SciLogs International .eu.be.es.de
scilogs Natur des Glaubens spektrum.de

aktuelle Artikel RSS

Die Neandertaler und die Religion - Bestattungen

21. Dezember 2011, 21:04

Sowohl die Filmkritik zu "Ao - Der letzte Neandertaler" wie auch die evangelische Andacht für einen Neandertaler wurden stark nachgefragt. Da lag der Gedanke nahe, auf "Natur des Glaubens" eine eigene Kategorie zur Neandertalerforschung zu schaffen. Und schon ergab sich ein passender Anlaß: Das in diesen Tagen erschienene, 19-seitige Kapitel "Der Neandertaler und die Religiosität" von Matthias Nolte (Marburg) in der aktuellen Ergänzungslieferung des Handbuch der Religionen (HdR).

Forschungs- und Deutungsgeschichte des Homo neanderthalensis

Einleitend stellt Nolte fest, dass die Neandertalerforschung für "die Frage nach den Wurzeln der menschlichen Religiosität wie auch für das menschliche Selbstverständnis" eine "wichtige Rolle" spielten. Daher richtet er "ein besonderes Augenmerk auf die Bestattungspraxis des Neandertalers".

In einem Überblick über die Forschungsgeschichte zeigt Nolte dabei auf, dass schon wenige Jahrzehnte nach dem ersten Fund (1856) und der Benennung durch William King (1863) etwa 20 weitere Individuen ausgegraben und erste "Bestattungen" beschrieben wurden. Doch sowohl unter sozialistisch-materialistischen wie westlich-idealistischen Vorzeichen zeigten sich je spezifische Vorbehalte gegen die Auseinandersetzung mit Neandertalerbestattungen. Unter Archäologen der DDR wurden Hinweise auf religionsbezogene Deutungen zurückgewiesen, in westdeutschen Kreisen überwog die Betonung von Unterschieden - dem heutige Homo sapiens wurde ein "Sprung zur Geistesbefähigung" zugesprochen, obwohl sich dieser immer schwerer aufrecht erhalten ließ.

Entsprechend wurden, so Nolte, auch Hypothesen zu genetischer Vermischung oder kulturellem Austausch "wie beim 'Kind von Lagar Velho', eher kritisch beäugt oder mit dem Verweis auf kleinste Unterschiede in den Werkzeugindustrien zurückgewiesen." Doch die genetischen Befunde des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (eva) - Kurzfilm: Der Neandertaler in uns (Klick!) - wiesen auf, "dass alle Proben außerhalb Afrikas bis zu 4 Prozent Neandertalergene enthielten". Die Vermischung gelte damit "definitiv" als erwiesen. Und: "In der Levante gibt es seit längerer Zeit Hinweise auf eine Kontaktzone, welche auch für die Entstehung der Bestattungssitte eine wichtige Rolle spielt."

Nach einer regionalen und klimatischen Einordung des Neandertalers (v.a. längere Eiszeitphasen - Stadiale - mit kurzen, wärmeren Zeiten - Interstadiale) sowie Aussagen zur Anatomie (inkl. des durchschnittlichen Hirnvolumens bei 1520 ccm, 200 ccm mehr als der rezente Mensch) wendet sich Nolte den "kognitiven Fähigkeiten" zu: Ein gefundenes Zungenbein und der Nachweis des FOXP2-Gens deuteten auf Sprach- und Symbolbeherrschung hin. Die Herstellung von Werkzeugen sei belegt und es gebe erste Hinweise auf Ästhetik - u.a. Farbpigmente wie Ocker und Mangandioxid, Wertschätzung außergewöhnlicher Objekte, aber bislang keine Belege für bildliche Kunst und Schmuck. Dass das Individuum von Shanidar 1 trotz mehrerer, schwerer Verletzungen (ein Oberarmbruch, eine Amputation (!) des Unterarms) noch mehrere Jahre lang lebte, wertet Nolte als einen Beleg für kooperatives Sozialverhalten und "Praktiken zur Wundheilung".

