheit und Sozialstaat weder in Irland noch in Polen zu einer nennenswerten Säkularisierung geführt haben. Lag es an der Trennung von "Spreu und Weizen"? Also in Polen und Irland mehr Weizen, in der Tschechischen Republik und in Großbritannien mehr Spreu? Aber warum, was sind die Ursachen für diese Ungleichverteilung?

    » Zum evolutionären Modell passt das natürlich ganz hervorragend…«

    Natürlich ;-)

    » Dort, wo extrinsische Motivationen für religiöse Gemeinschaften (wie Schutz, Sicherheit, Kontakte, Freizeitangebote etc.) wegfallen, schränken weniger religiös veranlagte Menschen ihre religiöse Praxis ein. Intrinsisch Motivierte (stärker religiös veranlagte) bleiben dabei, selbst unter den Bedingungen von Diskriminierung (zum Beispiel in der DDR). «

    Dann gibt es zum Beispiel in Irland mehr intrinsisch Motivierte als in Großbritannien. Wäre ja denkbar, so wie es unterschiedliche Verteilungen von Rothaarigen und Blauäugigen gibt. Aber Haar- und Augenfarben sind evolutionär junge Merkmale, Religiosität (Verhalten gegenüber übernatürlichen Akteuren) hingegen ist fast so alt wie Menschheit selbst.

    Angenommen, Religiosität sei genetisch vergleichbar mit der Musikalität, müsste es dann nicht auch bei der Musikalität ähnliche Unterschiede zwischen den Ländern/Völkern geben wie bei der Religiosität?

    Und diese Fragen sind in GGG schon alle diskutiert worden?

    Und zu guter letzt: Ich zum Beispiel bin ja sehr stark religiös veranlagt, pflege aber kein Verhalten gegenüber übernatürlichen Akteuren, praktiziere also keine Religion. Und ich denke nicht, dass ich damit die große Ausnahme bin. Wenngleich manche statt "religiös" wohl eher "spirituell" sagen würden.

    ---

    » Schrieben Sie selbst nicht weiter oben, dass Sie davon ausgehen, dass früher fast alle Menschen religiös waren? Auch heute noch haben wir Gesellschaften, in denen fast alle Menschen Glauben bekunden und praktizieren. Also ist es offenbar doch fast allen möglich - oder wie jetzt? «

    Korrekt, anfangs hielten praktisch alle Menschen übernatürliche Akteure für real. So wie heute praktisch alle Kinder an übernatürliche Akteure glauben, wenn man ihnen von solchen Akteuren erzählt. Mit der Reifung des Gehirns kann der Kinderglauben jedoch verloren gehen. So, wie im Laufe der Evolution die Fähigkeit, übernatürliche Akteure als reale Wesen anzusehen, bei vielen Menschen verloren gegangen ist.

    » Das gilt auch für Musikalität, z.B. der Fall Tony Cicoria (mit Sound ;-) ) «

    Und ich hatte bewusst darauf verzichtet, pathologische Ursachen für sogenannte Gotteserfahrungen ins Feld zu führen.

    » Warum nur sind Sie so verzweifelt bemüht, ausgerechnet Religiosität aus dem normalen Evolutionsgeschehen auszuklammern? «

    Wie könnte ich Religiosität aus dem Evolutionsgeschehen ausklammern, wenn ich doch sage, dass das Verhalten gegenüber übernatürlichen Akteuren genetisch verankert ist? Ich bestreite lediglich, und zwar aus guten Gründen, dass diese Form der Religiosität mit der Musikalität vergleichbar ist. Und das hatten wir in der Tat schon ausgiebig diskutiert—allerdings ohne den von mir erhofften Erfolg ;-)

  8. Mona @Ralph Würfel
    02.05.2010, 10:44

    „Ich dagegen behaupte, es ist nicht die Religiosität, sondern die Spiritualität. Religiosität ist nur eine "Epoche" in der Geschichte der Spiritualität(wie etwa die Klassik in Geschichte der Musik). Aber - es ist nur eine Theorie (oder Behauptung), keine wissenschaftlich belegte Abhandlung. Dennoch lassen sich hieraus Aussagen für eine mögliche Zukunft der menschlichen Bewußstseins ableiten.“

    Steile These! Demnach befinden wir uns heutzutage also nicht mehr in der klassischen Periode der Religion, sondern in einer Art Free-Jazz-Periode :-) Wenn man sich den überbordenden Esoterik- Markt anschaut, wo jeder seinen Glauben selbst kreiert, dann ist das nicht von der Hand zu weisen.

