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Die Venus-Figurinen der Eiszeit und ihre Bedeutung

von Michael Blume, 10. Januar 2010, 11:23

Heute also endet sie, die großartige Ausstellung "Eiszeit - Kunst und Kultur" in Stuttgart. Neben einem sehr überzeugenden Gesamtkonzept überzeugte "Eiszeit" auch durch das Miteinander großartiger Funde wie der "Venus vom Hohle Fels", der "Löwenmenschen" u.v.m. Vier Mal konnte ich sie besuchen, zusätzlich Gespräche mit beteiligten Archäologinnen und Archäologen und eine Tagung mit Prof. Nicholas Conard erleben. Für die Evolutionsforschung zur Religiosität waren die letzten Monate in Süddeutschland ein Fest! Und während das interdisziplinäre Gespräch dazu erst begonnen hat, ist auch für die kommenden Jahre mit weiteren Erkenntnissen und Funden zu rechnen.

Wenden wir uns nun aber einer konkreten Frage zu: Beginnend mit der "Venus" vom Hohle Fels datierend auf das frühe Aurignacien (vor ca. 40.000 Jahren) entfaltet sich eine Epoche, deren Plastiken von Frauenfigurinen dominiert werden und die ihren Höhepunkt im Gravettien (vor ca. 30.000 bis 22.000 Jahre) finden. Geografisch umfassen die entsprechenden Funde ganz Europa bis nach Sibirien, mit Schwerpunkten in Mittel- und Osteuropa.

Die aus Elfenbein gefertigte Figurine vom Hohle Fels bei Schelklingen (Süddeutschland) ist nur 59,7 mm lang, 34,6 mm breit und wiegt 33,3 g. Sie verfügt über keinen Kopf, aber eine Öse - wahrscheinlich wurde sie an einer Schnur, ggf. als (Zeremonial?-)Schmuck getragen. Geborgen wurde sie neben mehreren 30-40 cm großen Kalksteinen. Nach jetzigem Kennnisstand ist die 35.000 - 40.000 Jahre alte Figur die älteste Statuette eines Menschen.

In den kommenden Jahr(zehn)tausenden folgen Dutzende weitere, während männliche Figurinen erst später und zunächst nur vereinzelt auftreten. Auch in der Höhlenkunst des Gravettien tauchen Frauenmotive im Kontext von Tier- und nun auch Männerdarstellungen auf. Das Halbrelief der Höhle von Laussel (Frankreich) war ursprünglich Teil einer Felswand und war, wie Farbreste belegen, ursprünglich rot bemalt.

Gerhard Bosinski bemerkt dazu: "Die linke Hand liegt auf dem Leib, der rechte Arm ist angewinkelt und mit der rechten Hand hält die Frau ein Horn empor, das mit Querstrichen versehen ist. Die Hand auf dem Leib könnte ein Schwangerschaft andeuten, das Horn vielleicht die Mondsichel symbolisieren. Diese Frauenfigur ist eine Umsetzung der osteuropäischen Frauenstatuetten aus Elfenbein und Stein in die Felskunst Südwesteuropas."

Neben solchen spektakulären Volldarstellungen findet sich auch eine zunehmende Zahl zunehmend abstrakter Funde, die schließlich in nur noch angedeutete Formen übergehen. Aus Kalzit gefertigt ist beispielsweise die Statuette von Tursac (Frankreich), "die Darstellung einer Geburt in meisterhafter Weise. Die Statuette unterstreicht den Inhalt und die Bedeutung der beschriebenen Frauenfiguren: Die meist schwangeren Frauen verkörpern die weibliche Fruchtbarkeit und das Wunder der Geburt." (Bosinski)



Fruchtbarkeit als Programm

Zu dieser Deutung kommt auch Conard im Bezug auf die von ihm und seinem Team gefundene Venus vom Hohle Fels. "Die Frauenfigur steht im Kontrast zu gängigen Hypothesen der Deutung der Aurignacienkunst wie der Kraft-und-Aggression-Hypothese oder der Schamanismus-Hypothese. Viel mehr scheint die Venusfigur ein Ausdruck der Sexualität zu sein, der wahrscheinlich in direkter oder indirekter Verbindung zur Fruchtbarkeit steht."

Diese Hypothese scheint auch durch weitere Fund bekräftigt zu werden. So fand sich im Hohle Fels außer dem "kleinen Löwenmenschen" (dem und dessen großen Bruder ich einen eigenen Post widmen werde) auch noch eine Phallusdarstellung, die etwa 10.000 Jahre nach der "Venus" gefertigt wurde. Das 19,2 cm hohe, 3,6 cm breite und 2,8 cm dicke Steinobjekt verweist recht eindeutig auf Sexualität (auch im kultischen Kontext?), weist aber zudem Nutzspuren als Schlagstein, Retuscheur und vielleicht Schleifstein auf. Die Frauenfigurinen wurden dagegen, soweit bekannt, nicht als Werkzeuge verwendet.

