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Soziale Netzwerke schon bei Jägern und Sammlern - Harvard-Studie zu den Hadza

28. Januar 2012, 10:04

Immer noch hält sich in Teilen der Öffentlichkeit das Klischee von einem brutalen Evolutionsprozess, der letztlich nur Egoismus belohne. Dagegen verweist die Forschung immer stärker auf die enormen Potentiale von Kooperation, die gerade auch die Evolution des Menschen ermöglicht haben.

Letztes Jahr hatte ich auch hier die Auffassung vertreten, dass soziale Netzwerke wie Facebook auch deswegen so erfolgreich und süchtig-machend seien, da sie direkt an unseren sozialen und kooperativen Gelüste nach Teilhabe, Anerkennung und Reputation andocken.

Einer interdisziplinären Forschergruppe aus Coren Apicella, Frank Marlowe, James Fowler und Nicholas Christakis mit Schwerpunkt in Harvard gelang nun jedoch gar der Nachweis, dass die sozialen Netzwerke von heutigen Jägern und Sammlern der Hadza strukturell "modernen" sozialen Netzwerken entsprechen. So schlossen sich die erforschten Hadza zu flexiblen Gruppen ("Camps") zusammen, in denen sich je kooperative ("Kooperatoren") oder weniger kooperative ("Defektoren") Individuen fanden - auch über genetische Verwandtschaftsgrade hinweg. Entsprechend mehr oder weniger erfolgreich konnten und können Hadza-Gruppen gemeinschaftlich Nahrungsbeschaffung, Arbeit (wie Werkzeugherstellung) und Kinderbetreuung organisieren.

Hier der eindrucksvolle Forschungsbericht von Coren Apicella:

 

Evolutionäre Anthropologie und die Prägung unserer Ahnen

Man kann es also gar nicht oft genug sagen: Homo oeconomicus-Modelle & Co., die von grundlegend egoistischen Akteuren ausgehen, sind falsch. Zwar sind Menschen durchaus keine Engel - auch Tendenzen zu Homophily (der Bevorzugung Gleicher) und also Fremdenfeindlichkeit fanden sich durchaus bei den Hadza. Und doch sind wir über abertausende Generationen hinweg auf Kooperation und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Anerkennung usw. evolviert, die nun - individuell verschieden und selbstverständlich soziokulturell ausgeprägt - unser Verhalten prägen. Die Macht, die das Internet über uns gewinnt, resultiert vor allem daraus, dass es diese Sehnsüchte anzusprechen vermag. Von den Hadza und anderen Wildbeutervölkern können wir lernen, wie es dazu kam.

Literatur:

* Apicella, C., Marlowe, F., Fowler, H., Christakis, N. (2012): Social networks and cooperation in hunter-gatherers. In: Nature 481/2012, S. 497 - 502 (kostenpflichtig)

* Blume, M. (2011): Wir Wildbeuter im Web 2.0 - Die soziale Macht des Internet(t). In: Heimat & identität 3/2011, S. 6 - 13 (Open-Access)



Geschrieben in Evolutionspsychologie , Spieltheorie , Netzkultur(en) | 17 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Spieltheorie - Mathematik für die Evolutionsforschung (auch zur Religion?)

25. April 2011, 09:56

Eigentlich konnte ich mich über mangelnde Resonanz über Artikel wie "Homo religiosus" (in Gehirn & Geist 03/2009, kostenloser Download hier) nie beklagen - mit einer Ausnahme: Obwohl keine wissenschaftliche Perspektive darin so oft zur Sprache kam wie die (experimentelle) Spieltheorie, wurde das nicht einmal bememerkt. Auch als ich letztes Jahr das Kapitel "Religionsbiologie" im Handbuch der Religionen aufbaute, fügte ich einen kurzen Abschnitt zu "Ökonomie und Spieltheorie" (S. 7) ein - bislang ohne Reaktion. Und obgleich die religionsdemografisch-populationsgenetischen Modellrechnungen von Robert "Bob" Rowthorn einiges Aufsehen erregten, lösten auch diese noch keine vertieften Reflektionen aus. Religion und Mathematik scheinen noch immer (zu) weit voneinander entfernt zu sein.

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Geschrieben in Spieltheorie | 18 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


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