Wikireligiosus - Zur evolutionären Religionsforschung
In den vergangenen Jahren hat sich die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen dynamisch entwickelt, inzwischen Hunderte Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen arbeiten dazu, neue Studien, Befunde und Hypothesen erschienen zuletzt fast im Wochentakt. Dabei kommen auch verschiedenste Fachrichtungen zusammen: aus Biologie(n), Psychologie(n), Soziologie, Anthropologie, (Paläo-)Archäologie, Ökonomie und Demografie, aus Philosophien und Theologien und der Religionswissenschaft, die diese Wissensexplosion zu integrieren versucht. Derzeit gibt es weltweit wohl keinen Menschen mehr, der in diesem Forschungsfeld auch nur alle relevanten Veröffentlichungen des letzten Jahres lesen konnte.
Als ich also über dem Konzept für ein Seminar "Einführung in die Religionsbiologie" an der Universität Jena grübelte, wurde klar, dass die wertvolle Arbeit (neudeutsch: Workload) von Studentinnen und Studenten nicht verloren gehen sollte. Sie sollten je nach Interesse bestimmte Teilaspekte - beispielsweise zum Verständnis biokultureller Evolution, der Rolle der Hirnforschung oder ökonomischen Spieltheorie, dem Reproduktionspotential von Religiosität o.ä. - bearbeiten und ihre Erkenntnisse in den Kontext auch zu anderen Fachgebieten stellen. So wuchs die Idee, etwas Zeit, Geld und Einsatz zu investieren, um einen Fachwiki zu schaffen, der Studentinnen und Studenten, aber auch Lehrenden, Forschenden und konstruktiv Interessierten ermöglichen sollte, Beiträge zur internationalen (und also englischsprachigen) Evolutionsforschung zu Religiosität & Religionen zu leisten. Seit kurzem ist nun also das Projekt Wikireligiosus am Start und, nach erfreulicher Resonanz durch die Studierenden, auch für die Öffentlichkeit zugänglich.
www.wikireligiosus.eu
Die Bedienung orientiert sich an der gewohnten Wikimedia-Software, wobei jede(r) alles Lesen kann, Erstellen und Bearbeiten von Lemmata (Artikeln) jedoch nur eingetragenen Personen mit Passwort möglich sind. Neben dem klassischen Wikitext steht auch eine neue Eingabemaske zur Verfügung, die sich an Page- und Blogwerkzeugen orientiert. Die Resonanz ist bislang sehr erfreulich, neben Studierenden beteiligen sich auch immer mehr Graduierte, Postdocs und Professoren verschiedenster Bereiche. Im Januar dann werden wir im Seminar auch die Lemmata der Studierenden vorstellen und beraten und damit zugleich testen, ob Wikis nicht ein neuer Weg sein könnten, Hausarbeiten mit neuen Anforderungen und Möglichkeiten off- und online anzufertigen, vorzustellen, zu diskutieren und die geleistete Arbeit damit dauerhaft nutzbar zu machen. Persönlich fand und finde ich es immer wieder schade, dass oft hervorragende Leistungen von Studierenden nach der Benotung verwehen und in Vergessenheit geraten. Und möchte auch selbst m.E. reizvolle Fundstücke (wie aktuell einem brandneuen Ansatz und Artikel von Joseph Henrich zu "Credibility enhancing displays - CREDs") online so aufarbeiten, dass Forschungsperspektiven verbunden werden. Das Internet ist m.E. eine großartige Chance für aktive Menschen, etwas zu bewegen - auch in der Wissenschaft!
Hätten Sie auch Interesse, konstruktiv mitzumachen? Wir, immer mehr Projektaktive, würden uns auf Sie freuen!
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