UFO-Glauben: Die Apokalypse-Prophezeiung zum 14.10.2008
Vor einem Jahr verbrachten Tausende junger Leute auf allen Kontinenten Tag und Nacht unter freiem Himmel bzw. am Computer - denn sie erwarteten, dass sich nun endlich Außerirdische mit ihren Raumschiffen enthüllen (gr. apokalypsis = Enthüllung) würden. Angekündigt worden war ihnen dies durch ein szenebekanntes Medium, "Blossom Goodchild" (die deutsche Übersetzung ihrer Ankündigung hier). Die Australierin verkündet via Blog Botschaften der "Lichtföderation" von einem Außerirdischen, der sich ihr als Native American "White Cloud" präsentiere und sie auch schon geheilt habe. Neben den Textbotschaften hatten sich zu Goodchild's Ankündigung auch eigene (bis heute aktive) Glaubens-Blogs und Videos zur Naherwartung rasend schnell ausgebreitet.
Auch die Reaktionen auf das Nichteintreffen des Ereignisses entfalteten sich wie prognostiziert: Sie reichten von Glaubensabfall, über die Deutung eines Aufschubs (analog der "Parusieverzögerung" in den christlichen Theologien) bis hin zur Spiritualisierung des Ereignisses (das also auf spiritueller Ebene bereits stattgefunden "habe").
UFO-Religionen als Gegenstand von Forschung
Aus religionswissenschaftlicher Sicht war die Beobachtung des 14/10/08 (inkl. von Gesprächen mit Glaubenden vor und nach dem Datum) natürlich außerordentlich spannend. Denn hier wurde eindeutig überprüfbar, dass (gerade) auch in Populationen gebildeter und vermeintlich post-religiöser Menschen doch immer wieder religiöse Sehnsüchte und Systeme aufbrechen. Und dies gelang auch nahezu ohne institutionellen Hintergrund, schlicht über kulturelle Selbstorganisation.
Die traditionellen, übernatürlichen Akteure (Gott, Jesus, Engel, Dämonen, Teufel etc.) werden dabei durch neue, vermeintlich wissenschaftliche Erzählungen (Sternenrat, Lord Ashtar, gute und böse Aliens, verschwörerische Regierungen etc.) ersetzt. Und so gehören UFO-Mythologien seit Anfang des 20. Jahrhunderts zum kulturellen Unterstrom säkularisierter Gesellschaften und bilden sich in immer wieder neuen Formen (dazu ein Artikel im Journal für UFO-Forschung).
Warum scheiterten UFO-Mythologien (bislang)?
Aus der Sicht der Evolutionsforschung zur Religion ist aber auch interessant: Wenn aber doch immer wieder populäre UFO-Mythologien entstehen - warum wurden diese bislang nicht zu echten Konkurrenten etablierter Religionen? Aus einigen gingen immerhin bekannte Religionsgemeinschaften wie die Raelianer hervor, in wenigen Fällen kam es auch zu Fällen furchtbaren Scheiterns (z.B. Massenselbstmord der Gruppe Heaven's Gate).
Bisher scheint das Hauptproblem von UFO-Mythologien gewesen zu sein, dass sie sich ja gerade "nicht" als religiöse Erzählungen, sondern als quasi-wissenschaftliche Beobachtungen verstanden. Während Geistliche klassischer Religionen seit Jahrhunderten (und meist gegen große Widerstände) doch immer wieder Deutungen ihrer Mythologien entwickelten, die mit dem Stand der Wissenschaft(en) in Einklang gebracht werden konnten, halten UFO-Glaubende ihre eigenen Überzeugungen für nichtreligiös und wissenschaftlich; und sichern sich gegen anderslautende Befunde durch Verschwörungstheorien ab. Demnach würden Regierungen, Medien, Wissenschaftler etc. durch schattenhafte Zirkel (aus Menschen oder bösen Aliens) gelenkt, die "die Wahrheit" zum eigenen Machterhalt unterdrückten. Eine gemeinschaftliche Stabilisierung des Glaubens- und Alltagslebens kann so kaum gelingen.
Zudem sind UFO-Glaubenskreise überwiegend von jungen Männern (wobei Frauen wichtige Rollen als Verkünder einnehmen können) geprägt, die an klassisch erfolgreichen Sexual- und Familienlehren etablierter Religionen weniger Interesse zeigen. So erwarten z.B. die Raelianer zukünftige Fortpflanzung durch Klonen und den Aufzug der Kinder/Klone außerhalb der "spießigen" Kernfamilien. Auch demografisch waren UFO-Gemeinschaften bislang kein Erfolg.
Gibt es Leben da draußen?
Wichtig ist natürlich festzuhalten, dass auch im Bezug auf UFO-Glaubenssysteme der methodologische Agnostizismus gilt: Der (Religions-)Wissenschaftler kann Glaubenssysteme beschreiben und zur Reflexion beitragen, nicht aber deren Wahrheitsgehalt abschließend beurteilen. Es ist selbstverständlich denkbar, dass es zu Kontakten mit Außerirdischen gekommen ist oder käme, "Botschaften von der Lichtföderation" (o.ä.) lassen sich wissenschaftlich kaum überprüfen. Und für die -von UFO-Glauben zu unterscheidende - Annahme, dass es Leben auch außerhalb der Erde geben könne, gibt es durchaus evolutionswissenschaftliche Argumente. Aber wie auch Anhänger gewachsener Religionen sollten sich m.E. auch UFO-Glaubenden der kritischen, wissenschaftlichen Reflexion nicht entziehen, soweit es ihnen tatsächlich um "Wahrheitsfindung" geht.
Ähnliche Artikel:
- Warum gibt es noch Atheisten?
- Kick it like Einstein: Nordkorea - Verordneter Atheismus und die Folgen
- Überbevölkerung und Reproduktionsvorteil durch Religion
- Guttenberg gegangen - Wir Wissenschaftler und unsere (vermeintlich?) höhere Moral aber bleiben
- Darwinjahr - Bücherfunde in Deutsch