Dann widmet sich Nolte der Beschreibung der bislang 24 anerkannten Neandertaler-Bestattungen. "Bei 18 von 24 Befunden wurden Artefakte im näheren Umfeld der Bestattungen gefunden. Hierbei handelt es sich meist um Knochen (teils auch verbrannt), verschiedene Steingeräte und Abschläge sowie Ockerspuren." Ob es sich explizit um Grabbeigaben handelt, werde in jedem Fall kontrovers diskutiert, mindestens für La Ferrasie nimmt es aber auch Nolte an. Neun der entsprechend identifitzierbaren Bestatteten waren männlich (zwei Teenager 7 - 20 J., sieben Erwachsene (20 - 60), drei Frauen (20 - 40 J.) und neun geschlechtlich unbestimmte Kinder (davon acht bis zu 7 J.). "Betrachtet man die Gruppe der Kinder genauer, fällt auf, dass sie in der Regel sorgfältiger bestattet wurden. So sind die Grabbeigaben bei Kinderbestattungen beispielsweise eindeutiger."

Einige Gräber - wie Shanidar und La Ferrassie - beschreibt Nolte vertieft. Aber auch die Übersichten sind mehr als interessant:

In la Chapelle-aux-Saints fanden sich beispielsweise über dem Gesicht des Toten einige Langknochen, über denen ein Bovidenfuß gelegt wurde. Des Weiteren wurden Abschläge und Ockerstückchen um das Skelett gefunden. Ocker fand sich ebenfalls auch in Spy. Um das Skelett Amud 1 lagen zahlreiche Knochen und Artefakte. Der Säugling Amud 7 lag in einer Nische an der Höhlennordwand, ihm wurde ein Hirschkiefer an das Becken gelehnt. In Kebara wurde ein Nashornzahn beigelegt.

War der Homo neanderthalensis auch schon ein Homo religiosus?

Nolte diskutiert, ob "eine Bestattung immer religiös intendiert sein muss, wie es beispielsweise der Religionswissenschaftler Mircea Eliade" annahm. Er erkennt jedoch auch nichtreligiöse Zwecke insbesondere auch psychologischer Art - Abschied, Trauerarbeit - und schließt, "dass Bestattungen nicht zwangsläufig mit einer Jenseitsvorstellung einhergehen müssen".

Frühe Annahmen eines altsteinzeitlichen Bärenkultes hält Nolte für widerlegt (für die Lagen der Bärenschädel gibt es sparsamere Erklärungen), die Befundlage zu Kannibalismus - etwa bei Moula-Guercy - für unklar.

Faszinierend sind seine Überlegungen zu einem möglichen Kulturtransfer zwischen Homo sapiens und Homo neanderthalensis in der Levante und besonders dem Gebiet des heutigen Israel (Höhlen von Qafzeh, Skhul, Tabun und Kebara). In dieser Region sind nicht nur mittelpaläolithische Bestattungen beider Menschenzweige nachgewiesen, sondern hier dürfte auch die genetische Vermischung der aus Afrika auswandernden Homo sapiens mit den Neandertalern stattgefunden haben. Dies würde die verhältnismäßig gleichmäßige Verteilung der Neandertalergenome quer durch die nichtafrikanischen Sapiens-Populationen erklären. Nolte kann die Annahme eines nicht nur biologischen, sondern auch kulturellen Austausches zwar (noch) nicht belegen, aber eine interessante Hypothese für zukünftige Forschungen ist es allemal.

War der Neandertaler also bereits religiös? Nolte zögert, denn inhaltlich formuliert er an (voll entwickelte) Religiosität den Ansprüch eines "Jenseitsverständnisses". Dies sieht er auch bei Homo sapiens erst ab dem Jungpaläolithikum durch "sorgfältigeren Grabbau und reiche Grabbeigaben" als belegt und stellt also fest:

Nach einem evolutionären Verständnis von Religionsentwicklung kann man in dem Verhalten der Neandertaler Protoreligiosität sehen. Nach Ina Wunn waren den Neandertalern Gedanken über den Tod hinaus nicht ganz fremd, doch fehlte ihnen ein tieferes Symbolverständnis. Diese Meinung müsste allerdings revidiert werden, sollten sich handfeste Indizien für Kulthandlungen finden.

Das Kapitel schließt mit einer klassisch wie aktuell gut bestückten Literaturliste.

Meine Bewertung

Die vorliegende Ausarbeitung von Matthias Nolte halte ich für hervorragend - sorgfältig und anregend in der Darstellung, fair abwägend im Ton, auf Effekthascherei verzichtend. Zwar wäre eine entwickelte Jenseitsvorstellung in der gängigen, evolutionären Definition von Religion als "Glauben an übernatürliche bzw. überempirische Akteure" (inkl. Ahnen) keine Voraussetzung und man könnte statt von Protoreligiosität auch von "früher Religiosität" sprechen, aber das ist m.E. eine Nuance.

