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Netzkultur - Kritiker vs. Basher

27. März 2012, 08:03

Die große Chance des Netzes ist, dass sehr viel mehr Menschen mitreden können. Ein Problem dabei ist jedoch, dass einige zur Einschüchtung Anderer Kompetenzen beanspruchen, die sie offensichtlich nicht haben. Der vielleicht beliebteste Trick besteht darin, sich mit der Würde eines "Kritikers" zu schmücken - beispielsweise als Evolutions- oder Islam-, Israel- oder Demokratie-, Religions- oder Medizin"kritiker". Damit schließen sie an die prägende Kultur der Literatur-, Musik-, Theater-, Kunst- und schließlich Gesellschaftskritik an, über die sich das Bürgertum in der Aufklärung emanzipierte. Signalisiert werden sollen mit der Selbstbezeichnung als "Kritiker" Kenntnisse und ein höherer, reflektierter Standpunkt.

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Islam-Studie für Deutschland - BILD Dir Deine Meinung

02. März 2012, 22:05

Wieder einmal gibt es Klärungsbedarf zwischen Wissenschaftlern und Journalisten. Die BILD-Zeitung hatte eine neue Studie zu jungen Muslimen im Auftrag des Bundesinnenministeriums diese Woche als "Schock-Studie" über "radikale Muslime" tituliert und verkündet: Junge Muslime verweigern Integration. Der verantwortliche Autor der Studie, Prof. Wolfgang Frindte von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, ist mit dieser Deutung jedoch gar nicht glücklich. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung online erklärte Frindte:

Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten - das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt. Aber es ist gut, dass die Studie jetzt zur Kenntnis genommen wird. Und inzwischen wird auch auf kompetente Weise darüber berichtet.

Nun, die neuen Medien erlauben es uns, der Sache nachzugehen. So ist die umfangreiche Studie, die in der Tat eine ganze Menge auch anderer, spannender Aspekte (z.B. Auswirkungen der Sarrazin-Debatte) erkundete, hier kostenlos und komplett als pdf abrufbar.

Wem die deutlich über 700 Seiten nun aber doch zuviel sind, für den steht hier auch eine Kurzfassung der Studie auf den Seiten des BMI zur Verfügung.

Und wem auch das noch zu lang ist, der findet auf der BMI-Page sogar eine Kurzfassung der Kurzfassung, die in der Tat so kurz ist, dass ich sie hier zitieren kann:

Die Studie kommt laut Bundesministerium des Inneren zu folgenden wesentlichen Ergebnissen:

  • Es gibt nicht eine muslimische Lebenswelt in Deutschland, sondern zahlreiche ambivalente. Ebenso sind die Beziehungen zwischen der deutschen, nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft und den in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslimen vielschichtig.
  • Die Untersuchung zeigte, dass sich alle in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen mehrheitlich deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzieren. Allerdings erleben sie eine Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen und eine zu vorschnelle Verknüpfung des Islams mit dem Terrorismus.
  • Die Mehrzahl der befragten deutschen und nichtdeutschen Muslime ist bestrebt, sich zu integrieren. Demnach befürworten 78 Prozent der deutschen Muslime Integration mehr oder weniger während 22 Prozent eher eine zurückhaltende, die eigene Herkunftskultur betonende Haltung einnehmen. In der Gruppe der nichtdeutschen Muslime finden sich ca. 52 Prozent, die Integration mehr oder weniger befürworten, aber auch 48 Prozent mit starken Separationsneigungen.
  • Die Befragungen von Muslimen im Alter zwischen 14 und 32 Jahren ergaben jedoch auch, dass eine Subgruppe existiert, die als "streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz" bezeichnet werden kann. Diese Subgruppe umfasst bei den deutschen Muslime ca. 15 Prozent und in der Gruppe der nichtdeutschen Muslime ca. 24 Prozent.
  • Mögliche Ursachen für diese potenziellen Radikalisierungstendenzen liegen vor allem im Ausmaß der "traditionellen Religiosität", der "autoritären Einstellungen", der Orientierung an "Macht" und "Erfolg" sowie der Wahrnehmung bzw. dem Erleben von "gruppenbezogener Diskriminierung".

