Plädoyer für Michael Schmidt-Salomon und die Giordano-Bruno-Stiftung
Der Gesprächspartner war sich seiner Sache sicher. "Sie haben ja schon mehrfach mit Vertretern der Giordano-Bruno-Stiftung diskutiert, auch mit diesem Michael Schmidt-Salomon. Das sind doch furchtbare Leute, nicht wahr!?" Leider musste ich ihn enttäuschen. "Ja, ich hatte verschiedentlich das Vergnügen der Diskussion, aber auch der Zusammenarbeit mit Vertretern der GBS. Und ich bin in vielem nicht ihrer Meinung, aber froh, dass es sie gibt." Der Diskutant war verblüfft. Und während ich in den folgenden Minuten in der paradoxen Situation stand, meine häufigen Diskussionsgegner gegen Vorurteile zu verteidigen, nahm ich mir vor, einmal in einem Blogbeitrag zu erläutern, warum ich dieser Meinung bin.
Wie geschrieben: Mit der dumpfen und geschichtsblinden Religionsverachtung, wie sie in einigen (ein-)gebildeten Schichten Deutschlands gepflegt und auch durch die GBS bedient wird, habe ich nichts am Hut. Auch halte ich die naturalistischen und evolutionstheoretischen Polemiken gegen religiöse Überzeugungen für widersprüchlich und überholt: Wir wissen längst, dass gerade auch Religiosität und Religionen zu einem erfolgreichen (!) Bestandteil unserer Natur(en) und Kultur(en) evolviert sind. Da kann ich nur schreiben: "It seems odd to try to fight nature with naturalistic arguments." Zumal meine Familie sowohl die braune wie die rote ("säkular-humanistische"!) Diktatur durchlebt hat und ich für meine Forschungen regelmäßig sehr böse Post von atheistischen Extremisten erhalte, die es gar nicht so doll finden, dass sich Evolution und Wissenschaft nicht nach ihren Vorlieben richten, mache ich mir auch nicht die geringsten Illusionen über die vermeintliche Toleranz jenseits der Religionen. Der westdeutsche, endlich demokratische Wiederaufbau wie auch die ostdeutsche Freiheits- und Demokratiebewegung sammelten sich nicht zufällig um die Kirchen.
Gerade aber weil ich an den Wert von Freiheit und Debatte glaube, ärgert es mich doch, wie oft (gerade in Deutschland?) Personen abgewertet werden, statt sich erst einmal ordentlich mit deren Argumenten auseinander zu setzen. Das erlebe ich im Bezug auf engagierte Christen, Muslime und Juden ebenso wie im Bezug auf Atheisten bzw. Humanisten. Und finde es gleichermaßen daneben.
Vorurteil 1: Die von der Giordano-Bruno-Stiftung...
Wie ich es in den letzten Jahren erleben durfte, ist die GBS (wie der sog. neue Atheismus insgesamt) keineswegs so einheitlich wie er bisweilen dargestellt wird. Vielmehr ringen da sehr unterschiedliche Einzelpersonen und Strömungen miteinander. Die GBS ist weit mehr Vernetzer, Publicity-Maschine und Diskussionsforum als eine geschlossene Formation - und das ist von den meisten der Mitwirkenden auch so gewollt.
Auch dass die GBS wesentlich durch die Spende eines religionskritischen Unternehmers begründet wurde, finde ich nicht verwerflich. Entsprechende, religiöse Stiftungen haben jahrtausendealte, gute Tradition. Mich verwundert es eher, dass nicht viel mehr Konfessionslose - die ja z.B. keine Kirchensteuern entrichten - bereit sind, für humanistische Einrichtungen, Werke etc. zu spenden oder zu stiften.
Vorurteil 2: Michael Schmidt-Salomon sei ein publicitysüchtiger Polemiker
Klar, MSS wirbt für seine Weltanschauung, seine Argumente und Bücher. Und warum auch nicht? Mir ist es hundert Mal lieber, wenn in Fernsehen, Radio, Zeitungen oder Internet über Fragen von Wissenschaft, Wahrheit(en), Lebenssinn und Religion(en) diskutiert wird, als über die neueste Marotte von Paris Hilton.
