Als einen Nachtrag zum Bloggewitter „Bloggen und Karriere“ stelle ich heute einmal ein paar aktuelle Blogdiskussionen vor und frage, was sie über das Verhältnis von Wissenschaffenden und Öffentlichkeit aussagen.
Immer noch ist in wenig informierten Medien zu lesen, bei islamischen Salafisten handele es sich schlicht um eine "traditionalistische" und "rückwärtsgewandte" Bewegung. Dabei gehören die Salafisten in den Bereich des religiösen Fundamentalismus - der ein Produkt der Moderne ist, sie zugleich aufnimmt und bekämpft. So erschien die den Namen begründende, evangelikale Schriftenreihe "The Fundamentals" Anfang des 20. Jahrhunderts und versuchte, gerade mit neuen, nicht-traditionellen Argumenten etwa die liberale Theologie oder die Evolutionstheorie abzuwehren. Hinter dem Anspruch (!) ein urtümliches Christentum zu vertreten stand schon damals eine moderne Ideologie und Methodik, die gewachsene Traditionen verwarf. Und dies gilt weiterhin für Fundamentalismen in allen Religionen.
Die Zeitschrift Herder Korrespondenz (gegr. 1946) ist so etwas wie die katholische Edelfeder in Deutschland, deren (zunehmend ökumenischer und interreligiöser) Mix aus aktuellen Meldungen und Berichten, theologischen und wissenschaftlichen Texten im spartanisch weiß-roten Setting mich seit Jahren fasziniert. Sozusagen die Brezel unter den Religionszeitschriften: schlicht, und einfach nicht zu verbessern. Umso euphorischer war ich, als eines Abends eine Anfrage genau der HK-Redaktion für einen Artikel im Postfach lag - und zwar für einen Text zu Religion & Bloggen.
In absurden #Heveling-Klischees von "der Netzgemeinde" handelt es sich bei aktiven Internetnutzern wie Bloggern um eine weltanschaulich gleichförmige Masse. In meiner NdG-Kategorie der Web-Interviews möchte ich dagegen aufzeigen, wie bunt und vielseitig der Bereich der deutschsprachigen Blogosphäre gerade auch im Bereich von Religion(en) & Wissenschaft längst geworden ist.
Beim Blognachbarn Stefan vom Blog "Seelengrund" fiel mir zum Beispiel auf, dass er zwar gerne über religiöse und spirituelle ("mystische") Erfahrungen schreibt, sich selbst dabei aber nicht als "Verkünder" versteht und die eigenen Positionen auch immer wieder öffnet und reflektiert. So ist ein kleiner, aber im Ton bemerkenswert feiner Blog entstanden, in dem sich Interessierte dialogisch über außergewöhnliche Erfahrungen in, mit und neben den Weltreligionen austauschen. Als ich ihn wegen eines Webinterviews anfragte, antwortete er verblüfft, er sei doch "nur einer von Vielen, die ungesucht von mystischen Erfahrungen überfallen wurden." Jetzt ließ ich nicht mehr locker.
Stefan Kraus ist 46 Jahre, gelernter Diplom-Verwaltungswirt (FH) und als Bauaufsichtsbeamter tätig. Dass er auch "Gott, Gene und Gehirn" gelesen hat, erfuhr ich erst während des Interviews. :-)
1. Stefan, in Deinem Blog "Seelengrund" bekennst Du Dich als Mystiker und betonst, das Internet habe für die Deutung Deiner Erfahrungen besondere Bedeutung gehabt. Kannst Du uns etwas dazu erzählen?
Nun, das mag für viele Ohren noch immer seltsam klingen, wenn sich jemand als Mystiker bezeichnet. Aber davon sollten wir uns vielleicht lösen. Zunächst einmal ist ja festzustellen, dass wohl weit mehr Menschen mystische Erfahrungen machen, als oftmals angenommen wird. Ihr schreibt in eurem Buch „Gott, Gene und Gehirn“ ja selbst davon, dass es weltweit zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Menschen sind, die mystische Erfahrungen gemacht haben. Dann kommt hinzu, was auch bereits in deiner Frage erkennbar wird: Es ist zu unterscheiden zwischen der mystischen Erfahrung an sich und ihrer Deutung. Und bei der Deutung kann natürlich jeder mitreden, auch wenn man selbst keine mystischen Erfahrungen gemacht hat. Wenn ein Mystiker einer bestimmten Religion angehört, kann er – sofern seine Religion dafür offen ist - seine Erfahrungen innerhalb seines eigenen religiösen Kontextes deuten, sie darin einbetten, und mit etwas Glück auch kommunizieren. Wobei in der Mystik natürlich stets die Schwierigkeit einer adäquaten Versprachlichung und somit einer Kommunikation mitgedacht werden muss. Ich selbst begreife die Deutung und Einbettung – und was viel wichtiger ist: was sich daraus für das Leben beziehen lässt - jedoch als einen nach allen Seiten offenen und ständigen Prozess. Dann wird es schon schwieriger, Dialogpartner und eine entsprechende Vielfältigkeit zu finden. Und diese sind unverzichtbar, um Lernprozesse einzuleiten, neue Impulse zu erhalten, individuelle Korrekturen zu erfahren, usw. Hierbei ist das Internet natürlich eine gewaltige Hilfe.