Das Heymat-Projekt am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin unter Leitung von Dr. Naika Fourutan hat ebenfalls bereits eine erste, kritisch-konstruktive und online-verfügbare Einschätzung der Islam-Studie vorgenommen. So merken sie unter anderem an, dass die Zahl der Befragten so klein war, dass sich Aussagen über "die" radikalen Muslime auf eine Zahl von 25 - in Worten: fünfundzwanzig - Interviews beziehen. Die Nicht-Repräsentativität räumen die Macher der Studie auch durchaus ein, man wird sie wohl explorativ nennen dürfen. Lesenswert ist auch der Vergleich von Zustimmungsquoten von demokratiefeindlichen, antisemitischen, rassistischen und gewaltaffinen Aussagen in der Gesamtgesellschaft auf den Seiten 8 und 9 der Heymat-Gegenüberstellung...

Sollte man also einfach so tun, als gebe es die Befunde der Studie und Radikalisierungsprozesse bei einer Minderheit von Muslimen gar nicht? Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, ist im tagesschau-Interview anderer Meinung...

Nicht die BILD-Zeitung, sondern die Studie selbst kommentierend, sagte er:

Die Studie stellt die Situation differenziert dar und bringt die Probleme auf den Punkt. Und sie zeigt, dass wir handeln müssen und gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze suchen sollten. Wir neigen ja dazu, Integrationsdefizite zu benennen und zu beklagen. Mit dem gleichen Engagement sollten wir endlich über Lösungsansätze debattieren und die richtigen politischen Schlussfolgerungen ziehen.

Und als Antwort auf die Frage, nach den Erwartungen an die "Politik als Reaktion auf die Studie" antwortete Mazyek:

Wir erwarten, dass die Politik das Warnsignal erkennt und mit uns gemeinsam gegensteuert. Der Kampf gegen Extremismus ist keine Frage von "ihr" und "wir". Wir werden das Problem nur gemeinsam lösen können.

Irgendein Medium hat doch mal mit dem Slogan geworben: Bild Dir Deine Meinung.

Nun, das Web macht es - leichter und schneller denn je - möglich.



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Als Richard Dawkins Zuflucht bei Gott suchte

24. Februar 2012, 01:18

Das Internet entwickelt beunruhigende Ähnlichkeiten mit der BILD-Zeitung: Wer diese Aufzüge nach oben nimmt, läuft Gefahr, mit ihnen auch herunter zu fahren. So ging es gerade in letzter Zeit Richard Dawkins, der so lange auf der Klaviatur des Netzes gespielt hatte - und sich nun wiederholt in ihm verhedderte.

Bild: Matthias Asgeirsson / Wikicommons

Es ging wohl los mit #Elevatorgate, in dem Dawkins auf die Beschwerde einer Mit-Skeptikerin über Sexismus unter "neuen Atheisten" mit einem höhnischen Kommentar geantwortet hatte. Es folgten Debatte und ein erster Shitstorm, selbst Teile seiner Anhängerschaft reagierten verstört.

Weiter ging es mit einem New York-Times-Online-Interview, in dem Dawkins nicht nur Freund und Feind mit seinem Glaubensbekenntnis zu "evolutionärem Fortschritt" (an der Seite von Simon Cornwall Morris) verblüffte, sondern auch verkündete, er gehe davon aus, dass andernorts im All bereits "gottähnliche Kreaturen" (God-like creatures) evolviert seien. Kann man glauben...

Und nun auch noch dieses BBC-Radiointerview: Dawkins hatte darin behauptet, dass ein Großteil der Briten nicht mehr als Christen bezeichnet zu werden verdienten, vermochte doch weniger als ein Drittel der Befragten einer Studie Matthäus als ersten Evangelisten zu benennen. Doch sein Diskussionspartner, Reverend Giles Fraser, hakte nach (Transkript übersetzt):

Giles Fraser: Richard, wenn ich dich nach dem vollen Titel von der "Entstehung der Arten" fragen würde, könntest du mir diesen sicher nennen.

Richard Dawkins: Ja, könnte ich.

Giles Fraser: Na dann los.