Und ich bemerke immer wieder, dass MSS und die GBS auch deswegen so dominant auftreten können, weil die meisten ihrer Diskussionspartner und große Teile der Öffentlichkeit z.B. über Evolutionsforschung recht wenig (schlimmer noch: oft Falsches) wissen. Unter meinen Zuhörern und Lesern finde ich z.B. immer wieder engagierte Pfarrer und Lehrer, die sich kundig machen wollen, weil ihre Schülerinnen und Schüler entsprechende Debatten verfolgt haben und nun bessere Argumente erwarten, als ihnen bisher geboten wurden. Das ist für mich schon ein starker Hinweis darauf, dass MSS und die GBS den Finger oft in die richtigen Wunden legen! Liebe Theologen: Wenn zum Studium vielleicht mal eine alte Sprache weniger, dafür ein wenig mehr Naturwissenschaft gehören würde (und wären die Naturgesetze nicht als Gottes Sprache zu verstehen?), erwiese sich vielleicht manche Furcht und Sprachhemmung als übertrieben.
Und zum Polemik-Vorwurf: Natürlich spitzt MSS zu, wie das ja auch gute, religiöse Verkünder immer wieder tun. Aber persönliche Diffamierungen habe ich auch in der direkten Diskussion mit ihm nicht erlebt. Und vor allem, und das achte ich sehr, fordert MSS nicht nur Andersglaubende heraus, sondern auch seine eigene Anhängerschaft. Von ihm stammen eben auch deutliche Aussagen wie: „Der neue Atheismus ist vielleicht nicht tot, aber er riecht schon irgendwie komisch!“ (2008, pdf hier) oder auch "Es ist an der Zeit, nicht nur aus der Kriminalgeschichte des Christentums, sondern auch aus der Kriminalgeschichte des Atheismus die richtigen Schlüsse zu ziehen." (2000, pdf hier). Auch hier also gelingt ihm ein Niveau, das auch gute Prediger anderer Weltanschauungen und Religionen anstreben sollten: Auch die "eigenen" Leute aus der Selbstgefälligkeit zu reißen. MSS für Auswüchse von Vulgäratheismus verantwortlich zu machen ist etwa so angebracht, wie den braven, evangelischen Ortspfarrer mit hysterischen Fundamentalisten in einen Topf zu werfen.
Vorurteil 3: Der neue Atheismus sei gefährlich
Wenn mich etwas an den derzeitigen Debatten stört, dann ist es die Verbieteritis. Ich ärgere mich sehr, wenn ich wieder lesen muss, dass selbsternannte Aufklärer (bis in die Reihen der Politik hinein) allen Ernstes Auftritte von Eva Hermann oder Kongresse von evangelikalen Christen z.B. zum Thema Homosexualität untersagen wollen. Und ebenso daneben finde ich es, wenn Leute im Bezug auf die GBS nach dem Verfassungsschutz rufen. Was soll das!?
Eine freiheitliche Gesellschaft kann Vielfalt nicht nur ertragen, sie lebt davon! Ich glaube, dass wir linken oder rechten, religiösen oder atheistischen Extremen nicht durch Verbote, sondern durch lebendige und kreative Auseinandersetzungen immer wieder die Stirn bieten sollten - und können. Ich würde ungern von MSS regiert werden, von manchem eifernden Bischof aber auch nicht. Stattdessen möchte ich in einer Gesellschaft leben, in der über unterschiedliche Positionen auch wissenschaftlich fundiert diskutiert wird - hart in der Sache, aber mit Respekt vor den Personen. Und auch in der GBS sind eine Menge menschlich großartiger Leute aktiv, die zu respektieren nicht schwerfallen sollte!
Fazit
Ich bin froh, dass es MSS und die GBS in der deutschen Geisteslandschaft gibt - und zwar gerade auch deswegen, weil es neben vielen Übereinstimmungen (etwa der Begeisterung für die Evolutionsforschung) auch eine Menge Unterschiede (etwa in der Beurteilung von Kirchen und Religionen) gibt. Demokratie (und letztlich Evolution überhaupt!) braucht unbedingt Vielfalt: In der Politik, der Wirtschaft, Kultur und auch in Fragen von Religion und Weltanschauung. Nur Wettbewerb hält die Bewegungen lebendig, Monopole und Kartelle führen geradewegs in die Sklerose - weswegen ich es durchaus für denkbar halte, dass z.B. die Kirchen im historischen Rückblick der GBS für ihre Herausforderungen dankbar sein werden. Dass gerade auch kirchliche Akademien, theologische Institute etc. häufig Vertreter des GBS zu Diskussionen laden, halte ich für genau den richtigen Weg, um an und mit ihnen zu wachsen.
Und gewidmet ist dieser Blogbeitrag dem atheistischen Blogger "Feuerbringer", dem ich die schöne Ehrenbezeichnung als "Erznemesis" verdanke! :-)
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