Fruchtbarer Glauben im Focus
Fakten, Fakten, Fakten - und an die Leser denken. Getreu ihrem Motto enthält die heute (11.04.09) erschienene Ausgabe von Focus zwei Seiten zur Evolutionsforschung zur Religiosität. Dass der Wissenschaftsjournalist Christian Pantle promovierter Humanbiologe ist, zeigt sich dabei wohltuend. In Anlehnung an das Magazinmotto, für Leser des Artikels und natürlich auch sonstige Interessierte hier ein paar weiterführende Links sowie die Antworten zu drei häufig gestellten Fragen.
Weitergehende Darstellungen der Evolution von Religiosität finden Sie (per Klick ->) in "Homo religiosus" in Gehirn & Geist 03/2009 sowie, etwas trockener und umfangreicher, (per Klick ->) in Band 29 der Mitteilungen der BGAEU.
Religionsdemografische Daten z.B. zum Vergleich Europa - USA und Muslimen in der Türkei und Deutschland finden Sie z.B. im "religionsdemografischen Fanpost".
Einige weitere Fallstudien behandeln
- die Mormonen (kinderreich)
- die Amischen (extrem kinderreich)
- die Shaker (kinderlos)
Auch gibt es einen Beitrag zur Gretchenfrage (dem Vergleich des religiösen Verhaltens von Frauen und Männern).
Und wussten Sie schon, dass auch der Neandertaler religiöses Verhalten evolvierte?
Einen umfassenden Einblick in den Forschungs- und Diskussionsstand zu den genannten und vielen weiteren Themen bietet das Buch "Gott, Gene und Gehirn" von Rüdiger Vaas und mir, erhältlich u.a. im Buchhandel, im hiesigen Science-Shop und bei amazon.de.
Häufig gestellte Fragen
1. Beweist oder widerlegt die Evolutionsforschung zur Religiosität die Existenz Gottes?
Weder - noch. Wie jede empirische Wissenschaft bietet die Religionswissenschaft und Evolutionsforschung insgesamt nur immer weiter verbesserte Hypothesen auf Basis beobachteter (also stets vergangener!) Befunde, die dann durch noch bessere Hypothesen auf Basis auch neuer Befunde abgelöst werden. Absolute Wahrheiten können sie also gar nicht liefern. Die Evolutionsforschung zur Religiosität erkundet auch nicht die Existenz von Ahnen, Geistern, Göttern, Gott, sondern die biologischen Funktionen des beobachtbaren (und, wie wir inzwischen wissen, insgesamt erfolgreichen) religiösen Verhaltens.
Und die Diskussion hat gerade erst begonnen, ob und ggf. welche erkenntnistheoretischen, philosophischen und theologischen Folgen sich aus den Erkenntnissen ergeben.
2. Kommt es denn nur darauf an, wie nachdrücklich Religionsgemeinschaften ihre Anhänger zu Kinderreichtum auffordern?
Nein - sondern auch darauf, ob sie die Familien dann auch unterstützen.
Religionsgemeinschaften, deren Lehren sich zu Kindern gleichgültig oder gar ablehnend verhalten, überaltern ebenso wie solche, die Familien überfordern. "Ihr sollt viele Kinder haben, die Mutter für diese auf Karriere verzichten, der Vater alleine das Geld heranschaffen und in der Woche sind mindestens zwei Gottesdienste zu besuchen." führt beispielsweise in Industrie- und Wissensgesellschaften ohne flankierende Förderung schnell in den Geburtenrückgang, wie bei den europäischen Gemeinden der Neuapostolischen Kirche und Zeugen Jehovas zu beobachten. Dauerhaft hohe Geburtenraten erreichen nur jene Gemeinschaften, die zusätzlich zu Familienwerten auch Familieneinrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Stipendien usw. bereit stellen wie beispielhaft jüdische Gemeinden, einige Freikirchen usw.
3. Könnte Deutschland seine Geburten steigern, wenn die Deutschen wieder zu mehr Religiosität gezwungen würden?
Nein, im Gegenteil. Staatlicher Zwang ist der schnellste Weg, um religiöses Leben abzutöten. Heute ist z.B. im Iran die Religiosität viel schwächer ausgeprägt als in der Türkei. Warum?
Einerseits verlieren religiöse Signale wie Gebete, Kleidungs-, Speise- und Zeitgebote ihre Signalwirkung, wenn sie erzwungen werden - sie zeigen nur dann die Haltung der Glaubenden an, wenn sie freiwillig befolgt werden. Und zum zweiten erstarren Kirchen und Religionsgemeinschaften, wenn sie durch den Staat vor Konkurrenz geschützt werden. Warum auch sollten sie sich anstrengen (z.B. durch neue Gottesdienstformen und Familienangebote), wenn sie doch ohnehin ein Monopol haben? Erst im Wettbewerb setzen sie sich in Bewegung und gleichzeitig werden erfolgreiche Strategien voneinander abgeschaut.
Am Beispiel der USA ist sehr schön zu sehen: Auf Dauer entfaltet sich (auch demografisch) dynamische Religiosität am Besten unter den Bedingungen von Religionsfreiheit und gleichen Wettbewerbsbedingungen für alle Gemeinschaften.
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