Richard Dawkins: 'Die Entstehung der Arten' ... Uh. Mit, Oh Gott. 'Die Entstehung der Arten.' Dazu gibt es einen Untertitel der sich auf die Erhaltung bevorzugter Rassen im Ringen um das Leben bezieht.

Giles Fraser: Du bist der Hochpapst des Darwinismus... Wenn du Leute fragtest, ob sie an die Evolution glauben und kämest zurück und berichtetest, zwei Prozent bekämen es hin, dann würde es doch furchtbar einfach für mich sein zu sagen, 'die glauben es ja gar nicht'.

Aus Dawkins Sicht kein optimaler Diskussionsverlauf. Und dann, im Moment der Verzweiflung, auch noch eine Anrufung Gottes! Das schaffte es gleich bis in die Huffington Post...

Aber, wissen Sie was? Solche Irritationen mögen für diejenigen ein Problem sein, die Dawkins wahlweise für einen unfehlbaren Guru oder einen Reiter der Apokalypse halten. Aus meiner Sicht machen solche Lapsen Dawkins dagegen doch vor allem als Mensch von immerhin schon 70 Jahren erkennbar. Das ist m.E. nichts, was gegen Menschen sprechen sollte. Wer im Internet sezierend attackiert wird - wie derzeit z.B. auch Joachim Gauck -, wird mir persönlich eigentlich eher sympathischer. Auch da ist sie wieder - die Parallele zu den Opfern der BILD-Zeitung...



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Darwinisten gegen Darwin? Gegen die religionsfeindliche Umdeutung von Charles Darwin

25. Dezember 2011, 14:28

Wenn "Darwinisten" über Charles Darwin diskutieren, so fühle ich mich oft an Dostojewskis "Großinquisitor" erinnert. In diesem berühmten Gedankenspiel lässt der Autor Jesus ins spätmittelalterliche Spanien zurückkehren. Doch die Lehren und Institutionen der Kirche haben sich längst weit von den Lehren des Nazareners entfernt. Entsprechend begrüßt der Großinquisitor Jesus nicht etwa, sondern lässt ihn verhaften und beschimpft ihn:

Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn Du bist uns stören gekommen! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: bist Du's wirklich, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Aber morgen noch werde ich Dich richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküsst hat, wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen hinstürzen, um eifrig die glühenden Kohlen zu schüren, weißt Du das?

Dass die Ideen und Lehren bedeutender Persönlichkeiten unweigerlich gedeutet, tradiert und institutionalisiert werden, bis sie kaum noch zu erkennen sind, ist in der Geschichte von Religionen und Weltanschauungen keine Seltenheit. Man sollte jedoch meinen, in den Wissenschaften gälte ein besonders reflektierter und vorsichtiger Umgang mit großen Stichwortgebern. Doch weit gefehlt - erst neulich hatten wir hier ja über die rationalistische Verkürzung des evolutionären Ökonomen Friedrich August von Hayek diskutiert. Und auch für den populären Darwinismus - bzw. den Neodarwinismus - gilt: Hier berufen sich regelmäßig Menschen auf den studierten Theologen Charles Darwin, die ihn entweder nicht wirklich gelesen haben oder gezielt ignorieren.

Darwinistische Inquisitoren

Einen kleinen Geschmack auf die atheistischen Vorwürfe, die einem vorbei spazierenden Darwin heute drohen würden, gab es auf "Natur des Glaubens", als ich es gewagt hatte, die Schlusssätze von Darwins Hauptwerk "Die Entstehung der Arten" (ab der 2. Auflage) zu zitieren:

Es ist wahrlich eine großartige Ansicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht hat, und daß, während unser Planet den strengsten Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfange sich eine endlose Reihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.

Gleich der erste Kommentator ließ wissen, dass Charles Darwin nicht gemeint haben könnte, was er schrieb - entsprechende Sätze "waren nichts weiter als beruhigende Zugeständnisse an seine erbosten Zeitgenossen." Darwin - ein unaufrichtiger Taktierer?