Die hier zusammengestellten Befunde machen nicht nur deutlich, wie vielfältig und relevant die Entdeckungen der Neandertalerforschung auch für unser Selbstverständnis längst sind (wohl ein Grund, warum sie oft so stark ideologisch abgeblockt oder überformt werden). Der Neandertaler rückt uns immer näher, immer mehr Abgrenzungslinien lösen sich auf - und nun gehören sie und er auch noch zu unseren (wenn wir Nichtafrikaner sind) direkten Vorfahren. Spannend ist auch, was es zum Homo neanderthalensis noch zu entdecken gibt - sei es durch weitere Ausgrabungen, Argumente oder neue, z.B. genetische Auswertungsmethoden.

Völlig neu war mir beispielsweise die starke Bedeutung von Kinderbestattungen, die sich sowohl in demografische wie tiervergleichende Überlegungen (Sorge um Nachwuchs, Trauer etc.) sehr gut einfügt. Und stehen wir nicht kurz vor einem Jahresfest, in dem Milliarden Menschen auf unserem Planeten die Geburt eines Kindes inmitten einer notgeplagten Familie als göttliches Wunder feiern werden?

Chanukka sameach & Frohe Weihnachten!

Literatur

* Nolte, M. (2011): "Der Neandertaler und die Religiosität", Kapitel I-17.2, Handbuch der Religionen (HdR) (EUR 5,60 bei eDidact.de)

* Blume, M. (2009): "Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41 (kostenfrei)



Geschrieben in Urgeschichte , Neandertaler | 2 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Evangelische Andacht für einen Neandertaler - und für uns

13. Dezember 2011, 17:29

Als mich der geschätzte Pfarrer und Direktor Joachim Beck neulich bat, eine Andacht für die Kuratoriumssitzung der Evangelischen Akademie Bad Boll zu gestalten, grübelte ich eine Weile. Schließlich bin ich Religionswissenschaftler, kein Theologe und also für Andachten nicht ausgebildet worden. Und in diesen Sitzungen würden sich neben anderen engagierten Laien auch hauptamtliche Theologen wie Pfarrer und (Ober-)Kirchenräte einfinden. Andererseits gilt in den evangelischen Kirchen das "Priestertum aller Glaubenden" - es wäre also geradezu vor-reformatorisch, zu schweigen, wenn das Wort schon erbeten wurde. Und so entschied ich mich, eine Andacht für jene unserer Vorfahren zu halten, denen (soweit ich weiss) noch kaum gedacht worden ist: Die Neandertaler.

Allen Anwesenden lag dazu folgendes Andachtsbild vor:

Text der Andacht für einen Verstorbenen...

...zum Hören

NeandertalerAndacht.mp3

...und zum Lesen

Lieber Herr Direktor,
liebe Mitglieder des Kuratoriums der Evangelischen Akademie Bad Boll,

vielen Dank, dass Sie mich gebeten haben, heute die Andacht zu gestalten.

Vor Ihnen liegt die Zeichnung eines Bestatteten am Berg Karmel im heutigen Israel. Er wurde "Moshe" benannt, nach dem berühmten, israelischen Archäologieprofessor Moshe Stekelis. Moshe Stekelis ist 1967 von uns gegangen, jener Moshe auf dem Bild schon etwa 60.000 Jahre zuvor. Der Moshe, dessen Grablege Sie gerade studieren, war ein Homo neanderthalensis, ein Neandertaler.

Noch vor wenigen Monaten hätte man gesagt, dass die Neandertaler leider restlos ausgestorben seien. Doch inzwischen wissen wir es, auch dank des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (eva) in Leipzig, besser: Zwischen Neandertalern und jenen Homo sapiens, die damals Afrika verließen, ist es zu gemeinsamen Vorfahren gekommen. Wir, die wir hier sitzen, und auch schon Moses, Abraham, David und Jesus haben Homo neanderthalensis unter unseren Vormüttern und -vätern und tragen ihre Gene in uns. Moshe, der nur etwa 25 bis 35 Jahre alt wurde und keine Spuren von Verletzungen oder Krankheit aufwies, könnte ein gemeinsamer Vorfahr von uns sein.