Religiöse Kunst - oder doch "nur Erotica"?

Die Wissenschaft, einschließlich der Evolutionsforschung, waren und sind immer noch männlich dominiert und so ist es nicht überraschend, dass die Funde, die eine starke Rolle der Frau in der biokulturellen Evolution von Religiosität und Religionen nahelegen, von einigen sofort und reflexhaft abgewertet werden. So hieß es auch nach dem Fund der Venus vom Hohle Fels wieder, diese Kunst repräsentiere wohl "nur Porno" - sei also (ausschließlich) von Männern gefertigt, die damit ihre sexuelle Lust und Macht ausdrückten.

In den vergangenen Jahren haben jedoch auch Anthropologen und Primatologen wie Volker Sommer und Sarah Hrdy mit guten, biologischen Argumenten die "Starke-Frauen-Hypothese" untermauert. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive hat u.a. Ina Wunn dazu geschrieben und auch möchte ich möchte hier einige Argumente anführen, die m.E. die Deutungen von Conard, Bosinski et al. bestärken.

* Viele der Frauenfigurinen versinnbildlichen recht eindeutig Schwangerschaft und auch Geburt - also gerade keine Zustände, die im Regelfall erotische Erregung aufkommen lassen.

* Die Dominanz der Frauenfiguren entfaltet sich in einem bestimmten historischen und geografischen - also kulturellen - Horizont. Bis heute verkörpern Figurinen in vielen religiösen Systemen von Jägern und Sammlern und auch noch Nomaden und Ackerbauern übernatürliche Akteure wie Ahnen und Gottheiten, selten aber "nur Pornographie". Würden die Figurinen auf männliche Erotika verweisen, wäre eine globale Verbreitung und auch heutige, entsprechende Nutzung zu erwarten.

* Entsprechend werden die Frauenfigurinen auch heute noch, vor allem von Frauen, religiös gedeutet - als Pornographie jedoch kaum genutzt. Die entsprechenden, biologischen Anlagen des Menschen dürften sich aber in den letzten Jahrzehntausenden aber kaum grundlegend verändert haben.

* Fruchtbarkeitsgöttinnen wie Artemis werden noch bis in die historisch fassbare Zeit hinein in entsprechenden Figurinen verehrt. Als Paulus dort den bildlosen Eingott verkündet, löst er einen Aufruhr aus - nicht zuletzt unter den Bildhauern, die von Herstellung und Verkauf der Göttinnenstatuen einträglich leben. (vgl. Apg 19)

* Auch heute werden erfolgreiche Religionsgemeinschaften vor allem von weiblichem Engagement getragen. Und auch monotheistische Systeme weisen immer wieder weibliche Bezüge auf. So wird die christliche Kirche immer wieder als "Mutter Kirche" tituliert, ebenso die islamische Gemeinschaft Umma (von arab. umm = Mutter). Auf die Ablösung des Artemis-Glaubens in Ephesos folgt übrigens die Tradition, dass Maria hier zuletzt gelebt habe. Heute wird sie in der Region von Christen und Muslimen verehrt, was die Anfertigung weiblicher Statuetten und Statuen für "Mutter Maria" (türkisch "Meryem Ana") einschließt. Vgl. auch die Verehrung der weiblich konnotierten Weisheit ("Sophia").

* Die sexuelle Selektion spielt in der Evolution von Merkmalen regelmäßig eine bedeutende Rolle und geht gerade auch bei Säugetieren (einschließlich Homo sapiens) überwiegend von Frauen aus. Und auch heute gehen erfolgreiche, religiöse Systeme mit hohem Interesse an der Regulierung von Sexualität und Familie und durchschnittlich höherer Fertilität ihrer Anhängerinnen einher - Deutung und biologische Funktion korrespondieren also auch hier.

Sicherlich ist für die kommenden Jahre noch mit einer Vielzahl von Funden und neuen, interdisziplinären Debatten und Forschungen zu rechnen. Dabei ist zu hoffen, dass Geschlechterklischees sachlich diskutiert und überwunden und die mutmaßlich sehr viel spannendere Wechselwirkung von Frauen und Männern gerade auch auf dem Feld der Religion(en) erkundet wird.

Literatur:

Conard, N., Rau, S., Bosinski, G. et al. 2009: Eiszeit – Kunst und Kultur. Stuttgart 2009

Blume, M. 2009: Evolutionsgeschichte der Religion - Glauben stärkt Kooperation und Reproduktion. Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Bd. 29, 2008, S. 21 -38

Gewidmet ist dieser Blogpost Prof. Nicholas Conard und seinem Team, Universität Tübingen sowie der Projektleitung der Ausstellung im Archäologischen Landesmuseum, Dr. Barbara Theune-Großkopf und Dr. Martina Barth. Danke für großartige Forschungen & deren beispielhafte Präsentation!





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