Der zweite Kommentator behauptete, dass Darwin den Schöpfer "unter dem Druck der Religionslobby hinzugefügt" habe, und zwar "zu seinem eigenen Missfallen". Und zitieren solle man ihn also auch nicht mehr, denn: "Dass für seine eigene naive Argumentation für Gott zu vereinnahmen kann natürlich nur passieren, wenn man ganz stark an Religiosität erkrankt ist, jedem anderen Menschen mit einem Funken Anstand wäre derartiger Betrug einfach zu peinlich." Darwin - zu Betrug erpresst?

Darwinismus ohne oder gar gegen Darwin?

Und so geht es weiter - religionskritische Darwinisten haben sich längst ein Darwin-Bild zurecht gebogen, das mit dem studierten Theologen ("unnütze Esser" laut einem weiteren Kommentator...) nichts mehr zu tun hat. Aber auch prominente Darwinisten wie Richard Dawkins veröffentlichen ganze Bücher "darwinistischer" Religionskritik - ohne auch nur zu erwähnen, wie ihr Namensgeber selbst die Vereinbarkeit von Evolution und Gottesglauben (evolutionärer Theismus) beurteilte und welche Begriffe und Hypothesen Darwin selbst zur Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen vortrug.

Ob (nicht nur) Dawkins die religionsbezogenen Aussagen von Charles Darwin gar nicht kennt - oder bewusst entscheidet, sie zu verschweigen?

Charles Darwin und der evolutionäre Theismus

Schauen wir uns die o.g. Aussage Darwins doch noch einmal genau an, so werden wir feststellen, dass sie sehr viel differenzierter ist, als manche(r) vor lauter Erregung wahrnimmt. Charles Darwin behauptet gar nicht, an einen Schöpfergott und einen Fortschritt des Lebens zu glauben. Er erkennt jedoch an, dass dies eine "grossartige Ansicht" sei. (Im englischen Original geradezu poetisch: There is grandeur in this view of life...")

Wenige Absätze zuvor hatte Darwin diesen Gedanken bereits in der Ursprungsfassung der "Entstehung der Arten" ausgeführt:

Ich sehe keinen triftigen Grund, warum die in diesem Bande aufgestellten Ansichten gegen irgend Jemandes religiöse Gefühle verstoßen sollten. Es dürfte wohl beruhigen, (da es zeigt, wie vorübergehend derartige Eindrücke sind), wenn wir daran erinnern, daß die größte Entdeckung, welche der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Attraction oder Gravitation, von Leibnitz auch angegriffen worden ist, „weil es die natürliche Religion untergrabe und die offenbarte verläugne.“ Ein berühmter Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe allmählich einsehen gelernt, daß es eine ebenso erhabene Vorstellung von der Gottheit sei, zu glauben, daß sie nur einige wenige der Selbstentwickelung in andere und nothwendige Formen fähige Urtypen geschaffen, wie daß sie immer wieder neue Schöpfungsacte nöthig gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer eigenen Gesetze entstanden seien.“

Auch in seinem späteren Hauptwerk "Die Abstammung des Menschen" formulierte Darwin nicht nur Definitionen und Hypothesen zur Evolution der Religion, sondern stellte auch klar:

Natürlich ist diese Frage von der anderen höheren völlig verschieden, ob ein Schöpfer und Regierer des Weltalls existirt; und diese ist von den grössten Geistern, welche je gelebt haben, bejahend beantwortet worden.

Erneut erkennt Darwin an, dass man die Evolutionstheorie mit dem Gottesglauben verbinden kann, ohne sich jedoch selbst dazu zu bekennen. Vollends fallen alle Erpressungs-, Betrugs- oder Verschwörungstheorien aber mit dem Brief Darwins an John Fordyce vom 7. Mai 1879 (drei Jahre vor seinem Tod) in sich zusammen. In eigener Übersetzung:

