Der moderate Antisemitismus
Der moderate Antisemitismus ist eine Form von de facto akzeptiertem Antisemitismus, also gezielter und unrechtfertigbarer Aggression gegen das jüdische Volk. Er ist nicht latent, sondern deutlich erkennbar. Da er andauert, wird er hingenommen, geduldet und nicht neben antisemitischen Ausbrüchen thematisiert.
Im Gegensatz zum mörderischen Antisemitismus greift er nicht mit Messern, sondern mit Politik an, verliert deswegen aber nicht an Wirkung. Der moderate Antisemitismus ist nicht deutschlandspezifisch, sondern weltweit präsent. Er gilt als salonfähig. Es ist der Antisemitismus der Eliten.
Wie jede andere Form des Antisemitismus bekundet sich der moderate Antisemitismus genauso bei Juden wie bei Nichtjuden. Ein Beispiel hierfür ist die Verdrängung der wesentlichen Unterschiede zwischen Israel und den Religionen, die - ob explizit wie das Christentum oder implizit - auf Israel aufbauen. So spricht man heuchlerisch von den "abrahamitischen" Religionen oder von den "Urenkel" Abrahams und reduziert Israel auf eine Religion, um es dann mit dem Christentum und dem Islam vermeintlich gleichsetzen zu können. Das antisemitische Moment besteht aber vor allem darin, dass man dabei so tut, als ob das Christentum und der Islam ohne Israel überhaupt auf die Figur Abrahams gekommen wären. Damit versucht man - vergeblich - die Usurpation der israelischen Mythologie zu legitimieren.
Denn die Usurpation ist ein wichtiges Mittel des moderaten Antisemitismus. Ein anderes Beispiel ist die Darstellung von Jerusalem, dem Zentrum und der Hauptstadt des jüdischen Volkes, als "den drei Religionen heilig", als ob es eine Frage der subjektiven Heiligung wäre. Wer solche schwachen Aussagen macht ist nicht dumm. Die moderaten Antisemitien wissen sehr wohl, dass das Christentum nur durch seine Usurpation des Israeliten Jesus von Nazareth mit Jerusalem verbunden ist (wobei hier auch auf das Vorhandensein zurückhaltender Herangehensweisen wie etwa beim Theologen Karl Barth hinzuweisen ist). Genauso gut wissen sie, dass auch der Islam keinen direkten Bezug zu Jerusalem hat, welches im Koran nicht einmal erwähnt wird und erst nachträglich durch Exegese usurpiert wurde (mir sind leider keine islamischen Religionsgelehrten bekannten, die nach innen ausdrücklich gegen die Expansion auf Kosten Israels agieren).
Der moderate Antisemitismus wird in Jerusalem auch auf der Ebene der internationalen Politik sichtbar, etwa durch die Unsichtbarkeit fremder Botschaften (eine Ausnahme: die Internationale Christliche Botschaft, welche jedoch keinen Staat vertritt). In diesem Fall kommt die antisemitische Aggression in der illegitimen Weigerung zum Ausdruck, Jerusalem als Hauptstadt anzuerkennen, während man vom jüdischen Staat erwartet, die jeweils eigene Hauptstadt doch anzuerkennen.
In einem Gespräch hat mir 2007 der damalige Handelsattaché Israels in Berlin erzählt, dass ca. 80% der Tätigkeit (aufgrund von Hightech etc.) mit Bayern zu tun hat. Wäre die Botschaft in München oder zumindest in Frankfurt a. M., so müsste man weit seltener in die Berliner Provinz als es heute umgekehrt der Fall ist. Aus politischen Gründen ist es nun mal so, wie es ist. Ob es aber legitim ist, Berlin als die neue Hauptstadt der BRD anzuerkennen und somit das zweierlei Maß in Bezug auf das eigene Land zu "verkoschern"? In den USA musste es 1995 sogar zu einem vom Kongress verabschiedeten Gesetz kommen, das die Verlegung der US-amerikanischen Botschaft in die Hauptstadt erzwingt, aber bis heute nicht umgesetzt worden ist.
Freilich gibt es seit Jahrhunderten nichtjüdische Minderheiten in Jerusalem, was durch die Vertreibung der Juden aus der Altstadt 1948 und die Verbrennung der Synagogen neue Ausmaße angenommen hat. Aber damit lässt sich keine politische Usurpation rechtfertigen. Die lautere Diskriminierung, die der Position innewohnt, die Engländer hätten Anspruch auf London, die Franzosen auf Paris, die Polen auf Warschau etc., aber nur die Juden müssten in der eigenen Hauptstadt auf volle Souveränität verzichten - diese Diskriminierung entspringt keiner objektiven Begriffsbestimmung von "Hauptstadt", welche Usurpation durch Fremde rechtfertigen könnte.
Dass das irdische Jerusalem der Eckstein des jüdischen Volkes ist, ist den moderaten Antisemiten durchaus bekannt. Sie wissen genau, dass das Judentum ohne diese real existierende Grundlage zu einer "Weltreligion" würde und somit erst recht zum ewigen Wandern von New York über Tel Aviv bis nach Berlin (oder umgekehrt) verdammt wäre. Deswegen greifen sie die Juden gerade in Jerusalem an: eben dort, wo die Unterminierung wirksam ist.
Ich gebe zum Schluss zu, das ich mich ebenfalls mit dem moderaten, salonfähigen Antisemitismus abfinde. Diesen Beitrag habe ich aber zu einem bestimmten Zweck geschrieben, nämlich um damit deutlich zu machen, dass man aus solch weitverbreiteter Resignation auf keine Rechtfertigung des moderaten Antisemitismus und dessen Methoden wie etwa der Usurpation schließen darf.
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