    Passen dazu möchte ich dieses pdf mit dem Titel „ Spirituelle Dynamik in säkularen Kulturen?“ verlinken, denn es würde Ihre These beinahe stützen.
    http://www.bertelsmann-stiftung.de/..._23402_2.pdf

  9. Praemonitus @M.Blume
    02.05.2010, 11:25

    In dem von Mona verlinkten Artikel schreibt der Wiener Theologe Zulehner: "Mit der Spiritualität scheint in das Christentum die Mystik zurückzukehren." An diesen Punkt sollte man anknüpfen, ihn zumindest im Auge behalten. Was halten Sie davon?

  10. Mona Frage @all
    02.05.2010, 13:43

    Kann es sein, dass wir beim Thema Religion und Spiritualität immer in die falsche Richtung denken? Könnte damit vielleicht doch dasselbe gemeint sein? Vielleicht machten erst der Machtanspruch und das Dogma der etablierten Kirchen eine sprachliche Trennung notwendig.
    Kürzlich habe ich einen „christlichen“ Aufsatz gefunden, der sich mit dem Thema „Spirituelle Theologie“ befasst. Darin heißt es: „Hans Urs von Balthasar (1905-1988) was der erste, der den Begriff „Spiritualität“ als „unumgänglich“ für den deutschen Sprachgebrauch empfohlen hat.“ Bitte lesen Sie selbst:

    http://docs.google.com/...r11hvHeyrHY9YIMAd3X5koqw

  11. Balanus Frage @all /@Mona
    02.05.2010, 15:21

    » Kann es sein, dass wir beim Thema Religion und Spiritualität immer in die falsche Richtung denken? «

    Willkommen im Club ;-)

    » Die evolutionäre Religionswissenschaft muss die Begriffe Spiritualität und Religiosität wohl neu definieren, wenn sie weiterkommen will. «

    Quelle: http://www.chronologs.de/...en/page/6#comment-5231

  12. Michael Blume @ Balanus
    02.05.2010, 19:54

    Ahem, guter Punkt. Sie haben schon Recht, der Verweis auf Inglehart und Norris hilft nicht, wenn man die Argumente des Buches nicht auch umreißt! Dann hole ich es eben nach... :-)

    Also, mit Sicherheit und Wohlfahrt lassen sich die Unterschiede zwischen Großbritannien und Irland beziehungsweise zwischen der Tschechischen Republik und Polen wohl kaum erklären.

    Doch, lassen sie sich. Zum ersten ist (so die Daten von Inglehart & Norris) vor allem entscheidend, welche Erfahrungen die Betroffenen in den ersten zwei Lebensjahrzehnten gemacht haben - das bestimmt maßgeblich über den Level an Religiosität (und vieler weiterer biografischer und weltanschaulicher Faktoren). Zwar wirken Faktoren natürlich auch danach, aber diese Prägephase bleibt (im Durchschnitt) sehr einflußreich.

    Und zum zweiten pflegten (und pflegen z.T.) polnische und irische Katholiken lange Erzählungen der Bedrohung durch sowjetische bzw. protestantische Besatzer. Entsprechend entstanden fest gefügte "nationalkatholische" Milieus, die erst angesichts von Wohlstand und Sicherheit langsam zu zerbröckeln beginnen. Was ja auch prompt von den jeweiligen Kirchen wortreich beklagt wird...

  13. Michael Blume @ all: Religiosität und Spiritualität
    02.05.2010, 20:03

    Das Thema scheint für viele hier von großem Interesse zu sein - das freut mich sehr und ich hätte auch gute Lust, dazu weiter zu diskutieren und zu arbeiten. Was war zuerst da? Wie hängen die beiden Merkmale zusammen? Warum haben religiös vergemeinschaftete Menschen im Durchschnitt mehr Kinder, spirituelle Individualisten aber nicht? etc. pp.

