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Evolution der Religiosität - Wenn Denkmauern fallen...

von Michael Blume, 12. März 2008, 17:31

Auch Menschenaffen und Elefanten trauern und kehren an Orte zurück, an denen sie Angehörige verloren haben. Aber erst Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis begannen, ihre Toten zu bestatten, sie mit Gaben für das Jenseits auszustatten und mit Jenseitigen rituell in Kontakt zu treten. Heute, kaum 6.000 Generationen später, gibt es kein einziges Menschenvolk, in dem kein religiöses Verhalten zu beobachten wäre. Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie und warum eigentlich der Mensch ein zu Religion(en) befähigtes Gehirn evolvierte?

Denn immerhin ist religiöses Verhalten beobachtbar sowohl für Einzelne wie für Gemeinschaften oft sehr kostspielig und hätte doch eigentlich im Laufe der menschlichen Evolutionsgeschichte aussterben müssen - wenn die Kosten nicht mit biologischen Vorteilen mindestens ausgeglichen würden.

Eine wachsende Zahl internationaler und interdisziplinärer Forscher ist dabei, diese Fragen mit neuen Daten und Hypothesen zu beantworten. Was Biologen, Evolutionspsychologen, Ethnologen, Primatologen, Anthropologen, Zwillingsforscher, Theologen, Philosophen, Ökonomen, Sozial- und Religionswissenschaftler u.v.m. dabei effektiver denn je über Fachgrenzen und Kontinente zu verbinden vermag, sind nicht mehr nur Tagungen und Konferenzbände, sondern vor allem das Internet. Waren die Erkenntnisse einzelner Forscher und Fächer bislang oft in der unüberschaubaren Fülle an Fachpublikationen verschüttet, so erlaubt das WorldWideWeb nun den schnellen und kostengünstigen Austausch von Arbeiten und Daten. Über Netzwerke wie das der Evolutionary Religious Studies werden inzwischen Forschungsergebnisse vernetzt und gemeinsame Projekte ausgetüftelt. Dabei eint atheistische, agnostische und theistische Forscher das gemeinsame Ziel: eine an empirischen Daten entwickelte und überprüfbare Beschreibung der Evolution menschlicher Religiosität und Religionen.

Willkommen zwischen den Stühlen

Schon Charles Darwin selbst hatte in "Die Abstammung des Menschen" (1871) Umrisse einer Evolutionstheorie der Religion entwickelt, die heute wiederentdeckt wird: Demnach hätten sich religiöse Veranlagungen aus normalen Gehirnfunktionen entwickelt und dann auch eigenständige, biologische Nutzenfunktionen übernommen. Denn für ihn stand außer Frage, dass eine so kostspielige Veranlagung des menschlichen Gehirns sich nie hätte erhalten können, wenn sie nicht auch mit biologischen Vorteilen verbunden gewesen wäre.

Dabei zeigte Charles Darwin eine Größe, die leider in den heutigen Diskussionen um Evolution und Religion oft untergeht: die Unterscheidung naturwissenschaftlicher und religiöser Aussagen. Schon weil naturwissenschaftliche Theorien immer überbietbar und also vorläufig sind, können sie transzendente Existenzen wie Ahnen, Götter oder Gott schon per Definition weder abschließend beweisen noch widerlegen. Und umgekehrt: dass auch die religiösen Fähigkeiten des menschlichen Gehirns insgesamt biologische Überlebens- und Reproduktionsvorteile mit sich bringen könnten, sagt nur etwas über die beobachtbare, biologische Funktionalität, nicht aber die Wahrheit religiöser Überzeugungen aus.

Dennoch gelingt es selbst professionellen Wissenschaftlern oft nicht (mehr), aus den Mauern der eigenen Vorannahmen auszubrechen. Viele Geisteswissenschaftler befürchten schon bei der biologischen Beschreibung menschlichen Verhaltens eine weitere "Reduktion" des Menschen und lehnen den ganzen Forschungsansatz intuitiv ab. Es fällt oft leichter, sich über meist nur halb verstandene, naturwissenschaftliche Hypothesen lustig zu machen, als sich mit ihnen auseinander zu setzen und sie so weiter zu entwickeln. Auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek musste noch die Erfahrung machen, dass sein mutiger Brückenschlag aus der Ökonomie und Sozialphilosophie in die Biologie (gerade auch der Religion) auf allen Seiten schlicht kaum verstanden wurde. Lost in translation, sozusagen...

Umgekehrt erscheint vielen eingefleischten Naturalisten schon der Gedanke unannehmbar, religiöses Verhalten könne mit empirisch nachweisbarem Evolutionserfolg einhergehen. Bei jeder tierischen Fähigkeit würden wir selbstverständlich nach dessen evolutionsbiologischen Grundlagen und Funktion fragen. Aber dass Mitglieder von Religionsgemeinschaften laut einer schnell wachsenden Zahl empirischer Befunde weltweit z.B. deutlich stabilere Sozialbeziehungen, durchschnittlich höhere Lebenserwartungen und vor allem mehr Kinder haben als ihre jeweiligen, säkularen Nachbarn, gilt vielen als Zumutung. Immerhin: Auch der Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat inzwischen eingeräumt, dass ihn naturwissenschaftliche Erkenntnisse zum evolutiven Nutzen oder Schaden von Religiosität "auch" interessieren würden.

Und längst steigt die Zahl der namhaften Evolution-Religion-Pioniere auch in Deutschland. Dazu zählen der Soziobiologe Eckart Voland ("Natur des Menschen", 2007), der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas, der Theologe Wolfgang Achtner und der Evolutionspsychologe Harald Euler.

Gefragt sind also Leidenschaft, Mut und Ausdauer...

...und nicht zuletzt auch die Unabhängigkeit zum Platznehmen zwischen den Stühlen. Dafür winkt die Mitwirkung an einem der vielleicht spannendsten und auf jeden Fall interdisziplinärsten Forschungsvorhaben unserer Zeit.

Anbei ein kleines Video zum ersten, religionswissenschaftlichen Seminar (WS 07/08) dazu:


Im eigenen Religionswissenschaftlerblog möchte ich auch weiterhin Forschungsnotizen und Rezensionen rund um mein Schwerpunktgebiet (den Zusammenhang von Religion und Demografie, also Kinderreichtum) vor- und zur Diskussion stellen. Hier im Wissenschaftsblog "Natur des Glaubens" möchte ich Ihnen dagegen vor allem die interessantesten Ansätze und Ergebnisse anderer Forscher unterschiedlichster Fächer und Kontinente präsentieren. Es würde mich freuen, wenn auch Sie sich für das biologische Mosaik eines der großen Menschheitsrätsel "zwischen den zwei Kulturen" der Geistes- und Naturwissenschaften begeistern könnten.





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