2. Aus der Perspektive der Evolutionsforschung erkunden wir ja auch Religiosität und Spiritualität als komplexe Merkmale, die uns Menschen evolutionär zugewachsen sind und sich bei jedem Menschen individuell ausprägen. Wie wirken solche wissenschaftlichen Erklärungsansätze auf Dich?
Da ich gegenüber den Wissenschaften immer neugierig war, finde ich solche wissenschaftlichen Ansätze zunächst einmal spannend, in einem weitergehenden Sinne dann aber für mich selbst auch schlichtweg unabdingbar. Dabei ist klar, dass ich hier nicht einem Szientismus das Wort rede. Ein von mir sehr geschätzter Kommentator in meinem Blog hat es treffend mal so ausgedrückt, dass „vorgängig ‚tieferer Erkenntnis‘ das ontologische Fundament zu beäugen sei, auf das man sie sonst unbedacht stellt“. Das gilt natürlich, was meine Betrachtung anbelangt, sowohl für Religion und Spiritualität, als auch für Wissenschaft. Glaube im religiösen bzw. spirituellen Sinne - und an dieser Stelle sei angemerkt, dass natürlich auch jede Deutung mystischer Erfahrung einen Glauben darstellt – ist ja nicht das infantile Brüderchen des Wissens; andererseits sind Glaube und Wissen dennoch verbunden. Für mich gilt: Wenn Glaube und Wissen anfangen, sich zu meiden oder zu beißen, stimmt etwas nicht. Um die Ursache solcher Unstimmigkeiten aufzuspüren, bedarf es wiederum etwas Philosophie, und sei es auch so laienhaft wie in meinem Fall. Immerhin ist für die individuelle Entwicklung auch Offenheit maßgeblich, und so das Wagnis zunächst einmal wichtiger als die Fähigkeit. Wenn ich anerkenne, dass die Evolution den Menschen auch zu einem sinnsuchenden Wesen gemacht hat, dann sollten sich Wissenschaft, Philosophie, Religion und Spiritualität offen begegnen. Denn was taugt schon mein Glaube, wenn er sich vor Erkenntnissen und Gedanken aus anderer Richtung als der eigenen verstecken, oder diese verdrehen muss, um zu bestehen? Und diese Begegnung kann man nach meiner Erfahrung durchaus gelassen angehen.
3. Das Web bringt Menschen auf neue Art zusammen, so dass sich auf Deinem Blog immer wieder Dialoge über Erfahrungen, Gefühle, Überzeugungen usw. ergeben. Andererseits aber wimmelt es im Internet auch von aggressiven und höhnischen Stimmen, die sich durch die vermeintliche Anonymität ermutigt fühlen, vom Leder zu ziehen. Wie gehst Du mit diesen Schattenseiten des Internets um? Erlebst Du es als Risiko, sich online so zu öffnen?
Ja, persönliche Öffnungen im Internet, insbesondere wenn sie das verletzliche Innere betreffen, sollten sich des von dir angesprochenen Risikos bewusst sein. So etwas zu tun ist natürlich eine Frage der Motivation. Möchte man zum Beispiel anderen damit Mut machen, wäre es irgendwie widersinnig, wenn man sich selbst zu ängstlich gibt. Möchte man zu seinen Erfahrungen und Empfindungen offenen, ehrlichen Austausch, wäre es wenig hilfreich, sich selbst bedeckt zu halten. Aber eine solche Öffnung hängt auch davon ab, wie verletzlich man selbst ist. Das muss natürlich jeder für sich abwägen und entscheiden. In meinem Blog „Seelengrund“ habe ich zum Glück noch keinen solchen "Angriff" erlebt, aber bei meinen anderen Webaktivitäten schon. Bislang hatte ich kein Problem damit, solche Kommentare einfach stehen zu lassen.
