Öffentliche Wissenschaft und Sonnenstürme. 2012 Keine Panik von Florian Freistetter
Beim kommenden Scilogs-Wochenende in Deidesheim werden Wissenschaftsbloggerinnen und -blogger das Konzept von "Öffentlicher Wissenschaft" - eng verwandt mit der von mir favorisierten Bürgerwissenschaft - diskutieren. Vorab möchte ich dazu auf das außerordentlich lesenswerte Buch "2012 - Keine Panik!" von Scienceblogger Florian Freistetter hinweisen, das m.E. nicht nur Sternengucker und Wissenschaftsblogger, sondern generell auch Kultur- und Geisteswissenschaftler interessieren sollte.
Die äußeren und inneren Welten der Astronomie
Wie wahrscheinlich viele Wissenschaftler ging ich als Jugendlicher durch eine Phase der Astronomie-Begeisterung. Mit Hilfe der 1990 leider von uns gegangenen Zeitschrift "Happy Computer" programmierte ich sogar einmal an meinem geliebten Amiga eine kleine Planetensimulation (allerdings nur auf der Basis einfacher, newtonscher Physik). Und doch war es gerade diese Berechenbarkeit, die mir damals als kalt erschien und mich eher zu den so viel schwerer fassbaren Fragen menschlichen Denkens und Verhaltens zog. Erst in den letzten Jahren begann mir zu dämmern, dass ich da voreilig gewesen war und wir Menschen durch die Art, wie wir in den Weltraum schauen, auch sehr viel über uns selbst lernen können.
Da gibt es die Begeisterung unzähliger, auch "bürgerwissenschaftlicher" Astronomen, wie sie im Nachbarbereich der Kosmologs bewundernswert zelebriert wird. Da gibt es aber auch den religionswissenschaftlich faszinierenden Bereich des UFO-Glaubens, in dem Menschen mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit statt Offenbarungen und Engel nun eben außerirdische Botschaften und Alien-Kontakte verkünden. Und auch die Faszination für Weltuntergänge hat sich von göttlichen Strafgerichten (Apokalypse ist wörtlich die Enthüllung) nahtlos auf vermeintlich drohende Asteroiden, Erstickungstod durch Waldsterben oder eben Sonnenstürme verlegt.
Astronomie im "Maya-Jahr 2012"
Seit Monaten kämpft Florian Freistetter in seinem Blog "Astrodictium Simplex" gegen die pseudo-wissenschaftlichen Weltuntergangspropheten an, die mit (ebenso irriger) Berufung auf den Maya-Kalender für das Jahr 2012 Alien-Invasionen, umkippende Erdpole oder verheerende Sonnenstürme ankündigen. Sein zunächst als E-Book erschienenes "2012 Keine Panik" ist daher auch keine Geldschneiderei auf Kosten verängstigter Menschen, sondern eine überarbeitete Zusammenstellung von Texten, die auch kostenfrei auf seinem Blog zu finden sind. Schon in den ausgewählten Kommentaren und Mails von Leserinnen und Lesern in Angst wird dabei deutlich, dass er damit in Themen aufklärt, über die nicht alle lachen können.
Das Buch ist dabei nicht nur aktuell, informativ und gut geschrieben...
...sondern zeigt auch ein meines Erachtens spannendes Paradox auf: Umso mehr wir Menschen wissen, umso mehr Möglichkeiten für Ängste entstehen auch! So hätte es vor ein paar Jahrhunderten noch keine Angst vor Sonnenstürmen geben können - weil eben noch gar nicht bekannt war, dass es solche (eindrucksvollen, aber letztlich für die Menschheit im Ganzen harmlosen) Phänomene überhaupt gibt. Heute dagegen wimmeln sie wieder und wieder mit drohenden Schlagzeilen durch an Auflage und Klicks interessierte Medien. Öffentliche Wissenschaft kann eben auch verunsichern!
Wissenschaftsblogs werden so zu zunehmend wichtigen, weil schnellen Informationsquellen, die Panikmache entgegen treten können. Und im Phänomen der Ängste selbst begegnen wir Menschen uns doch wieder selbst als die emotionalen, eben gar nicht nur rationalen Akteure, die wir sind und bleiben werden.
So man muss auch nicht in allem einer Meinung sein, um Qualität als Qualität anzuerkennen. Und ich will daher hier einfach schreiben - und nach Deidesheim mitnehmen: 2012 - Keine Panik ist ein Lesegenuss in Blogkultur und öffentlicher Wissenschaft, auch über die Aufregungen des Tages und Jahres hinaus...
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