Er wurde bestattet und der fehlende Schädel könnte ein Hinweis auf eine Sekundärbestattung des Kopfes sein, wie wir ihn auch aus heutigen Bestattungsbräuchen noch kennen. Ob wir von Religiosität oder Proto-Religiosität sprechen wollen - schon bei Neandertalern finden wir unzweifelhaft die ersten Hinweise darauf, dass Tote rituell ins Jenseits geleitet wurden. Dass wir heute einen Glauben bekennen und beten können und dass es Menschen gibt, die Kirchen und kirchliche Akademien tragen und finanzieren, verdanken wir Abertausenden von Generationen von Homo sapiens und Homo neanderthalensis, die neben- und miteinander zu "Homo religiosus" evolvierten. Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, denn auch heute noch geben religiös vergemeinschaftete Menschen ihre Gene und Lehren an durchschnittlich mehr Kinder und Enkel weiter als ihre nicht oder weniger religiös aktiven Nachbarn.

Moshe sprach und sang - wie später Neander

Überaus faszinierend ist auch, dass Moshe über ein Zungenbein (Oshyoideum) verfügte - der einzige Knochen des menschlichen Körpers, der nicht mit anderen Knochen verbunden ist. Er ist im Knorpel des Kehlkopfes verankert und dient der Anheftung von Muskeln, die zum Sprechen notwendig sind. Das bei diesem Skelett gefundene Zungenbein gleicht dem, das wir besitzen - was nahelegt, dass auch Moshe bereits sprechen und singen konnte.

Und wo wir dabei sind: Lassen Sie uns bitte im Evangelischen Gesangbuch das Lied 317 aufschlagen - "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren". Wir werden dieses Lied zum Abschluss dieser Andacht singen, passt es doch perfekt zum Gedenken an Gottes Größe, Seine universale Schöpfung und "alles, was Odem hat".

Für den Moment wollen wir jedoch den Blick auf den Verfasser dieses bedeutenden Chorals richten, er steht unten: Joachim Neander (1680). Eigentlich hieß seine Familie Neumann, aber weil damals unter den Gebildeten Griechisch in Mode war, hatten die Neumanns ihren Nachnamen in das vornehmere Neander "gräzisiert". Der begabte Predigter und Liederdichter Joachim Neander hatte sich oft in ein bestimmtes Tal zurück gezogen und dort gedichtet, komponiert und auch Gottesdienste gefeiert. Leider starb er schon mit kaum 30 Jahren, an Pfingsten 1680 - und wurde damit nur etwa genau so alt wie unser Neandertaler Moshe. Weil zwei Jahrhunderte nach Neanders Tod der erste aller Neandertaler in genau diesem Tal entdeckt wurde, erhielt Homo neanderthalensis also den Namen jenes Christen, der das Gotteslob so schön vertonen konnte wie kaum ein Zweiter.

Karmel und Israel, Moshe, Neander, Jenseits und Gotteslob - spontan würde ich ja von Zufall sprechen, befände ich mich nicht inmitten christlicher Frauen und Männer, die an der Existenz des Zufalls wohl zweifeln sollten. Oder anders gesagt: Wenn Gott der Schöpfer allen Seins und allen Lebens gewesen sein soll, dann ist Er auch Schöpfer und Vater unseres Moshe. Dann konnte Er Moshes Stimme hören, die Trauer der Hinterbliebenen erspüren, ihre Rituale beobachten und unseren so sorgsam bestatteten Neandertaler im Jenseits in Empfang nehmen.

Wir Kleingläubigen

Geben wir es doch zu: Es fällt uns schwer, so groß von Gott zu denken. So viel kann sich Gott doch gar nicht gedacht haben, dass er mit der Verwandtschaft Jesu zu uns Homo sapiens, zu Homo neanderthalensis und auch zu allen anderen Tieren und Pflanzen eine Botschaft verbunden hätte, nicht wahr!?

In unseren Köpfen und Kirchen ist Gott doch häufig "naheliegender" eine Art pfuschender Handwerker, der zwar ein großartiges Universum geschaffen hat, aber seitdem ständig nachbessern muss: Hier eine Flagelle ans Bakterium schrauben, dort ein erstes Auge formen und dem römischen, noch ungetauften Kaiser im Konzil die richtigen Eingebungen einhauchen, damit das einzig richtige Glaubensbekenntnis entsteht. Ein solches Gottesbild, wie es vermeintlich "bibeltreue" Vertreter des "Intelligent Design" verkünden - auf mich wirkt es auf groteske Weise dümmlich.