4. Zwischen mystischen und orthodoxen Strömungen gab es ja quer durch die Weltreligionen immer Spannungen. Du hast nach eigenen Angaben die katholische Kirche inzwischen verlassen. Wie sollten sich Kirchen und Religionen Deines Erachtens im Bezug auf spirituelle und mystische Erfahrungen von Mitgliedern und Suchenden verhalten?
Nun, auch wenn ich gelegentlich dazu aufrufe, man solle sich in Sachen Spiritualität und Mystik etwas zutrauen, so nehme ich dennoch gleichzeitig eine recht entspannte Haltung gegenüber kirchlichen und religiösen Positionen ein, welche sich – in welcher Form auch immer – gegenüber der Mystik distanziert verhalten oder äußern. Zum einen kann eine weitergehende Öffnung solcher Positionen für Mystik und Spiritualität natürlich nur als Prozess vonstattengehen. Was das Christentum angeht, habe ich den Eindruck, dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Das Interesse an Mystik und Spiritualität scheint mir überhaupt zugenommen zu haben, was sicherlich auch dem Internet zu verdanken ist. Und in diesem Prozess wird wohl auch eine Rolle spielen, dass es nicht wenige Menschen sind, die spirituelle und mystische Erfahrungen machen. Zum anderen habe ich aber eine gewisse Scheu, einen solchen Prozess als notwendig zu bezeichnen. Zwar kann ich für mich die Mystik als die „Seele der Religion“ betrachten und das auch äußern, aber das heißt ja nicht, dass andere das auch müssten. Ich denke, im Grundsatz gibt es keinen richtigen oder falschen Glauben, und wenn jemand zum Beispiel in seinem Glauben oder in einer Lehre Offenbarung und Mystik als Gegensätze begreift, dann ist das doch genauso legitim wie es als Einheit zu glauben. Natürlich gibt es auch dabei problematische Facetten, insbesondere dort, wo ein Glaube oder eine religiöse Lehre anfängt Schaden anzurichten, sei es in der Psyche Einzelner oder als Gewaltbereitschaft einiger Fundamentalisten. Es steht mir also nicht zu, zu sagen, wie sich Kirchen und Religionen in Bezug auf spirituelle und mystische Erfahrungen verhalten sollten. Aber es wäre natürlich schön, wenn auf allen Seiten die Freiheit des Denkens und Glaubens anerkannt und respektiert würde, Dialoge offen und in einem angstfreien Raum geführt werden könnten.
Danke für dieses Interview, Stefan. Wer weitere Fragen an Dich hat, kann sie hier auf NdG einstellen oder Dich im "Seelengrund" besuchen.
So, nun ist es soweit. Morgen fliege ich zur "Explaining Religion"-Konferenz nach Bristol, um dort Fachkolleginnen und -kollegen verschiedenster Disziplinen und Nationen zu treffen und aus meinem Forschungsbereich - der Religionsdemografie - zu sprechen. Die letzte, internationale Konferenz in Delmenhorst hat mich sehr begeistert, zumal auch noch ein spannendes Fachbuch ("The Biological Evolution of Religious Mind and Behaviour") daraus entstanden ist. Aus der Erfahrung nehme ich aber auch an, dass keine Zeit für Online-Aktivitäten bleiben wird - ich werde also sicher ein paar Tage offline sein und vielleicht "Natur des Glaubens" lesen, aber sicher erst im Nachhinein schreiben können.
Während des zweiten Weltkrieges war Korea von japanischen Truppen besetzt. Die Alliierten vereinbarten, es nach der Niederlage der Achsenmächte aufzuteilen: Sowjetische Truppen besetzten 1945 koreanisches Gebiet nördlich des 38. Breitengrades, US-amerikanische Soldaten südlich davon. So begann ein monströses "Experiment": Wie würde sich je die atheistisch-kommunistische bzw. christlich-demokratische Weltanschauung auswirken?
An Aschura gedenken schiitische und alevitische Muslime des Todes von Imam Hossein in Kerbela, der mit seiner kleinen Gefolgschaft von einer überlegenen Streitmacht eines Despoten getötet wurde. In vielen schiitischen Ländern, besonders im Iran, geht dieses Gedenken mit Klagen und Selbstvorwürfen (bis hin zu Selbstgeißelungen) einher, da die damaligen Hilfegesuche des Imam Hossein nicht erhört worden waren.