Es scheint mir absurd zu bezweifeln, dass ein Mensch ein entschiedener Theist und ein Evolutionär sein kann. - Sie haben Recht mit Kingsley. Asa Grey, der berühmte Botaniker, ist ein weiterer, überzeugender Fall. - Was meine eigene Ansichten sein mögen ist eine Frage, die niemanden außer mich betreffen muss. - Aber da Sie fragen, möchte ich erklären, dass mein Urteil oft schwankt. Ob ein Mensch es verdient, ein Theist genannt zu werden, hängt von der Definition des Begriffes ab; was viel zu groß für eine Notiz ist. In meinen extremsten Schwankungen bin ich nie ein Atheist in dem Sinne gewesen, dass ich die Existenz Gottes geleugnet hätte. - Ich denke, dass generell (& mehr und mehr als ich älter werde) aber nicht immer,  die Bezeichnung "Agnostiker" die korrekteste Beschreibung meiner diesbezüglichen Auffassung sein würde. (vgl. Original im Darwin Correspondence Project)

Fazit: Laut Darwin sind sowohl Atheismus, Agnostizismus wie auch Theismus (Gottesglauben) mit der Evolutionstheorie grundsätzlich vereinbar

Charles Darwin war nicht nur als junger Mann selbst sehr fromm gewesen, sondern lebte und arbeitete auch Zeit seines Lebens mit Menschen zusammen, die Evolution und Gottesglauben zu verbinden verstanden. Auch die Religion erschien ihm als erfolgreiches Merkmal der menschlichen Evolutionsgeschichte erforschbar. Seine eigenen, wachsenden Glaubenszweifel hingen mit der Theodizee-Frage (der Frage nach dem Leid in der Welt) zusammen. Er war ein brillanter, empirischer Wissenschaftler und zugleich geisteswissenschaftlich gebildet genug, um zwischen seinen persönlichen Glaubensauffassungen einerseits und den empirischen Befunden andererseits zu unterscheiden.

Es ist ärgerlich und falsch, dass selbsternannte "Darwinisten" wie auch religiöse Fundamentalisten den Theologen Darwin nachträglich zu einem Atheisten und Religionsverächter umdeuten wollen, ihm dazu auch Täuschung und Unaufrichtigkeit unterstellen. Jesus, Darwin und auch alle anderen, bedeutenden Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte haben einen historisch besser informierten, differenzierten Blick verdient - gerade auch dann, wenn sie und ihre Aussagen im Namen der Wissenschaft diskutiert werden.



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Gott ist nicht beweisbar. Menschenrechte und der Sinn des Lebens auch nicht.

05. Oktober 2011, 07:02

Das Internet ist voll von schlauen Leuten, die als Allererste entdeckt zu haben glauben, dass man Gottes Existenz wissenschaftlich nicht beweisen könne - und davon nun auch alle vermeintlich begriffsstutzigen Religiösen meinen zunehmend aggressiv überzeugen zu müssen. Auch nachdenklichere Atheisten fühlen sich von Ton und Niveau dieser zunehmend intoleranten "Instant-Religionskritiker" zunehmend abgestossen. Die anspruchsvolle Rede von Papst Benedikt XVI. im deutschen Bundestag hat wenigstens einige derjenigen, die noch Argumenten zugänglich sind, zum Nachdenken gebracht. Darin hinterfragte der Theologe die Reichweite des Positivismus bzw. "strengen Naturalismus" - der nur "wissenschaftlich Bewiesenes" als Gegeben anzunehmen bereit sei - gerade auch auf Fragen der Rechtsbegründungen und betonte andererseits die Bedeutung der gewachsenen Natur von Pflanzen, Tieren und Menschen für die Begründungen von Ethik. Immer mehr Leuten dämmert: Die "Existenz" Gottes ist nicht empirisch beweisbar, die "Existenz" von Menschenrechten oder einem "Sinn im Leben" aber auch nicht. Wir wissen ja kaum, was mit diesen Begriffen genau gemeint sei! Müssen wir, als wissenschaftlich Gebildete, dies alles also aufgeben?

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Der Neue Atheismus und die fehlenden Frauen - Gibt es auch einen antitheistischen Machismo?