Und dann machen wir aus dem Handwerker auch noch gleich einen Kirchenbürokraten, dessen Stellvertreter kaum spüren, sondern ganz genau wissen, welche Texte und Paragrafen für das Diesseits und Jenseits entscheidend sind. Dass sich Neandertaler und Sapiens nach Jahrhunderttausenden der Trennung doch wieder fanden und gemeinsame Kinder zeugten, gemeinsam beteten, kann diejenigen von uns nicht irritieren, die noch am Anfang des 21. Jahrhunderts die Ehe einer christlichen Vikarin mit einem Muslim (auch diese "Abrahams Samen") durch sofortige Entlassung der Frau ahnden wollen. Dass Gottes Güte und Wahrheit gerade auch hinsichtlich der Liebe größer sein könnten als unsere Formeln und Kirchengesetze - wer würde das schon für möglich halten?

Ist Gott wirklich so klein?

Ob Gott wirklich so klein, dumm und engstirnig sei, wie wir ihn oft machen, müssen wohl Theologinnen und Theologen klären. Zu ihrer Verteidigung mag ich jedoch anführen, dass Vertreterinnen und Vertreter aller empirischen Wissenschaften längst Bereiche erschlossen haben, die unsere evolvierten Gehirne und Erkenntnisapparate überfordern. Physiker "wissen" längst, dass Atome und Quanten keine bunten Kügelchen sind. Aber anders können wir als Menschen sie uns kaum vorstellen und so nutzen auch Physiker "hilfsweise" für Forschung und Lehre Bilder und Symbole, die von uns wenigstens annähernd erfasst werden können. Macht es eine gute Predigerin, macht es die Bibel, denn wirklich völlig anders?

Und seit Einstein - dessen Synagoge wir in Ulm gerade wieder aufbauen - "wissen" wir auch, dass Raum und Zeit unseres Universums miteinander verschränkt sind. Wenn Gott das räumliche Universum geschaffen hat, dann schuf Er auch die Zeit, steht "über" Raum und Zeit. Und wir haben trotz jahrzehntelangen und milliardenschweren Aufwands noch nicht einmal einen echten Schimmer, ob es überhaupt sinnvoll ist, von einem "Davor" zu sprechen. Das hindert uns jedoch kaum daran, den Anspruch zu erheben, Gott mit unserem kausalen Denken verstehen und diskutieren zu können. Dass Er über aller Zeit stünde und uns auch mit dem Schicksal von Moshe vor 60.000 Jahren und dem Tyrannosaurus Rex vor 65 Millionen Jahren etwas mitteilen könnte - das übersteigt meistens unsere Vorstellungskraft.

Dabei gab es durchaus Theologen, die von Gott Größeres zu denken wagten. Nikolaus von Cues ("Cusanus") im 15. Jahrhundert und ein Jahrhundert später Giordano Bruno entwickelten bereits eine "theologische Relativitätstheorie", nach der das Universum keinen anderen Mittelpunkt als Gott habe - und alles Leben nicht nur dieser Erde, sondern aller Leben hervorbringenden Planeten (!) auf Gott zustrebe. Beide kamen vor diesem Hintergrund zu der Auffassung, dass religiöse Intoleranz das Ergebnis eines lächerlich verkürzten Gottesglaubens sei. Über den Fund des bestatteten Moshe hätten sie sich sicher gefreut. Der frühere von beiden wurde zum Kardinal, der spätere in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wir ahnen Gottes Größe, aber haben ihn dann doch lieber eine Nummer kleiner.

Schluss mit einem Theologen

Und so möchte ich diese Andacht mit einem Satz schließen, mit dem ein bedeutender Theologe einst sein bedeutendstes Werk schloss. Sie haben sicher von ihm gehört - sein Name war Charles Darwin. Gerne wird er von selbsternannten "Darwinisten" verschämt als "Naturforscher" bezeichnet, dabei hatte er in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Studienabschluss vorzuweisen: Jenen in anglikanischer Theologie.