    Es gäbe noch viel zu entdecken, ja! Nur: Dazu bräuchte es klare Definitionen. Im eigenen Beitrag zu Religiosität und Spiritualität habe ich jene vorgestellt, die ich selber - im Hinblick auf empirische Befunde, aber auch Ergebnisse von Hirnforschern - bislang verwende:
    http://www.chronologs.de/...ge-nach-hirngespinsten

    Gerne würde ich auch Überlegungen z.B. von @Balanus aufgreifen, aber es ist bislang immer wieder wie ein Griff in Watte: Wie definieren Sie Religiosität? Und wie Spiritualität?

    Gefühlte Assoziationen und frei schwebende Spekulationen sind eine schöne Sache, aber wenn es wissenschaftlich überprüfbar werden soll, reicht das nicht. Ohne klare, überprüfbare Definitionen drehen sich die Debatten im Kreise und machen keinen (wissenschaftlichen) Sinn.

    Daher möchte ich einfach um eines bitten: Wer von den vorgeschlagenen Definitionen je von Religiosität oder Spiritualität abweichen möchte, möge bitte seine eigenen Definitionen angeben. Sonst kann ein Dialog auf wissenschaftlichem Niveau nicht gelingen.

  14. Michael Blume @ Praemonitus
    02.05.2010, 20:25

    Sie stellten eine konkrete Frage, auf die ich gerne eingehe: In dem von Mona verlinkten Artikel schreibt der Wiener Theologe Zulehner: "Mit der Spiritualität scheint in das Christentum die Mystik zurückzukehren." An diesen Punkt sollte man anknüpfen, ihn zumindest im Auge behalten. Was halten Sie davon?

    Ja, das sehe ich auch so! Immerhin leben wir in Umständen, in denen Religiosität erfreulicherweise kaum mehr extrinsisch erzwungen wird. Wo sich Menschen in Kirchen und Religionsgemeinschaften einbringen, dann (stärker) aus intrinsischen Motiven. Daher nehme ich an, dass es für den Erfolg auch christlicher Kirchen entscheidend ist, unterschiedliche religiöse, spirituelle und soziale Bedürfnisse lebensdienlich aufzugreifen. Ein nur abstrakt-dogmatisches Christentum würde m.E. viele Menschen dagegen nicht (mehr) erreichen, zumal genügend Wettbewerber bereit stehen.

  15. Ralph Würfel Huhn oder Ei
    03.05.2010, 09:08

    Ich war nur zwei Tage nicht im Forum und habe also eine spannende Diskussion verpasst. Da ich nicht auf alles eingehen kann, antworte ich also nur auf das Nötigste.

    Zu Wilber: als Pandit versteht er sich erst seit kurzem und nur in bestimmten Zusammenhängen (etwa, wenn er mit dem Herausgeber einer bestimmten Zeitschrift diskutiert). Seine Werke der 1980er bis 2000er Jahre sind davon "unberührt".
    Leider halte ich mich aber nicht dafür geeignet, einen (objektiven) Beitrag über Wilbers Arbeit abzuliefern. Lieber bringe ich das eine oder andere Argument, das auf seinen Ansichten basiert, in die Diskussion ein.

    Zur Frage nach "Huhn oder Ei" - für mich ist es nicht eine Frage, was eher da war, sondern es ist eine Frage der Einordnung (bzw. der Hierarchie): ist das Huhn ein Vogel oder nicht oder sind alle Vögel Hühner oder nicht.

  16. Balanus Ex- und intrinsische Religiosität /@Michael Blume
    03.05.2010, 09:36

    Danke für die nachgelieferten Erläuterungen zu Inglehart und Norris.

    Dann besteht ja offensichtlich kein großer Dissens zu den Ausführungen von Phil Zuckerman, der eine überwiegende Erblichkeit der Religiosität bestreitet und religiöses Verhalten im Wesentlichen auf soziokulturelle Einflüsse zurückführt.