17. Juli 2011, 14:21

Seit langem gibt es einen stabilen Befund quer durch die Studien der Religionssoziologie und Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen: Frauen sind - auch nach Kontrolle etwa von Bildung oder Erziehung - durchschnittlich deutlich religiöser als Männer. Der Atheismus - oder gar kämpferische Antitheismus - tritt deutlich überwiegend unter Männern auf. Eine große Studie in den USA fand 2001, dass Frauen nur 44 Prozent der selbsterklärten Nichtreligiösen, nur 30 Prozent der Atheisten und nur 25 Prozent der Agnostiker stellten. Die Auswertung der Schweizer Volkszählung untermauerte dieses Ergebnis. Und es deutet auch nichts darauf hin, dass dieser Abstand schmilzt: Unter US-Amerikanerinnen und -Amerikanern, gehören nicht nur mehr Frauen Religionsgemeinschaften an, es entscheiden sich nach einer weiteren Studie des Wiener Institutes für Demografie 2008 auch mehr Frauen als Männer, die konfessionslos aufgewachsen sind, später zum Eintritt in eine Religionsgemeinschaft. Auch in den Führungsetagen atheistisch-humanistischer Verbände (einschließlich der Giordano-Bruno-Stiftung) und unter den bekanntesten Autoren des "Neuen Atheismus" sind Frauen massiv unterrepräsentiert - und auch leichter bereit, wie z.B. Susan Blackmore die empirische Widerlegung der Religion-Virus-Metapher anzuerkennen. Auch der Cambridge Guide to Atheism weiß die reiche, empirische Datenlage zu bestätigen: Atheisten sind überwiegend männlich, gebildet und seltener Ehemänner und Väter.

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Der Jesuswahn von Heinz-Werner Kubitza

01. Juli 2011, 23:17

Was haben Heinz-Werner Kubitza, Blognachbar Hermann Aichele und die Bestsellerautorin Margot Käßmann gemeinsam? Alle drei studierten an deutschen Universitäten evangelische Theologie, Kubitza und Käßmann promovierten auch darin. Sie unterscheiden sich aber grundlegend in den Schlüssen, die sie aus dem Erkundeten ziehen. Einer wurde Pfarrer, eine Bischöfin, aus Heinz-Werner Kubitza aber wurde der Gründer des Tectum-Wissenschaftsverlages und ein Religionskritiker, der in "Der Jesuswahn" begründet, warum er zum Atheisten wurde.

 

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Erkenntnistheorie und die empirische Beweislast der Antitheisten

28. April 2011, 00:02

Große Teile der deutschsprachigen Online-Religionskritik stützen sich auf das simple Axiom des Positivismus bzw. erkenntnistheoretischen Monismus: Demnach gebe es nur (noch) einen gültigen Erkenntnis- und Argumentationsweg, die empirische Wissenschaft. Die Religion habe demgegenüber zu verschwinden, sie sei lächerlich, rückständig, schädlich. Deutlich formuliert dies zum Beispiel der populäre Religionskritiker Sam Harris, hier zitiert aus einer hpd-Übersetzung von Andreas Müller:

Die Wissenschaft muss Religion zerstören

Der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ist inhärent und das eine verdrängt fast das andere. Der Erfolg der Wissenschaft geht oft auf Kosten religiöser Dogmen; die Beibehaltung religiöser Dogmen geht immer auf Kosten der Wissenschaft.

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Religionskritik unter der Lupe

26. April 2011, 18:20

Über einige Jahre hinweg hielt sich in meinem Lebensumfeld die Auffassung, dass man Kinder für all ihre Anstrengungen kräftig loben sollte - das stärke ihr Selbstbewusstsein. Langsam sprach sich dann jedoch herum, dass dies nicht immer erfreuliche Konsequenzen hatte: Mancher Knirps erwartete bald schon für drei lustlose Striche auf einem Blatt Papier eine Lobeshymne - und machte dann die bittere Erfahrung, dass es später im Leben dann doch nicht mehr so einfach war. Da gehört(e) dann plötzlich auch mal die Mühe, sogar das Scheitern dazu. Vor allem aber merkten immer mehr Eltern, dass sich viele Kinder durchaus nicht ernst genommen fühl(t)en, sondern je nach Ausmaß ihrer Anstrengung auch ehrliche Rückmeldungen erhofften. Und so ist inzwischen ein Trend vermerkbar, Kindern zwar durchaus ermutigend, aber auch inhaltlich ehrlich(er) zu begegnen - z.B. Schluderei auch als solche zu benennen.

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