Allerdings war dies in einer Zeit, in der ordentliche Theologen und auch die ersten Theologinnen wie Antoinette Brown Blackwell noch tatsächlich empirische Forschungen betrieben und den lernenden Dialog mit den Natur- und Kulturwissenschaften suchten, statt sich in frommen Winkeln zu verstecken. Und so brachte der Theologe Darwin nicht nur eine brillante Theorie samt Hypothesen zur Evolution der Religiosität hervor - die Entdeckung von Moshe hätte ihn gefreut! -, sondern hielt auch sein ganzes Leben daran fest, dass Gottesglauben und Evolution selbstverständlich vereinbar seien. Viele seiner evolutionären Mitentdecker, Freunde und Unterstützer waren "evolutionäre Theisten" und aktive Christen. Darwins eigene Glaubenszweifel wurzelten in der Theodizee-Frage, dem Problem des Bösen in der Welt. Besonders der lange, qualvolle Todeskampf seiner kleinen Tochter Annie ließ ihn an einem guten Schöpfer zweifeln. Wer das nicht nachvollziehen kann, hat vielleicht weder seinen Hiob noch den letzten Schmerzensschrei Jesu' am Kreuz vernommen.

Dieser Darwin also schloss ab der zweiten Ausgabe sein bedeutendstes Grundlagenwerk "Die Entstehung der Arten" mit dem Satz:

"Es ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt."

Lassen Sie uns in diesem Sinne Gott für einen Moment für so groß halten, dass Er auch um Moshe war - und gemeinsam "Lobet den Herren" von Joachim Neander anstimmen.

Frohe Weihnachten!

(Kostenlose) Literatur zum Weiterlesen und -denken:

* Peitz, H.-H. (Hrsg. - 2004):
"Der vervielfachte Christus. Außerirdisches Leben und christliche Heilsgeschichte",
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

* Evolution-Mensch.de (2006 - 2011):
"Neandertaler - Homo neanderthalensis - Kebara 2" (Moshe)

* Blume, M. (2009): "Homo religiosus", Gehirn und Geist 04/2009. S. 32 - 41



Geschrieben in Urgeschichte , Personen , Neandertaler | 49 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Ao - Der letzte Neandertaler im Film

17. November 2011, 20:30

Kennen Sie den Choral "Lobe den Herren, den mächtigen König der Erde"? Verfasst wurde er von dem begabten Pastorensohn und Hilfsprediger Joachim Neander, der Pfingsten 1680 mit gerade einmal 30 Jahren starb. Eine Schlucht, in der er gedichtet, komponiert und Gottesdienste gefeiert hatte, wurde ihm zu Ehren zum "Neandertal". Und genau dort fanden sich dann Jahrhunderte später jene Fossilien, die dem Neandertaler - Homo neanderthalensis - den Namen geben würden...

 » weiter

Geschrieben in Urgeschichte , Filme , Neandertaler | 18 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Filmtip Ehre sei den Tieren von Andreas Moser

15. Oktober 2011, 09:42

Ich liebe nicht nur prächtig erzähltes Kino und seine oft verborgenen Botschaften, sondern habe auch ein Faible für kleine Qualitätsfilme außerhalb des populären Mainstream. In den letzten Monaten habe ich - nach der regen Resonanz auf die Filmempfehlung für "Das kreative Universum" von Rüdiger Sünner - ein paar Perlen zusammen getragen, die ich gerne vorstellen und empfehlen möchte. Beginnen möchte ich mit "Ehre sei den Tieren. Warum Indianer und Polarvölker die Natur achten" des Schweizer Biologen und Filmemachers Andreas Moser.

 » weiter

Geschrieben in Urgeschichte , Mensch und Tier , Filme | 3 Kommentare | 2 Trackbacks | Permalink


Kognitive Archäologie und die Naturgeschichte des Glaubens

09. April 2011, 17:25

Vor ein paar Wochen veröffentlichte ich auf meinem englischen Scilog "Biology of Religion" Ergebnisse einer weiteren Zwillingsstudie, die erneut genetische Grundlagen von Religiosität untermauerte. Dies hatten auch schon frühere Zwillingsstudien geleistet, aber die neue Arbeit von Kenneth S. Kendler, Hermine H. Maes and Todd Vance konnte am Vergleich mono- und dizygoter Zwillinge sogar Korrelationen einzelner, kognitiver Aspekte von Religiosität aufzeigen.

Hinweis: Zur Bedeutung von Zwillingsstudien in der modernen Genetik gibt es einen neuen und sehr guten Beitrag von Sebastian Reusch auf Enkapsis.