    Und ich dachte immer, Sie sähen das umgekehrt… :-)

  17. Balanus Huhn/Ei
    03.05.2010, 09:52

    Zur Frage nach "Huhn oder Ei" - für mich ist es nicht eine Frage, was eher da war, sondern es ist eine Frage der Einordnung (bzw. der Hierarchie)

    Die Einordnung ergibt sich daraus, was es als erstes gab: Erst das Ei, dann das Huhn. Oder nicht?

    (Aus dem Ei eines spirituellen Vogels schlüpfte ein religiöses Huhn…)

  18. Mona Zweifelnde Hühner @Balanus
    03.05.2010, 11:09

    „Aus dem Ei eines spirituellen Vogels schlüpfte ein religiöses Huhn…“

    „In einem der ältesten überlieferten religiösen Texte überhaupt, dem nordindischen Rigveda, wird (…) der Uranfang der Welt verkündigt, verbunden mit einem bis zum Ende bohrenden Zweifel.“

    Der Uranfang
    Weder ein Etwas war damals, noch auch ein Nichts war das Weltall,
    Nicht bestand der Luftraum, noch war der Himmel darüber.
    Wo war der Hüter der Welt? Was war ihr Inhalt und welches
    Ihre Umhüllung? Was war die Meerflut, die grundlose tiefe?
    Nicht regierte der Tod, noch gab es Unsterblichkeit damals,
    Und es fehlte das scheidende Zeichen von Tagen und Nächten.
    Eins nur atmete ohne zu hauchen aus eigenem Antrieb,
    Und kein anderes zweites war außer diesem vorhanden.
    Dunkelheit war im Beginne in Dunkelheit gänzlich versunken.
    Nebelhaft nur, ein Wassergewoge war damals das Ganze;
    Als lebendiger Keim von dem toten Gewoge umfangen,
    Ließ sich das Eine gebären von feurigem Drange getrieben.
    Über das Eine ist anfangs ein liebendes Sehnen gekommen,
    Aus bloßen Gedanken entspross der früheste Same.
    Also fanden das Band, das Sein mit Nichtsein verknüpfet,
    In der Vergangenheit forschend die Weisen mit sinnendemHerzen.
    Helle verbreitend drang mitten hindurch ihr geistiges Auge.
    Gab es denn damals ein Unten, und gab es schon damals ein Oben?
    Sämende Kräfte, sie wirkten, es wirkten die Triebe ins Weite;
    Unten die wollende Kraft und oben das männliche Drängen.
    Aber wer weiß es gewiss, und wer kann auf Erden erklären:
    Woher ist sie entsprungen, von wannen kam sie, die Schöpfung?
    Götter sind später entstanden im Laufe der Weltenerschaffung.
    Wer weiß also, von wannen die erste Entwicklung gekommen?
    Unsere Schöpfung, von wannen sie ihre Entwicklung genommen,
    Sei es, dass er sie bereitet hat, sei es auch nicht so -
    Der sie als schirmendes Auge vom obersten Himmel beschauet,
    Der nur weiß es gewiss! Und wenn selbst er es nicht wüsste?

    (aus: Rigveda, entstanden 1750-1200 v.u.Z.;
    aus dem Sanskrit von Karl Friedrich Geldner)

    Quelle: http://www.lyrik-lesezeichen.de/...se_gedichte.php

  19. Ralph Würfel Unerwartete Schützenhilfe
    05.05.2010, 07:57

    Eigentlich scheint dieser Beitrag ja schon abgeschlossen zu sein. Da ich bei meiner morgendlichen Lektüre jedoch auf eine interessante Sache gestoßen bin, die meinen Standpunkt aus einem anderen Blickwinkel beinahe besser vedeutlicht, als ich es selber getan habe, möchte ich hier doch darauf verweisen.

    Peter Sloterdijk hat ein neues Buch geschrieben ("Du musst dein Leben ändern"), dass er jetzt zur Diskussion gestellt hat - an der Evangelischen Akademie Wittenberg. "Religionen", so argumentiert er, seien "nur missverstandene spirituelle Übungswege."

    Dieses Buch wird demnächst auf meinem Lesetisch liegen.

    http://www.mz-web.de/...ikel&aid=1269291693613

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