 » weiter

Geschrieben in Urgeschichte | 3 Kommentare | 3 Trackbacks | Permalink


Die Venus aus dem Eis von Nicholas Conard und Jürgen Wertheimer

04. März 2011, 21:46

Die so genannte Venus vom Hohle Fels hat nicht nur den Blick auf die lange Dominanz weiblicher Darstellungen in der menschlichen Kunst(vor)geschichte und die ggf. unterschätzte Rolle der Frauen in der Evolution von Religiosität und Religionen gelenkt. Sie hat auch ein neues Nachdenken über die Kultur und Lebenswelt in der mitteleuropäischen Steinzeit beflügelt. Mit der "Venus aus dem Eis" (mit Leseprobe im science-shop) ist nun ein neuer Urzeit-Roman erschienen, zu dem sich der Ärchaologe Prof. Nicholas Conard und der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer zusammen gefunden haben.

 » weiter

Geschrieben in Urgeschichte | 1 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Rulaman - Ein Vorzeit-Klassiker zum Wiederentdecken

17. Oktober 2010, 23:16

Am 30.8.1829 wurde Sophia Klingler und ihrem Mann, dem Pfarrer August Johann Friedrich Weinland zu Grabenstetten bei Reutlingen der Sohn David Friedrich Weinland geboren - eines von insgesamt 11 Kindern. Der aufgeweckte Junge besuchte nach der Volksschule die Lateinschule in Nürtingen und studierte schließlich evangelische Theologie in Tübingen. Doch wie Charles Darwin - und wie sein Freund und Kollege Gustav Jaeger - entschied sich Weinland für die Naturwissenschaft und übernahm wissenschaftliche Stellen in Frankfurt, Berlin und New Cambridge (USA). Forschungsreisen führten ihn auch zu den Ureinwohnern der USA und nach Haiti, bevor er in Süddeutschland eine Familie gründete.

 

 » weiter

Geschrieben in Urgeschichte | 4 Kommentare | 1 Trackbacks | Permalink


Die Venus-Figurinen der Eiszeit und ihre Bedeutung

10. Januar 2010, 11:23

Heute also endet sie, die großartige Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" in Stuttgart. Neben einem sehr überzeugenden Gesamtkonzept überzeugte "Eiszeit" auch durch das Miteinander großartiger Funde wie der "Venus vom Hohle Fels", der "Löwenmenschen" u.v.m. Vier Mal konnte ich sie besuchen, zusätzlich Gespräche mit beteiligten Archäologinnen und Archäologen und eine Tagung mit Prof. Nicholas Conard erleben. Für die Evolutionsforschung zur Religiosität waren die letzten Monate in Süddeutschland ein Fest! Und während das interdisziplinäre Gespräch dazu erst begonnen hat, ist auch für die kommenden Jahre mit weiteren Erkenntnissen und Funden zu rechnen. » weiter

Geschrieben in Urgeschichte | 54 Kommentare | 12 Trackbacks | Permalink


Eiszeit - Ausstellung zur Evolution von Kunst und Kultur

17. September 2009, 20:40

Morgen, am 18. September 2009, öffnet die Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" ihre Pforten (bis zum 10.01.2010). Nachdem ich sie mir nun zwei Mal ausführlich anschauen konnte, kann ich nur jedem empfehlen, der oder die auch nur das geringste Interesse am Menschen, dessen Urgeschichte und Evolution hat - lassen Sie sich dieses Ereignis nicht entgehen! » weiter

Geschrieben in Urgeschichte | 20 Kommentare | 4 Trackbacks | Permalink


Homo sapiens evolvierte Religiosität. Und auch der Neandertaler.

12. Februar 2009, 19:49

Das Darwinjahr steckt voller Überraschungen: Nachdem viele religiöse wie religionskritische Beobachter lange eine vermeintlich prinzipielle Gegnerschaft zwischen Evolutionstheorie und Religion(en) vermutet haben, wandelt sich derzeit die Debatte. Wissenschaftler entdecken, dass Religiosität ein Teil der menschlichen Natur ist. Und auch der Neandertaler evolvierte sie! Eine Beobachtung zum 200ten Geburtstag von Charles Darwin und dem heute verkündeten Durchbruch des Leipziger Max-Planck-Instituts für Anthropologie bei der DNA-Sequenzierung des Neandertalers.

 » weiter

Geschrieben in Urgeschichte , Neandertaler | 85 Kommentare | 3 Trackbacks | Permalink


szmtag